Historisches · Liebesromane

Rezension: Robin und Jennifer

Um die Jahrhundertwende herum wachsen zwei Mädchen an zwei enorm unterschiedlichen Orten auf: Robin im konservativen Bad Cannstatt und Jennifer im modernen Paris inmitten von Künstlern und anderen exzentrischen Persönlichkeiten. Während Robin, die sich für die Frauenemanzipation interessiert, am liebsten Männerkleidung trägt und studieren möchte, in ihrer Homosexualität zunächst eine Krankheit und Sünde sieht, und versucht, ihre Gefühle zu verdrängen und zu unterdrücken, hat Jennifer schon früh ein Verhältnis mit ihrer Klavierlehrerin, und findet es von vorneherein relativ unproblematisch, eine Lesbe zu sein. Als die beiden sich schließlich auf dem Monte Verità, auf dem sich Künstler, Lebensreformer und allerlei andere alternative Menschen eingerichtet haben, kennen lernen, treffen zwei grundverschieden geprägte junge Frauen aufeinander.

robin und jennifer

Zunächst, um sämtliche Erwartungen, die Titel und Titelbild aufwerfen, gleich wieder zu entkräften: die eigentliche Geschichte um das, was zwischen Robin und Jennifer entsteht, nimmt nur den hinteren Teil des Buches, vielleicht das letzte Drittel ein. Davor ist das Buch weniger eine Romanze, als eine coming-of-age Geschichte zweier Mädchen, die in verschiedenen Lebensumständen mit unterschiedlichen Problemen, familiären Konflikten und Gefühlen, die von dem, was normalisiert ist, abweichen, zurechtkommen müssen.

Immer im Wechsel werden die Erlebnisse der beiden erzählt. Robin gerät immer wieder mit ihrer konservativen Tante aneinander, muss ihre „un-weiblichen“ Interessen und Ambitionen rechtfertigen und kämpft mit ihren Gefühlen für eine Klassenkameradin. Jennifer hingegen ist zwar nicht so sehr gezwungen, ihre Sexualität zu verstecken, doch ist ihr Stiefvater, der sie wahlweise mit einem „echten arischen Mann“ verheiraten oder ihr selbst an die Wäsche möchte, ein ständiger Konfliktpunkt.

Der Schreibstil ist gefühlvoll, aber nicht kitschig und die meisten Charaktere sind lebendig und dreidimensional. Es wechseln sich Gespräche, und andere Elemente, die die Handlung vorantreiben, mit Passagen ab, in denen einfach nur die Umgebung beschrieben wird, was mich immer freut, da ich mir gerne Beschreibungen durchlese. Besonders gefiel mir auch, dass durch die verschiedenen Schauplätze ein vielfältiges Bild des beginnenden 20. Jahrhunderts entworfen wurde. Von so diversen Themen wie dem Kampf um Frauenrechte und der Entstehung des Ausdruckstanzes bekommt man interessante historische Informationen und Einblicke.

Ich kann das Buch also sowohl Leuten empfehlen, die gerne historische Romane über diese Zeit lesen, als auch Liebhaber*innen von Liebesgeschichten.

Für Inhalts-/Triggerwarnungen hier markieren: Eine relativ ausführlich beschriebene versuchte Vergewaltigung sowie mehrere „harmlosere“ Instanzen sexueller Belästigung.

Autorin: Elke Weigel
Verlag: Konkursbuch-Verlag
Seiten: 323
Erstauflage: 2014
ISBN: 3887697383
ISBN-13: 978-3887697389
Auch für den Kindle und im epub-Format erhältlich.

