[Sonstiges Buchbezogenes] · [Zeugs] Rosa regt sich auf

Rosa regt sich auf: regt Rosa sich auf?

Gestern bin ich über diesen Artikel der Literatouristin gestolpert, in dem sie wiederum auf diesen Artikel der Onlineausgabe der Zeit reagiert. Im letztgenannten Artikel wird ein wenig über die Buchblogger- und Booktube-Szene hergezogen und da ich ja ein von Hass angetriebener Mensch bin der sich leidenschaftlich gerne aufregt (diese Aussage enthält leider nur ein wenig Ironie), dachte ich, das wäre mal wieder nett, sich mit der intellektuellen kritisch-literarisch literaturkritischen Elite zu befassen. Dann aber bemerkte ich, dass ich gar nicht den Willen und die Motivation besitze, mich so ausführlich mit dem Text auseinanderzusetzen wie Bianca es im verlinkten Text tut. In einer Welt, in der es schrecklich viele Dinge gibt, über die man sich aufregen kann, muss man nämlich Prioritäten setzen, und manche Dinge sind keine Aufregung wert.

Dennoch, eine Anmerkung, ich glaube nämlich, ich bin einer Verschwörung auf der Spur: manchmal habe ich den Verdacht, dass nur Dinge, die man für Geld macht (oder aus anderen vernünftigen/erwachsenen/nützlichen Gründen) als ~ high quality ~ angesehen werden. MYSTERIÖS. Im Zusammenhang damit, haben Menschen, die etwas beruflich machen (oder für den Lebenslauf) oftmals Schwierigkeiten, sich vorzustellen, dass andere Menschen die gleichen oder ähnliche Dinge einfach aus Leidenschaft für eine Sache tun und reagieren mit Verachtung, Unglauben und Artikeln, in dem sie diese Amateur-/Hobby-[hier Betätigungsfeld einfügen] als geschenk- und publicity-geil darstellen, oder schlicht als unfähig.

Dass Geld nicht gleich Qualität bedeutet* und Scheiße mit Preis dann halt eben teure Scheiße ist, mehr aber auch nicht, bezieht sich natürlich nicht nur auf Literaturkritik.

*haben wir etwa kollektiv vergessen, dass 50 Shades of Grey gedruckt wurde?

(Auch verwunderlich: wird nicht ständig geklagt, die „Jugend von heute“ lese nicht mehr, und nun tut sie es und tauscht sich auch noch darüber aus, und das ist auch wieder schlecht? Hach. Teenager müsste man wieder sein. Man fühlt sich bestimmt gut, wenn alles, was man tut, entweder nicht ernst genommen wird oder kulturellen Verfall einläutet. [/sarkasmus])

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Jugendbücher · [Sonstiges Buchbezogenes] · [Zeugs] Rosa regt sich auf

Rosa regt sich auf: Vom hässlichen Entchen zum … ihr kennt das ja.

Heute morgen erwachte ich in Schlappheit und einem geistigen „Meh“-Gefühl, weshalb ich mich entschloss, mit einem (hoffentlich) locker-flockigen Jugendbuch auszuspannen. Meine Wahl fiel auf Crazy Moon von Sarah Dessen (engl.: Keeping the Moon), von der ich schon zwei andere Bücher gelesen hatte, die mir ziecrazy moonmlich gut gefallen haben. Besonders mochte ich damals Wir sehen uns im Traumland (engl.: Dreamland) (ich habe zuerst aus Versehen „Traumaland“ getippt, was im Zusammenhang auch nicht wirklich falsch wäre …), in dem es um ein Mädchen geht, das sich aus einer missbräuchlichen Beziehung zu befreien versucht und auch mit familiären Problemen zu kämpfen hat. Dieses Buch kann ich wirklich sehr empfehlen – es ist zwar schon ungefähr zwei Jahre her, dass ich es laß, und ich kann nicht garantieren, dass ich es jetzt genauso sehen würde, aber manchmal muss man eben eine Empfehlung auf Risiko aussprechen. 😉

