Krimis und Thriller

Rezension: Samariter

Traveler DC 120

Es gibt Entscheidungen, die von solch weitreichenden Konsequenzen sind, dass man sie gar nicht auf die Schnelle treffen kann. Und trotzdem muss man. So geht es Faith Saunders, einer der Hauptfiguren dieses Buches. Sie ist nachts in einem schweren Sturm in ihrem Auto unterwegs, und möchte am Straßenrand den starken Regenfall abwarten, um dann weiter zu fahren. So nickt sie ein und wird von einem Pochen an der Scheibe ihres Autos geweckt. Vor sich sieht sie nun eine recht heruntergekommen und verzweifelte junge Frau, die sie anfleht, sie ins Auto zu lassen. Innerhalb von Sekunden muss sich Faith entscheiden: soll sie die Fremde hereinlassen? Aber vertrauenswürdig sieht diese nicht aus, oder? Außerdem schläft noch Faiths kleine Tochter hinten im Auto: kann man denn in dieser Situation das Auto öffnen, mitten in der Nacht, in einer fremden, verlassenen Stadt?
Bevor Faith sich all diese Fragen beantworten kann muss sie mit ansehen, wie die Frau mit zwei Männern, vor denen sie zuvor noch flüchten schien, weggeht. Sie redet sich ein, dass das bestimmt nichts Ernstes war, nichts, dessenentwegen sie die Polizei anrufen muss … Als einige Tage später jedoch das aktuelle Opfer einer Mordserie im Fernsehen gezeigt wird, wird ihr das Ausmaß ihrer Schweigens bewusst und sie wird in eine Serie von Konsequenzen geworfen, die ihr Leben auf den Kopf stellen und zu zerstören drohen.

Jilliane Hoffman ist vor allem für Cupido und Folgbände bekannt, was ich, wie ich gestehen muss, noch nicht gelesen habe. Sie wurden mir des öfteren empfohlen, doch wie das so ist – die Empfehlungen häufen sich, die ungelesenen Bücher stapeln sich, Rosa ist überfordert. Nach diesem Roman aber habe ich definitv das Ziel, mir mehr Bücher von Frau Hoffman durchzulesen!
Eigentlich wollte ich mir das Lesen ein wenig ausbreiten; so war mein Plan, als ich das Buch kaufte. Ich hatte eine stressige Woche vor mir, und wollte das Buch dazu nutzen, am Abend bei leichter Lektüre zu entspannen, und Thriller sind nun mal mein Anti-Stress-Genre. Die Realität sah dann so aus, dass ich das Buch innerhalb eines Abends und darauf folgenden Morgens verschlang. Da ich ja kein plotbezogener Leser bin, ist es selten, dass ein Buch mich von der Handlung her so packt, daher ist das umso bemerkenswerter!

Samariter ist nicht „nur“ (also: ausschließlich) ein Thriller, man könnte noch eine Reihe anderer Genres anführen, wie Familiengeschichte, Beziehungsstudie oder Court Room Drama.
Besonders die Familie der Zeugin, Faith Saunders steht im Mittelpunkt das Geschehens und man entsetzt und bangend die Auswirkungen betrachten, die es haben kann, zu schweigen und untätig zu bleiben. Außerdem wird nach und nach aufgedeckt, dass Faith schon in der Vergangenheit Probleme mit Alkohol hatte, was sich durch die Stresssituation noch verstärkt, und die Lesenden die Daumen drücken und hoffen lässt, dass sie weiß, wo die Grenze zu ziehen ist, schon um ihrer kleinen Tochter Willen.
Ein weiterer interessanter Aspekt des Buches ist das Aufgreifen des Themas in wie fern der mediale Umgang mit Kriminalfällen und Gerichsprozessen die Sicht auf Täter und Zeugen lenken und verändern kann – und auch, wie Richter und Anwälte mit media coverage umgehen; von Trotzreaktionen und Geltungsdrang und ihrem Schaden und Vorzug.

Insgesamt geht es also weniger darum, einen Fall aufzuklären, sondern darum, was alles schief gehen kann, wenn doch schon alles klar sein sollte. Das Ende hält sich die Möglichkeit eines Folgebandes offen, ich wäre mit Begeisterung dabei!

