Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Aliide, Aliide

cam00869

Obskur, komplex, bedrückend – das sind drei Worte, mit denen man Aliide, Aliide von Mare Kandre beschreiben könnte. Viel über den Inhalt würde das nicht verraten, doch das tut auch das Buch selbst nicht. Es erzählt die Geschichte von Aliide, einem schwedischen Mädchen, das in Übersee aufgewachsen ist, und sich nun wieder in Schweden einfinden muss – das Land gefällt ihr jedoch nicht, vor allem die Sprache scheint ihr dem Englischen gegenüber unbehaglich und wenig aussagekräftig: „jedes Wort [war] matt und hart wie ein grauer, gewöhnlicher Stein, und mit diesen Wörtern im Mund pflanzte sich die Schwere im restlichen Körper wieder fort, der sich deswegen wieder komisch anfühlte, schwer und plump.“

Aliide hat wenige Freunde. Die meiste Zeit verbringt sie mit K, einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Die beiden könnten gegensätzlicher nicht sein. Während Aliide wild und mutig ist und auch mal vorlaut sein kann, ist K eher brav, sauber und ordentlich. Dennoch verstehen sie sich gut, bis es Aliide immer schlechter geht und sie sich immer weniger unter Kontrolle hat. Denn eines Tages, durch nur grob umschriebene Ereignisse, beginnen, verdrängte Erinnerungen in ihr wieder hoch zu kommen, die Allides Verhältnis zu sich selbst und ihrer Umwelt komplett auf den Kopf stellen.

Die Welt, die man immer durch ihre Augen sieht und in ihren Worten erlebt ist von da an durchtränkt von einem Gefühl von Furcht und Bedrohung. Sie entwickelt einen Ekel vor sich selbst, vor anderen, vor allem Körperlichen, der sie zu reinigenden und letztendlich nutzlosen Ritualen treibt. Am Schlimmsten ist, dass sie mit niemandem darüber reden kann. Obwohl sie oft verzweifelt um Hilfe bitten möchte, ist wieder und wieder ihre Überzeugung stärker, ihre Eltern vor den Schlechten Dingen in ihr und in der Welt beschützen zu müssen. In ihrem Drang, die heile Welt nicht zu zerstören, schweigt sie also, und leidet.

„Dass man da sitzen und sterben konnte, umgeben von seinen eigenen Familienmitgliedern, tief im Innern fürchterlich verletzt, von Schmerz und Angst fast zugrundegerichtet, ohne dass es denen überhaupt auffiel, dass man das so vollständig verbergen konnte. Dass man damit allein war. Mutterseelenallein musste man das mit sich herumtragen!“

Das Buch ist in einem unglaublich dichten Schreibstil geschrieben. Reale Ereignisse gehen in Träume über, Beobachtetes in Gefühltes. Und wie der Stil den Inhalt verbirgt, so ist der Grund für Aliides Leiden vor ihr selbst verborgen. Weil ein Kind dafür noch keine Worte hat und auch nicht brauchen sollte.

Aliide, Aliide ist ein beeindruckendes Buch. Beim Lesen zwischenzeitlich so eindrücklich, dass ich es kurz bei Seite legen musste, um durchzuatmen, möchte ich es doch noch viele Male lesen, um all die Sätze, mit denen der wort- und hilflose Schrecken eines Kindheitstraumas so gut es geht verbalisiert wird, würdigen zu können. Leichte Kost ist etwas anderes, dennoch empfehle ich es uneingeschränkt allen, die sich auch an schwere Themen wagen. Kindheit ist hier kein Paradies der Geborgenheit, sondern eine Hölle, aus der man nicht entkommen kann, weil man sie in sich trägt.

cam00866

Autorin: Mare Kandre | Übersetzerin: Isabelle Wagner
Verlag: Septime
Seiten: 400
ISBN-10: 3902711485
ISBN-13: 978-3902711489

Diese Rezension wurde zuerst als Gastrezension auf Bibliophilin.de veröffentlicht.