Aber eigentlich wollte ich ja über das links abgebildete Buch sprechen. Beziehungsweise, nicht direkt über das Buch – während es mich nicht umhaute, war es doch ein schöner Les (können wir das einführen? so als Gegenstück zu „a nice read“?), aber leider fühlte ich mich an mehreren Stellen an bestimmte Tropes erinnert, die viel zu oft in Jugendbüchern auftauchen. Deshalb sehe ich dieses Leseerlebnis als nette Gelegenheit, mal mit einer Blogthemen-Reihe zu starten, die mir sehr am Herzen liegt: Rosa regt sich auf. (Einfach, plakativ, leicht zu merken & mit Alliteration!) Das tue ich nämlich ziemlich oft, und warum dann nicht mit dem Internet teilen? Unter diesem Schlagwort werde ich also von nun an häufiger Gedanken über Dinge zum besten geben, die mich in Sachen Bücher aufregen.

Heute geht es um die klassische Make-Over-Szene, die in geschätzten drölfzigtausend aller Jugendbücher (mit weiblicher Zielgruppe, offensichtlich) verbraten wird, ganz zu schweigen von den Filmen, da das Thema visuell ja umso beeindruckender rüberkommt.

Im oben gezeigten Buch – erstmal so als Warnung: ich werde in diesem Eintrag den Inhalt des Buches spoilern (der jedoch sowieso nicht wirklich voller Überraschungen steckt) – ist die Ausgangslage so, dass die Protagonistin Colie sowie deren Mutter eine lange Phase hinter sich haben, in denen beide stark übergewichtig waren (sie sprechen nun von ihren „Fetten Jahren“). Inzwischen ist ihre Mutter weltweit bekannte Aerobic-Trainerin und Fitness-Guru, auch Colie selbst hat 20kg verloren. Natürlich ist sie geprägt von ihrer Vergangenheit, in der sie ständig eine Außenseiterin war und wegen ihres Gewichtes verspottet wurde, weshalb sie nun, um niemanden an sich heranzulassen, möglichst abweisend auftritt. Ihr Stil sind nun zerrissene Klamotten, sie hat ein Lippenpiercing und nachlässig schwarz gefärbte Haare.

Im Buch nun verbringt sie die Sommerferien in einer Kleinstadt bei ihrer etwas außergewöhnlichen Tante und findet das Übliche: Freundinnen, Selbstwertgefühl & einen Freund. Also, Freund-Freund. Boyfriend. Ihr versteht. Und auch wenn die Aufzählung abwertend klingt, ich mag so etwas, also, Protagonistinnen, die am Ende eines Buches mehr Selbstbewusstsein haben als zuvor … ABER: muss das immer zwangsweise durch ein Umstyling geschehen?

Besonders paradox fand ich, dass, kurz bevor eine ältere Freundin Colie in die Künste des Augenbrauen-Zupfens, des Haare-gleichmäßig-Färbens und des Makeup-Auftragens einführt, diese folgenden Satz sagt: „Colie, wenn jemand nett zu dir ist und dich mit Respekt behandelt, darfst du nicht überrascht sein. Im Gegenteil, du kannst es von den Leuten verlangen. Es ist völlig selbstverständlich.“ (S.115)
Dieser Aussage stimme ich absolut zu. Seine Mitmenschen mit Respekt zu behandeln, ist etwas, das bedingungslos geschehen sollte*. Doch warum laufen dann die folgenden Passagen darauf hinaus, dass dieses Mit-Respekt-behandelt-werden vor allem auf Äußerlichkeiten beruht?

Ebenfalls schlimm: das ganze „Um geliebt/respektiert zu werden musst du dich zunächst selbst lieben/respektieren.“ Das ist so eine Aussage, die ganz vernünftig klingt, wenn man sie zum ersten Mal hört, doch wenn man nur einige Minuten länger darüber nachdenkt, sollte einem aufgehen, dass dies eines der schädlichsten und grausamsten Dinge ist, die man zu jemandem sagen kann, der unter Minderwertigkeitskomplexen leidet oder unter einer psychischen Krankheit die sich in Selbsthass niederschlägt.
„Wir können dich erst annehmen, wenn du die überwältigende Aufgabe geschafft hast, dein gesamtes Selbstbild zu revisionieren. Viel Glück dabei. Bis dahin wirst du von der Gesellschaft verachtet.“ Ich sag‘ ja nicht, dass die Realität nicht so aussieht, ich sag‘ nur, dass es grässlich ist und wenn diese Sicht weiterhin so fleissig in Jugendbüchern verbreitet wird, ist das mehr als nur ein wenig deprimierend.