Autorin: Jilliane Hoffman | Übersetzerin: Sophie Zeitz
Originaltitel: All the little pieces
Seiten: 473
Verlag: Wunderlich
Erstauflage: 2015 | Deutsche Erstauflage: 2015
ISBN-10: 3805208944
ISBN-13: 978-3805208949
Auch für den Kindle und im ePub-Format erhältlich.

Krimis und Thriller

Rezension: Weiße Magie – mordsgünstig

CAM00685 Alanis McLachlan hat seit 20 Jahren nicht mit ihrer Mutter gesprochen, als sie eines Tages die Nachricht erreicht dass diese ermordet wurde. Ihr Erbe ist außergewöhnlich: Ihre Mutter hinterlässt ihre „Weiße Magie“, einen Laden für okkulten Bedarf, in dem sie auch Tarotkarten für Reihen an begeisterten Kunden legte. Obwohl Alanis klar ist, dass dies nur eine weitere Masche ihrer Mutter, einer erfolgreichen Trickbetrügerin, sein kann, bringt sie etwas dazu, den Laden zu übernehmen und die Gelegenheit zu nutzen, herauszufinden, wer der Mörder ist. Nun muss sie sich nicht nur mit einer verschworenen Dorfgemeinschaft herumschlagen, in der jede*r jede*n kennt (und einige sie loswerden möchten), sondern auch möglichst rasch lernen, überzeugend Karten legen zu können …

~*~

Nicht, dass ich an die „reine mütterliche Liebe“ glaubte. Das war wie mit dem Yeti. Viele Leute behaupteten, ihn gesehen zu haben, ich aber hatte gute Gründe, skeptisch zu sein.
(S.66)

Das Buch ist ein klassischer Whodunnit-Krimi mit interessantem Setting, skurrilen Charakteren und viel Humor. Obwohl ich mich durchweg gut unterhalten fühlte, waren es die letzten beiden Punkte, die das Lesen leider manchmal etwas anstrengend machten. Alanis ist eine Ich-Erzählerin die zu Zynismus und witzigen Sprüchen neigt, was ich auch toll finde – trockener Humor an der richtigen Stelle kann wahnsinnig grandios sein. Hier allerdings reihte sich oftmals lustiger Kommentar an lustigen Kommentar, so dicht, dass den Lesenden kaum Zeit bleibt, sich wirklich auf den Text einzulassen, was ich etwas ermüdend fand. Zwar passt dies gut zum – durch ihre Kindheit und Jugend, über die wir auch etwas erfahren – abgebrühten und toughen Charakter Alanis, auf Dauer hätte ich sie aber wirklich gerne gebeten, mal kurz die Ironie auszuschalten und einfach nur zu erzählen. Dies fällt auch Clarice, einem anderen Charakter auf: „Endlich haben Sie mal eine Reaktion gezeigt. Ein Gefühl. Sonst waren Sie immer … ich weiß auch nicht. Sie sind wie ein Roboter, den Sarkasmus und Lügen am Laufen halten.“ Auch die Kapitel, in denen sie von ihrer (wirklich schlimmen) Vergangenheit erzählte, tun sich schwer damit, die Lesenden zu erreichen. Die Bemühung eines Spagats zwischen Absurdität, Übertreibungen und einem ernsthaft ergreifenden Inhalt wird deutlich, gelingt aber nicht so ganz. Erst ganz gegen Ende hatte ich das Gefühl, dass Alanis mir irgendwie näher kam, und ihre Gedanken darüber, wie ihr es nie gelungen war, sich anders als in Abgrenzung zu ihrer Mutter zu definieren, ließen sie dann dreidimensionaler und nachvollziehbarer wirken.
Abgesehen von diesen Schwächen hinsichtlich der Charaktertiefe hat mir das Buch aber großen Spaß gemacht. Besonders die ungewohnte Umgebung des Esoteriklädchens gefiel mir sehr, und einer meiner Höhepunkte beim Lesen war, als Alanis ihre erste Tarotkartenlesung improvisieren muss. 😀
Über Tarotkarten und ihre Bedeutungen und möglichen Interpretationen erfährt man neben bei echt viel, und obwohl ich zuvor noch nie Interesse daran zeigte, bemerke ich jetzt, dass ich wirklich mal Lust hätte, mir die Karten zu legen. 😉

Auf Englisch gibt es einen zweiten Band (Fool Me Once) – auch wenn ich kein „unbedingt lesen!“-Gefühl habe, wenn ich in der Bibliothek oder in einem Second-Hand-Shop darüber stolpere, würde ich nicht nein sagen.
Der Autor hat übrigens die Austen-Parodie „Pride and Prejudice and Zombies“ geschrieben! Ich habe das (auf Grund meiner recht irrationalen Zombiephobie) nicht gelesen, aber vielleicht ist er somit einigen anderen hier ein Begriff.

