Historisches · Liebesromane

Rezension: Robin und Jennifer

Um die Jahrhundertwende herum wachsen zwei Mädchen an zwei enorm unterschiedlichen Orten auf: Robin im konservativen Bad Cannstatt und Jennifer im modernen Paris inmitten von Künstlern und anderen exzentrischen Persönlichkeiten. Während Robin, die sich für die Frauenemanzipation interessiert, am liebsten Männerkleidung trägt und studieren möchte, in ihrer Homosexualität zunächst eine Krankheit und Sünde sieht, und versucht, ihre Gefühle zu verdrängen und zu unterdrücken, hat Jennifer schon früh ein Verhältnis mit ihrer Klavierlehrerin, und findet es von vorneherein relativ unproblematisch, eine Lesbe zu sein. Als die beiden sich schließlich auf dem Monte Verità, auf dem sich Künstler, Lebensreformer und allerlei andere alternative Menschen eingerichtet haben, kennen lernen, treffen zwei grundverschieden geprägte junge Frauen aufeinander.

robin und jennifer

Zunächst, um sämtliche Erwartungen, die Titel und Titelbild aufwerfen, gleich wieder zu entkräften: die eigentliche Geschichte um das, was zwischen Robin und Jennifer entsteht, nimmt nur den hinteren Teil des Buches, vielleicht das letzte Drittel ein. Davor ist das Buch weniger eine Romanze, als eine coming-of-age Geschichte zweier Mädchen, die in verschiedenen Lebensumständen mit unterschiedlichen Problemen, familiären Konflikten und Gefühlen, die von dem, was normalisiert ist, abweichen, zurechtkommen müssen.

Immer im Wechsel werden die Erlebnisse der beiden erzählt. Robin gerät immer wieder mit ihrer konservativen Tante aneinander, muss ihre „un-weiblichen“ Interessen und Ambitionen rechtfertigen und kämpft mit ihren Gefühlen für eine Klassenkameradin. Jennifer hingegen ist zwar nicht so sehr gezwungen, ihre Sexualität zu verstecken, doch ist ihr Stiefvater, der sie wahlweise mit einem „echten arischen Mann“ verheiraten oder ihr selbst an die Wäsche möchte, ein ständiger Konfliktpunkt.

Der Schreibstil ist gefühlvoll, aber nicht kitschig und die meisten Charaktere sind lebendig und dreidimensional. Es wechseln sich Gespräche, und andere Elemente, die die Handlung vorantreiben, mit Passagen ab, in denen einfach nur die Umgebung beschrieben wird, was mich immer freut, da ich mir gerne Beschreibungen durchlese. Besonders gefiel mir auch, dass durch die verschiedenen Schauplätze ein vielfältiges Bild des beginnenden 20. Jahrhunderts entworfen wurde. Von so diversen Themen wie dem Kampf um Frauenrechte und der Entstehung des Ausdruckstanzes bekommt man interessante historische Informationen und Einblicke.

Ich kann das Buch also sowohl Leuten empfehlen, die gerne historische Romane über diese Zeit lesen, als auch Liebhaber*innen von Liebesgeschichten.

Für Inhalts-/Triggerwarnungen hier markieren: Eine relativ ausführlich beschriebene versuchte Vergewaltigung sowie mehrere „harmlosere“ Instanzen sexueller Belästigung.

Autorin: Elke Weigel
Verlag: Konkursbuch-Verlag
Seiten: 323
Erstauflage: 2014
ISBN: 3887697383
ISBN-13: 978-3887697389
Auch für den Kindle und im epub-Format erhältlich.

Dramatisches · Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Blühender Lavendel

Das Buch stellt zwei Charaktere vor, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Da ist Herbert Krull, ein penibler Buchhalter in den Fünfzigern, der sich an Ritualen durch seine durchorganisierten Tage hangelt, und der, abgesehen von der Trauer um seine vor fünf Jahren verstorbene Mutter, mit Sozialkontakten nicht viel am Hut hat. Außerdem gibt es Simone Allemann, deren Freund sich vor kurzem von ihr getrennt hat, und die nun zwischen Wut, Eifersucht und Erleichterung versucht, mit diesem Bruch in ihrem Leben fertig zu werden. Abgesehen davon, dass sie beide bei der selben Firma arbeiten, verbindet sie nichts, und als ihre Leben auf unvorhergesehene Weise aufeinandertreffen ist es schon zu spät …