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Jugendbücher · Liebesromane

Rezension: Als ob nichts wäre

als obEin wenig komisch fühlt Elin sich schon, als sie, nun, kurz nachdem sie die Schule wieder hinter sich hat, doch wieder das alte Schulgebäude betritt. Schon lange hat sie Gedichte und Prosa geschrieben, nun möchte sie in einem Kurs für Kreatives Schreiben mehr über dieses Handwerk lernen. Als sie unter den fremden Erwachsenen auch Paul, ihren Nachbar und auch noch Vater ihrer besten Freundin, vorfindet, weiß sie zunächst nicht, was sie von der Situation halten soll. Im Laufe des Kurses nähren sich die beiden sich zunächst freundschaftlich aneinander an, doch Elin beginnt schnell, auch romantische Gefühle für den Mann zu entwickeln, der ihr auch nicht gerade abgeneigt scheint.

Ich weiß plötzlich gar nichts mehr. Mein Kopf ist wie ein ausgeblasenes Osterei. Außen hübsch bemalt und innen völlig hohl.
S.99

Bücher über Beziehungen oder „Verliebtheiten“ (mir mangelt es an einem schönen Wort für Crushes) mit Altersunterschied haben mich schon immer sehr fasziniert. Es kommt dort zu ganz anderen Konflikten, als all dem, was man aus den gewohnten Jugendbuch-Romanzen kennt – auch wenn ich von diesen früher sehr viele gelesen habe (die „Freche Mädchen, freche Bücher“-Reihe habe ich geliebt!), letzten Endes finde ich die moralischen Fragen, die Heimlichkeit und andere Schwierigkeiten, die man in age gap Büchern findet, doch interessanter. Natürlich ist es ein schwieriges Thema, an das man mit Fingerspitzengefühl herangehen muss – gerade wenn ein Part des Paares noch minderjährig ist – und ich habe auch schon einige wirklich schlecht ausgeführte Beispiele gelesen, doch gebe ich meine Suche nach den Juwelen nicht auf.

Als ob nichts wäre ist, meiner Meinung nach ein richtig gut gelungener Roman. Dass die Annäherung Elins und Pauls in ihren Gesprächen über die selbstgeschriebenen Texte ihren Anfang nimmt, finde ich als Ausgangspunkt und gemeinsame Basis schön und überzeugend. Die Geschichte ist in Elins Worten erzählt, man bekommt ihre Gefühle also in den Worten einer jungen Schriftstellerin mit – oft blumig und überschwänglich und in dramatischen Metaphern, aber für den Charakter sehr überzeugend und angemessen.

Sie verliebt sich Hals über Kopf, und auch Paul empfindet für sie – jedoch bleibt die Frage, ob er für ein Mädchen seine langjährige Ehe aufs Spiel setzen möchte. Das ist nicht das einzige, was einer Beziehung zwischen den beiden im Wege stünde: Pauls Tochter Tessa ist immerhin Elins beste Freundin, doch da Elin ja nicht mit ihr über die Gefühle zu ihrem Vater sprechen kann, zieht sie sich immer mehr ins Schweigen zurück, wodurch das, was zwischen Elin und Paul ist, auch einen Keil in die Freundschaft der beiden Mädchen treibt. Auch (ver)zweifelt Elin daran, wie „pervers“ ihre Gefühle doch sind – „[…] wenn ich mir vorstelle, wie es wäre, plötzlich zu erfahren, dass Papa und Tessa dicht aneinander gepresst mit ihren Zungen im Mund des anderen herumwühlen, wird mir beinahe schlecht. Das ist doch krank. Altmännerfantasien.“ – kann sich gegen die überwältigende Verliebtheit aber dennoch nicht wehren.

Abgesehen von der Romanze geht es in diesem Buch auch um Zukunftsträume und Lebenspläne, besonders in Elin und ihrem Bruder. Während sie noch ein einem Süßwarengeschäft jobbt und nicht weiß, was sie für den Rest ihres Lebens tun möchte, weiß er das schon genau, nur hat er es noch nicht geschafft, aus der bedrückenden Familienatmosphäre auszubrechen.

Insgesamt ist Als ob nichts wäre ein empfehlenswertes Jugendbuch, dessen Protagonistin ihrer Situation mit einer überzeugenden Mischung aus Überschwang, Angst und (Selbst-)Zweifeln gegenüber tritt, und in dem es außer um romantische Liebe auch um Freundschaft, Familie und die Pubertät im Allgemeinen geht.

