Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Aliide, Aliide

cam00869

Obskur, komplex, bedrückend – das sind drei Worte, mit denen man Aliide, Aliide von Mare Kandre beschreiben könnte. Viel über den Inhalt würde das nicht verraten, doch das tut auch das Buch selbst nicht. Es erzählt die Geschichte von Aliide, einem schwedischen Mädchen, das in Übersee aufgewachsen ist, und sich nun wieder in Schweden einfinden muss – das Land gefällt ihr jedoch nicht, vor allem die Sprache scheint ihr dem Englischen gegenüber unbehaglich und wenig aussagekräftig: „jedes Wort [war] matt und hart wie ein grauer, gewöhnlicher Stein, und mit diesen Wörtern im Mund pflanzte sich die Schwere im restlichen Körper wieder fort, der sich deswegen wieder komisch anfühlte, schwer und plump.“

Aliide hat wenige Freunde. Die meiste Zeit verbringt sie mit K, einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Die beiden könnten gegensätzlicher nicht sein. Während Aliide wild und mutig ist und auch mal vorlaut sein kann, ist K eher brav, sauber und ordentlich. Dennoch verstehen sie sich gut, bis es Aliide immer schlechter geht und sie sich immer weniger unter Kontrolle hat. Denn eines Tages, durch nur grob umschriebene Ereignisse, beginnen, verdrängte Erinnerungen in ihr wieder hoch zu kommen, die Allides Verhältnis zu sich selbst und ihrer Umwelt komplett auf den Kopf stellen.

Die Welt, die man immer durch ihre Augen sieht und in ihren Worten erlebt ist von da an durchtränkt von einem Gefühl von Furcht und Bedrohung. Sie entwickelt einen Ekel vor sich selbst, vor anderen, vor allem Körperlichen, der sie zu reinigenden und letztendlich nutzlosen Ritualen treibt. Am Schlimmsten ist, dass sie mit niemandem darüber reden kann. Obwohl sie oft verzweifelt um Hilfe bitten möchte, ist wieder und wieder ihre Überzeugung stärker, ihre Eltern vor den Schlechten Dingen in ihr und in der Welt beschützen zu müssen. In ihrem Drang, die heile Welt nicht zu zerstören, schweigt sie also, und leidet.

„Dass man da sitzen und sterben konnte, umgeben von seinen eigenen Familienmitgliedern, tief im Innern fürchterlich verletzt, von Schmerz und Angst fast zugrundegerichtet, ohne dass es denen überhaupt auffiel, dass man das so vollständig verbergen konnte. Dass man damit allein war. Mutterseelenallein musste man das mit sich herumtragen!“

Das Buch ist in einem unglaublich dichten Schreibstil geschrieben. Reale Ereignisse gehen in Träume über, Beobachtetes in Gefühltes. Und wie der Stil den Inhalt verbirgt, so ist der Grund für Aliides Leiden vor ihr selbst verborgen. Weil ein Kind dafür noch keine Worte hat und auch nicht brauchen sollte.

Aliide, Aliide ist ein beeindruckendes Buch. Beim Lesen zwischenzeitlich so eindrücklich, dass ich es kurz bei Seite legen musste, um durchzuatmen, möchte ich es doch noch viele Male lesen, um all die Sätze, mit denen der wort- und hilflose Schrecken eines Kindheitstraumas so gut es geht verbalisiert wird, würdigen zu können. Leichte Kost ist etwas anderes, dennoch empfehle ich es uneingeschränkt allen, die sich auch an schwere Themen wagen. Kindheit ist hier kein Paradies der Geborgenheit, sondern eine Hölle, aus der man nicht entkommen kann, weil man sie in sich trägt.

cam00866

Autorin: Mare Kandre | Übersetzerin: Isabelle Wagner
Verlag: Septime
Seiten: 400
ISBN-10: 3902711485
ISBN-13: 978-3902711489

Diese Rezension wurde zuerst als Gastrezension auf Bibliophilin.de veröffentlicht.