Historisches · Liebesromane

Rezension: Die Stadt der schweigenden Berge

stadt der schweigenden bergeHandlung: Berlin, 1930. Die Studentin Amarna ist fasziniert von der Archäologie und Altorientalistik. Besonders interessiert sie der Gilgamesch-Mythos, zu dem sie auch ihre Magisterarbeit schreiben möchte. Die Hauptstadt des untergegangenen Hethiter-Reiches, Hattuša, übt ebenso eine starke Faszination auf sie aus – vor allem, da sie über diese schon seit sie denken kann Albträume hat. Warum nur sträubt sich ihr Vater, der doch selbst begeisterter Archäologe ist, so sehr dagegen, sie an einer Expedition dorthin teilnehmen zu lassen? Als sich ihr die Gelegenheit bietet, eine solche Reise zu machen, kommt sie nicht nur den Geheimnissen einer Stadt, sondern auch ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur …

War ganz Hattuša eine in Felsen hineingezwungene Festung, die selbst die Stürme des Himmels nicht einnehmen konnten, so war der Palast auf dem Hügel ihr Herz, das einst, beim Weltende, der berstenden Erde trotzen würde.
(S.323)

Wenn es in einem Buch um Archäologie geht, ist das für mich alleine schon ein Anreiz, es zu lesen. Damit es mir dann auch richtig gut gefallen soll, müssen natürlich auch mehr Dinge stimmen, doch ich kann frohen Mutes verkünden, dass ich sehr glücklich bin, Die Stadt der schweigenden Berge gelesen zu haben, und es auch guten Gewissens weiter empfehle! Es ist eines der Bücher, die mich schon vom ersten Satz an in ihren Bann gezogen haben. Kaum hatte ich es aufgeschlagen, war ich schon drin in Armanas Welt und ihrem Denken, fühlte ihre Begeisterung für die Erforschung der Vergangenheit. So waren die schönsten Stellen für mich jene, in denen man die Liebe zur archäologischen Forschung spürte, und im Allgemeinen die Begeisterung verschiedenen Kulturen gegenüber. Der Schreibstil war bildhaft und poetisch und machte Beschreibungen von Städten, Landschaften und Artefakten zu einem Genuss. Ich bekam immer stärker selbst Lust, auf Expedition zu gehen und vergessene Städte auszugraben – auch wenn mir das nicht möglich ist, den Gilgamesch-Mythos werde ich mir auf jeden Fall zu bestellen, Amarnas Begeisterung ist nämlich sehr ansteckend und die eingestreuten Textpassagen tun ihr Übriges.

Wie immer kann ich ein Buch nicht ohne kleine Kritikpunkte empfehlen. Was mir hier stellenweise die Lust raubte, war eine Liebesbeziehung mit der ich mich erst so gar nicht anfreunden konnte, später aber warm wurde. Dies lag zum Teil auch daran, dass ich wirklich nicht damit gerechnet hatte, dass eine Romanze einen so großen Stellenwert in dem Roman einnehmen würde, und wurde dann bei meiner immerwährenden Suche nach einem romantiklosen Roman natürlich enttäuscht. Hier also die offizielle Warnung für alle, denen es ähnlich geht: Liebe in Sicht! 😀
Ebenso kam mir beim Nachdenken über Bücher, die mich emotional zu berühren wissen, in den Sinn, dass ich große Gefühle am liebsten in kleinen, klaren Worten geschildert habe. Da Die Stadt der schweigenden Berge aber wie gesagt ein Buch großer, dramatischer Sprache ist, löste das vielleicht auch gleichzeitig bei mir eine Distanz zu den realen Emotionen (außerhalb des Genusses wunderschöner Sprachbilder) aus.
Die Thematisierung der Romantik war für mich allerdings der einzige Wehrmutstropfen – und wer mich kennt, weiß ja, dass ich in dieser Hinsicht wirklich schwer zufrieden zu stellen bin, weshalb das für andere Leser kein Hindernis darstellen sollte, sich den Roman einzuverleiben. Mein „Leser-Service“ enthält aber eben, dass ich auch erwähne, was mich nicht so zu beglücken wusste. 😉

Ansonsten besonders gelungen fand ich die Einbettung in den historischen Kontext. Die Charaktere wirken sehr realistisch der Zeit entsprechend (und es ist eigentlich traurig, dass ich das so hervorheben muss, aber leider ist das in historischen Romanen nicht immer so). Interessant ist Amarnas schwierige Stellung als Frau in der Wissenschaft; mit banger Vorausahnung erfüllen die ersten Anzeichen des aufkommenden Dritten Reiches. Ebenfalls sehr eindrücklich ist das, was man über den Völkermord an den Armeniern erfährt – mit diesem Thema hatte ich mich noch nie gefasst, und es ist doch immer exzellent, wenn man durch Romane auch etwas lernt, gerade über Geschehnisse, die ob ihrer Grausamkeit nicht vergessen werden dürfen.