Seit zwei Stunden saß er nun da und wusste nicht, was als Nächstes zu tun war. Sein geregelter Tagesablauf war aus den Fugen geraten. Er hatte keine Ahnung, wie er an sein vorheriges Leben anknüpfen sollte. Die einfachsten Dinge, wie etwa sich unter die Dusche zu stellen und zu waschen, waren zu einer Herausforderung geworden. Die Automatismen trivialer Tätigkeiten waren wie weggeblasen.
S.50

Abgesehen von den Widrigkeiten des Alltags dreht sich Blühender Lavendel hauptsächlich um die Bewältigung von Schicksalsschlägen in der Kindheit am Beispiel des Herbert Krull. Während er selbst ein positives Bild von seiner Kindheit hat, erfährt man, dass seine Schwestern die Vergangenheit ganz anders sehen, was ein Grund dafür ist, warum er den Kontakt zu ihnen abgebrochen hat. Nach und nach, durch Gespräche mit seinen Schwestern und zunächst noch unerklärliche Träume drängt sich auch Herbert der Gedanke auf, dass er einige Erinnerungen verdrängt hat. Für jeden, der schon psychologische Spannungsromane gelesen hat und/oder gezwungen war sich mit Freud zu befassen, gibt es keine großartig überraschenden Plottwists oder nie-zuvor-dagewesene Erkenntnisse, was jedoch nichts daran ändert, dass das Buch einen nicht zu leugnenden Sog entfaltet. Während das recht dünne Buch nicht viele Seiten bietet, in die Tiefe zu gehen und die Aufarbeitung der Vergangenheit mit Ruhe und Realismus zu behandeln, wird gerade dadurch, dass alles Schlag auf Schlag von Statten geht ein rasches Tempo in das Buch gebracht, das bei mir dazu führte, dass ich die Geschichte in einem Rutsch durchlaß. Obwohl ich der Maxime „show, don’t tell“ generell skeptisch gegenüber stehe, hätte das diesem Buch vielleicht gut getan, so hatte ich oft den Eindruck, dass die Charaktere weniger sorgfältig entwickelte Personen, als Aneinanderreihungen von Symptomen (in Krulls Fall) oder Klischees einer Frau in einer Midlife-Crisis (wie Simone) waren. Doch dieser karikaturenhaft überzeichnende Schreibstil was die Charakterisierung von Figuren betrifft wartete auch mit Sätzen auf, die mich lächeln und nicken ließen, weils sie einfach so akkurat waren. So heißt es über Simones Exfreund: „Jeden Morgen hatte sich Robert über ihre Lektüre lustig gemacht. Er selbst steckte die Nase in eine niveauvolle Tageszeitung, denn er war der Ansicht, eine einfache Zeitung würde nicht die Informationen bieten, die er für seine Tätigkeit als Anlageberater benötigte. Er wälzte den Börsen- und Wirtschaftsteil vor und zurück, schüttelte den Kopf, lächelte süffisant oder zog die Augenbrauen hoch.“ Solche Textstellen bieten die erfreuliche Gelegenheit, amüsiert an Menschen aus dem eigenen Leben mit ihren unsympathischen Marotten zu denken und zu grinsen.
Schade fand ich, dass doch recht oft auf Männer- und Frauenklischees zurückgegriffen wurde. Auch der Schreibstil ist teilweise noch etwas stockend und unbeholfen, was dann aber zu amüsanten Zusammenhängen führt „[Chris] hatte noch keine Zeit gehabt, zu frühstücken. Dasselbe galt für seine Kleidung“. 😀

Alles in allem ist Barbara Hagmanns Erstling aber ein spannender und unterhaltsamer Roman, den man an einem faulen Nachmittag im Bett quasi „am Stück“ verschlingen kann! 🙂

Obwohl ich ja die Kategorie „Oberflächliches“ in meinen Rezensionen weggelassen habe, möchte ich hier noch mal darauf eingehen, dass ich das Buch zum Anschauen und auch Anfassen als Genuss empfand! Das Coverbild beschwört eine passend beklemmende Atmosphäre hinauf, das matte Glänzen und die eingestanzten Worte des Titels wirken richtig edel; außerdem ist die Schutzhülle leicht rau, was sehr angenehm in der Hand liegt.