Autorin: Katarina von Bredow | Übersetzerin: Maike Dörries
Schwedischer Orignialtitel: Som om Ingenting
Verlag: Beltz & Gelberg
Seiten: 240
Erstauflage: 1999 in Schweden
ISBN-10: 3407788789
ISBN-13: 978-3407788788

Dieses Buch ist nicht mehr neu erhältich, aber da ich sowohl Büchereien als auch das Kaufen gebrauchter Bücher sehr befürworte, hielt mich das auch nicht vom Rezensieren ab.

Kurzgeschichten · Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Eier von überglücklichen Hühnern

Normalerweiße nehme ich ja vom abwertenden Begriff chic-lit mit Vorliebe Abstand, doch bei diesen fröhlichen chickens auf dem Cover, sollte ich meine Meinung vielleicht noch mal überdenken … 😉 „Eier von überglücklichen Hühnern“ kann wohl am besten als „Memoir in Scrapbooktechnik“ beschrieben werden. Wie die Autorin im Vorwort erklärt, bereut sie, in ihrer Kindheit kein Tagebuch geführt zu haben, und holt das nun nach. Doch nicht nur Erlebnisse – frisch erlebte oder solche aus der Kindheit – hält sie fest, sie kombiniert diese mit selbstgeschriebenen Gedichten und persönlichen Fotos. So erhält man einen sehr persönlichen Einblick in das Leben von Katy Buchholz. 

überglückliche hühner
Hühnerfiguren habe ich leider keine, doch meine Schweine tun ihr bestes, die Atmosphäre aufrecht zu erhalten … 

Der Stil ist sehr direkt – es gibt keine blumigen Umschreibungen und Metaphern, doch Füllwörter und Einschübe, die eher den Eindruck erwecken, man habe sich mit der Autorin zu einem Gespräch, vielleicht bei Kaffee und Kuchen, getroffen, als ein Buch zu lesen.

Es wird von der ersten Liebe erzählt, von ersten Enttäuschungen, von unfreundlichen Klassenkameraden, doch auch die traurigsten Kindheitserinnerungen enden auf einer positiveren Note. Auch kommt immer wieder eine Freude an kleinen Dingen zum Vorschein. Besonders erinnere ich mich an eine kurze Geschichte, in der Katy Buchholz morgens in aller Frühe aufstand, 20 Minuten in den Nachbarort zur Bäckerei radelte und dort auf deren Öffnen wartete, um ihre Mutter zum Geburtstag mit frischen Brötchen überraschen zu können.

Ansonsten erfährt man einiges über das Aufwachsen und Leben in Ostdeutschland. Besonders interessant und amüsant fand ich, zu lesen, dass man den Mauerfall durchaus auch verschlafen konnte. Klar, während man heute wohl nicht durch die Schule kommt, ohne sich das geschichtsträchtige Datum merken zu müssen, war damals der Vorabend des großen Ereignisses noch ein Datum wie jeder andere. 😀

Nett fand ich auch zu lesen, wie Katy Buchholz vom Treffen mit einer befreundeten Autorin und von ihrer ersten Lesung, bei der sie als Zuhöhrerin anwesend war, erzählt. Da ich selbst auch schreibe, finde ich es immer spannend, Einblicke in das Leben anderer Schreiber*innen zu erhalten.

Der Stil ist noch nicht ganz ausgereift, klingt manchmal holprig, doch da das Buch ja, wie oben erwähnt, eher das Gefühl einer persönlichen Gesprächssituation vermittelt, störte mich das nicht zu sehr. Ich hatte Spaß dabei, mich einmal auf so eine Weise einem Menschen zu nähren, ein wenig passt es dazu, dass ich ja auch sehr gerne Blogs im Internet lese, in denen Menschen einfach Gedanken, Erinnerungen und Eindrücke mit anderen Teilen, ohne sich thematisch und strukturell zu großer Einschränkungen zu unterwerfen, auch wenn Eier von überglücklichen Hühnern natürlich andere Inhalte hat, als die meisten modernen Blogs.

Autorin: Katy Buchholz
Verlag: Karina-Verlag
Seiten: 140
Erstauflage: Januar 2016
ISBN-10: 3903056723
ISBN-13: 978-3903056725

 

Ich danke Katy Buchholz für das Zur-Verfügung-Stellen eines Rezensionsexemplares!

