Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Aliide, Aliide

cam00869

Obskur, komplex, bedrückend – das sind drei Worte, mit denen man Aliide, Aliide von Mare Kandre beschreiben könnte. Viel über den Inhalt würde das nicht verraten, doch das tut auch das Buch selbst nicht. Es erzählt die Geschichte von Aliide, einem schwedischen Mädchen, das in Übersee aufgewachsen ist, und sich nun wieder in Schweden einfinden muss – das Land gefällt ihr jedoch nicht, vor allem die Sprache scheint ihr dem Englischen gegenüber unbehaglich und wenig aussagekräftig: „jedes Wort [war] matt und hart wie ein grauer, gewöhnlicher Stein, und mit diesen Wörtern im Mund pflanzte sich die Schwere im restlichen Körper wieder fort, der sich deswegen wieder komisch anfühlte, schwer und plump.“

Aliide hat wenige Freunde. Die meiste Zeit verbringt sie mit K, einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Die beiden könnten gegensätzlicher nicht sein. Während Aliide wild und mutig ist und auch mal vorlaut sein kann, ist K eher brav, sauber und ordentlich. Dennoch verstehen sie sich gut, bis es Aliide immer schlechter geht und sie sich immer weniger unter Kontrolle hat. Denn eines Tages, durch nur grob umschriebene Ereignisse, beginnen, verdrängte Erinnerungen in ihr wieder hoch zu kommen, die Allides Verhältnis zu sich selbst und ihrer Umwelt komplett auf den Kopf stellen.

Die Welt, die man immer durch ihre Augen sieht und in ihren Worten erlebt ist von da an durchtränkt von einem Gefühl von Furcht und Bedrohung. Sie entwickelt einen Ekel vor sich selbst, vor anderen, vor allem Körperlichen, der sie zu reinigenden und letztendlich nutzlosen Ritualen treibt. Am Schlimmsten ist, dass sie mit niemandem darüber reden kann. Obwohl sie oft verzweifelt um Hilfe bitten möchte, ist wieder und wieder ihre Überzeugung stärker, ihre Eltern vor den Schlechten Dingen in ihr und in der Welt beschützen zu müssen. In ihrem Drang, die heile Welt nicht zu zerstören, schweigt sie also, und leidet.

„Dass man da sitzen und sterben konnte, umgeben von seinen eigenen Familienmitgliedern, tief im Innern fürchterlich verletzt, von Schmerz und Angst fast zugrundegerichtet, ohne dass es denen überhaupt auffiel, dass man das so vollständig verbergen konnte. Dass man damit allein war. Mutterseelenallein musste man das mit sich herumtragen!“

Das Buch ist in einem unglaublich dichten Schreibstil geschrieben. Reale Ereignisse gehen in Träume über, Beobachtetes in Gefühltes. Und wie der Stil den Inhalt verbirgt, so ist der Grund für Aliides Leiden vor ihr selbst verborgen. Weil ein Kind dafür noch keine Worte hat und auch nicht brauchen sollte.

Aliide, Aliide ist ein beeindruckendes Buch. Beim Lesen zwischenzeitlich so eindrücklich, dass ich es kurz bei Seite legen musste, um durchzuatmen, möchte ich es doch noch viele Male lesen, um all die Sätze, mit denen der wort- und hilflose Schrecken eines Kindheitstraumas so gut es geht verbalisiert wird, würdigen zu können. Leichte Kost ist etwas anderes, dennoch empfehle ich es uneingeschränkt allen, die sich auch an schwere Themen wagen. Kindheit ist hier kein Paradies der Geborgenheit, sondern eine Hölle, aus der man nicht entkommen kann, weil man sie in sich trägt.

cam00866

Autorin: Mare Kandre | Übersetzerin: Isabelle Wagner
Verlag: Septime
Seiten: 400
ISBN-10: 3902711485
ISBN-13: 978-3902711489

Diese Rezension wurde zuerst als Gastrezension auf Bibliophilin.de veröffentlicht.

