Historisches · Liebesromane

Rezension: Robin und Jennifer

Um die Jahrhundertwende herum wachsen zwei Mädchen an zwei enorm unterschiedlichen Orten auf: Robin im konservativen Bad Cannstatt und Jennifer im modernen Paris inmitten von Künstlern und anderen exzentrischen Persönlichkeiten. Während Robin, die sich für die Frauenemanzipation interessiert, am liebsten Männerkleidung trägt und studieren möchte, in ihrer Homosexualität zunächst eine Krankheit und Sünde sieht, und versucht, ihre Gefühle zu verdrängen und zu unterdrücken, hat Jennifer schon früh ein Verhältnis mit ihrer Klavierlehrerin, und findet es von vorneherein relativ unproblematisch, eine Lesbe zu sein. Als die beiden sich schließlich auf dem Monte Verità, auf dem sich Künstler, Lebensreformer und allerlei andere alternative Menschen eingerichtet haben, kennen lernen, treffen zwei grundverschieden geprägte junge Frauen aufeinander.

robin und jennifer

Zunächst, um sämtliche Erwartungen, die Titel und Titelbild aufwerfen, gleich wieder zu entkräften: die eigentliche Geschichte um das, was zwischen Robin und Jennifer entsteht, nimmt nur den hinteren Teil des Buches, vielleicht das letzte Drittel ein. Davor ist das Buch weniger eine Romanze, als eine coming-of-age Geschichte zweier Mädchen, die in verschiedenen Lebensumständen mit unterschiedlichen Problemen, familiären Konflikten und Gefühlen, die von dem, was normalisiert ist, abweichen, zurechtkommen müssen.

Immer im Wechsel werden die Erlebnisse der beiden erzählt. Robin gerät immer wieder mit ihrer konservativen Tante aneinander, muss ihre „un-weiblichen“ Interessen und Ambitionen rechtfertigen und kämpft mit ihren Gefühlen für eine Klassenkameradin. Jennifer hingegen ist zwar nicht so sehr gezwungen, ihre Sexualität zu verstecken, doch ist ihr Stiefvater, der sie wahlweise mit einem „echten arischen Mann“ verheiraten oder ihr selbst an die Wäsche möchte, ein ständiger Konfliktpunkt.

Der Schreibstil ist gefühlvoll, aber nicht kitschig und die meisten Charaktere sind lebendig und dreidimensional. Es wechseln sich Gespräche, und andere Elemente, die die Handlung vorantreiben, mit Passagen ab, in denen einfach nur die Umgebung beschrieben wird, was mich immer freut, da ich mir gerne Beschreibungen durchlese. Besonders gefiel mir auch, dass durch die verschiedenen Schauplätze ein vielfältiges Bild des beginnenden 20. Jahrhunderts entworfen wurde. Von so diversen Themen wie dem Kampf um Frauenrechte und der Entstehung des Ausdruckstanzes bekommt man interessante historische Informationen und Einblicke.

Ich kann das Buch also sowohl Leuten empfehlen, die gerne historische Romane über diese Zeit lesen, als auch Liebhaber*innen von Liebesgeschichten.

Für Inhalts-/Triggerwarnungen hier markieren: Eine relativ ausführlich beschriebene versuchte Vergewaltigung sowie mehrere „harmlosere“ Instanzen sexueller Belästigung.

Autorin: Elke Weigel
Verlag: Konkursbuch-Verlag
Seiten: 323
Erstauflage: 2014
ISBN: 3887697383
ISBN-13: 978-3887697389
Auch für den Kindle und im epub-Format erhältlich.

Historisches · Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Sommernovelle

Sommernovelle1989, nach Tschernobyl und vor der Wende. Die Freundinnen Panda und Lotte sind sehr idealistisch und engagieren sich für Umweltschutz. Da passt es gut, dass sie – obwohl mit 15 eigentlich noch zu jung – in den Osterferien für zwei Wochen auf einer Vogelstation auf einer Nordseeinsel aushelfen dürfen. Dort erleben sie einen Sommer, der sie in vieler Hinsicht fürs Leben prägt; sie lernen viel über sich, andere Menschen, und Vögel, und werden zwischen erster Liebe, großen Enttäuschungen und Desillusionierungen ein wenig erwachsener.