Autorin: Barbara Hagmann
Verlag: Riverfield
Seiten: 240
Erstauflage: August 2015
ISBN-10: 3952446378
ISBN-13: 978-3952446379
Auch im ePub-Format und für den Kindle erhältlich!

Ich danke dem Riverfield-Verlag für das Zur-Verfügung-Stellen eines Rezensionsexemplares!

Krimis und Thriller

Rezension: Samariter

Traveler DC 120

Es gibt Entscheidungen, die von solch weitreichenden Konsequenzen sind, dass man sie gar nicht auf die Schnelle treffen kann. Und trotzdem muss man. So geht es Faith Saunders, einer der Hauptfiguren dieses Buches. Sie ist nachts in einem schweren Sturm in ihrem Auto unterwegs, und möchte am Straßenrand den starken Regenfall abwarten, um dann weiter zu fahren. So nickt sie ein und wird von einem Pochen an der Scheibe ihres Autos geweckt. Vor sich sieht sie nun eine recht heruntergekommen und verzweifelte junge Frau, die sie anfleht, sie ins Auto zu lassen. Innerhalb von Sekunden muss sich Faith entscheiden: soll sie die Fremde hereinlassen? Aber vertrauenswürdig sieht diese nicht aus, oder? Außerdem schläft noch Faiths kleine Tochter hinten im Auto: kann man denn in dieser Situation das Auto öffnen, mitten in der Nacht, in einer fremden, verlassenen Stadt?
Bevor Faith sich all diese Fragen beantworten kann muss sie mit ansehen, wie die Frau mit zwei Männern, vor denen sie zuvor noch flüchten schien, weggeht. Sie redet sich ein, dass das bestimmt nichts Ernstes war, nichts, dessenentwegen sie die Polizei anrufen muss … Als einige Tage später jedoch das aktuelle Opfer einer Mordserie im Fernsehen gezeigt wird, wird ihr das Ausmaß ihrer Schweigens bewusst und sie wird in eine Serie von Konsequenzen geworfen, die ihr Leben auf den Kopf stellen und zu zerstören drohen.

Jilliane Hoffman ist vor allem für Cupido und Folgbände bekannt, was ich, wie ich gestehen muss, noch nicht gelesen habe. Sie wurden mir des öfteren empfohlen, doch wie das so ist – die Empfehlungen häufen sich, die ungelesenen Bücher stapeln sich, Rosa ist überfordert. Nach diesem Roman aber habe ich definitv das Ziel, mir mehr Bücher von Frau Hoffman durchzulesen!
Eigentlich wollte ich mir das Lesen ein wenig ausbreiten; so war mein Plan, als ich das Buch kaufte. Ich hatte eine stressige Woche vor mir, und wollte das Buch dazu nutzen, am Abend bei leichter Lektüre zu entspannen, und Thriller sind nun mal mein Anti-Stress-Genre. Die Realität sah dann so aus, dass ich das Buch innerhalb eines Abends und darauf folgenden Morgens verschlang. Da ich ja kein plotbezogener Leser bin, ist es selten, dass ein Buch mich von der Handlung her so packt, daher ist das umso bemerkenswerter!

Samariter ist nicht „nur“ (also: ausschließlich) ein Thriller, man könnte noch eine Reihe anderer Genres anführen, wie Familiengeschichte, Beziehungsstudie oder Court Room Drama.
Besonders die Familie der Zeugin, Faith Saunders steht im Mittelpunkt das Geschehens und man entsetzt und bangend die Auswirkungen betrachten, die es haben kann, zu schweigen und untätig zu bleiben. Außerdem wird nach und nach aufgedeckt, dass Faith schon in der Vergangenheit Probleme mit Alkohol hatte, was sich durch die Stresssituation noch verstärkt, und die Lesenden die Daumen drücken und hoffen lässt, dass sie weiß, wo die Grenze zu ziehen ist, schon um ihrer kleinen Tochter Willen.
Ein weiterer interessanter Aspekt des Buches ist das Aufgreifen des Themas in wie fern der mediale Umgang mit Kriminalfällen und Gerichsprozessen die Sicht auf Täter und Zeugen lenken und verändern kann – und auch, wie Richter und Anwälte mit media coverage umgehen; von Trotzreaktionen und Geltungsdrang und ihrem Schaden und Vorzug.