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Jugendbücher · Liebesromane

Rezension: Als ob nichts wäre

als obEin wenig komisch fühlt Elin sich schon, als sie, nun, kurz nachdem sie die Schule wieder hinter sich hat, doch wieder das alte Schulgebäude betritt. Schon lange hat sie Gedichte und Prosa geschrieben, nun möchte sie in einem Kurs für Kreatives Schreiben mehr über dieses Handwerk lernen. Als sie unter den fremden Erwachsenen auch Paul, ihren Nachbar und auch noch Vater ihrer besten Freundin, vorfindet, weiß sie zunächst nicht, was sie von der Situation halten soll. Im Laufe des Kurses nähren sich die beiden sich zunächst freundschaftlich aneinander an, doch Elin beginnt schnell, auch romantische Gefühle für den Mann zu entwickeln, der ihr auch nicht gerade abgeneigt scheint.

Ich weiß plötzlich gar nichts mehr. Mein Kopf ist wie ein ausgeblasenes Osterei. Außen hübsch bemalt und innen völlig hohl.
S.99

Bücher über Beziehungen oder „Verliebtheiten“ (mir mangelt es an einem schönen Wort für Crushes) mit Altersunterschied haben mich schon immer sehr fasziniert. Es kommt dort zu ganz anderen Konflikten, als all dem, was man aus den gewohnten Jugendbuch-Romanzen kennt – auch wenn ich von diesen früher sehr viele gelesen habe (die „Freche Mädchen, freche Bücher“-Reihe habe ich geliebt!), letzten Endes finde ich die moralischen Fragen, die Heimlichkeit und andere Schwierigkeiten, die man in age gap Büchern findet, doch interessanter. Natürlich ist es ein schwieriges Thema, an das man mit Fingerspitzengefühl herangehen muss – gerade wenn ein Part des Paares noch minderjährig ist – und ich habe auch schon einige wirklich schlecht ausgeführte Beispiele gelesen, doch gebe ich meine Suche nach den Juwelen nicht auf.

Als ob nichts wäre ist, meiner Meinung nach ein richtig gut gelungener Roman. Dass die Annäherung Elins und Pauls in ihren Gesprächen über die selbstgeschriebenen Texte ihren Anfang nimmt, finde ich als Ausgangspunkt und gemeinsame Basis schön und überzeugend. Die Geschichte ist in Elins Worten erzählt, man bekommt ihre Gefühle also in den Worten einer jungen Schriftstellerin mit – oft blumig und überschwänglich und in dramatischen Metaphern, aber für den Charakter sehr überzeugend und angemessen.

Sie verliebt sich Hals über Kopf, und auch Paul empfindet für sie – jedoch bleibt die Frage, ob er für ein Mädchen seine langjährige Ehe aufs Spiel setzen möchte. Das ist nicht das einzige, was einer Beziehung zwischen den beiden im Wege stünde: Pauls Tochter Tessa ist immerhin Elins beste Freundin, doch da Elin ja nicht mit ihr über die Gefühle zu ihrem Vater sprechen kann, zieht sie sich immer mehr ins Schweigen zurück, wodurch das, was zwischen Elin und Paul ist, auch einen Keil in die Freundschaft der beiden Mädchen treibt. Auch (ver)zweifelt Elin daran, wie „pervers“ ihre Gefühle doch sind – „[…] wenn ich mir vorstelle, wie es wäre, plötzlich zu erfahren, dass Papa und Tessa dicht aneinander gepresst mit ihren Zungen im Mund des anderen herumwühlen, wird mir beinahe schlecht. Das ist doch krank. Altmännerfantasien.“ – kann sich gegen die überwältigende Verliebtheit aber dennoch nicht wehren.

Abgesehen von der Romanze geht es in diesem Buch auch um Zukunftsträume und Lebenspläne, besonders in Elin und ihrem Bruder. Während sie noch ein einem Süßwarengeschäft jobbt und nicht weiß, was sie für den Rest ihres Lebens tun möchte, weiß er das schon genau, nur hat er es noch nicht geschafft, aus der bedrückenden Familienatmosphäre auszubrechen.

Insgesamt ist Als ob nichts wäre ein empfehlenswertes Jugendbuch, dessen Protagonistin ihrer Situation mit einer überzeugenden Mischung aus Überschwang, Angst und (Selbst-)Zweifeln gegenüber tritt, und in dem es außer um romantische Liebe auch um Freundschaft, Familie und die Pubertät im Allgemeinen geht.