Krimis und Thriller

Rezension: The Collector

Frederick Clegg hat die Kunststudentin Miranda schon lange beobachtet, und es immer, wenn er sie traf, säuberlich in seinem Notizbuch notiert, das er sonst benutzt, um seine Schmetterlingsbeobachtungen zu notieren. Auf die Idee, die Anziehungskraft, die sie auf Grund ihrer Schönheit auf ihn ausübt, als Handlungsanreiz zu sehen, kommt er zunächst nicht. Als er jedoch überraschend eine große Menge Geld gewinnt, nimmt er die Gelegenheit war, sich ein neues, abgelegenes Haus zu kaufen, einen ausbruchssicheren Kellerraum einzurichten, und dann dauert es auch schon nicht mehr lange, bis Miranda zu seinem „Gast“ wird …

the collector

Heute ist das Konzept schon gar kein so ausgefallenes mehr: ein Thriller, der sowohl aus der Sicht des Opfers als auch der des Täters erzählt wird. Was hier jedoch auffällt, ist, dass schon im ersten Teil, der die Sichtweise des Täters behandelt, die Geschichte (fast) zu Ende erzählt wird, und der zweite dann wieder ganz von vorne beginnt, sodass man quasi die selbe Geschichte zweimal liest. Klingt langweilig, ist es aber nicht! Schließlich bieten sich genug Diskrepanzen in den beiden Erzählungen, und genug Eigenheiten der Hauptpersonen, um beide Teile gleichermaßen faszinierend zu halten.

Wer wie ich schon fast süchtig nach Krimiserien und -Büchern ist, und von daher schon unzählige Entführungen „beobachten“ konnte, kann Frederick Clegg als Täter zunächst schnell einordnen: er ist einer dieser ordentlichen, reinlichen Männer, die mit sanfter Stimme sprechen, keine bösen Worte dulden, in Konfrontationen den Blickkontrakt unterbrochen, und im Großen und Ganzen sehr freundlich sind – davon abgesehen, dass sie einen Hang für die Entführung junger Mädchen haben. So weit, so creepy. Nun hält er also die Kunststudentin in einer Kammer in seinem Keller gefangen und schnell stellt sich die Frage, was er eigentlich mit ihr vorhat. Er kauft ihr, was sie sich wünscht, kocht für sie, unterhält sich mit ihr, würde fast alles, für sie tun, außer natürlich, sie gehen zu lassen. Er liebt sie nämlich. Gegen solche großen Gefühle kann man schwer etwas tun, doch Miranda gibt nicht auf und versucht auf immer wieder andere Weisen, ihre Beziehung, ihr „Zusammenleben“, in eine solche Richtung zu lenken, dass er ihr die Freiheit ermöglicht. Mal ist sie unterwürfig, mal arrogant, mal freundschaftlich. Als ihr schließlich eine, wie sie glaubt, geniale Idee gekommen ist, ihm zu geben, was sie glaubt dass er möchte, und so ihr Verhältnis zum Positiven zu verändern, merkt sie zu spät, dass das ein Schritt in die falsche Richtung war …

Die zweite Hälfte des Buches, die aus dem Tagebuch besteht, das Miranda während ihrer Gefangenschaft heimlich führt, ermöglicht den Lesenden, ihre Sicht der Situationen kennen zu lernen, ihre Motivationen für Handlungen zu lesen, die Clegg vielleicht ganz anders deutete, aber auch, zu hinterfragen, wer von beiden „die“ Wahrheit (oder auch: ein bisschen mehr Wahrheit) erzählt. Auch bieten Miranda die langen monotonen Tage Gelegenheit, über ihr bisheriges Leben zu reflektieren. Ein zentrales Thema hier ist ihre ungleichgewichtige Freundschaft zu einem älteren Künstler, der sie in all ihrem Denken und Tun prägte. Nun, während sie Zeit hat, so viel nachzudenken, kommt sie zu der Gelegenheit (so seltsam es sich anfühlen mag, eine Entführung als eine „Gelegenheit“ in auch nur irgendeinem Sinne zu bezeichnen), über diese Beziehung nachzudenken und sich klar zu machen, wie viel von ihr sie selbst und wie viel G.P. ist. In ihrem immer verzweifelter werdenden Überlebenswillen und Drang nach Freiheit schmiedet sie viele Pläne, wie sie mit diesem und anderen Aspekten ihres Lebens umgehen wird, wenn sie nur entkommt. Auf diese Weise kann man ihr also ein wenig beim Erwachsenwerden zusehen – auch wenn ich natürlich keineswegs ein fensterloses Kellerversteck als den ultimativ besten Ort, heranzureifen, empfehlen möchte.