Insgesamt geht es also weniger darum, einen Fall aufzuklären, sondern darum, was alles schief gehen kann, wenn doch schon alles klar sein sollte. Das Ende hält sich die Möglichkeit eines Folgebandes offen, ich wäre mit Begeisterung dabei!

Autorin: Jilliane Hoffman | Übersetzerin: Sophie Zeitz
Originaltitel: All the little pieces
Seiten: 473
Verlag: Wunderlich
Erstauflage: 2015 | Deutsche Erstauflage: 2015
ISBN-10: 3805208944
ISBN-13: 978-3805208949
Auch für den Kindle und im ePub-Format erhältlich.

Historisches · Liebesromane

Rezension: Die Stadt der schweigenden Berge

stadt der schweigenden bergeHandlung: Berlin, 1930. Die Studentin Amarna ist fasziniert von der Archäologie und Altorientalistik. Besonders interessiert sie der Gilgamesch-Mythos, zu dem sie auch ihre Magisterarbeit schreiben möchte. Die Hauptstadt des untergegangenen Hethiter-Reiches, Hattuša, übt ebenso eine starke Faszination auf sie aus – vor allem, da sie über diese schon seit sie denken kann Albträume hat. Warum nur sträubt sich ihr Vater, der doch selbst begeisterter Archäologe ist, so sehr dagegen, sie an einer Expedition dorthin teilnehmen zu lassen? Als sich ihr die Gelegenheit bietet, eine solche Reise zu machen, kommt sie nicht nur den Geheimnissen einer Stadt, sondern auch ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur …

War ganz Hattuša eine in Felsen hineingezwungene Festung, die selbst die Stürme des Himmels nicht einnehmen konnten, so war der Palast auf dem Hügel ihr Herz, das einst, beim Weltende, der berstenden Erde trotzen würde.
(S.323)

Wenn es in einem Buch um Archäologie geht, ist das für mich alleine schon ein Anreiz, es zu lesen. Damit es mir dann auch richtig gut gefallen soll, müssen natürlich auch mehr Dinge stimmen, doch ich kann frohen Mutes verkünden, dass ich sehr glücklich bin, Die Stadt der schweigenden Berge gelesen zu haben, und es auch guten Gewissens weiter empfehle! Es ist eines der Bücher, die mich schon vom ersten Satz an in ihren Bann gezogen haben. Kaum hatte ich es aufgeschlagen, war ich schon drin in Armanas Welt und ihrem Denken, fühlte ihre Begeisterung für die Erforschung der Vergangenheit. So waren die schönsten Stellen für mich jene, in denen man die Liebe zur archäologischen Forschung spürte, und im Allgemeinen die Begeisterung verschiedenen Kulturen gegenüber. Der Schreibstil war bildhaft und poetisch und machte Beschreibungen von Städten, Landschaften und Artefakten zu einem Genuss. Ich bekam immer stärker selbst Lust, auf Expedition zu gehen und vergessene Städte auszugraben – auch wenn mir das nicht möglich ist, den Gilgamesch-Mythos werde ich mir auf jeden Fall zu bestellen, Amarnas Begeisterung ist nämlich sehr ansteckend und die eingestreuten Textpassagen tun ihr Übriges.