Ein selbstsicherer Mistkerl wird viel mehr erreichen als ein Heiliger mit geringem Selbstwertgefühl, sagte Biddle immer.
(S.79)

Autor*innen: Steve Hockensmith & Lisa Falco | Übersetzerin: Britta Mümmler
Originaltitel: The White Magic Five and Dime
Seiten: 348
Verlag: dtv
Deutsche Erstauflage: 2014
ISBN-10: 3423215917
ISBN-13: 978-3423215916
Auch im ePub-Format und für den Kindle erhältlich.

Fantasy · Jugendbücher

Rezension: Fürchte nicht das tiefe blaue Meer

fuerchte nicht 1
Seitdem ihre Eltern, beide Künstler, zu einer Reise nach Paris aufgebrochen sind, leben Violet und ihr Bruder Luke alleine. Da ihre Villa namens Citizen Kane durchaus schon bessere Zeiten gesehen hat, doch das Geld kaum für den täglichen Bedarf an Nahrungsmitteln genügt, geschweige denn für Reperaturen, beschließt Violet, einen Untermieter aufzunehmen. Als River West auftaucht, verändert sich nicht nur ihr Leben, sondern das der gesamten Kleinstadt. Ein Mann bringt sich auf offener Straße um. Kinder verschwinden. Andere Kinder belagern den Friedhof und behaupten, den Teufel gesichtet zu haben. Für Violet stellt sich die Frage, ob River, an den sie schnell ihr Herz verloren hat, vielleicht die Ursache all dessen sein könnte …

Young Adult Fantasy ist ein Genre, bei dem ich so zwischen Ja, bitte! und Urks, aber doch bitte nicht so! schwanke. Mit Freuden kann ich verkünden, dass ich bei diesem Buch hauptsächlich Tendenzen zu erster Reaktion hatte. Ich kann nicht abstreiten, dass die Charaktere in die für Jugendbücher typischen Klischees fallen: Violet als die ruhige, belesene „nicht so wie die anderen Mädchen“-Hauptperson, River ist der mysteriöse, attraktive und faszinierende Fremde mit dunklem Geheimnis, und Violets beste (und einzige) Freundin Sunshine Black (ähm. ja. ich denke mir das nicht aus!) ist fokussiert auf Äußerlichkeiten und die Anerkennung durch Jungs.
Was, dieses Thema betreffend, das Buch aber aus der Masse des beliebten Genres heraushebt, ist der erstaunlich geringe Anteil an Verurteilung. Ich habe den Eindruck, dass viele Jugendbücher davon leben, dass die Hauptfigur sämtlichen Mitmenschen gegenüber enorm herablassend eingestellt ist und ihren inneren Monolog ständig mit verächtlichen Bemerkungen spickt, die wohl sarkastisch und lustig sein sollen, aber in der Regel doch eher von einem mangelnden Respekt vor Leuten, die ihr Leben auf eine andere Weise führen, zeugt. Hier ist Violet zwar an einigen Stellen genervt, wenn Sunshine und Luke ständig flirten, und ja, eine gewisse Überheblichkeit kann man auch ihr nicht absprechen, doch im Großen und Ganzen merkt man ihre Zuneigung zu ihrem Bruder und ihrer Freundin, trotz der Unterschiede. Ebenfalls positiv ist, dass River tatsächlich nett zu Violet ist, ihr Zuneigung zeigt und es so verständlich macht, dass sie sich in ihn verliebt. Viel zu oft lese ich gerade in Jugendbüchern von zwei Charakteren die sich die ganze Zeit beleidigen und augenscheinlich keine zehn Sekunden im gleichen Raum verbringen können, ohne dass Gefahr besteht, dass einer von beiden einen Mord begeht. „Was sich liebt das neckt sich“ in allen ehren, die meisten YA-Fantasy-Romanzen überschreiten in dieser Hinsicht die Grenzen jeglicher Glaubwürdigkeit.