Autorin: Katarina von Bredow | Übersetzerin: Maike Dörries
Schwedischer Orignialtitel: Som om Ingenting
Verlag: Beltz & Gelberg
Seiten: 240
Erstauflage: 1999 in Schweden
ISBN-10: 3407788789
ISBN-13: 978-3407788788

Dieses Buch ist nicht mehr neu erhältich, aber da ich sowohl Büchereien als auch das Kaufen gebrauchter Bücher sehr befürworte, hielt mich das auch nicht vom Rezensieren ab.

Krimis und Thriller

Rezension: The Collector

Frederick Clegg hat die Kunststudentin Miranda schon lange beobachtet, und es immer, wenn er sie traf, säuberlich in seinem Notizbuch notiert, das er sonst benutzt, um seine Schmetterlingsbeobachtungen zu notieren. Auf die Idee, die Anziehungskraft, die sie auf Grund ihrer Schönheit auf ihn ausübt, als Handlungsanreiz zu sehen, kommt er zunächst nicht. Als er jedoch überraschend eine große Menge Geld gewinnt, nimmt er die Gelegenheit war, sich ein neues, abgelegenes Haus zu kaufen, einen ausbruchssicheren Kellerraum einzurichten, und dann dauert es auch schon nicht mehr lange, bis Miranda zu seinem „Gast“ wird …

the collector

Heute ist das Konzept schon gar kein so ausgefallenes mehr: ein Thriller, der sowohl aus der Sicht des Opfers als auch der des Täters erzählt wird. Was hier jedoch auffällt, ist, dass schon im ersten Teil, der die Sichtweise des Täters behandelt, die Geschichte (fast) zu Ende erzählt wird, und der zweite dann wieder ganz von vorne beginnt, sodass man quasi die selbe Geschichte zweimal liest. Klingt langweilig, ist es aber nicht! Schließlich bieten sich genug Diskrepanzen in den beiden Erzählungen, und genug Eigenheiten der Hauptpersonen, um beide Teile gleichermaßen faszinierend zu halten.

Wer wie ich schon fast süchtig nach Krimiserien und -Büchern ist, und von daher schon unzählige Entführungen „beobachten“ konnte, kann Frederick Clegg als Täter zunächst schnell einordnen: er ist einer dieser ordentlichen, reinlichen Männer, die mit sanfter Stimme sprechen, keine bösen Worte dulden, in Konfrontationen den Blickkontrakt unterbrochen, und im Großen und Ganzen sehr freundlich sind – davon abgesehen, dass sie einen Hang für die Entführung junger Mädchen haben. So weit, so creepy. Nun hält er also die Kunststudentin in einer Kammer in seinem Keller gefangen und schnell stellt sich die Frage, was er eigentlich mit ihr vorhat. Er kauft ihr, was sie sich wünscht, kocht für sie, unterhält sich mit ihr, würde fast alles, für sie tun, außer natürlich, sie gehen zu lassen. Er liebt sie nämlich. Gegen solche großen Gefühle kann man schwer etwas tun, doch Miranda gibt nicht auf und versucht auf immer wieder andere Weisen, ihre Beziehung, ihr „Zusammenleben“, in eine solche Richtung zu lenken, dass er ihr die Freiheit ermöglicht. Mal ist sie unterwürfig, mal arrogant, mal freundschaftlich. Als ihr schließlich eine, wie sie glaubt, geniale Idee gekommen ist, ihm zu geben, was sie glaubt dass er möchte, und so ihr Verhältnis zum Positiven zu verändern, merkt sie zu spät, dass das ein Schritt in die falsche Richtung war …