Wie immer kann ich ein Buch nicht ohne kleine Kritikpunkte empfehlen. Was mir hier stellenweise die Lust raubte, war eine Liebesbeziehung mit der ich mich erst so gar nicht anfreunden konnte, später aber warm wurde. Dies lag zum Teil auch daran, dass ich wirklich nicht damit gerechnet hatte, dass eine Romanze einen so großen Stellenwert in dem Roman einnehmen würde, und wurde dann bei meiner immerwährenden Suche nach einem romantiklosen Roman natürlich enttäuscht. Hier also die offizielle Warnung für alle, denen es ähnlich geht: Liebe in Sicht! 😀
Ebenso kam mir beim Nachdenken über Bücher, die mich emotional zu berühren wissen, in den Sinn, dass ich große Gefühle am liebsten in kleinen, klaren Worten geschildert habe. Da Die Stadt der schweigenden Berge aber wie gesagt ein Buch großer, dramatischer Sprache ist, löste das vielleicht auch gleichzeitig bei mir eine Distanz zu den realen Emotionen (außerhalb des Genusses wunderschöner Sprachbilder) aus.
Die Thematisierung der Romantik war für mich allerdings der einzige Wehrmutstropfen – und wer mich kennt, weiß ja, dass ich in dieser Hinsicht wirklich schwer zufrieden zu stellen bin, weshalb das für andere Leser kein Hindernis darstellen sollte, sich den Roman einzuverleiben. Mein „Leser-Service“ enthält aber eben, dass ich auch erwähne, was mich nicht so zu beglücken wusste. 😉

Ansonsten besonders gelungen fand ich die Einbettung in den historischen Kontext. Die Charaktere wirken sehr realistisch der Zeit entsprechend (und es ist eigentlich traurig, dass ich das so hervorheben muss, aber leider ist das in historischen Romanen nicht immer so). Interessant ist Amarnas schwierige Stellung als Frau in der Wissenschaft; mit banger Vorausahnung erfüllen die ersten Anzeichen des aufkommenden Dritten Reiches. Ebenfalls sehr eindrücklich ist das, was man über den Völkermord an den Armeniern erfährt – mit diesem Thema hatte ich mich noch nie gefasst, und es ist doch immer exzellent, wenn man durch Romane auch etwas lernt, gerade über Geschehnisse, die ob ihrer Grausamkeit nicht vergessen werden dürfen.

Wenn man die Geschichte eines Volkes nicht mehr erzählt, löscht man es ein zweites Mal aus, nicht wahr?
(S.230)

Alles in allem also: eine Leseempfehlung! Ich habe diese lehrreiche und unterhaltsame Liebesgeschichte an die Archäologie mit viel Vergnügen verschlungen.

Meine Lieblingszitate findet ihr wieder auf Tumblr, wenn ihr diesem Link folgt!

Autorin: Carmen Lobato
Verlag: Knaur Taschenbuch
Erstauflage: 2015
Seiten: 576
ISBN-10: 3426514559
ISBN-13: 978-3426514559

Krimis und Thriller

Rezension: Querbrater

Handlung: Als die Wiener Chefinspektoren Kajetan Vogel und Alfons Walz den Mord an einer Frau klären müssen, die ziemlich aktiv in einer Online-Dating – bzw. Seitensprung- – agentur gewesen war, treten sie in ein für sie bisher ungekanntes Milieu ein. Während sie vornehmlich diverse Affären der Ermordeten vorladen und dabei auf skurrile Charaktere stoßen, macht Vogel, der selbst Seitensprüngen nicht abgeneigt ist, Bekanntschaften ganz anderer Art …

~ * ~

Ich habe Querbrater immer morgens in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit gelequerbratersen, und bei diesem Titelbild würde es mich nicht wundern, wenn die meisten anderen Fahrgäste mich eher in einem Erotikroman versunken wähnten … 😉
Doch was steckte wirklich hinter dem geschickt auf den Trendfarben der Literotica-Welle mitschwimmenden Cover?

Für mich entpuppte sich Querbrater als ein Buch, das mich zugleich positiv wie negativ überrascht hat.

Als sehr positiv empfand ich, wie „freundlich“ an das Thema jener Agenturen herangegangen wurde. Die Kunden wurden nicht per se als schrecklich moralisch verwerflich dargestellt, die Internetseiten waren einfach Möglichkeiten des Kennenlernens und nicht der Untergang der zivilisierten Welt. (Hey, ich habe schon einige Texte gelesen, die sich mit diesem Thema befassten, und werde dennoch immer wieder überrascht, wenn ich über neue Hasstiraden in fiktionalen oder Sachtexten stolpere …) Das hat mich schon mal sehr erleichtert – ich bin immer wieder froh über internet-bezogene Krimis in denen das WWW nicht die Ausgeburt des Teufels ist!