Wenn man die Geschichte eines Volkes nicht mehr erzählt, löscht man es ein zweites Mal aus, nicht wahr?
(S.230)

Alles in allem also: eine Leseempfehlung! Ich habe diese lehrreiche und unterhaltsame Liebesgeschichte an die Archäologie mit viel Vergnügen verschlungen.

Meine Lieblingszitate findet ihr wieder auf Tumblr, wenn ihr diesem Link folgt!

Autorin: Carmen Lobato
Verlag: Knaur Taschenbuch
Erstauflage: 2015
Seiten: 576
ISBN-10: 3426514559
ISBN-13: 978-3426514559

Historisches

[Rezension] „Transatlantik“ von Colum McCann

Traveler DC 120Autor: Colum McCann | Übersetzer: Dirk van Gunsteren
Originaltitel: Transatlantik
Verlag: rowohlt
Englische Erstauflage: 2012
ISBN-10: 3498045229
ISBN-13: 978-3498045227
Seiten: 384

Oberflächliches: Ich kann nicht klagen. 😀 Nicht überwältigend, aber schick, wirkt irgendwie ernst und seriös. Und es dauerte peinlich lange, bis mir aufging, dass der Adler mit dem Kleeblatt wohl die Verbindung zwischen Irland und Amerika aufzeigen soll … Der Umschlag fühlt sich glatt und plastik-mäßig an; das Buch darunter ist dunkelgrün. Das orangene Lesebändchen fand ich farblich etwas unpassend, aber es korrespondiert wohl mit Adlerschnabel und -klauen (Füßen? Greifern??). (Und ich frage mich immer mehr, wieso ich diese Kategorie überhaupt in meinen Rezensionen habe.)

Handlung: Dieses Buch verwebt mehrere Handlungsstränge – zum einen gibt es da die Flieger Alcock und Brown, die 1919 von Neufundland nach Irland den ersten Nonstop-Transatlantikflug unternehmen, dann gibt es da noch Frederick Douglass, den bekannten schwarzen amerikanischen Abolitionisten, der 1845 eine Reise durch Irland unternimmt, und schlussendlich, fast im Hier und Jetzt, wird 1998 der US-Senator George Mitchell zu den nordirischen Friedensgesprächen begleitet. All diese Personen sind durch mehrere Generationen hinweg durch Freundschafts- und Familienbeziehungen verbunden, die einem im Laufe der Lektüre klar werden.

transatlantik

Leider muss ich sagen, dass ich auch von diesem hoch gelobten Buch nicht allzu begeistert war. (Hoffentlich wird das nicht mein Trend-Thema für dieses Jahr, dieses “mit großen Erwartungen an Bücher herangehen und dann enttäuscht werden” …) An dem Gedanken an sich, all diese Schicksale miteinander zu verbinden, habe ich überhaupt nichts auszusetzen, den finde ich großartig! Auch finde ich, dass es dem Autor durchaus gelungen ist, Blickwinkel und Randperspektiven zu beleuchten, die man in Romanen nicht so häufig zu Gesicht bekommt. So weit, so gut. Ein immenser Störfaktor war für mich allerdings der Schreibstil, der in mir wieder und wieder den Wunsch aufkommen ließ, das Buch einfach zuzuklappen und aufzugeben.