Die zweite Hälfte des Buches, die aus dem Tagebuch besteht, das Miranda während ihrer Gefangenschaft heimlich führt, ermöglicht den Lesenden, ihre Sicht der Situationen kennen zu lernen, ihre Motivationen für Handlungen zu lesen, die Clegg vielleicht ganz anders deutete, aber auch, zu hinterfragen, wer von beiden „die“ Wahrheit (oder auch: ein bisschen mehr Wahrheit) erzählt. Auch bieten Miranda die langen monotonen Tage Gelegenheit, über ihr bisheriges Leben zu reflektieren. Ein zentrales Thema hier ist ihre ungleichgewichtige Freundschaft zu einem älteren Künstler, der sie in all ihrem Denken und Tun prägte. Nun, während sie Zeit hat, so viel nachzudenken, kommt sie zu der Gelegenheit (so seltsam es sich anfühlen mag, eine Entführung als eine „Gelegenheit“ in auch nur irgendeinem Sinne zu bezeichnen), über diese Beziehung nachzudenken und sich klar zu machen, wie viel von ihr sie selbst und wie viel G.P. ist. In ihrem immer verzweifelter werdenden Überlebenswillen und Drang nach Freiheit schmiedet sie viele Pläne, wie sie mit diesem und anderen Aspekten ihres Lebens umgehen wird, wenn sie nur entkommt. Auf diese Weise kann man ihr also ein wenig beim Erwachsenwerden zusehen – auch wenn ich natürlich keineswegs ein fensterloses Kellerversteck als den ultimativ besten Ort, heranzureifen, empfehlen möchte.

Während also das Konzept des Thrillers heute wohl nicht mehr so neu ist, und er auch nicht so viel an actionreicher Handlung bereit hält, wie man es vielleicht gewohnt ist, fand ich The Collector wirklich spannend und sehr, sehr interessant zu lesen. Es ist faszinierend, sich Stück für Stück ein Bild der Psyche der beiden Protagonisten zusammen zu basteln, ihre Aussagen übereinander zu vergleichen, oder auf die Suche nach Ereignissen zu gehen, die der eine verschweigt und die andere hervorhebt oder umgekehrt.

Die Ausgabe auf dem Foto ist nur noch gebraucht erhältlich, die Angaben beziehen sich auf diese. Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Der Sammler erschienen.

Autor: John Fowles
Verlag: Vintage Classics
Seiten: 288
Erstauflage: 1963
ISBN: 0099470470
ISBN-13: 978-0099470472
Auch für den Kindle erhältlich.

 

Krimis und Thriller

Rezension: Weiße Magie – mordsgünstig

CAM00685 Alanis McLachlan hat seit 20 Jahren nicht mit ihrer Mutter gesprochen, als sie eines Tages die Nachricht erreicht dass diese ermordet wurde. Ihr Erbe ist außergewöhnlich: Ihre Mutter hinterlässt ihre „Weiße Magie“, einen Laden für okkulten Bedarf, in dem sie auch Tarotkarten für Reihen an begeisterten Kunden legte. Obwohl Alanis klar ist, dass dies nur eine weitere Masche ihrer Mutter, einer erfolgreichen Trickbetrügerin, sein kann, bringt sie etwas dazu, den Laden zu übernehmen und die Gelegenheit zu nutzen, herauszufinden, wer der Mörder ist. Nun muss sie sich nicht nur mit einer verschworenen Dorfgemeinschaft herumschlagen, in der jede*r jede*n kennt (und einige sie loswerden möchten), sondern auch möglichst rasch lernen, überzeugend Karten legen zu können …

~*~

Nicht, dass ich an die „reine mütterliche Liebe“ glaubte. Das war wie mit dem Yeti. Viele Leute behaupteten, ihn gesehen zu haben, ich aber hatte gute Gründe, skeptisch zu sein.
(S.66)