In jedem Fall aber würde ich etwas tun für die Welt. Auch wenn mir noch nicht ganz so klar war, was.
(S.72)

Da ich an alle Bücher, die am oder auf dem Meer spielen, immer mit besonderer Hoffnung herangehe, schlug ich auch die Sommernovelle mit großen Erwartungen auf und wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil! Christiane Neudeckers Stil, wie sie die Landschaft, die Vögel, die Gerüche und Geräusche und das Wetter beschreibt, hat mich so gefangen genommen, dass ich fast das Gefühl hatte, meine Lesestunden wirklich am Strand verbracht zu haben.
Auch vom Inhalt her war das Buch etwas ganz besonderes. Die Mädchen Lotte und Panda, vor allem letztere als Ich-Erzählerin, sind lebendige, sympathische Personen, die man gerne auf ihrem Weg begleitet. Obwohl sie manchmal jugendlich-naiv sind, wird dies im Buch nicht verurteilt oder zynisch verlacht, stattdessen fühlt man mit ihnen, wenn die Realität zu desillusionierend wird, oder sie aus Unwissen in Fettnäpfchen treten. Mit ihnen lernt man die anderen skurrilen und einzigartigen „Bewohner“ der Vogelstation kennen: da gibt es Melanie, eine freundliche und offene Studentin, die auf Männer unverkennbaren Reiz ausübt, den lässigen und freundlichen Julian, der Lotte sofort in seinen Bann zieht, die alte Frau Schmidt, von der niemand so genau weiß, wie ihre Vergangenheit aussah und was sie zur Station zieht, und nicht zuletzt die Senioren Hiller und Sebald, die im Krieg zusammen gekämpft haben und nun jährlich gemeinsam zur Vogelstation fahren. Von Anfang an kann man sich nicht des Gefühls erwehren, dass auf der Station etwas nicht so ist, wie es sein soll, und über all der Idylle hängt die düstere Ahnung, dass noch irgendetwas Unschönes geschehen wird … Als dann schließlich der Professor auftaucht, der die Station leitet, scheint sich eine Gelegenheit zu bieten, Fragen zu stellen, doch ist der Mann seltsam abweisend und geht Fragen nach dem Zweck seiner Forschung lieber aus dem Weg.

Das atmosphärische Buch erzählt von so vielem – von der Liebe zum Meer, zu den Vögeln und zur Literatur, von dem Drang, die Welt verbessern zu wollen, und der Angst, das nicht zu können, und das alles in einem wundervollen Schreibstil. Ich bin versucht, es gleich noch mal zu lesen, um wieder auf die ungenannt bleibende Insel reisen zu können. Von mir eine ganz klare Leseempfehlung, definitiv eins meiner Highlights meines bisherigen Lesejahres 2015!

Manchmal bauen Menschen sich Luftschlösser. […] Aber das heißt nicht, dass in den Schlossgärten nicht ein paar Blumen wachsen können.
(S.166)

Autorin: Christiane Neudecker
Seiten: 186
Verlag: Luchterhand
Erstauflage: Mai 2015
ISBN-10: 3630874592
ISBN-13: 978-3630874593
Auch im epub-Format und für den Kindle erhältlich!

Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Alles wird hell

alles wird hellDas Buch umspannt das gesamte Leben der Protagonistin Oda. Es beginnt mit Szenen aus der Kindheit und dem Teenageralter, mit der ersten erzählten Lüge und mit dem Erwachen von Odas Sexualität. Im Mittelteil des Buches ist sie dann schon verheiratet, glücklich und mit einem Kind. Sie hat sich schon immer ein zweites gewünscht, und als ihr Mann ihr gesteht, dass er das eigentlich nie wirklich wollte, fühlt sie sich verraten und entfremdet, die Ehe muss eine große Krise überstehen.

Manchmal macht man eine Tür auf. Und dahinter ist dann einfach nichts mehr. (S. 264)

