Fantasy · Jugendbücher

Rezension: Fürchte nicht das tiefe blaue Meer

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Seitdem ihre Eltern, beide Künstler, zu einer Reise nach Paris aufgebrochen sind, leben Violet und ihr Bruder Luke alleine. Da ihre Villa namens Citizen Kane durchaus schon bessere Zeiten gesehen hat, doch das Geld kaum für den täglichen Bedarf an Nahrungsmitteln genügt, geschweige denn für Reperaturen, beschließt Violet, einen Untermieter aufzunehmen. Als River West auftaucht, verändert sich nicht nur ihr Leben, sondern das der gesamten Kleinstadt. Ein Mann bringt sich auf offener Straße um. Kinder verschwinden. Andere Kinder belagern den Friedhof und behaupten, den Teufel gesichtet zu haben. Für Violet stellt sich die Frage, ob River, an den sie schnell ihr Herz verloren hat, vielleicht die Ursache all dessen sein könnte …

Young Adult Fantasy ist ein Genre, bei dem ich so zwischen Ja, bitte! und Urks, aber doch bitte nicht so! schwanke. Mit Freuden kann ich verkünden, dass ich bei diesem Buch hauptsächlich Tendenzen zu erster Reaktion hatte. Ich kann nicht abstreiten, dass die Charaktere in die für Jugendbücher typischen Klischees fallen: Violet als die ruhige, belesene „nicht so wie die anderen Mädchen“-Hauptperson, River ist der mysteriöse, attraktive und faszinierende Fremde mit dunklem Geheimnis, und Violets beste (und einzige) Freundin Sunshine Black (ähm. ja. ich denke mir das nicht aus!) ist fokussiert auf Äußerlichkeiten und die Anerkennung durch Jungs.
Was, dieses Thema betreffend, das Buch aber aus der Masse des beliebten Genres heraushebt, ist der erstaunlich geringe Anteil an Verurteilung. Ich habe den Eindruck, dass viele Jugendbücher davon leben, dass die Hauptfigur sämtlichen Mitmenschen gegenüber enorm herablassend eingestellt ist und ihren inneren Monolog ständig mit verächtlichen Bemerkungen spickt, die wohl sarkastisch und lustig sein sollen, aber in der Regel doch eher von einem mangelnden Respekt vor Leuten, die ihr Leben auf eine andere Weise führen, zeugt. Hier ist Violet zwar an einigen Stellen genervt, wenn Sunshine und Luke ständig flirten, und ja, eine gewisse Überheblichkeit kann man auch ihr nicht absprechen, doch im Großen und Ganzen merkt man ihre Zuneigung zu ihrem Bruder und ihrer Freundin, trotz der Unterschiede. Ebenfalls positiv ist, dass River tatsächlich nett zu Violet ist, ihr Zuneigung zeigt und es so verständlich macht, dass sie sich in ihn verliebt. Viel zu oft lese ich gerade in Jugendbüchern von zwei Charakteren die sich die ganze Zeit beleidigen und augenscheinlich keine zehn Sekunden im gleichen Raum verbringen können, ohne dass Gefahr besteht, dass einer von beiden einen Mord begeht. „Was sich liebt das neckt sich“ in allen ehren, die meisten YA-Fantasy-Romanzen überschreiten in dieser Hinsicht die Grenzen jeglicher Glaubwürdigkeit.

Die Kritikpunkte, die ich anzumerken habe, sind eigentlich fast schon Standards des Genres: irgendwann wurde mir die Gefühlsduselei doch zu viel, diese Intensität der großen, wahren Liebe, wenn man sich erst mal ein paar Tage kennt. Außerdem weiß ich noch nicht ganz, ob ich das unglaubwürdig oder einfach bedenkenswert finden soll, aber: wenn ich gegen eine*n potentielle*n Partner*in solche Verdächte hege wie Violet im Laufe der Handlung gegen River, dann wäre bei mir schnell Schluss mit „aber ich bin ja so verliebt“! Auch war mir einiges, gerade gegen Ende, viel zu dramatisch geschrieben – es ist ja schwer, nicht ins Lächerliche abzurutschen, und ich fürchte, meine Schmerzgrenze ist da oft etwas niedrig.