Während also das Konzept des Thrillers heute wohl nicht mehr so neu ist, und er auch nicht so viel an actionreicher Handlung bereit hält, wie man es vielleicht gewohnt ist, fand ich The Collector wirklich spannend und sehr, sehr interessant zu lesen. Es ist faszinierend, sich Stück für Stück ein Bild der Psyche der beiden Protagonisten zusammen zu basteln, ihre Aussagen übereinander zu vergleichen, oder auf die Suche nach Ereignissen zu gehen, die der eine verschweigt und die andere hervorhebt oder umgekehrt.

Die Ausgabe auf dem Foto ist nur noch gebraucht erhältlich, die Angaben beziehen sich auf diese. Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Der Sammler erschienen.

Autor: John Fowles
Verlag: Vintage Classics
Seiten: 288
Erstauflage: 1963
ISBN: 0099470470
ISBN-13: 978-0099470472
Auch für den Kindle erhältlich.

 

Historisches · Liebesromane

Rezension: Robin und Jennifer

Um die Jahrhundertwende herum wachsen zwei Mädchen an zwei enorm unterschiedlichen Orten auf: Robin im konservativen Bad Cannstatt und Jennifer im modernen Paris inmitten von Künstlern und anderen exzentrischen Persönlichkeiten. Während Robin, die sich für die Frauenemanzipation interessiert, am liebsten Männerkleidung trägt und studieren möchte, in ihrer Homosexualität zunächst eine Krankheit und Sünde sieht, und versucht, ihre Gefühle zu verdrängen und zu unterdrücken, hat Jennifer schon früh ein Verhältnis mit ihrer Klavierlehrerin, und findet es von vorneherein relativ unproblematisch, eine Lesbe zu sein. Als die beiden sich schließlich auf dem Monte Verità, auf dem sich Künstler, Lebensreformer und allerlei andere alternative Menschen eingerichtet haben, kennen lernen, treffen zwei grundverschieden geprägte junge Frauen aufeinander.

robin und jennifer

Zunächst, um sämtliche Erwartungen, die Titel und Titelbild aufwerfen, gleich wieder zu entkräften: die eigentliche Geschichte um das, was zwischen Robin und Jennifer entsteht, nimmt nur den hinteren Teil des Buches, vielleicht das letzte Drittel ein. Davor ist das Buch weniger eine Romanze, als eine coming-of-age Geschichte zweier Mädchen, die in verschiedenen Lebensumständen mit unterschiedlichen Problemen, familiären Konflikten und Gefühlen, die von dem, was normalisiert ist, abweichen, zurechtkommen müssen.

Immer im Wechsel werden die Erlebnisse der beiden erzählt. Robin gerät immer wieder mit ihrer konservativen Tante aneinander, muss ihre „un-weiblichen“ Interessen und Ambitionen rechtfertigen und kämpft mit ihren Gefühlen für eine Klassenkameradin. Jennifer hingegen ist zwar nicht so sehr gezwungen, ihre Sexualität zu verstecken, doch ist ihr Stiefvater, der sie wahlweise mit einem „echten arischen Mann“ verheiraten oder ihr selbst an die Wäsche möchte, ein ständiger Konfliktpunkt.

Der Schreibstil ist gefühlvoll, aber nicht kitschig und die meisten Charaktere sind lebendig und dreidimensional. Es wechseln sich Gespräche, und andere Elemente, die die Handlung vorantreiben, mit Passagen ab, in denen einfach nur die Umgebung beschrieben wird, was mich immer freut, da ich mir gerne Beschreibungen durchlese. Besonders gefiel mir auch, dass durch die verschiedenen Schauplätze ein vielfältiges Bild des beginnenden 20. Jahrhunderts entworfen wurde. Von so diversen Themen wie dem Kampf um Frauenrechte und der Entstehung des Ausdruckstanzes bekommt man interessante historische Informationen und Einblicke.