Das Buch ist ein klassischer Whodunnit-Krimi mit interessantem Setting, skurrilen Charakteren und viel Humor. Obwohl ich mich durchweg gut unterhalten fühlte, waren es die letzten beiden Punkte, die das Lesen leider manchmal etwas anstrengend machten. Alanis ist eine Ich-Erzählerin die zu Zynismus und witzigen Sprüchen neigt, was ich auch toll finde – trockener Humor an der richtigen Stelle kann wahnsinnig grandios sein. Hier allerdings reihte sich oftmals lustiger Kommentar an lustigen Kommentar, so dicht, dass den Lesenden kaum Zeit bleibt, sich wirklich auf den Text einzulassen, was ich etwas ermüdend fand. Zwar passt dies gut zum – durch ihre Kindheit und Jugend, über die wir auch etwas erfahren – abgebrühten und toughen Charakter Alanis, auf Dauer hätte ich sie aber wirklich gerne gebeten, mal kurz die Ironie auszuschalten und einfach nur zu erzählen. Dies fällt auch Clarice, einem anderen Charakter auf: „Endlich haben Sie mal eine Reaktion gezeigt. Ein Gefühl. Sonst waren Sie immer … ich weiß auch nicht. Sie sind wie ein Roboter, den Sarkasmus und Lügen am Laufen halten.“ Auch die Kapitel, in denen sie von ihrer (wirklich schlimmen) Vergangenheit erzählte, tun sich schwer damit, die Lesenden zu erreichen. Die Bemühung eines Spagats zwischen Absurdität, Übertreibungen und einem ernsthaft ergreifenden Inhalt wird deutlich, gelingt aber nicht so ganz. Erst ganz gegen Ende hatte ich das Gefühl, dass Alanis mir irgendwie näher kam, und ihre Gedanken darüber, wie ihr es nie gelungen war, sich anders als in Abgrenzung zu ihrer Mutter zu definieren, ließen sie dann dreidimensionaler und nachvollziehbarer wirken.
Abgesehen von diesen Schwächen hinsichtlich der Charaktertiefe hat mir das Buch aber großen Spaß gemacht. Besonders die ungewohnte Umgebung des Esoteriklädchens gefiel mir sehr, und einer meiner Höhepunkte beim Lesen war, als Alanis ihre erste Tarotkartenlesung improvisieren muss. 😀
Über Tarotkarten und ihre Bedeutungen und möglichen Interpretationen erfährt man neben bei echt viel, und obwohl ich zuvor noch nie Interesse daran zeigte, bemerke ich jetzt, dass ich wirklich mal Lust hätte, mir die Karten zu legen. 😉

Auf Englisch gibt es einen zweiten Band (Fool Me Once) – auch wenn ich kein „unbedingt lesen!“-Gefühl habe, wenn ich in der Bibliothek oder in einem Second-Hand-Shop darüber stolpere, würde ich nicht nein sagen.
Der Autor hat übrigens die Austen-Parodie „Pride and Prejudice and Zombies“ geschrieben! Ich habe das (auf Grund meiner recht irrationalen Zombiephobie) nicht gelesen, aber vielleicht ist er somit einigen anderen hier ein Begriff.

Ein selbstsicherer Mistkerl wird viel mehr erreichen als ein Heiliger mit geringem Selbstwertgefühl, sagte Biddle immer.
(S.79)

Autor*innen: Steve Hockensmith & Lisa Falco | Übersetzerin: Britta Mümmler
Originaltitel: The White Magic Five and Dime
Seiten: 348
Verlag: dtv
Deutsche Erstauflage: 2014
ISBN-10: 3423215917
ISBN-13: 978-3423215916
Auch im ePub-Format und für den Kindle erhältlich.

Historisches · Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Sommernovelle

Sommernovelle1989, nach Tschernobyl und vor der Wende. Die Freundinnen Panda und Lotte sind sehr idealistisch und engagieren sich für Umweltschutz. Da passt es gut, dass sie – obwohl mit 15 eigentlich noch zu jung – in den Osterferien für zwei Wochen auf einer Vogelstation auf einer Nordseeinsel aushelfen dürfen. Dort erleben sie einen Sommer, der sie in vieler Hinsicht fürs Leben prägt; sie lernen viel über sich, andere Menschen, und Vögel, und werden zwischen erster Liebe, großen Enttäuschungen und Desillusionierungen ein wenig erwachsener.

In jedem Fall aber würde ich etwas tun für die Welt. Auch wenn mir noch nicht ganz so klar war, was.
(S.72)