Die Kritikpunkte, die ich anzumerken habe, sind eigentlich fast schon Standards des Genres: irgendwann wurde mir die Gefühlsduselei doch zu viel, diese Intensität der großen, wahren Liebe, wenn man sich erst mal ein paar Tage kennt. Außerdem weiß ich noch nicht ganz, ob ich das unglaubwürdig oder einfach bedenkenswert finden soll, aber: wenn ich gegen eine*n potentielle*n Partner*in solche Verdächte hege wie Violet im Laufe der Handlung gegen River, dann wäre bei mir schnell Schluss mit „aber ich bin ja so verliebt“! Auch war mir einiges, gerade gegen Ende, viel zu dramatisch geschrieben – es ist ja schwer, nicht ins Lächerliche abzurutschen, und ich fürchte, meine Schmerzgrenze ist da oft etwas niedrig.

Alles in allem habe ich mich aber durchweg gut unterhalten gefühlt. Fantasy Romance ist ein Genre, um das ich eigentlich einen Bogen mache, aber hier hat mich das Cover irgendwie angezogen, und ich bereue nicht, mal wieder mein Glück probiert zu haben. Das Rad wurde nicht neu erfunden, doch die Handlung bleibt unterhaltsam – und dass ständig so von Kaffee geschwärmt wird macht ein Buch für mich dann gleich noch sympathischer! 😀

Für Leute wie mich, die eh nur ab und zu zögerlich in das Genre reinspickeln keine unbedingte Leseempfehlung, aber wer solche Bücher sowieso mag, sollte mit diesem kurzweiligen Roman nicht enttäuscht werden. Auf Englisch gibt es auch einen zweiten Band – Between the Spark and the Burn – der aber nicht auf Deutsch erschienen ist.

Autorin: April Genevieve Tucholke | Übersetzerin: Anja Galić
Originaltitel: Between the Devil and the Deep Blue Sea
Seiten: 384
Verlag: cbt
Erstauflage: August 2013 | Deutsche Erstauflage: September 2013
ISBN-10: 3570308847
ISBN-13: 978-3570308844
Auch im epub-Format und für den Kindle erhältlich!

Jugendbücher · Liebesromane

Rezension: Eleanor and Park

eleanor and park 1! Diese Rezension bezieht sich auf die englisch-sprachige Ausgabe !

Autorin: Rainbow Rowell
Verlag: Orion Publishing Group
Erstauflage: 2012
ISBN-10: 1250012570
ISBN-13: 9781250012579

Handlung: Als Park Eleanor zum ersten Mal in den Schulbus steigen sieht, findet er sie sofort seltsam – mit ihren wallenden, roten Haare und ihren seltsamen Klamotten fällt sie auf, und das mit Absicht, wie es ihm scheint. Da der Platz neben ihm jedoch der einzige noch freie ist, sitzen sie nun täglich auf den Fahrten zur Schule und zurück nebeneinander. Zunächst schweigen sie sich an, doch eines Tages bemerkt Park, dass Eleanor über seine Schulter in den Comics mitließt, die er im Bus immer verschlingt. Irgendwann bringt er ihr einen Stapel Comics zum Selberlesen mit und die ersten Gespräche entspannen sich: über Comics, Musik, das Leben im Allgemeinen …

Nothing was dirty. With Park.
Nothing could be shameful.
Because Park was the sun, and that was the only way Eleanor could think to explain it.