Ich lese ja recht viel, auch kostenlos online Publiziertes, und ich schreibe auch. Das heißt, ich habe schreibstiltechnisch schon so Einiges erblickt und auch so Einiges verbrochen. Von daher verstehe ich den Gedanken vollkommen, mit kurzen, schlichten Sätzen den Leser mal innehalten zu lassen, den Text mit mehr Tiefe auszustatten, als wenn Alles in einem überquellenden Strom von Kommata und Nebensätzen am Publikum vorbeisprudelt. Gezielt eingesetzt finde ich das wunderbar. Die Vorlesestimme im Kopf kommt zu Atem, man kann eine Szene auf sich wirken lassen. An Transatlantik störte mich jedoch ungemein, dass das Buch zu gefühlten 90% aus Sätzen bestand, die nicht mal eine Zeile lang sind.

Kurze Sätze. Knapp. Klar. Prägnant. Einer nach dem anderen. Statt Beschreibungen: Listen. Ich wurde immer frustrierter. Wütender. Unzugänglich, so schien mir das Buch. Keine Möglichkeit, in einen Lesefluss zu geraten. Die Charaktere blieben fremd und leer. Mit jedem verfrühten Satzende größere Distanz zu mir. Schade.

So ungefähr fühlte sich das an, und das beinahe 400 Seiten lang. Klar, ich habe keinen einfachen, super leicht zugänglichen Roman erwartet, und in der Regel bin ich sogar Willens, mich auf kompliziertere Texte einzulassen. Aber dieses Abgehackte hat es mir wirklich unmöglich gemacht, in diesen Zustand zu geraten, wo man nur ließt und ließt und ließt. Selten habe ich so lange für ein relativ kurzes Buch (die Schrift ist recht groß) gebraucht, mit so vielen gedanklichen Unterbrechungen und Abschweifungen. Ich habe das Gefühl, mein Gehirn wäre so ein Laptop, der bei jedem Punkt runtergefahren wird, und sich beim nächsten Satz dann wieder anschalten muss. Transatlantik war für mich also ein ständiges An- und Ausschalten, und wie mein geliebter (und schon ca. 7 Jahre alter) Laptop, fing ich dann eben an, zu rattern, immer langsamer zu werden, und zu überhitzen. Metaphorisch gesprochen. Unmetaphorisch saß ich da und beschimpfte ein Buch, das doch eigentlich hätte so schön sein können.

Denn, es war ja nicht alles schlimm. 😉 Auch, wenn die Stellen, an denen ich mich wirklich “in der Geschichte” fühlte, selten waren, es gab sie. Während mich die meisten Charaktere kalt ließen, haben mich andere Geschichten dann doch irgendwie zu berühren vermocht. Auch schöne Sätze und interessante Gedanken waren ja vorhanden, wenn man sich nur fleißig durch den Urwald aus Punkten kämpfte.

Dass das Buch nichts für mich ist, heißt ja definitiv nicht, dass es schlecht ist – ich würde nur jedem empfehlen, vor dem Kauf mal hineinzulesen, ob man mit dem Schreibstil klarkommt! Wie ich mit Erleichterung feststellen musste, als ich auf Goodreads in den Reviews stöberte, bin ich nämlich nicht die einzige, die ein wenig – oder ziemlich – genervt reagierte.

Da es ja trotz allem auch einige echt schöne Passagen in dem Buch gab, habt ihr nun die wunderbare Gelegenheit, auf diesen Satz zu klicken, und meine liebsten Zitate zu lesen und zu rebloggen! 🙂

Historisches · Liebesromane

[Rezension] „Das Herz der Verräterin“ von Marlene Klaus

Traveler DC 120

Autorin: Marlene Klaus
Verlag: Dryas
Erstauflage: März 2014
ISBN-10: 3940855499
ISBN-13: 978-3940855497
Auch für Kindle erhältlich, außerdem im e-pub-Format!
Seiten: 400

Handlung: Beim Fest zur Grundsteinlegung für das Mannheimer Schloss sieht der Musketier Cornelius zum ersten Mal die schöne Clara, in die er sich sofort unsterblich verliebt. Als sie bald darauf auch wirklich zusammen kommen, könnte alles perfekt sein, allerdings gibt es mehr und mehr seltsame Geschehnisse, die darauf hindeuten, dass der Festungsbau sabotiert werden soll, und es drängt sich der Verdacht auf, dass Clara etwas damit zu tun haben könnte…