Alles in allem habe ich mich aber durchweg gut unterhalten gefühlt. Fantasy Romance ist ein Genre, um das ich eigentlich einen Bogen mache, aber hier hat mich das Cover irgendwie angezogen, und ich bereue nicht, mal wieder mein Glück probiert zu haben. Das Rad wurde nicht neu erfunden, doch die Handlung bleibt unterhaltsam – und dass ständig so von Kaffee geschwärmt wird macht ein Buch für mich dann gleich noch sympathischer! 😀

Für Leute wie mich, die eh nur ab und zu zögerlich in das Genre reinspickeln keine unbedingte Leseempfehlung, aber wer solche Bücher sowieso mag, sollte mit diesem kurzweiligen Roman nicht enttäuscht werden. Auf Englisch gibt es auch einen zweiten Band – Between the Spark and the Burn – der aber nicht auf Deutsch erschienen ist.

Autorin: April Genevieve Tucholke | Übersetzerin: Anja Galić
Originaltitel: Between the Devil and the Deep Blue Sea
Seiten: 384
Verlag: cbt
Erstauflage: August 2013 | Deutsche Erstauflage: September 2013
ISBN-10: 3570308847
ISBN-13: 978-3570308844
Auch im epub-Format und für den Kindle erhältlich!

[Sonstiges Buchbezogenes]

Montagsfrage: Lieblingsbuch aus Lieblingsgenre

98eb5-montagsfrage_bannerWelches Buch würdest du jemandem empfehlen, der zum ersten Mal ein von dir favorisiertes Genre liest?
(Antworten anderer Blogs: hier!)

Da ich nicht wirklich Lieblingsgenres habe, nutze ich hier die Gunst der Stunde, ein von mir geliebtes genre-übergreifendes „Genre“ zu propagieren: Bücher, die zumindest teilweise in Museen spielen. (Wenn ihr zu dieser Art von Lektüre Vorschläge habt – immer her damit!)

Hier würde ich dann Relic (deutsch: Das Relikt – Museum der Angst) von Douglas Preston und Lincoln Child empfehlen.
Es ist der erste Band der Serie um den Special Agent Aloysius Pendergast, der so außergewöhnlich ist, wie sein Name. Und obwohl er ab und an (oder immer) enervierend perfekt ist, stört das gar nicht so sehr – fiktive Charaktere dürfen für mich ruhig mal larger than life sein, und er bleibt für mich dennoch ein Protagonist, den ich gerne lese.

Das Buch spielt im New Yorker Museum of Natural History, kurz vor der Eröffnung einer Ausstellung zum Thema Aberglauben. Grausame Morde an Besuchern und Mitarbeitern beschwören Horrorvorstellungen von Monstern, oder möchte doch jemand die Ausstellung sabotieren? Niemand fühlt sich mehr sicher, und obwohl das Team aus Polizisten und Wissenschaftlern der Lösung des Rätsels nur unwesentlich näher kommt, weigert die Museumsleitung sich, die Ausstellungseröffnung zu verschieben oder abzusagen. Wie kann es anders sein: am großen Abend kommt es zum nervenzerfetzenden Showdown …

Was soll ich sagen? Obwohl die Bücher von Preston und Child so einiges haben, was ich ansonsten nur schwer abkann – oft klischeehafte Charaktere, viel Blut und Gemetzel, Vorurteile in puncto Wildheit und Zivilisation, um nur ein paar Beispiele zu nennen – verschlinge ich sie geradezu. Sie machen mir einfach unglaublichen Spaß! Die Schauplätze führen oft in die entlegensten Winkel der Erde, es geht um Dinosaurierskelette, untergegangene Kulturen, ausgestorbene Tiere. Und all das oft mit „wissenschaftlichen“ Erklärungen, die Laien wie mir nahezu glaubwürdig erscheinen.