Das erste Buch, das ich von Rainbow Rowell laß war ihr aktuellestes Jugendbuch Fangirl. Schon dies überraschte mich positiv, ich erlebte etwas, das mir, um ehrlich zu sein, selten passiert: Ich fühlte so richtig mit den Charakteren mit. Nicht falsch verstehen – ich bin durchaus ein menschlicher Mensch mit Gefühlen, nur ist es eben so, dass ich so gut wie nie an den Punkt gerate, an dem die Geschichte, die ich lese, für mich wirklich wird. Ständig bin ich mir überdeutlich bewusst, dass all die Charaktere gar nicht existieren, und dann ist es mir auch relativ egal, ob die nun glücklich sind, oder traurig, oder verliebt. Emotionen habe ich beim Lesen zwar schon, doch die spielen sich hauptsächlich auf der Wortebene ab. Der Plot ist für mich eher da „unwichtige“ Gerüst im Hintergrund, das wunderschönen Worten ihre Existenzberechtigung auf den Seiten verschafft, übertrieben ausgedrückt.
Aber: Rainbow Rowell schafft es, was nur wenigen Autoren und Autorinnen gelingt, nämlich, dass ich wirklich mit den Figuren mitfiebere und -leide und mich freue. Während mir Fangirl schon selige Seufzer entlockte und tränenfeuchte Augen hervorrief, fand ich diese Geschichte sogar noch berührender.
Die beiden Hauptcharaktere, aus deren Sicht abwechselnd erzählt wird, sind einfach so wahnsinnig echt. Sie sind keine einseitigen, platten Abziehbilder, die Jugendbuchautoren den Leser*innen (die sie wohl unterschätzen) oft vorsetzen. Beide sind durch grundverschiedene Familien geprägt, was die unterschiedlichen Arten, in denen sie ihre Beziehung angehen, sehr verständlich macht. Besonder Eleanors gewalttätiger Stiefvater, der die Familie tyrannisiert, erklärt viel von ihrem Zögern, sich auf andere Menschen einzulassen. Durch das Aufgreifen solcher Themen wie familiärer Probleme oder Mobbing in der Schule ist das Buch oft bedrückend, doch um einiges realistischer und lebendiger als die durchschnittliche Jugendbuch-Romanze, die entweder eine heile Welt vorspielt oder durch lieblos artifizielle Konflikte Spannung erfährt.
Ich laß in Rezensionen davon, dass vielen das Buch (gerade vielleicht das Ende) nicht fröhlich genug ist. Selbst finde ich jedoch, dass die schönen Momente, in denen die beiden sich gänzlich aufeinander einlassen, mich glücklich genug machen, und dass eine literarische Beziehung nicht nur dann (bzw. gerade dann nicht) besonders lesenswert ist, wenn sie ins Ewige und überirdisch Perfekte stilisiert wird.
Auch das Ende, das viele kritisierten, laß ich eigentlich als Happy End und ich schlug das Buch mit einem Lächeln zu.

Ich glaube, dass ich bei Jugendbüchern noch viel kritischer bin, als bei anderen – vielleicht, weil ich den Eindruck habe, dass gerade jugendliche Leser oft von Autoren unterschätzt werden und man sie mit oberflächlichen Geschichten abfertigt – doch Eleanor & Park hat mich auf ganzer Linie überzeugen können.

You saved my life, she tried to tell him. Not forever, not for good. Probably just temporarily. But you saved my life, and now I’m yours. The me that’s me right now is yours. Always.

Historisches

[Rezension] „Transatlantik“ von Colum McCann

Traveler DC 120Autor: Colum McCann | Übersetzer: Dirk van Gunsteren
Originaltitel: Transatlantik
Verlag: rowohlt
Englische Erstauflage: 2012
ISBN-10: 3498045229
ISBN-13: 978-3498045227
Seiten: 384

Oberflächliches: Ich kann nicht klagen. 😀 Nicht überwältigend, aber schick, wirkt irgendwie ernst und seriös. Und es dauerte peinlich lange, bis mir aufging, dass der Adler mit dem Kleeblatt wohl die Verbindung zwischen Irland und Amerika aufzeigen soll … Der Umschlag fühlt sich glatt und plastik-mäßig an; das Buch darunter ist dunkelgrün. Das orangene Lesebändchen fand ich farblich etwas unpassend, aber es korrespondiert wohl mit Adlerschnabel und -klauen (Füßen? Greifern??). (Und ich frage mich immer mehr, wieso ich diese Kategorie überhaupt in meinen Rezensionen habe.)

Handlung: Dieses Buch verwebt mehrere Handlungsstränge – zum einen gibt es da die Flieger Alcock und Brown, die 1919 von Neufundland nach Irland den ersten Nonstop-Transatlantikflug unternehmen, dann gibt es da noch Frederick Douglass, den bekannten schwarzen amerikanischen Abolitionisten, der 1845 eine Reise durch Irland unternimmt, und schlussendlich, fast im Hier und Jetzt, wird 1998 der US-Senator George Mitchell zu den nordirischen Friedensgesprächen begleitet. All diese Personen sind durch mehrere Generationen hinweg durch Freundschafts- und Familienbeziehungen verbunden, die einem im Laufe der Lektüre klar werden.