Oberflächliches: Das Cover ist für einen historischen Roman nicht außergewöhnlich gestaltet, doch mir gefällt es. Das schöne Hellgrün erzeugt Frühlingsstimmung, und der Grundriss der Festung Mannheim im oberen Teil ist auch eine tolle Idee.
Außerdem gibt es im Vor- und Nachwort schön viele Hintergrundinformationen sowie ein Personenverzeichnis, so etwas mag ich immer. 🙂

Das Buch hat mich leider nicht überzeugt. Da das ja bei den meisten historischen Romanen so ist, hatte ich gar nichts anderes erwartet, als dass der Fokus mehr auf der Liebesgeschichte liegt, als auf dem Krimi/Thriller-Teil des Plots, das hat mich also nicht großartig gestört. Doch es war schlicht und einfach so, dass ich nie das Gefühl hatte, wirklich in die Geschichte reinzukommen. Ich hatte den Eindruck, dass die Handlung nur so dahinplätscherte, die Geschichte zwischen Clara und Cornelius war wenig überraschend. Die Charaktere blieben für mich größtenteils flach, es mangelte an Grauzonen, die sie für mich interessanter machten. Zwar hatte ich durchaus Lieblinge, Cornelius‘ kleine Schwester zum Beispiel war immer ein Highlight, doch im Großen und Ganzen habe ich nicht den Eindruck, wirklich dreidimensionale Bilder der handelnden Personen gewonnen zu haben. Auch der Schreibstil war leider nicht wirklich mein Geschmack – er erschien mir etwas unbeholfen und ließ mich nicht wirklich in die Handlung eintauchen.
Ich mochte die interessanten Fakten, und da ich in Mannheim wohne, freute ich mich immer, wenn Orte erwähnt wurden, die ich kenne, von der Geschichte an sich kann ich das Buch jedoch nicht wirklich weiter empfehlen.

Für wen? Vielleicht jemanden, der nicht so mäkelig ist, wie ich. Leute, die auf historische Romanzen stehen, Leute, die aus Mannheim kommen oder dort leben. 😉

Historisches

[Rezension] „Hansetochter“ von Sabine Weiß


Bildquelle: Lovelybooks.de

Autor: Sabine Weiß
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN-10: 3404168879
ISBN-13: 978-3404168873
Seiten: 588

Oberflächliches: Das Cover wirkt in den Braun- und Grüntönen unaufdringlich und angenehm; die Zeichnung passt zum historischen Roman. Für mich stach einzig das Foto der Frau ein wenig unpassend hervor, vielleicht bin ich aber auch nur neidisch auf ihr Kleid. 😉

Handlung: Henrike und ihrem kleinen Bruder Simon leben ziemlich glücklich. Ihr Vater ist ein angesehener Hansekaufmann und versteht sich sehr gut mit seinen Kindern. Als er jedoch plötzlich stirbt, ändert sich alles: Sein Geschäft fällt in die Hände seines Bruders und dessen unsympathischer Familie, die den Kindern das Recht an ihrem Erbe abspricht. Nun ist es an Henrike, Gerechtigkeit wieder herzustellen. Zur Seite steht ihr hierbei vor allem der junge Kaufmann Adrian…