Die negative Überraschung war leider mein steigendes Unbehagen angesichts des doch oft sehr veralteten Frauenbildes der Hauptcharaktere. Nun gut, klar, es handelt sich bei dem Ermittlerduo um zwei Männer mittleren Alters – „was hast du denn erwartet?“, so könnte man mich fragen. 😀
Am Anfang fand ich die ganzen Sprüche über Frauenlogik etc. auch noch recht amüsant, schließlich gehörten auch zu der Interaktion der beiden Ermittler kleine, freundlich gemeinte Sticheleien einfach dazu, was ich auch sehr sympathisch und angenehm zu lesen fand. Doch nach einer Weile ging es mir dann doch sehr auf die Nerven, das alles: wie bei jeder auftretenden Frau sofort detailliert der Grad der Attraktivität beurteilt wurde, wie über Flirtereien und Beziehungen in Argumentationen gesprochen wurde, die mich daran zweifeln ließen, ob ich nicht per Zeitreiseroman in der Steinzeit gelandet sei.

Als dann schließlich …
(hier eine Spoilerwarnung – allerdings nicht die Aufklärung des Falles betreffend, sondern das Privatleben des Kommisar Vogels!)
… Vogel wiederholt seine Frau betrog und dabei die Schuld in reichlich schwachen Begründungen der „Spielpartnerin“ zuschob (um Himmels Willen! Egal, wo sie dir grad hinlangt, entweder du bist ein treuer Ehemann und beendest die Sache, oder eben nicht.), war es mir dann doch zu viel des Guten.

Natürlich weiß ich, dass die Sichtweisen der Charaktere nicht die Qualität eines Romanes ausmachen, doch kann ich mich mit manchen Einstellungen einfach nicht anfreunden, gerade wenn ich durch den personalen Erzähler mir viel zu undistanziert im Kopf betreffender Protagonisten feststecke. Da flüchte ich mich lieber in eine „Kann sein, dass manche Männer so denken, lesen möchte ich das aber bitteschön nicht“-Ignoranz. Was Geschlechterbilder und -stereotype betrifft bin ich nun mal besonders streng und schwenke gerne mein imaginäres „Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter!“-Schild herum.

Wen solcherlei Dinge allerdings weniger stören, wird hier mit einem guten Krimi um ein originelles und unterhaltsames Ermittlerduo bedient.

Was mir wiederum sehr gefiel, war, wie sich durch die Beschreibungen der Gegend und die Sprache der Charaktere quasi das Erlebnis eines Wien-Ausfluges einstellte!
Auch als Krimi an sich habe ich an der Geschichte nichts auszusetzen – ich glaube, alles war ziemlich realistisch und nicht künstlich hochgeputscht, was ich immer sehr angenehm finde.

Autor: Rupert Schöttle
Verlag: Gmeiner
Erstauflage: 2015
Seiten: 307
ISBN-10: 3839216877
ISBN-13: 978-3839216873

Jugendbücher · Liebesromane

Rezension: Eleanor and Park

eleanor and park 1! Diese Rezension bezieht sich auf die englisch-sprachige Ausgabe !

Autorin: Rainbow Rowell
Verlag: Orion Publishing Group
Erstauflage: 2012
ISBN-10: 1250012570
ISBN-13: 9781250012579

Handlung: Als Park Eleanor zum ersten Mal in den Schulbus steigen sieht, findet er sie sofort seltsam – mit ihren wallenden, roten Haare und ihren seltsamen Klamotten fällt sie auf, und das mit Absicht, wie es ihm scheint. Da der Platz neben ihm jedoch der einzige noch freie ist, sitzen sie nun täglich auf den Fahrten zur Schule und zurück nebeneinander. Zunächst schweigen sie sich an, doch eines Tages bemerkt Park, dass Eleanor über seine Schulter in den Comics mitließt, die er im Bus immer verschlingt. Irgendwann bringt er ihr einen Stapel Comics zum Selberlesen mit und die ersten Gespräche entspannen sich: über Comics, Musik, das Leben im Allgemeinen …

Nothing was dirty. With Park.
Nothing could be shameful.
Because Park was the sun, and that was the only way Eleanor could think to explain it.