Es fällt mir schwer, eine einheitliche Meinung zu diesem Roman darzustellen, da mir die einzelnen Teile wirklich sehr unterschiedlich gefielen. Sehr begeistert war ich vom Anfang, als Oda eine Teenagerin war – die Art, wie sie trotzig und wütend in die Welt blickt, über ihre Familie urteilt und dennoch nie ihre Liebe zu diesen Menschen verbergen kann, das alles schien mir sehr wahrhaftig und echt. Auch ihre ständige Zerrissenheit zwischen Arroganz und unglaublich starkem Selbstzweifel, sowie der unbändige Wunsch nach Freiheit und Selbstexpression, gefielen mir sehr. Sie kam mir wie eine sehr überzeugende Teenagerin vor, nicht überspitzt und satirisch verachtend, aber auch nicht auf Sympathie setzend glattgebügelt. Toll! Auch das Ende des Buches wartete mit einem Handlungsstrang auf, den ich sehr berührend fand, und den ich hier natürlich nicht verraten werde …
Bleibt also nur noch die Mitte für den Part, den ich etwas enttäuschend fand. Ich weiß nicht ganz, woran es lag, aber hier ging für mich meine Bindung zum Buch stark verloren. Vielleicht, weil ich mich in die oben angesprochene Situation mit der Ehe und dem Kinderwunsch nicht wirklich hineinversetzen kann, aber ich glaube nicht, dass das nur daran liegt – wenn ich nur Bücher mögen würde, in deren Handlung ich mich komplett wiederfinde, wäre ich ja unmöglich zu begeistern, und dem ist nicht so. Es war eher so, dass mich im Mittelteil sowohl der Schreibstil als auch Oda ein wenig nervten. Was den Stil betrifft – in meiner Rezension zu Transatlantik habe ich ja schon erwähnt, dass ich enorm knappe, kurze Sätze nicht mag, wenn sie allzu gehäuft auftreten. Ganz so im Übermaß gab es dieses Phänomen in Alles wird hell zwar nicht, aber doch genug, um mir das Lesen manchmal recht anstrengend erscheinen zu lassen. Gerade in Bezug zum Plot, der Entfremdung zu ihrem Mann und irgendwie zu ihrem eigenen Leben, kann ich die Wahl eines Stils, der irgendwie distanziert und „befremdlich“ wirkt, auch verstehen, aber statt mich Oda und ihrer Innenwelt näher zu bringen, bewirkte er leider das Gegenteil. Das war auch so ein Problem: dadurch, dass der Stil oft so verkürzt war, oft nur aus Sätzen a la „er tut dies, ich tue jenes“ bestand, fehlte mir der Blick in Oda hinein, was sie dann für mich ein wenig unsympathischer machte. Sie schien mir oft zu gedankenlos zu handeln, bzw. Dinge passiv passieren zu lassen (selbst wenn sie scheinbar aktiv Entscheidungen trifft), ohne sich tiefer mit etwas zu beschäftigen. Dies wahr wahrscheinlich nur der Eindruck, den ich gewann (vor allem, da ihre Charakterisation als Teenagerin sie eher aktiv und nachdenklich erscheinen lässt), doch minimierte es meinen Genuss schon ein wenig. Selbst die Metaphern, die vielleicht als Stütze dienen sollten, blieben mir zumeist zu vage und zufällig. Zwar geht es in dem Buch ja stark darum, was nicht gesagt wird, nicht gesagt und gewusst werden kann, aber ich persönlich hätte das halt lieber nicht auch auf die Kommunikation zwischen mir und dem Roman übertragen müssen. 😉
Es gab zwar einige sehr schöne Stellen und Bilder, ich mochte die Gedanken über die Familie sehr gerne, und über das Tanzen, aber überwältigt hat mich das Buch nicht – bis auf den Anfang, wie gesagt. Ich wünschte, das wäre so weiter gegangen, wie die ersten 100 Seiten es mir zu versprechen schienen!

Gewohnheiten in der Familie sind wie eine ansteckende Krankheit, denke ich.
(S. 66)

Autorin: Julia Jessen
Verlag: Kunstmann
Erstauflage: Februar 2015
Seiten: 304
ISBN-10: 3956140249
ISBN-13: 978-3956140242

Historisches · Liebesromane

Rezension: Die Stadt der schweigenden Berge

stadt der schweigenden bergeHandlung: Berlin, 1930. Die Studentin Amarna ist fasziniert von der Archäologie und Altorientalistik. Besonders interessiert sie der Gilgamesch-Mythos, zu dem sie auch ihre Magisterarbeit schreiben möchte. Die Hauptstadt des untergegangenen Hethiter-Reiches, Hattuša, übt ebenso eine starke Faszination auf sie aus – vor allem, da sie über diese schon seit sie denken kann Albträume hat. Warum nur sträubt sich ihr Vater, der doch selbst begeisterter Archäologe ist, so sehr dagegen, sie an einer Expedition dorthin teilnehmen zu lassen? Als sich ihr die Gelegenheit bietet, eine solche Reise zu machen, kommt sie nicht nur den Geheimnissen einer Stadt, sondern auch ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur …

War ganz Hattuša eine in Felsen hineingezwungene Festung, die selbst die Stürme des Himmels nicht einnehmen konnten, so war der Palast auf dem Hügel ihr Herz, das einst, beim Weltende, der berstenden Erde trotzen würde.
(S.323)

Wenn es in einem Buch um Archäologie geht, ist das für mich alleine schon ein Anreiz, es zu lesen. Damit es mir dann auch richtig gut gefallen soll, müssen natürlich auch mehr Dinge stimmen, doch ich kann frohen Mutes verkünden, dass ich sehr glücklich bin, Die Stadt der schweigenden Berge gelesen zu haben, und es auch guten Gewissens weiter empfehle! Es ist eines der Bücher, die mich schon vom ersten Satz an in ihren Bann gezogen haben. Kaum hatte ich es aufgeschlagen, war ich schon drin in Armanas Welt und ihrem Denken, fühlte ihre Begeisterung für die Erforschung der Vergangenheit. So waren die schönsten Stellen für mich jene, in denen man die Liebe zur archäologischen Forschung spürte, und im Allgemeinen die Begeisterung verschiedenen Kulturen gegenüber. Der Schreibstil war bildhaft und poetisch und machte Beschreibungen von Städten, Landschaften und Artefakten zu einem Genuss. Ich bekam immer stärker selbst Lust, auf Expedition zu gehen und vergessene Städte auszugraben – auch wenn mir das nicht möglich ist, den Gilgamesch-Mythos werde ich mir auf jeden Fall zu bestellen, Amarnas Begeisterung ist nämlich sehr ansteckend und die eingestreuten Textpassagen tun ihr Übriges.

Wie immer kann ich ein Buch nicht ohne kleine Kritikpunkte empfehlen. Was mir hier stellenweise die Lust raubte, war eine Liebesbeziehung mit der ich mich erst so gar nicht anfreunden konnte, später aber warm wurde. Dies lag zum Teil auch daran, dass ich wirklich nicht damit gerechnet hatte, dass eine Romanze einen so großen Stellenwert in dem Roman einnehmen würde, und wurde dann bei meiner immerwährenden Suche nach einem romantiklosen Roman natürlich enttäuscht. Hier also die offizielle Warnung für alle, denen es ähnlich geht: Liebe in Sicht! 😀
Ebenso kam mir beim Nachdenken über Bücher, die mich emotional zu berühren wissen, in den Sinn, dass ich große Gefühle am liebsten in kleinen, klaren Worten geschildert habe. Da Die Stadt der schweigenden Berge aber wie gesagt ein Buch großer, dramatischer Sprache ist, löste das vielleicht auch gleichzeitig bei mir eine Distanz zu den realen Emotionen (außerhalb des Genusses wunderschöner Sprachbilder) aus.
Die Thematisierung der Romantik war für mich allerdings der einzige Wehrmutstropfen – und wer mich kennt, weiß ja, dass ich in dieser Hinsicht wirklich schwer zufrieden zu stellen bin, weshalb das für andere Leser kein Hindernis darstellen sollte, sich den Roman einzuverleiben. Mein „Leser-Service“ enthält aber eben, dass ich auch erwähne, was mich nicht so zu beglücken wusste. 😉

Ansonsten besonders gelungen fand ich die Einbettung in den historischen Kontext. Die Charaktere wirken sehr realistisch der Zeit entsprechend (und es ist eigentlich traurig, dass ich das so hervorheben muss, aber leider ist das in historischen Romanen nicht immer so). Interessant ist Amarnas schwierige Stellung als Frau in der Wissenschaft; mit banger Vorausahnung erfüllen die ersten Anzeichen des aufkommenden Dritten Reiches. Ebenfalls sehr eindrücklich ist das, was man über den Völkermord an den Armeniern erfährt – mit diesem Thema hatte ich mich noch nie gefasst, und es ist doch immer exzellent, wenn man durch Romane auch etwas lernt, gerade über Geschehnisse, die ob ihrer Grausamkeit nicht vergessen werden dürfen.