zitat hansetochter nochmal

Das Buch bietet gut recherchierte historische Unterhaltung (im Nachwort nennt die Autorin sogar ihre Quellen, ich bin äußerst entzückt!), in der, zu meiner Freude und Erleichterung, die Liebesgeschichte sich nicht vehement in den Vordergrund drängt, wie es doch oft genug passiert. Natürlich werden die Annäherungen und das Auf und Ab zwischen Henrike und Adrian erzählt, doch die Handlung konzentriert sich vor allem durch die Probleme, die durch Henrikes Onkel und dessen Familie entstehen. Fassungslos und wütend sitzt man da und fiebert mit Henrike und Simon, der den brutalen Schikanen des Cousins am häufigsten ausgesetzt ist, mit. Immer, wenn man denkt, noch schlimmer kann es nicht kommen, setzt vor allem Letztgenannter noch eines drauf. Mein einziger Kritikpunkt war dann auch, dass die Charaktere etwas zu Schwarz-Weiß gezeichnet sind; die Bösen sind von Grund auf schlecht und die Guten nahezu charakterlich unfehlbar. Wenn man sich damit aber anfreunden kann, erwarten einen dafür Antagonisten, die man aus tiefstem Herzen verabscheuen kann. 😉
Der Schreibstil ist flüssig und gut lesbar und nimmt den Leser dank der norddeutschen Ausdrücke mit in die Welt der Hanse. Auch die detaillierten Beschreibungen der Schauplätze lassen die Zeit vor dem inneren Auge lebendig werden.
So hat mich das Buch nicht nur gut unterhalten, sondern in mir auch das Interesse an einer Epoche geweckt, der ich mich zuvor noch nicht ausführlich gewidmet habe, was ich aber definitiv zu ändern gedenke.
Insgesamt kann ich die Geschichte guten Gewissens weiter empfehlen.

Für wen? Menschen, die gerne in die Atmosphäre vergangener Zeiten eintauchen wolle, auf Historie ohne zu großen Kitsch-Anteil stehen, und dennoch einen spannenden Plot nicht missen wollen.

Dramatisches · Historisches

[Rezension] „Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman


Bildquelle: Lovelybooks.de

Autor: M. L. Stedman
Verlag: Limes
ISBN-10: 3809026190
ISBN-13: 978-3809026198
Seiten: 448

Oberflächliches: Das Buch ist, wie ich finde, wunderschön gestaltet. Der Leuchtturm auf dem Schutzumschlag, halb Zeichnung, halb Fotomontage, versetzt mich in Sehnsucht nach dem Meer und die innen gezeichnete Karte, die das damalige Australien darstellt, tut ihr Übriges, das Fernweh anzutreiben. Über die Gestaltung kann ich nur schwärmen!

Handlung: Tom und Isabel leben, weitestgehendst vom Festland abgeschnitten, auf der Insel Janus Rock, da Tom Leuchtturmwärter ist. Dennoch fehlt es ihnen an nichts, sie lieben einander und sind glücklich. Wiederholte Fehlgeburten zeigen ihnen jedoch, dass das Leben es nicht nur gut mit ihnen meint, und treiben vor allem Isabel an den Rand der Verzweiflung. Als eines Tages in einem Ruderboot ein toter Mann und ein lebendes Baby angespült werden, wirkt das wie ein glücklicher Streich des Schicksals. Sie nehmen das Baby auf und versuchen, den Gedanken, dass die Mutter noch leben könnte, zu verdängen, so lange es geht…

 zitat leuchtturm

Das Buch ist auf jeden Fall etwas Besonderes, alleine schon des Schreibstils wegen. Die Beschreibungen des Lebens auf Janus, der einsamen Leuchtturminsel, das Rauschen des Meeres, das Tosen des Windes, die Schreie der Möwen – all das wird so eindringlich beschrieben, dass ich es nahezu mit allen Sinnen erfahren konnte. Auch all die unterschiedlichen Charaktere lernt man mit ihren ganzen kleinen Eigenheiten kennen, lieben und verstehen, was es schwer macht zu entscheiden, wer denn nun im Unrecht ist, und wer nicht – oder ob sich diese Frage überhaupt zu stellen lohnt.
Die Geschichte spielt während der Zeit nach dem ersten Weltkrieg und davon sind alle auf irgend eine Weise geprägt, und man spürt, wie schreckliche Ereignisse die Einfachheit der Trennung zwischen Richtig und Falsch in Frage stellen.
Auch kommt man, oder zumindest ich, nicht umhin, das Leben an den verschiedenen Orten zu vergleichen – wohnt man lieber abgeschieden auf einer Insel, die ein persönliches Paradies ist, oder ein einer eng verflochtenen Dorfgemeinschaft, in der jeder jeden kennt?
Als sehr faszinierend und fesselnd empfand ich auch die Beschreibung des Leuchtturms an sich, den Prozess des Entzündens der Lampe, die strenge Akribie, die herrschen musste.