Ganz zu schweigen davon, dass hier das Selbstwertgefühl ja nur mit Äußerlichkeiten einher geht – wer sich nicht um sein Äußeres kümmert, der hat kein Selbstbewusstsein, bekommt man hier vermittelt. Auf die doch gar nicht mal so abwegige Idee, dass die „““hässliche, ungepflegte“““ (ich kann gar nicht so viele Anführungszeichen machen, wie ich fühle) Person vielleicht einfach keine Notwendigkeit in der Gestaltung ihres Äußeren sieht, kommt man als (Jugend-)Buchautor wohl gar nicht.

Im vorliegenden Buch lief es dann gegen Ende zwar darauf hinaus, dass Colie erkannte, dass sie eigentlich schon vor der Umdekorierung ein schöner Mensch war, was schön ist, die besagte Szene aber nur noch überflüssiger macht.
Überhaupt. Statt jungen Mädchen zu sagen, dass auch sie auf ihre eigene Weise schön sein können oder gar sind, wäre es vielleicht mal ganz cool, diesen Focus vom Schönsein wegzunehmen:

Nicht nur (oh! so! subjektiv!) schöne Menschen verdienen es, mit Respekt behandelt zu werden, und wenn Bücher das verbreiten, tja, dann ist das eben Mist. Liebe Mädchen, merkt euch: ungeschminkt, un-ge-augenbrauenzupft & mit je einer Riesentüte fettiger Pommes in jeder Hand habt ihr genau das selbe Recht, Respekt einzufordern, wie jede*r andere auch.

*Außer, besagter Mitmensch ist eine wirklich entsetzliche Person. Es gibt wirklich schlimme Menschen & ich bin nicht für stillhalten und leiden & manchmal ist kein Respekt mehr möglich um einer grässlichen Zwischenmenschlichen Situation zu entkommen. Darüber werde ich vielleicht mal an anderer Stelle bloggen, in diesem Eintrag ging es ja hauptsächlich um diesen Basisrespekt, den man jedem Menschen unabhängig vom Äußeren entgegenbringen sollte.

Humor · Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: „Lolito“

lolito2Autor: Ben Brooks | Übersetzerin: Britt Somann
Verlag: Atrium
Deutsche Erstauflage: 2015 | Originalausgabe: 2013
ISBN-10: 3855350558
ISBN-13: 978-3855350551
Seiten: 272

Handlung: Der 15-Jährige Etgar erfährt – während er sich in Facebook als sie ausgibt, wohlgemerkt-, dass seine Freundin Alice ihn betrogen hat, und macht darauf hin Schluss. Nun ist er wütend, verzweifelt und einsam und sucht in „Erwachsenen-Chatrooms“ Zuflucht. Hier lernt er die vermeintliche Singlefrau Macy kennen. Ihr gegenüber gibt er sich als Hypothekenmakler aus, und sie scheint es ihm abzunehmen. Es entspinnt sich eine Online-Affäre mit Chatsex, die den beiden bald nicht mehr genügt, sodass sie beschließen, sich auch im realen Leben zu treffen …

Manchmal stelle ich mir Atome als winzige Menschen vor, die extreme Angst haben und viel Händchen halten. Ich stelle mir vor, dass mein Körper aus winzigen, verängstigten Leuten besteht, und diese nehmen Becher oder Bücher hoch, die aus anderen winzigen, verängstigten Leuten bestehen. Und wenn man mit jemandem Sex hat, sind es einfach massenweise winzige, verängstigte Leute, die Händchen halten.
Ich denke an die winzigen Leute, die ich bin, und fühle mich weniger allein.
(S.153)

Leider muss ich sagen, dass mir Lolito nicht gefallen hat. Dies hat mehrere Gründe, denen ich nun einigermaßen geordnet auf den Grund zu gehen versuche.