Alles in allem sind Preston/Child-Bücher für mich einfach etwas zum Entspannen – allerdings eher angespanntes Entspannen, denn fesselnd sind sie alle mal, und man weiß nie, welche Wendung gleich wieder alle vorherigen Interpretationen über den Haufen schmeißen wird.

preston and child

 

Krimis und Thriller · Mystery

Rezension: Das Geheimnis des Schmerzes

Traveler DC 120Das Geheimnis des Schmerzes ist der 11. Band von Rickmans Reihe um Merrily Watkins, die eine doch recht außergewöhnliche Hauptfigur für eine Mystery-Serie darstellt. Sie ist nämlich Pfarrerin und außerdem „Beraterin für spirituelle Grenzfragen“ ihrer Diözese, was im Endeffekt ein auf modern getrimmter Name für den Exorzistenberuf ist. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich in dieser Reihe oft Wirklichkeit mit Geschehnissen, die man nicht ganz einordnen kann, vermischt. Oft wird der Leser mit dem unbehaglichen Gefühl von „Kann es wirklich sein, dass…?“ zurückgelassen.

Wer schon einige Bände kennt, wird sich schnell wieder in die enge – manchmal beengende – Dorfgemeinschaft von Ledwardine einleben, doch auch Neueinsteiger in Rickmans Reihe dürften sich nach einigen Kapiteln recht gut zurechtfinden. Ich finde es immer wieder schön, die bekannten Charaktere wieder zu treffen, wie Lol, den unsicheren und liebenswerten Folkmusiker, und Jane, Merrilys Tochter, mit ihrem ausgeprägten Interesse für Archäologie und Naturreligionen.

In diesem Band geht es gleich um mehrere brisante Themen: Es beginnt mit einem Mord an einem alteingesessenen Bauer, der zunächst Gastarbeitern in die Schuhe geschoben wird, was zu einem Aufschwung fremdenfeindlicher Bewegungen führt. Außerdem ist ein nicht unwichtiger Schauplatz ein SAS-Übungsplatz, und es werden Fragen aufgeworfen, in wie fern sich die harte militärische Ausbildung sowie die Einsätze auf die Psyche der Ex-Soldaten auswirken könnten.

Natürlich geht es auch, wie gewohnt, um zweifelhaften Umgang mit Religion und Spiritualität, und die Schwierigkeiten kleiner Dörfer in immer moderneren Zeiten – eben das, was man von einem Watkins-Thriller erwartet.

Auch wenn das Buch für mich nicht das beste der Serie war, habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Der auf der Rückseite angepriesene „Pageturner“-Effekt kam bei mir erst gegen Ende auf, doch auch davor war ich wie so häufig fasziniert davon, wie gut es Phil Rickman gelingt, diese beklemmende Atmosphäre eines Dorfes mit alten Hierarchien, in denen jeder irgendwie mit jedem zusammenhängt, darzustellen. Dieser Zwiespalt, zwischen denen, die alles am liebsten lassen würden, wie es ist, und denen, die alles tun würden, um das kleine Dorf wirtschaftlich tragbarer zu machen, ist wirklich spannend.

Was mir ein wenig zu kurz kam, war Merrily als Person – zwar gibt es inzwischen schon einige Charaktere, die man als Hauptfiguren sehen kann, doch sie ist es ja, aus der die Serie entstand, und sie ist auch eine wirklich interessante Persönlichkeit, weshalb ich mir noch mehr Kapitel, die sich ihr widmen, gewünscht hätte.

Alles in allem spreche ich für das Buch aber guten Gewissens eine Empfehlung aus – für Fans der Serie ein Muss, und mag es auch für Neueinsteiger nicht die allerbeste Wahl sein, so wird man auf keinen Fall abgeschreckt! Es enthält alles Wichtige eines typischen Merrily-Watkins-Mysterys und bietet einige spannende Lesestunden für Fans außergewöhnlicher Thriller. Wie sich in diesen Büchern Mythologie, Historie, Lokalpolitik und Religion vermischen ist immer wieder ein interessantes Leseerlebnis!