Da ich an alle Bücher, die am oder auf dem Meer spielen, immer mit besonderer Hoffnung herangehe, schlug ich auch die Sommernovelle mit großen Erwartungen auf und wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil! Christiane Neudeckers Stil, wie sie die Landschaft, die Vögel, die Gerüche und Geräusche und das Wetter beschreibt, hat mich so gefangen genommen, dass ich fast das Gefühl hatte, meine Lesestunden wirklich am Strand verbracht zu haben.
Auch vom Inhalt her war das Buch etwas ganz besonderes. Die Mädchen Lotte und Panda, vor allem letztere als Ich-Erzählerin, sind lebendige, sympathische Personen, die man gerne auf ihrem Weg begleitet. Obwohl sie manchmal jugendlich-naiv sind, wird dies im Buch nicht verurteilt oder zynisch verlacht, stattdessen fühlt man mit ihnen, wenn die Realität zu desillusionierend wird, oder sie aus Unwissen in Fettnäpfchen treten. Mit ihnen lernt man die anderen skurrilen und einzigartigen „Bewohner“ der Vogelstation kennen: da gibt es Melanie, eine freundliche und offene Studentin, die auf Männer unverkennbaren Reiz ausübt, den lässigen und freundlichen Julian, der Lotte sofort in seinen Bann zieht, die alte Frau Schmidt, von der niemand so genau weiß, wie ihre Vergangenheit aussah und was sie zur Station zieht, und nicht zuletzt die Senioren Hiller und Sebald, die im Krieg zusammen gekämpft haben und nun jährlich gemeinsam zur Vogelstation fahren. Von Anfang an kann man sich nicht des Gefühls erwehren, dass auf der Station etwas nicht so ist, wie es sein soll, und über all der Idylle hängt die düstere Ahnung, dass noch irgendetwas Unschönes geschehen wird … Als dann schließlich der Professor auftaucht, der die Station leitet, scheint sich eine Gelegenheit zu bieten, Fragen zu stellen, doch ist der Mann seltsam abweisend und geht Fragen nach dem Zweck seiner Forschung lieber aus dem Weg.

Das atmosphärische Buch erzählt von so vielem – von der Liebe zum Meer, zu den Vögeln und zur Literatur, von dem Drang, die Welt verbessern zu wollen, und der Angst, das nicht zu können, und das alles in einem wundervollen Schreibstil. Ich bin versucht, es gleich noch mal zu lesen, um wieder auf die ungenannt bleibende Insel reisen zu können. Von mir eine ganz klare Leseempfehlung, definitiv eins meiner Highlights meines bisherigen Lesejahres 2015!

Manchmal bauen Menschen sich Luftschlösser. […] Aber das heißt nicht, dass in den Schlossgärten nicht ein paar Blumen wachsen können.
(S.166)

Autorin: Christiane Neudecker
Seiten: 186
Verlag: Luchterhand
Erstauflage: Mai 2015
ISBN-10: 3630874592
ISBN-13: 978-3630874593
Auch im epub-Format und für den Kindle erhältlich!

Fantasy · Jugendbücher

Rezension: Fürchte nicht das tiefe blaue Meer

fuerchte nicht 1
Seitdem ihre Eltern, beide Künstler, zu einer Reise nach Paris aufgebrochen sind, leben Violet und ihr Bruder Luke alleine. Da ihre Villa namens Citizen Kane durchaus schon bessere Zeiten gesehen hat, doch das Geld kaum für den täglichen Bedarf an Nahrungsmitteln genügt, geschweige denn für Reperaturen, beschließt Violet, einen Untermieter aufzunehmen. Als River West auftaucht, verändert sich nicht nur ihr Leben, sondern das der gesamten Kleinstadt. Ein Mann bringt sich auf offener Straße um. Kinder verschwinden. Andere Kinder belagern den Friedhof und behaupten, den Teufel gesichtet zu haben. Für Violet stellt sich die Frage, ob River, an den sie schnell ihr Herz verloren hat, vielleicht die Ursache all dessen sein könnte …