Sprache & Stil

Zum einen wäre da das Leseerlebnis an sich, das schlichtweg keinen Genuss für mich darstellte. Sprachlich gesehen ist das Buch nicht schlecht – klar, der Stil wirkt auf mich manchmal etwas monoton und irgendwie „ruckartig“, doch das schob ich auf den Versuch, die rastlose Langweile des Protagonisten darzustellen. Daran konnte ich mich also gewöhnen. Was mich da schon eher störte, war, dass der innere Monolog Etgars wohl zu 90% aus Fäkalsprache jeglicher Art, sexuellen Praktiken und Beleidigungen bestand. Man mag einwenden, dass ich nie ein 15-jähriger Junge war, das stimmt natürlich, doch war ich auch mal 15 und weiß dass man da wütend ist und Sex durchaus einen großen Platz in der Gedankenwelt einwenden kann. Die Darstellung in Lolito jedoch schien mir halb wie etwas, das eine Parodie sein sollte, halb wie das Werk eines Menschen, der sich enorm anstrengt, zu provozieren, und dabei über das Ziel hinausstolpert. Hier wurden innerhalb keiner 300 Seiten die Worte „schwul“ und „vergewaltigen“ gefühlt häufiger gebraucht, als ich sie in meinem Leben aussprach. Echte 15-Jährige, die mir in der Hinsicht ihrer Sprech- und Denkweise widersprechen wollen, sind dazu natürlich herzlich eingeladen! So lange ist das zwar nicht her, seit ich so alt war, aber Zeiten ändern sich ja und man verdrängt recht viel. 😉

Enttäuschende Diskrepanz zwischen Präsentation und Inhalt

Ein weiterer Grund, warum mir das Lesen nicht wirklich Spaß machte, mag die Präsentation des Buches sein, die für mich irgendwie das Werk an sich total verfehlt.
Zunächst wäre da der Bezug zu Nabokovs Lolita, der nicht nur durch den Titel hergestellt wird, sondern auch durch das Zitat von Christian Ulmen auf dem Backcover: „Ich weiß nicht, was Nabokov davon gehalten hätte. Wahrscheinlich hätte er es selbst gern geschrieben.“ Für Leute, die wie ich, begeistert vom Werk sind, auf das hier Bezug genommen wird, kann ich gleich eine Warnung aussprechen: Wenn das der einzige Grund für euch wäre, Lolito zu lesen, dann tut es nicht. Während ich noch den Gedanken dahinter verstehe, auf jede Beziehung, in der ein Altersunterschied vorherrscht, das Lolita-Attribut zu klatschen, macht das im Endeffekt nur in den seltensten Fällen Sinn und hier beispielsweise überhaupt nicht. Die bloße Tatsache, dass Macy 46 ist, und somit 31 Jahre älter als Etgar, bedeutet nicht, dass man hier eine ähnliche (beklemmende) Beziehungsdynamik auffindet wie in Lolita. Ebenso unsinnig die Behauptung, Nabokov würde wünschen, dieses Buch geschrieben zu haben. Was in meinen Assoziationen bei diesem Namen als Erstes kommt ist sein atemberaubender Stil, so irgendwo zwischen Poesie und Klaustrophobie. (Erfährt man nicht schon zu Beginn von Lolita: „You can always count on a murderer for a fancy prose style.“?) Den Stil in Lolito hingegen fand ich, wie oben angesprochen, eher so zwischen „nicht schlecht, aber auch nichts Besonderes“ und nervig bis anstrengend. Somit kann ich die Lolita-Bezüge nur als billiges Werbemittel sehen, was ich aus Sicht eines Verlages zwar irgendwie nachvollziehen kann, das aber nicht dazu beiträgt, mir als Leserin dieses Buch sympathisch zu machen.

Porträt einer Generation?