Wenn man die Geschichte eines Volkes nicht mehr erzählt, löscht man es ein zweites Mal aus, nicht wahr?
(S.230)

Alles in allem also: eine Leseempfehlung! Ich habe diese lehrreiche und unterhaltsame Liebesgeschichte an die Archäologie mit viel Vergnügen verschlungen.

Meine Lieblingszitate findet ihr wieder auf Tumblr, wenn ihr diesem Link folgt!

Autorin: Carmen Lobato
Verlag: Knaur Taschenbuch
Erstauflage: 2015
Seiten: 576
ISBN-10: 3426514559
ISBN-13: 978-3426514559

Krimis und Thriller

Rezension: „Die Todesgeigerin“

todesgeigerinAutor: Paul Walz
Verlag: Prolibris
Erstauflage: Dezember 2014
Format: Taschenbuch
ISBN-10: 3954751011
ISBN-13: 978-3954751013
Seiten: 331

Handlung: Als am Anfang der Geschichte eine Seniorin tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, gehen Kommissar Lichthaus und sein Team zunächst noch von einem Einzelfall aus. Als sie jedoch Wissen über mehrere ähnliche Fälle erlangen, erkennen sie, dass sich jemand in einer Raubmordserie einer unheimlich verletzlichen Bevölkerungsschicht zuwendet: Alternden Menschen, die vollkommen von ihrer Umwelt abgeschnitten sind. Es stellt sich heraus, dass all den Opfern gemeinsam war, dass sie im Internet in Seniorenchatrooms ihrer Einsamkeit zu entfliehen suchten, wo der Mörder dann ihr Vertrauen erlangte. Die Ermittlungen im Cyberspace stellen das Team vor ungeahnte Herausforderungen.

~*~

Wie eigentlich immer kann ich mir nicht verwehren, das Buch von mehreren Standpunkten zu betrachten – mein erster ist der einer begeisterten Krimileserin, und als solche habe ich das Buch gerne gelesen. Der oben beschriebene Fall ist mir in dieser Weise noch nie untergekommen und mit Spannung habe ich verfolgt, wie die einzelnen Handlungsstränge aufgedröselt wurden und die Ermittler in so einigen Sackgassen stolperten. Was ich besonders mochte, waren die Kapitel, die die Sicht der Opfer und Täter beleuchteten. Ich bin jetzt 22 und die meisten Menschen, mit denen ich Kontakt habe, sind ebenfalls junge Erwachsene, oder Erwachsene vor dem Rentenalter. Dieser Blick auf ältere Menschen in ihrer Einsamkeit war etwas ganz neues und Bedrückendes für mich. Auch der Einblick in die Motive der Täter gab dem Leser eine neue Perspektive auf das Geschehen und machte es schwerer, eine klare Grenze zwischen „gut“ und „böse“ zu ziehen.
Wie es in den meisten Krimis von heute üblich ist, konzentrierte sich das Buch nicht nur auf den Fall, sondern erzählte auch vom Leben der Ermittler, hier hauptsächlich von Kommissar Lichthaus. Die Todesgeigerin ist der dritte Band einer Reihe um diesen Ermittler, man kann aber auch gut einsteigen wenn man – wie ich – keinen der vorhergehenden Bände gelesen hat. Leider muss ich sagen, dass mir hier Lichthaus leider nicht so sympathisch wurde (was aber vielleicht an meiner ganz persönlichen Abneigung gegen Eifersüchteleien liegt), das trübte mein Lesevergnügen aber nur unwesentlich. Im Allgemeinen mochte ich das Team und wie deutlich wurde, wie sympathisch sich die meisten Mitglieder sind.
Vom Krimileser-Standpunkt war das also ein gutes Buch, aber leider bin nie nur eine Art von Leserin gleichzeitig, weshalb ich nun kurz auf zwei Punkte eingehen möchte, die meinen Genuss des Buches ein wenig schmälerten:
Zum einen wäre da die Sache, dass ich eine junge Erwachsene im Jahre 2015 bin. Mit Betonung auf ‚jung‘, weil ich damit meine Zugehörigkeit zu einer Generation unterstreichen möchte, die quasi im Internet aufgewachsen ist. 😀  Zwar gab es in meiner Kindheit weder Smartphones noch Laptops, aber dennoch bin ich seit ca. 10 Jahren häufig (und immer häufiger werdend) im Internet unterwegs. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich eben online fast schon zu Hause fühle, dass es mir oft seltsam bis unglaubwürdig erschien, wie naiv die Ermittler an diesen neuen Schauplatz herangehen. Zwar kenne ich mich nicht wirklich aus, wie gut ausgebildet Polizisten in dieser Hinsicht sein müssen, doch konnte ich der Geschichte nie so ganz abnehmen, von was die Protagonisten alles noch nie gehört hatten, bzw. welche Unvorsichtigkeiten sich daraus ergaben. Doch, wie gesagt, das ist nur meine ganz persönliche Empfindung – und vielleicht finden sich „wirkliche, echte Erwachsene“ auch eher darin wieder, schließlich ist das Internet ja auch für Frau Merkel Neuland. 😉
Ein zweiteres kleines Manko war, dass ich (trotz der oben erwähnten teilweisen Aufhebung von Gut und Böse), viele (Neben-)Charaktere als etwas flach und fast karikaturhaft gezeichnet fand, als sollte es dem Leser extra einfach gemacht werden, sie schnell in Schubladen a la „Nerd“, „brave, harmlose Studentin“ zu stecken.