Young Adult Fantasy ist ein Genre, bei dem ich so zwischen Ja, bitte! und Urks, aber doch bitte nicht so! schwanke. Mit Freuden kann ich verkünden, dass ich bei diesem Buch hauptsächlich Tendenzen zu erster Reaktion hatte. Ich kann nicht abstreiten, dass die Charaktere in die für Jugendbücher typischen Klischees fallen: Violet als die ruhige, belesene „nicht so wie die anderen Mädchen“-Hauptperson, River ist der mysteriöse, attraktive und faszinierende Fremde mit dunklem Geheimnis, und Violets beste (und einzige) Freundin Sunshine Black (ähm. ja. ich denke mir das nicht aus!) ist fokussiert auf Äußerlichkeiten und die Anerkennung durch Jungs.
Was, dieses Thema betreffend, das Buch aber aus der Masse des beliebten Genres heraushebt, ist der erstaunlich geringe Anteil an Verurteilung. Ich habe den Eindruck, dass viele Jugendbücher davon leben, dass die Hauptfigur sämtlichen Mitmenschen gegenüber enorm herablassend eingestellt ist und ihren inneren Monolog ständig mit verächtlichen Bemerkungen spickt, die wohl sarkastisch und lustig sein sollen, aber in der Regel doch eher von einem mangelnden Respekt vor Leuten, die ihr Leben auf eine andere Weise führen, zeugt. Hier ist Violet zwar an einigen Stellen genervt, wenn Sunshine und Luke ständig flirten, und ja, eine gewisse Überheblichkeit kann man auch ihr nicht absprechen, doch im Großen und Ganzen merkt man ihre Zuneigung zu ihrem Bruder und ihrer Freundin, trotz der Unterschiede. Ebenfalls positiv ist, dass River tatsächlich nett zu Violet ist, ihr Zuneigung zeigt und es so verständlich macht, dass sie sich in ihn verliebt. Viel zu oft lese ich gerade in Jugendbüchern von zwei Charakteren die sich die ganze Zeit beleidigen und augenscheinlich keine zehn Sekunden im gleichen Raum verbringen können, ohne dass Gefahr besteht, dass einer von beiden einen Mord begeht. „Was sich liebt das neckt sich“ in allen ehren, die meisten YA-Fantasy-Romanzen überschreiten in dieser Hinsicht die Grenzen jeglicher Glaubwürdigkeit.

Die Kritikpunkte, die ich anzumerken habe, sind eigentlich fast schon Standards des Genres: irgendwann wurde mir die Gefühlsduselei doch zu viel, diese Intensität der großen, wahren Liebe, wenn man sich erst mal ein paar Tage kennt. Außerdem weiß ich noch nicht ganz, ob ich das unglaubwürdig oder einfach bedenkenswert finden soll, aber: wenn ich gegen eine*n potentielle*n Partner*in solche Verdächte hege wie Violet im Laufe der Handlung gegen River, dann wäre bei mir schnell Schluss mit „aber ich bin ja so verliebt“! Auch war mir einiges, gerade gegen Ende, viel zu dramatisch geschrieben – es ist ja schwer, nicht ins Lächerliche abzurutschen, und ich fürchte, meine Schmerzgrenze ist da oft etwas niedrig.

Alles in allem habe ich mich aber durchweg gut unterhalten gefühlt. Fantasy Romance ist ein Genre, um das ich eigentlich einen Bogen mache, aber hier hat mich das Cover irgendwie angezogen, und ich bereue nicht, mal wieder mein Glück probiert zu haben. Das Rad wurde nicht neu erfunden, doch die Handlung bleibt unterhaltsam – und dass ständig so von Kaffee geschwärmt wird macht ein Buch für mich dann gleich noch sympathischer! 😀

Für Leute wie mich, die eh nur ab und zu zögerlich in das Genre reinspickeln keine unbedingte Leseempfehlung, aber wer solche Bücher sowieso mag, sollte mit diesem kurzweiligen Roman nicht enttäuscht werden. Auf Englisch gibt es auch einen zweiten Band – Between the Spark and the Burn – der aber nicht auf Deutsch erschienen ist.

Autorin: April Genevieve Tucholke | Übersetzerin: Anja Galić
Originaltitel: Between the Devil and the Deep Blue Sea
Seiten: 384
Verlag: cbt
Erstauflage: August 2013 | Deutsche Erstauflage: September 2013
ISBN-10: 3570308847
ISBN-13: 978-3570308844
Auch im epub-Format und für den Kindle erhältlich!

Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Alles wird hell

alles wird hellDas Buch umspannt das gesamte Leben der Protagonistin Oda. Es beginnt mit Szenen aus der Kindheit und dem Teenageralter, mit der ersten erzählten Lüge und mit dem Erwachen von Odas Sexualität. Im Mittelteil des Buches ist sie dann schon verheiratet, glücklich und mit einem Kind. Sie hat sich schon immer ein zweites gewünscht, und als ihr Mann ihr gesteht, dass er das eigentlich nie wirklich wollte, fühlt sie sich verraten und entfremdet, die Ehe muss eine große Krise überstehen.