transatlantik

Leider muss ich sagen, dass ich auch von diesem hoch gelobten Buch nicht allzu begeistert war. (Hoffentlich wird das nicht mein Trend-Thema für dieses Jahr, dieses “mit großen Erwartungen an Bücher herangehen und dann enttäuscht werden” …) An dem Gedanken an sich, all diese Schicksale miteinander zu verbinden, habe ich überhaupt nichts auszusetzen, den finde ich großartig! Auch finde ich, dass es dem Autor durchaus gelungen ist, Blickwinkel und Randperspektiven zu beleuchten, die man in Romanen nicht so häufig zu Gesicht bekommt. So weit, so gut. Ein immenser Störfaktor war für mich allerdings der Schreibstil, der in mir wieder und wieder den Wunsch aufkommen ließ, das Buch einfach zuzuklappen und aufzugeben.

Ich lese ja recht viel, auch kostenlos online Publiziertes, und ich schreibe auch. Das heißt, ich habe schreibstiltechnisch schon so Einiges erblickt und auch so Einiges verbrochen. Von daher verstehe ich den Gedanken vollkommen, mit kurzen, schlichten Sätzen den Leser mal innehalten zu lassen, den Text mit mehr Tiefe auszustatten, als wenn Alles in einem überquellenden Strom von Kommata und Nebensätzen am Publikum vorbeisprudelt. Gezielt eingesetzt finde ich das wunderbar. Die Vorlesestimme im Kopf kommt zu Atem, man kann eine Szene auf sich wirken lassen. An Transatlantik störte mich jedoch ungemein, dass das Buch zu gefühlten 90% aus Sätzen bestand, die nicht mal eine Zeile lang sind.

Kurze Sätze. Knapp. Klar. Prägnant. Einer nach dem anderen. Statt Beschreibungen: Listen. Ich wurde immer frustrierter. Wütender. Unzugänglich, so schien mir das Buch. Keine Möglichkeit, in einen Lesefluss zu geraten. Die Charaktere blieben fremd und leer. Mit jedem verfrühten Satzende größere Distanz zu mir. Schade.

So ungefähr fühlte sich das an, und das beinahe 400 Seiten lang. Klar, ich habe keinen einfachen, super leicht zugänglichen Roman erwartet, und in der Regel bin ich sogar Willens, mich auf kompliziertere Texte einzulassen. Aber dieses Abgehackte hat es mir wirklich unmöglich gemacht, in diesen Zustand zu geraten, wo man nur ließt und ließt und ließt. Selten habe ich so lange für ein relativ kurzes Buch (die Schrift ist recht groß) gebraucht, mit so vielen gedanklichen Unterbrechungen und Abschweifungen. Ich habe das Gefühl, mein Gehirn wäre so ein Laptop, der bei jedem Punkt runtergefahren wird, und sich beim nächsten Satz dann wieder anschalten muss. Transatlantik war für mich also ein ständiges An- und Ausschalten, und wie mein geliebter (und schon ca. 7 Jahre alter) Laptop, fing ich dann eben an, zu rattern, immer langsamer zu werden, und zu überhitzen. Metaphorisch gesprochen. Unmetaphorisch saß ich da und beschimpfte ein Buch, das doch eigentlich hätte so schön sein können.

Denn, es war ja nicht alles schlimm. 😉 Auch, wenn die Stellen, an denen ich mich wirklich “in der Geschichte” fühlte, selten waren, es gab sie. Während mich die meisten Charaktere kalt ließen, haben mich andere Geschichten dann doch irgendwie zu berühren vermocht. Auch schöne Sätze und interessante Gedanken waren ja vorhanden, wenn man sich nur fleißig durch den Urwald aus Punkten kämpfte.

Dass das Buch nichts für mich ist, heißt ja definitiv nicht, dass es schlecht ist – ich würde nur jedem empfehlen, vor dem Kauf mal hineinzulesen, ob man mit dem Schreibstil klarkommt! Wie ich mit Erleichterung feststellen musste, als ich auf Goodreads in den Reviews stöberte, bin ich nämlich nicht die einzige, die ein wenig – oder ziemlich – genervt reagierte.