Alles in allem also empfand ich Die Todesgeigerin als guten  Krimi – nicht unbedingt herausragend, aber keineswegs schlecht, der spannende Unterhaltung für einen faulen Sonntag auf der Couch bietet. 🙂

Fantasy · Jugendbücher

[Rezension] „Die Herrscher von Dhaleth“ von Priska Lo Cascio

Traveler DC 120Autorin: Priska Lo Cascio
Verlag: Thienemann
Erstauflage: 13. August 2014
ISBN-10: 3522202007
ISBN-13: 978-3522202008
Seiten: 416

Cover: Die Gestaltung finde ich ziemlich gelungen. Die Landschaft im Hintergrund ist klassisch-phantastisch, doch es sieht auch so modern aus, dass man merkt, dass es ein Buch aus der heutigen Zeit ist.

Handlung: In Dhaleth leben vier Völker (deren Charakter und übernatürliche Fähigkeiten eng mit den vier Elementen verbunden sind) mehr oder weniger friedlich nebeneinander – bis der Feueropal, der das Feuervolk in der Einheit der Völker symbolisiert, gestohlen wird. Dhaleth ist mit unserer Welt durch Portale verbunden, doch in der Regel begibt sich keiner durch diese; Menschen und Dhalether leben parallel, doch seperat. Durch die enge Bindung jedoch würde ein Krieg in Dhaleth auch die Welt der Menschen zerstören. Daher willigen die vier jungen Menschen, die von den Dhalethern dazu auserwählt werden, den Feueropal wieder zu finden, und somit die Einheit zu bewahren, auch ein, sich auf die Mission, den Opal zu finden, zu begeben.

~*~

Ehrlich gesagt weiß ich nicht so recht, wie ich das Buch finden soll … Zu Anfang möchte ich jedoch anmerken, dass ich seit einigen Jahren nicht mehr so intensiv Fantasy lese, das mag vielleicht einige meiner Schwierigkeiten, wie das Auseinanderhalten vieler Protagonisten mit komplizierten Namen, erklären. 😉
Ich hatte mich für die Lovelybooks-Leserunde beworben, weil ich in letzter Zeit sehr gerne Kinder- und Jugendromane lese und außerdem gerne wieder in das Fantasy-Genre einsteigen wollte. In gewisser Weise hat Die Herrscher von Dhaleth meine Erwartungen auch erfüllt – Außerwählte, die eine Mission erfüllen müssen und sich auf eine abenteuerliche Reise durch eine fremde Welt begeben, wenn das mal nicht die klassische Fantasy-Handlung ist! Ich war allerdings ein wenig enttäuscht, weil ich nicht den Eindruck hatte, dass hier diesem üblichen Trope etwas wirklich Spezielles gegeben wurde, das diesen Roman aus anderen, die dem selben Muster folgen, herausstechen lässt. Die Charaktere waren zwar alle auf den ersten Blick recht interessant, doch fehlte es vor allem den Dhaletern irgendwie an Tiefe und Individualität, die den Leser (ob mit Sympathie oder Antipathie) an sie binden. Auch die Handlung wartete leider nicht wirklich mit Überraschungen auf, und während ich zwar nie wirklich gelangweilt war, war ich eben auch nicht gefesselt.
Eigentlich interessanter als die Handlung fand ich die Beschreibungen der Landschaften in den einzelnen Landteilen Dhaleths. Die Welt wirkt wirklich interessant und auf jeden Fall einen Besuch wert. Während ich also wie ein Tourist in Dhaleth herumstrich, war mir eigentlich gar nicht so wichtig, was genau gerade eigentlich passierte …