Der einzige Wehrmutstrophen war für mich, dass die Geschichte für meinen Geschmack auch vom Stil her teilweise sehr ins Melodramatische abrutschte. Das kann man jedoch irgendwie damit entschuldigen, dass sie wirklich von vielen emotionalen Ausnahmezuständen erzählt. Außerdem bin ich bei diesem Thema sowieso sehr pingelig und mir ist fast alles zu dramatisch. 😉

Alles in allem kann ich für das Buch eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen. Eine einzigartiger Stil und eine packende Geschichte, verpackt in wunderschöner Aufmachung!

Für wen? Für alle, die sich nach dem Meer sehnen, und die Geschichten mit Atmosphäre und Gefühl, aber ohne Action und thriller-mäßige Spannung wertschätzen.

Historisches

[Rezension] „Sehet die Sünder“ von Liv Winterberg

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Autorin: Liv Winterberg
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv)
ISBN-10: 3423249404
ISBN-13: 978-3423249409
Seiten: 432
Cover: Sehr schön gestaltet, wie ich finde! Hübsch unaufdringlich und auch nicht mit dem für historische Romane fast schon klischeehaften, gemälde-artigen Frauenantlitz

„Sehet die Sünder“ ist ein Thriller, der in historischem Ambiente spielt, genauer gesagt in der Bretagne um 1440. In diese wird man dank des bildhaften Schreibstils der Autorin auch schnell entführt, dank lebendiger Beschreibungen kann man sich die verschiedenen Schauplätze, an denen die Geschichte spielt, gut vorstellen. Manche Dialoge wirken dank des betont altmodischen Sprachgebrauchs zwar recht gestelzt, doch das stört den Lesefluss nur unwesentlich.

Zentrum der Handlung ist das fiktive Dorf Saint Mourelles, in dem Kinder verschwinden und später tot – ermordet! – aufgefunden werden. Dass es sich hierbei weder um eine Strafe Gottes noch um das Werk des Teufels handelt, ist dem modernen Leser schnell klar, doch wer oder was hinter diesen Vorfällen steckt, die sich rasch auf das nahe gelegene Schloss Troyenne und ein weiter entferntes Dorf ausweiten, bleibt bis zum Schluss spannend.

Die vielen verschiedenen Handlungsorte und -stränge sind zwar am Anfang noch verwirrend, doch man gewöhnt sich schnell daran und sie eignen sich bestens dazu, aus verschiedenen Hinweisen eine eigene Lösung zurecht zu puzzeln.

Die Charaktere waren ebenfalls recht vielschichtig beschrieben, man konnte sich nie ganz sicher sein, ob sie wirklich so sind, wie sie vorgeben. Einzig störte mich die für meinen Geschmack etwas sehr „perfekte“ weibliche Hauptperson Catheline, an der ich nicht wirklich negative Eigenschaften ausmachen konnte, doch das tat dem Lesevergnügen kaum Abbruch.

Für diejenigen, die bei vielen handelnden Personen oft durcheinander kommen, gibt es am Anfang auch ein Personenregister, was mir sehr entgegenkam.

Neben der Haupthandlung, den Mordfällen, gibt es (natürlich) noch eine komplizierte Romanze, sowie politisch-wirtschaftliche Intrigen, auch ist die Handlung sehr gut in den historischen Zusammenhang eingebettet.

Was mir sehr gut gefiel war auch der Anhang in dem die Autorin noch ein Mal auf die Zeit, in der das Buch spielt eingeht, und außerdem auf einige wahren Ereignissen eingeht, die sie zu der Geschichte inspirierten, außerdem gibt es ein Glossar mit Begriffen, die den Lesern wohl heute nicht mehr ganz so geläufig sind.

Alles in allem ein netter Schmöker für spannende Lesestunden!
Ich werde mir auf jeden Fall auch den ersten Roman der Autorin zu Gemüte führen.