Ebenso misslungen fand ich den Klappentext: „Schreiend komisch, zutiefst berührend und (leider) absolut wahrhaftig: Die haarsträubende Geschichte des jungen Etgar ist zugleich das Porträt einer gebeutelten Generation, die von klein auf im Internet ihr blaues Wunder erlebt.“
Über ’schreiend komisch‘ lässt sich natürlich streiten – ich habe zwar an einigen Stellen gegrinst, aber hauptsächlich missmutig geguckt und mit dem Buch diskutiert.
Weniger streitbar finde ich dagegen „das Porträt einer […] Generation“. Hey, das sind große Worte, und ja, ein Klappentext braucht wohl große Worte, aber dennoch finde ich sie dezent anmaßend, vor allem angesichts des Werkes, das sie beschreiben. Wenn ich vom Anspruch lese, eine Generation zu porträtieren, erwarte ich Charakterstudien, ausgearbeitete Innenwelten und ein differenziertes Bild. Ansätze davon waren zu lesen, gerade wenn es um Etgars Unsicherheit ging, um seine Angst vor der Welt. Dies wurde jedoch überlagert von der „hm, mal sehen wie viele ‚böse Wörter‘ ich in diesen Abschnitt quetschen kann!“-Haltung. Nennt mich faul, aber der Gehalt eines Buches muss schon pures Gold sein, wenn ich mich dafür erst durch einen Haufen Fäkalien wühlen muss.
Abgesehen davon – für wen ist das Buch geschrieben? Für erwachsene Menschen, die sich wirklich mit der jetztigen Teenagergeneration außeinandersetzen wollen, oder für solche, die nach Bestätigung all ihrer negativen Vorurteile suchen und gerne mal in „Früher war alles besser!“-Tiraden ausbrechen? Ich muss gestehen, zu Beginn schätzte ich den Autor – von dem ich bisher nicht gehört hatte – auf einen Mann mittleren Alters der eine Aversion gegen Jugendliche hegt und diese deshalb gerne mal voller Hass antagonisiert. Einfach weil er es kann; weil ihm ein Publikum offen steht, das wissend nicken wird, zwinkern und zufrieden sagen: „Ja, als wir noch jung waren, da hatten wir noch bessere Dinge zu tun, als den ganzen Tag zu saufen und in diesem Internet herumzuhängen!“ Das Bild, das hier entworfen wird, scheint mir enorm düster und einseitig, und lädt eher dazu ein, über die Moderne zu schimpfen, als sich kritisch mit Problemen zu befassen.
Als ich dann die Kurzbiographie laß, stellte sich heraus, dass Ben Brooks nur ein Jahr vor mir geboren wurde, jetzt also ca. 23 sein dürfte. Ups. Das macht es für mich aber noch unverständlicher – wenn man altersmäßig näher an den Leuten dran ist, über die als für die man schreibt, wieso versucht man dann nicht eher, diese als denkende, fühlende, differenzierte Wesen darzustellen als … so eben?

Hätte, könnte, würde …

Ich möchte nicht ausschließen, dass eben das vielleicht sogar Anspruch des Buches war. Schließlich rühmt sogar mein geliebter Klappentext die Geschichte als „zutiefst berührend“, und es gab durchaus einige Textstellen, in denen auf Etgars Innenleben eingegangen wird. Auch das Treffen mit Macy ist – sehr zu meiner Freude! – ganz anders, als ich es auf Grund der Präsentation des Buches erwartete. Sie ist nämlich nicht (nur) eine bösartige Verführerin Minderjähriger, sondern wie Etgar ein trauriger und verletzlicher Mensch. Obwohl sie keineswegs nicht gewusst haben kann, dass sie mit einem Jungen chattet (seine Versuche, einen erwachsenen Hypothekenmakler darzustellen, sind nicht gerade überzeugend), und deshalb durchaus in vollem Bewusstsein ein Gesetz brach, ist sie nicht das, was man – nicht zuletzt durch How I Met Your Mother – als Cougar/Puma kennt, sondern schlicht eine Frau, die mit ihrem Leben so wenig zurecht kommt wie Etgar mit seinem. Über die moralische Problematik darin, in einer Liebeskrise bei einem Minderjährigen Trost zu suchen, kann man natürlich debattieren … Ich aber finde, dass man aus den Interaktionen dieser beiden Personen mehr hätte machen können, und, auch ohne auf der Provokationsschiene zu fahren, eine Geschichte hätte erzählen können, die der komplexen Innenwelt einer Macy und eines Etgar gerecht wird.

Alles in Allem ist das auch mein Fazit: Ben Brooks hätte ein paar Dinge überzeugend tun können, hätte er sich auf weniger Inhalte mit mehr Tiefgang fokussiert; er entschied sich aber dafür, viele Dinge halbherzig, unglaubwürdig und unschön in den Raum zu werfen. Das ist verdammt schade.