Manchmal macht man eine Tür auf. Und dahinter ist dann einfach nichts mehr. (S. 264)

Es fällt mir schwer, eine einheitliche Meinung zu diesem Roman darzustellen, da mir die einzelnen Teile wirklich sehr unterschiedlich gefielen. Sehr begeistert war ich vom Anfang, als Oda eine Teenagerin war – die Art, wie sie trotzig und wütend in die Welt blickt, über ihre Familie urteilt und dennoch nie ihre Liebe zu diesen Menschen verbergen kann, das alles schien mir sehr wahrhaftig und echt. Auch ihre ständige Zerrissenheit zwischen Arroganz und unglaublich starkem Selbstzweifel, sowie der unbändige Wunsch nach Freiheit und Selbstexpression, gefielen mir sehr. Sie kam mir wie eine sehr überzeugende Teenagerin vor, nicht überspitzt und satirisch verachtend, aber auch nicht auf Sympathie setzend glattgebügelt. Toll! Auch das Ende des Buches wartete mit einem Handlungsstrang auf, den ich sehr berührend fand, und den ich hier natürlich nicht verraten werde …
Bleibt also nur noch die Mitte für den Part, den ich etwas enttäuschend fand. Ich weiß nicht ganz, woran es lag, aber hier ging für mich meine Bindung zum Buch stark verloren. Vielleicht, weil ich mich in die oben angesprochene Situation mit der Ehe und dem Kinderwunsch nicht wirklich hineinversetzen kann, aber ich glaube nicht, dass das nur daran liegt – wenn ich nur Bücher mögen würde, in deren Handlung ich mich komplett wiederfinde, wäre ich ja unmöglich zu begeistern, und dem ist nicht so. Es war eher so, dass mich im Mittelteil sowohl der Schreibstil als auch Oda ein wenig nervten. Was den Stil betrifft – in meiner Rezension zu Transatlantik habe ich ja schon erwähnt, dass ich enorm knappe, kurze Sätze nicht mag, wenn sie allzu gehäuft auftreten. Ganz so im Übermaß gab es dieses Phänomen in Alles wird hell zwar nicht, aber doch genug, um mir das Lesen manchmal recht anstrengend erscheinen zu lassen. Gerade in Bezug zum Plot, der Entfremdung zu ihrem Mann und irgendwie zu ihrem eigenen Leben, kann ich die Wahl eines Stils, der irgendwie distanziert und „befremdlich“ wirkt, auch verstehen, aber statt mich Oda und ihrer Innenwelt näher zu bringen, bewirkte er leider das Gegenteil. Das war auch so ein Problem: dadurch, dass der Stil oft so verkürzt war, oft nur aus Sätzen a la „er tut dies, ich tue jenes“ bestand, fehlte mir der Blick in Oda hinein, was sie dann für mich ein wenig unsympathischer machte. Sie schien mir oft zu gedankenlos zu handeln, bzw. Dinge passiv passieren zu lassen (selbst wenn sie scheinbar aktiv Entscheidungen trifft), ohne sich tiefer mit etwas zu beschäftigen. Dies wahr wahrscheinlich nur der Eindruck, den ich gewann (vor allem, da ihre Charakterisation als Teenagerin sie eher aktiv und nachdenklich erscheinen lässt), doch minimierte es meinen Genuss schon ein wenig. Selbst die Metaphern, die vielleicht als Stütze dienen sollten, blieben mir zumeist zu vage und zufällig. Zwar geht es in dem Buch ja stark darum, was nicht gesagt wird, nicht gesagt und gewusst werden kann, aber ich persönlich hätte das halt lieber nicht auch auf die Kommunikation zwischen mir und dem Roman übertragen müssen. 😉
Es gab zwar einige sehr schöne Stellen und Bilder, ich mochte die Gedanken über die Familie sehr gerne, und über das Tanzen, aber überwältigt hat mich das Buch nicht – bis auf den Anfang, wie gesagt. Ich wünschte, das wäre so weiter gegangen, wie die ersten 100 Seiten es mir zu versprechen schienen!

Gewohnheiten in der Familie sind wie eine ansteckende Krankheit, denke ich.
(S. 66)

Autorin: Julia Jessen
Verlag: Kunstmann
Erstauflage: Februar 2015
Seiten: 304
ISBN-10: 3956140249
ISBN-13: 978-3956140242