Das erste Buch, das ich von Rainbow Rowell laß war ihr aktuellestes Jugendbuch Fangirl. Schon dies überraschte mich positiv, ich erlebte etwas, das mir, um ehrlich zu sein, selten passiert: Ich fühlte so richtig mit den Charakteren mit. Nicht falsch verstehen – ich bin durchaus ein menschlicher Mensch mit Gefühlen, nur ist es eben so, dass ich so gut wie nie an den Punkt gerate, an dem die Geschichte, die ich lese, für mich wirklich wird. Ständig bin ich mir überdeutlich bewusst, dass all die Charaktere gar nicht existieren, und dann ist es mir auch relativ egal, ob die nun glücklich sind, oder traurig, oder verliebt. Emotionen habe ich beim Lesen zwar schon, doch die spielen sich hauptsächlich auf der Wortebene ab. Der Plot ist für mich eher da „unwichtige“ Gerüst im Hintergrund, das wunderschönen Worten ihre Existenzberechtigung auf den Seiten verschafft, übertrieben ausgedrückt.
Aber: Rainbow Rowell schafft es, was nur wenigen Autoren und Autorinnen gelingt, nämlich, dass ich wirklich mit den Figuren mitfiebere und -leide und mich freue. Während mir Fangirl schon selige Seufzer entlockte und tränenfeuchte Augen hervorrief, fand ich diese Geschichte sogar noch berührender.
Die beiden Hauptcharaktere, aus deren Sicht abwechselnd erzählt wird, sind einfach so wahnsinnig echt. Sie sind keine einseitigen, platten Abziehbilder, die Jugendbuchautoren den Leser*innen (die sie wohl unterschätzen) oft vorsetzen. Beide sind durch grundverschiedene Familien geprägt, was die unterschiedlichen Arten, in denen sie ihre Beziehung angehen, sehr verständlich macht. Besonder Eleanors gewalttätiger Stiefvater, der die Familie tyrannisiert, erklärt viel von ihrem Zögern, sich auf andere Menschen einzulassen. Durch das Aufgreifen solcher Themen wie familiärer Probleme oder Mobbing in der Schule ist das Buch oft bedrückend, doch um einiges realistischer und lebendiger als die durchschnittliche Jugendbuch-Romanze, die entweder eine heile Welt vorspielt oder durch lieblos artifizielle Konflikte Spannung erfährt.
Ich laß in Rezensionen davon, dass vielen das Buch (gerade vielleicht das Ende) nicht fröhlich genug ist. Selbst finde ich jedoch, dass die schönen Momente, in denen die beiden sich gänzlich aufeinander einlassen, mich glücklich genug machen, und dass eine literarische Beziehung nicht nur dann (bzw. gerade dann nicht) besonders lesenswert ist, wenn sie ins Ewige und überirdisch Perfekte stilisiert wird.
Auch das Ende, das viele kritisierten, laß ich eigentlich als Happy End und ich schlug das Buch mit einem Lächeln zu.

Ich glaube, dass ich bei Jugendbüchern noch viel kritischer bin, als bei anderen – vielleicht, weil ich den Eindruck habe, dass gerade jugendliche Leser oft von Autoren unterschätzt werden und man sie mit oberflächlichen Geschichten abfertigt – doch Eleanor & Park hat mich auf ganzer Linie überzeugen können.

You saved my life, she tried to tell him. Not forever, not for good. Probably just temporarily. But you saved my life, and now I’m yours. The me that’s me right now is yours. Always.

Krimis und Thriller

Rezension: „Die Todesgeigerin“

todesgeigerinAutor: Paul Walz
Verlag: Prolibris
Erstauflage: Dezember 2014
Format: Taschenbuch
ISBN-10: 3954751011
ISBN-13: 978-3954751013
Seiten: 331

Handlung: Als am Anfang der Geschichte eine Seniorin tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, gehen Kommissar Lichthaus und sein Team zunächst noch von einem Einzelfall aus. Als sie jedoch Wissen über mehrere ähnliche Fälle erlangen, erkennen sie, dass sich jemand in einer Raubmordserie einer unheimlich verletzlichen Bevölkerungsschicht zuwendet: Alternden Menschen, die vollkommen von ihrer Umwelt abgeschnitten sind. Es stellt sich heraus, dass all den Opfern gemeinsam war, dass sie im Internet in Seniorenchatrooms ihrer Einsamkeit zu entfliehen suchten, wo der Mörder dann ihr Vertrauen erlangte. Die Ermittlungen im Cyberspace stellen das Team vor ungeahnte Herausforderungen.