Ob ich also eine Empfehlung aussprechen soll, kann ich nicht wirklich sagen. Es ist ein solider Fantasy-Roman, der recht gut unterhält, aber nicht vom Hocker reist. Die Idee hinter den Dhaleth und den vier Völkern fand ich auf jeden Fall sehr schön, man hätte meiner Meinung nach nur mehr daraus machen können. So ist das Buch zwar eine nette Geschichte für Zwischendurch, war für mich aber nichts zum richtig Darin-Versinken.

Schwerlich Kategorisierbar

[Rezension] „Der Allesforscher“ von Heinrich Steinfest

Traveler DC 120

Autor: Heinrich Steinfest
Verlag: Piper
Erstauflage: 10. März 2014
ISBN-10: 3492054080
ISBN-13: 978-3492054089
Auch für Kindle und im ePub-Format erhältlich.
Seiten: 400

Handlung: Es passiert vieles und gleichzeitig nichts. Ein Wal explodiert. Aus dem eher leichtlebigen Manager Sixten Braun wird ein Familienvater und Bademeister. Um Liebe geht es auch noch.

Oberflächliches: Yay! Schön. Das Hardcover-Buch liegt angenehm in der Hand, der Schutzumschlag fühlt sich sehr papierig an (und ich fühle mich sehr sprachgewandt). Auch das Cover gefällt mir, eine schöne Mischung aus schlicht und verwirrend. Der Hintergrund der Zeichnungen, die sich übrigens auch innerhalb des Buches wiederfinden, wird dann im Laufe der Geschichte erklärt.
Hach. Und dann ist auch noch ein Wal drauf! Ich muss zugeben, sowas erhöht bei mir die Sympathie für Cover jeglicher Art ungemein. Wale sind so knuffig.

allesforscherzitat

Das Buch ist vor allem eines: ein interessantes Leseerlebnis. Nicht unbedingt des Plots wegen – den fand ich nicht wirklich so fesselnd. Klar, er ist sehr kreativ und voller verrückter Einfälle, aber eine Absurdität nach der anderen macht ein Buch ja noch lange nicht lesenswert. Was für mich den Großteil des Lesevergnügens ausmachte, waren die sprachlichen Bilder, die Heinrich Steinfest erschuf. Vergleiche und Metaphern, die beim ersten Lesen noch enorm abgedreht erscheinen, aber dann doch irgendwie einen Sinn ergeben, ließen mich das Buch nahezu verschlingen, immer getrieben von der Frage: Welche Begriffe kann er denn noch in von mir nie so erdachte Zusammenhänge bringen?
Da gab es zum einen natürlich Stellen zum Schmunzeln: „Er ließ mich los, aber wirklich so, wie man einen Eimer in der Ecke absetzt, und das Stillstehen unbelebter Materie einfordert. Eimer und Zivilisten. Doch zumindest letztere wehren sich hin und wieder. Nach einem kurzen Moment eimerartiger Paralyse […]“
Doch auch Dinge, über die man nachdenken kann, wenn man denn möchte: „Von Kindheit an erscheint das Lügen als ein grundsätzliches Prinzip des wirklichen Lebens. Die Liebe hingegen gipfelt darin, nicht lügen zu müssen. Nicht darum, weil man so ehrlich ist, sondern weil einer den anderen nicht zwingt, die Wahrheit auszusprechen.“
Dinge, denen man zustimmen kann, wenn man denn möchte. Oder auch nicht.
In jedem Fall ist Der Allesforscher ein Buch, das mich zwar auf Plotebene, oder was das Mitfühlen mit den Charakteren betrifft, so gar nicht berührte, mir sprachlich aber umso mehr Freude bereitete. Außerdem fand ich hier zum ersten Mal seit langem Sexszenen vor, die mich nicht erschauern ließen, das ist ja auch mal was!
Alles in allem also eine klare Leseempfehlung.

Für wen? Fans ausgefallener Sprachbilder, Leute, die auf der Suche nach Außergewöhnlichem sind. Eher nicht für Leute, die emotionales Mitleiden und Mitfiebern brauchen, glaube ich.