Ich kann das Buch also sowohl Leuten empfehlen, die gerne historische Romane über diese Zeit lesen, als auch Liebhaber*innen von Liebesgeschichten.

Für Inhalts-/Triggerwarnungen hier markieren: Eine relativ ausführlich beschriebene versuchte Vergewaltigung sowie mehrere „harmlosere“ Instanzen sexueller Belästigung.

Autorin: Elke Weigel
Verlag: Konkursbuch-Verlag
Seiten: 323
Erstauflage: 2014
ISBN: 3887697383
ISBN-13: 978-3887697389
Auch für den Kindle und im epub-Format erhältlich.

Lyrik

Rezension: For Your Safety Please Hold On

Mir ist aufgefallen, dass ich hier noch nie etwas über eine bestimmte Gattung geschrieben habe, die mir eigentlich sehr viel bedeutet, nämlich die Lyrik. Dem wirkt dieser Eintrag entgegen, und da ich in letzter Zeit auch viele Gedichte und Gedichtbände lese, kann ich vielleicht auch bald mehr Empfehlungen (oder Anti-Empfehlungen) aussprechen.

czaga - for your safetyDieser dünne Band, For Your Safety Please Hold On, ist das erste Buch der jungen kanadischen Poetin Kayla Czaga. Ein vorherrschendes Thema ist die Familie, so besteht fast die erste Hälfte des Buches nur aus Portraits diverser Familienmitglieder. Kayla Czaga erzählt von ihren Eltern, von der Krankheit und dem Tod ihrer Mutter, ihrem und dem Umgang ihres Vaters mit der Trauer. Auch Tanten, Onkel und Großeltern werden so schonungslos und lebendig beschrieben, dass man fast denkt, die bunte Familie persönlich zu kennen.

Danach widmet sich das Buch diversen Themen, dem Erwachsenwerden, der Liebe, der Angst, und es erzählt davon, ein Mädchen/eine Frau zu sein. Alles ist durchzogen von Nostalgie, die Autorin erinnert sich oft an ihre Kindheit zurück, an ihre Schulzeit und anderes.

Ein Favorit meinerseits ist das letzte und längste Gedicht, Many Metaphorical Birds. Es dreht sich um Heideggers Sein und Zeit, Philosophie, Schlussmachen, Kommunikation und den Unterschied zwischen Cafés und Coffee Shops.

greatly i have coffeed

Kayla Czagas Gedichte reimen sich nicht, sie bestehen oft aus langen Sätzen und Strophen, zumeist in recht alltäglicher Sprache, doch mit ausgefallenen Metaphern und Verknüpfungen.

Ich kann diese Gedichte jedem ans Herz legen, der gerne zeitgenössische Lyrik liest und sich zumindest ein wenig für die erwähnten Themen interessiert.

Autorin: Kayla Czaga
Verlag: Nightwood Editions
Seiten: 96
Erstauflage: 2014
ISBN: 978-0-88971-303-1
Auch für den Kindle erhältlich.

Dramatisches · Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Blühender Lavendel

Das Buch stellt zwei Charaktere vor, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Da ist Herbert Krull, ein penibler Buchhalter in den Fünfzigern, der sich an Ritualen durch seine durchorganisierten Tage hangelt, und der, abgesehen von der Trauer um seine vor fünf Jahren verstorbene Mutter, mit Sozialkontakten nicht viel am Hut hat. Außerdem gibt es Simone Allemann, deren Freund sich vor kurzem von ihr getrennt hat, und die nun zwischen Wut, Eifersucht und Erleichterung versucht, mit diesem Bruch in ihrem Leben fertig zu werden. Abgesehen davon, dass sie beide bei der selben Firma arbeiten, verbindet sie nichts, und als ihre Leben auf unvorhergesehene Weise aufeinandertreffen ist es schon zu spät …

Seit zwei Stunden saß er nun da und wusste nicht, was als Nächstes zu tun war. Sein geregelter Tagesablauf war aus den Fugen geraten. Er hatte keine Ahnung, wie er an sein vorheriges Leben anknüpfen sollte. Die einfachsten Dinge, wie etwa sich unter die Dusche zu stellen und zu waschen, waren zu einer Herausforderung geworden. Die Automatismen trivialer Tätigkeiten waren wie weggeblasen.
S.50