~*~

Wie eigentlich immer kann ich mir nicht verwehren, das Buch von mehreren Standpunkten zu betrachten – mein erster ist der einer begeisterten Krimileserin, und als solche habe ich das Buch gerne gelesen. Der oben beschriebene Fall ist mir in dieser Weise noch nie untergekommen und mit Spannung habe ich verfolgt, wie die einzelnen Handlungsstränge aufgedröselt wurden und die Ermittler in so einigen Sackgassen stolperten. Was ich besonders mochte, waren die Kapitel, die die Sicht der Opfer und Täter beleuchteten. Ich bin jetzt 22 und die meisten Menschen, mit denen ich Kontakt habe, sind ebenfalls junge Erwachsene, oder Erwachsene vor dem Rentenalter. Dieser Blick auf ältere Menschen in ihrer Einsamkeit war etwas ganz neues und Bedrückendes für mich. Auch der Einblick in die Motive der Täter gab dem Leser eine neue Perspektive auf das Geschehen und machte es schwerer, eine klare Grenze zwischen „gut“ und „böse“ zu ziehen.
Wie es in den meisten Krimis von heute üblich ist, konzentrierte sich das Buch nicht nur auf den Fall, sondern erzählte auch vom Leben der Ermittler, hier hauptsächlich von Kommissar Lichthaus. Die Todesgeigerin ist der dritte Band einer Reihe um diesen Ermittler, man kann aber auch gut einsteigen wenn man – wie ich – keinen der vorhergehenden Bände gelesen hat. Leider muss ich sagen, dass mir hier Lichthaus leider nicht so sympathisch wurde (was aber vielleicht an meiner ganz persönlichen Abneigung gegen Eifersüchteleien liegt), das trübte mein Lesevergnügen aber nur unwesentlich. Im Allgemeinen mochte ich das Team und wie deutlich wurde, wie sympathisch sich die meisten Mitglieder sind.
Vom Krimileser-Standpunkt war das also ein gutes Buch, aber leider bin nie nur eine Art von Leserin gleichzeitig, weshalb ich nun kurz auf zwei Punkte eingehen möchte, die meinen Genuss des Buches ein wenig schmälerten:
Zum einen wäre da die Sache, dass ich eine junge Erwachsene im Jahre 2015 bin. Mit Betonung auf ‚jung‘, weil ich damit meine Zugehörigkeit zu einer Generation unterstreichen möchte, die quasi im Internet aufgewachsen ist. 😀  Zwar gab es in meiner Kindheit weder Smartphones noch Laptops, aber dennoch bin ich seit ca. 10 Jahren häufig (und immer häufiger werdend) im Internet unterwegs. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich eben online fast schon zu Hause fühle, dass es mir oft seltsam bis unglaubwürdig erschien, wie naiv die Ermittler an diesen neuen Schauplatz herangehen. Zwar kenne ich mich nicht wirklich aus, wie gut ausgebildet Polizisten in dieser Hinsicht sein müssen, doch konnte ich der Geschichte nie so ganz abnehmen, von was die Protagonisten alles noch nie gehört hatten, bzw. welche Unvorsichtigkeiten sich daraus ergaben. Doch, wie gesagt, das ist nur meine ganz persönliche Empfindung – und vielleicht finden sich „wirkliche, echte Erwachsene“ auch eher darin wieder, schließlich ist das Internet ja auch für Frau Merkel Neuland. 😉
Ein zweiteres kleines Manko war, dass ich (trotz der oben erwähnten teilweisen Aufhebung von Gut und Böse), viele (Neben-)Charaktere als etwas flach und fast karikaturhaft gezeichnet fand, als sollte es dem Leser extra einfach gemacht werden, sie schnell in Schubladen a la „Nerd“, „brave, harmlose Studentin“ zu stecken.

Alles in allem also empfand ich Die Todesgeigerin als guten  Krimi – nicht unbedingt herausragend, aber keineswegs schlecht, der spannende Unterhaltung für einen faulen Sonntag auf der Couch bietet. 🙂