Da es ja trotz allem auch einige echt schöne Passagen in dem Buch gab, habt ihr nun die wunderbare Gelegenheit, auf diesen Satz zu klicken, und meine liebsten Zitate zu lesen und zu rebloggen! 🙂

Jugendbücher · Mystery · Schwerlich Kategorisierbar

[Rezension] „Die alltägliche Physik des Unglücks“ von Marisha Pessl

Traveler DC 120Autorin: Marisha Pessl | Übersetzerin: Adelheid Zöfel
Originaltitel: Special Topics in Calamity Physics
Verlag: Fischer
Englische Erstauflage: 2006
ISBN-10: 3100608038
ISBN-13: 978-3100608031
Seiten: 601

Oberflächliches: So! Schön! Finde ich. Die riesige Rose und Kaktusblüten (?) sind hübsch, aber nicht kitschig, und wie der Titel in das Bild eingearbeitet wurde, gefällt mir auch. Außerdem fühlt sich der Schutzumschlag angenehm papierig an.

Handlung: Blues Mutter ist in ihrer Kindheit gestorben, ihr Vater reist als Universitätsprofessor von einer Universität zur anderen. Sie bleibt also nie lange an einem Ort, statt Freunde zu finden versinkt sie in Büchern. Als ihr Vater zusagt, zum Anlass ihres letzten Highschool-Jahres ein Mal ein ganzes Jahr am selben Platz zu verweilen, ändert sich das aber: Sie findet zu einer kleinen Gruppe recht reicher und arroganter Mitschüler, die sich um die charismatische Lehrerin Hannah Schneider scharen. An Blue scheint Hannah ein besonders starkes Interesse zu haben. Die Schüler ihrerseits vermuten, dass ihre Lehrerin ein Geheimnis birgt …

~*~

Wie in meinem Monatsrückblick schon angesprochen, ist meine Meinung zu diesem Buch nicht ganz einfach in Worte zu fassen.Traveler DC 120
Irgendwie wurde ich enttäuscht, ja. Das kann allerdings auch daran liegen, dass ich wirklich sehr hohe Erwartungen hatte: ich meine, das Cover ist ja mal wunderschön! Und beim Inhaltsverzeichnis bin ich auch dahingeschmolzen. Ich meine, schaut nur! ->

Was sich hinter all diesen begeisternden Äußerlichkeiten versteckte … naja. Man könnte sagen, dass ich beim Lesen eigenltich größtenteils genervt war. Nicht direkt von der Ich-Erzählerin selbst, aber von ihrem Vater. Ich weiß nicht, wie es anderen ging, die dieses Buch gelesen haben, aber wurde ihr auch allmählich in den Wahnsinn getrieben von sämtlichen „Dad sagt immer“, „wie Dad schon meint“ und Blah?! Klar, sie wuchs als Halbwaise auf, zog viel um; er ist wohl die einzige wirkliche Bezugsperson in ihrem Leben, aber dennoch: Wenn du schon dazu aufgezogen wurdest, alles kritisch zu hinterfragen, dann fang‘ doch einfach mal bei deinem Vater an, liebe Blue.

Ebenfalls recht störend fand ich den Stil an sich. Eigentlich mag ich ja ausgefallene Metaphern und Vergleiche, auf die man erst beim zweiten Hinsehen kommt, aber wenn sich alles so ließt, als würde die Autorin versuchen, die vorhergehende Seite an absurden Stilmitteln zu übertrumpfen, dann denke ich mir halt nur noch „chill mal, ey“.

Auch etwas Stilistisches, wovor ich vielleicht warnen sollte: Statt bloß auf Bücher Bezug zu nehmen, zitiert Blue diese direkt und verweißt dann auch jedes Mal auf den Urheber eines Gedankens (Pessl, 2006), was manche Leser vielleicht als störend empfinden könnten.