Autor: Phil Rickman | Übersetzerin: Nicole Seifert
Originaltitel: The Secrets of Pain
Verlag: rororo
Erstauflage: 2011 | Deutsche Erstausgabe: 2014
ISBN-10: 3499258277
ISBN-13: 978-3499258275

Traveler DC 120

Liebesromane · Mystery

[Rezension] „Die Augen des Schmetterlings“ von Federica de Cesco

Traveler DC 120

Autorin: Federica de Cesco
Verlag: Blanvalet
ISBN-10: 3442367506
ISBN-13: 978-3442367504
Seiten: 510

Handlung: Mit dem Ziel, Modedesignerin zu werden, zieht es die Finnin Agneta nach Tokio, auf das Bunka Fashion College. Dort lernt sie rasch die wunderschöne, aber undurchsichtige Lumina kennen. In deren Onkel, Dan, verliebt sie sich dann auch. Ihr neues Leben in Japan könnte alles in allem ziemlich schön sein, doch in der Vergangenheit lauern düstere Geheimnisse, die auf die Gegenwart übergreifen. Da wären zum Beispiel Luminas Großmutter, die sie in Visionen verfolgt, und Agnetas Bruder, der in ihrer Kindheit ertrunken ist, aber heute noch in ihrem Kopf mit ihr spricht…

Oberflächliches: Mit den zarten Blautönen und den vielen Schmetterlingen sieht der Einband schön verträumt und leicht aus. Bei der abgebildeten Frau tritt bei mir – wie fast immer – das Problem auf, dass ich mir die Protagonisten grundsätzlich anders Vorstelle, als die Personen auf den Covers, doch das ist ja wohl Geschmackssache. 😉 Alles in allem finde ich das Titelbild wirklich gelungen.

Zitat de CescoDas Buch war in vielerlei Hinsicht anders und damit auch besser, als ich es erwartet hatte. Die Kurzbeschreibung sowie das Versprechen „Große Frauenunterhaltun!“ weckten in mir die Erwartung einer recht typischen Liebesgeschichte an einem etwas außergewöhnlicheren Schauplatz, ich rechnete mit sehr simpler, leichter Frühlingslektüre.
Tatsächlich und zu meiner großen Freude ist es aber gar nicht die Romanze, die den Hauptteil der Handlung einnimmt. Stattdessen entfaltet sich eine Mystery-Geschichte, die schon Generationen zurückreicht, und in der sich die Historie und Mythologie von Japan und den finnischen Samen begegnen und vermischen.
Außerdem geht es um Menschen, die schreckliche Dinge vergessen, verdrängen und unterdrücken; die schlecht Handeln, ohne es zu wissen oder zu wollen. Der Kurzbiographie der Autorin entnahm ich, dass sie Psychologie studiert hat, und ich finde, das merkt man an diesen Aspekten sehr gut.
Oft weiß man nicht, was wirklich übernatürliche Elemente im realen Leben sind, und was nur in den Gehirnen der Protagonisten vor sich geht, und darum wirklich wird.
Auch den Schreibstil genoss ich sehr, besonders, wenn verschiedene Gegenden Tokios oder die finnischen Landschaften aus Agnetas Kindheit beschrieben wurden. Der bildhafte Stil erzeugt sofort Atmosphäre, war für mich nur manchmal ein wenig zu überladen.
Schön fand ich auch, dass man Einiges über andere Kulturen erfährt, wie die Sagenwelt der Samen, die Traditionen des Kabuki-Theaters, Episoden aus der Geschichte der Samurai…
Die gefühlvollen Szenen rutschten mir oft zu sehr ins Melodramatische ab, doch da es für mich selten emotionale Bücher gibt, die ich nicht als melodramatisch empfinde, sollte das auch niemanden abschrecken.
Ansonsten störten mich nur Kleinigkeiten, die anderen vermutlich gar nicht auffallen: so empfand ich es zum Beispiel als störend, wenn Dinge, die Agneta als Ich-Erzählerin nicht miterlebt hatte, allzu detailliert erzählt wurden, gerade so, als wäre sie dabei gewesen, was mir zu unlogisch/unmöglich war. Außerdem gab es einige allzu klischeehafte Sätze über Männer und Frauen und wie diese sich verhalten, aber dem kann man ja leider so gut wie nie entkommen…
Generell war ich von meinem Leseerlebnis aber positiv überrascht und empfehle das Buch auch gerne weiter!

Für wen? Leute, die ein überzeugendes Mittelding zwischen „zu nervenzerreissend spannend“ und „zu kitschig“ suchen; Menschen, die sich für Japan interessieren; Genusssüchtige, die gerne in blumigen Schreibstilen schwelgen.