Abgesehen von den Widrigkeiten des Alltags dreht sich Blühender Lavendel hauptsächlich um die Bewältigung von Schicksalsschlägen in der Kindheit am Beispiel des Herbert Krull. Während er selbst ein positives Bild von seiner Kindheit hat, erfährt man, dass seine Schwestern die Vergangenheit ganz anders sehen, was ein Grund dafür ist, warum er den Kontakt zu ihnen abgebrochen hat. Nach und nach, durch Gespräche mit seinen Schwestern und zunächst noch unerklärliche Träume drängt sich auch Herbert der Gedanke auf, dass er einige Erinnerungen verdrängt hat. Für jeden, der schon psychologische Spannungsromane gelesen hat und/oder gezwungen war sich mit Freud zu befassen, gibt es keine großartig überraschenden Plottwists oder nie-zuvor-dagewesene Erkenntnisse, was jedoch nichts daran ändert, dass das Buch einen nicht zu leugnenden Sog entfaltet. Während das recht dünne Buch nicht viele Seiten bietet, in die Tiefe zu gehen und die Aufarbeitung der Vergangenheit mit Ruhe und Realismus zu behandeln, wird gerade dadurch, dass alles Schlag auf Schlag von Statten geht ein rasches Tempo in das Buch gebracht, das bei mir dazu führte, dass ich die Geschichte in einem Rutsch durchlaß. Obwohl ich der Maxime „show, don’t tell“ generell skeptisch gegenüber stehe, hätte das diesem Buch vielleicht gut getan, so hatte ich oft den Eindruck, dass die Charaktere weniger sorgfältig entwickelte Personen, als Aneinanderreihungen von Symptomen (in Krulls Fall) oder Klischees einer Frau in einer Midlife-Crisis (wie Simone) waren. Doch dieser karikaturenhaft überzeichnende Schreibstil was die Charakterisierung von Figuren betrifft wartete auch mit Sätzen auf, die mich lächeln und nicken ließen, weils sie einfach so akkurat waren. So heißt es über Simones Exfreund: „Jeden Morgen hatte sich Robert über ihre Lektüre lustig gemacht. Er selbst steckte die Nase in eine niveauvolle Tageszeitung, denn er war der Ansicht, eine einfache Zeitung würde nicht die Informationen bieten, die er für seine Tätigkeit als Anlageberater benötigte. Er wälzte den Börsen- und Wirtschaftsteil vor und zurück, schüttelte den Kopf, lächelte süffisant oder zog die Augenbrauen hoch.“ Solche Textstellen bieten die erfreuliche Gelegenheit, amüsiert an Menschen aus dem eigenen Leben mit ihren unsympathischen Marotten zu denken und zu grinsen.
Schade fand ich, dass doch recht oft auf Männer- und Frauenklischees zurückgegriffen wurde. Auch der Schreibstil ist teilweise noch etwas stockend und unbeholfen, was dann aber zu amüsanten Zusammenhängen führt „[Chris] hatte noch keine Zeit gehabt, zu frühstücken. Dasselbe galt für seine Kleidung“. 😀

Alles in allem ist Barbara Hagmanns Erstling aber ein spannender und unterhaltsamer Roman, den man an einem faulen Nachmittag im Bett quasi „am Stück“ verschlingen kann! 🙂

Obwohl ich ja die Kategorie „Oberflächliches“ in meinen Rezensionen weggelassen habe, möchte ich hier noch mal darauf eingehen, dass ich das Buch zum Anschauen und auch Anfassen als Genuss empfand! Das Coverbild beschwört eine passend beklemmende Atmosphäre hinauf, das matte Glänzen und die eingestanzten Worte des Titels wirken richtig edel; außerdem ist die Schutzhülle leicht rau, was sehr angenehm in der Hand liegt.

Autorin: Barbara Hagmann
Verlag: Riverfield
Seiten: 240
Erstauflage: August 2015
ISBN-10: 3952446378
ISBN-13: 978-3952446379
Auch im ePub-Format und für den Kindle erhältlich!

Ich danke dem Riverfield-Verlag für das Zur-Verfügung-Stellen eines Rezensionsexemplares!