Nicht, dass es mir zu Anfang überhaupt nicht gefallen hat – ich war sozusagen „milde interessiert“, hatte auch nicht das Bedürfnis, das Buch wegzulegen, war nur einfach ziemlich genervt. 😉
Wirklich das Gefühl, gefesselt und in der Geschichte angekommen zu sein, hatte ich leider erst nach ungefähr 500 Seiten, also, kurz, bevor es auch schon wieder vorbei war. Dort geschah nämlich etwas, dass mir das ganze Genervt-Sein es dann doch wert erscheinen ließ. 😀 Darüber muss ich mich gerade auch kurz auslassen, wer das nicht lesen will, überspringt den Abschnitt zwischen den Spoilerwarnungen …

[SPOILER ANFANG]

Das Ereignis, das mein Bild so umwarf, war natürlich der Fortgang von Blues Vater. Ich kann nicht mal wirklich sagen, ob ich die Idee gut/glaubwürdig fand, ich hatte es einfach nie im Leben erwartet, und das mag ich an Büchern sehr, wenn sie mich so überraschen können!
Was haltet ihr davon? Habt ihr schon geahnt, dass hinter dem Mann mehr steckt als nur eine arrogante Nervensäge?

Sehr schön fand ich auch die „Abschlussprüfung“, ich finde das nett von Büchern, wenn sie einem so höflich Denkanstöße servieren.

[SPOILER ENDE]

Ja. Im Allgemeinen kann ich nicht sagen, ob ich das Buch empfehlen würde – es ist schon irgendwie interessant und lohnend, aber man wird auch aggressiv dabei. (Also, ich. Aber ich bin auch leicht zu ärgern, besonders von Ich-Erzählern.) Es wirkt irgendwie unnötig überladen und ist durch allzu abstruse Metaphorik manchmal anstrengend zu lesen, ohne den Leser dafür zu „belohnen“. (Also, es gibt ja auch Texte, die anstrengend sind, aber wenn man sich durchwühlt gerät man in so ein Literatur-High, meine ich …)
Ich bin froh, es gelesen zu haben, aber – abgesehen von der wunderschönen Aufmachung – ist es jetzt nichts, was ich unbedingt im Regal stehen haben müsste.

Meine liebsten Zitate aus dem Buch gibt es jetzt übrigens zum Lesen und Rebloggen auf Tumblr, wenn ihr auf diesen Satz hier klickt!

Kurzgeschichten

[Rezension] „Palo Alto“ von James Franco

Traveler DC 120

Autor: James Franco

Verlag: Eichborn
ISBN-10: 3847900099
ISBN-13: 978-3847900092

Seiten: 221
Cover: Passt zum Buch, definitiv. Blinkende Lichter, Sterne, dennoch viel Grau und insegsamt irgendwie fehl am Platz. (Das war positiv gemeint.)

„Vor zehn Jahren, in meinem zweiten Jahr auf der Highschool, habe ich an Halloween eine Frau getötet.“

Schon dieser erste Satz gibt die Stimmung für den vorliegenden Band an Kurzgeschichten vor. Man spürt sofort, dass das, was auf einen zukommt, nicht hoffnungsvoll, oder gar fröhlich wird.

Es geht um Jugendliche im Highschool-Alter, die in der kalifornischen Stadt Palo Alto leben, und ihr Leben ist teilweise so trostlos, dass man sich fragt, warum man überhaupt weiter liest, doch aufhören kann man auch nicht. Zu fesselnd werden all die Dinge beschrieben, die die jugendlichen Ich-Erzähler in in distanzierte, nahezu kalte Worte packen. Da gibt es einen Jungen, der seine Freundin als lebendes Sexspielzeug herumreicht, das Mädchen, das eine Beziehung mit ihrem Sportlehrer hat, und einen anderen Jungen, der spontan mit dem Auto gegen eine Wand fährt, einfach so, warum denn auch nicht? Sie erzählen davon, als ginge es ihnen kaum nahe, wäre nicht einmal real, was eine wunderbar desillusionierende Wirkung hat.

Ein Wort, dass die Atmosphäre des Buches insgesamt treffend beschreibt, ist ernüchternd.

Während andere Bücher den Leser in fremde Welten schicken oder ihn immerhin wenigstens auf ein Happy End hoffen lassen, schleudern ihm die hier gesammelten Geschichten die Realität richtig ins Gesicht. Doch obwohl all die Protagonisten trinken, töten (wollen), Drogen nehmen, irgendwie versteht man sie doch im Grunde ein bisschen. Das Buch ist erfüllt von einer Leere, die wohl die meisten schon einmal irgendwie gespürt haben.
Wer willens ist, dieser Leere auch beim Lesen noch nachzuspüren, ist mit Palo Alto gut bedient – und man kann auch nicht sagen, dass ein Happy End unmöglich wäre. Sie sind noch jung, alles ist möglich, wenn man sich es vorstellen kann.