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Lyrik

Rezension: For Your Safety Please Hold On

Mir ist aufgefallen, dass ich hier noch nie etwas über eine bestimmte Gattung geschrieben habe, die mir eigentlich sehr viel bedeutet, nämlich die Lyrik. Dem wirkt dieser Eintrag entgegen, und da ich in letzter Zeit auch viele Gedichte und Gedichtbände lese, kann ich vielleicht auch bald mehr Empfehlungen (oder Anti-Empfehlungen) aussprechen.

czaga - for your safetyDieser dünne Band, For Your Safety Please Hold On, ist das erste Buch der jungen kanadischen Poetin Kayla Czaga. Ein vorherrschendes Thema ist die Familie, so besteht fast die erste Hälfte des Buches nur aus Portraits diverser Familienmitglieder. Kayla Czaga erzählt von ihren Eltern, von der Krankheit und dem Tod ihrer Mutter, ihrem und dem Umgang ihres Vaters mit der Trauer. Auch Tanten, Onkel und Großeltern werden so schonungslos und lebendig beschrieben, dass man fast denkt, die bunte Familie persönlich zu kennen.

Danach widmet sich das Buch diversen Themen, dem Erwachsenwerden, der Liebe, der Angst, und es erzählt davon, ein Mädchen/eine Frau zu sein. Alles ist durchzogen von Nostalgie, die Autorin erinnert sich oft an ihre Kindheit zurück, an ihre Schulzeit und anderes.

Ein Favorit meinerseits ist das letzte und längste Gedicht, Many Metaphorical Birds. Es dreht sich um Heideggers Sein und Zeit, Philosophie, Schlussmachen, Kommunikation und den Unterschied zwischen Cafés und Coffee Shops.

greatly i have coffeed

Kayla Czagas Gedichte reimen sich nicht, sie bestehen oft aus langen Sätzen und Strophen, zumeist in recht alltäglicher Sprache, doch mit ausgefallenen Metaphern und Verknüpfungen.

Ich kann diese Gedichte jedem ans Herz legen, der gerne zeitgenössische Lyrik liest und sich zumindest ein wenig für die erwähnten Themen interessiert.

Autorin: Kayla Czaga
Verlag: Nightwood Editions
Seiten: 96
Erstauflage: 2014
ISBN: 978-0-88971-303-1
Auch für den Kindle erhältlich.

Historisches · Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Sommernovelle

Sommernovelle1989, nach Tschernobyl und vor der Wende. Die Freundinnen Panda und Lotte sind sehr idealistisch und engagieren sich für Umweltschutz. Da passt es gut, dass sie – obwohl mit 15 eigentlich noch zu jung – in den Osterferien für zwei Wochen auf einer Vogelstation auf einer Nordseeinsel aushelfen dürfen. Dort erleben sie einen Sommer, der sie in vieler Hinsicht fürs Leben prägt; sie lernen viel über sich, andere Menschen, und Vögel, und werden zwischen erster Liebe, großen Enttäuschungen und Desillusionierungen ein wenig erwachsener.

In jedem Fall aber würde ich etwas tun für die Welt. Auch wenn mir noch nicht ganz so klar war, was.
(S.72)

Da ich an alle Bücher, die am oder auf dem Meer spielen, immer mit besonderer Hoffnung herangehe, schlug ich auch die Sommernovelle mit großen Erwartungen auf und wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil! Christiane Neudeckers Stil, wie sie die Landschaft, die Vögel, die Gerüche und Geräusche und das Wetter beschreibt, hat mich so gefangen genommen, dass ich fast das Gefühl hatte, meine Lesestunden wirklich am Strand verbracht zu haben.
Auch vom Inhalt her war das Buch etwas ganz besonderes. Die Mädchen Lotte und Panda, vor allem letztere als Ich-Erzählerin, sind lebendige, sympathische Personen, die man gerne auf ihrem Weg begleitet. Obwohl sie manchmal jugendlich-naiv sind, wird dies im Buch nicht verurteilt oder zynisch verlacht, stattdessen fühlt man mit ihnen, wenn die Realität zu desillusionierend wird, oder sie aus Unwissen in Fettnäpfchen treten. Mit ihnen lernt man die anderen skurrilen und einzigartigen „Bewohner“ der Vogelstation kennen: da gibt es Melanie, eine freundliche und offene Studentin, die auf Männer unverkennbaren Reiz ausübt, den lässigen und freundlichen Julian, der Lotte sofort in seinen Bann zieht, die alte Frau Schmidt, von der niemand so genau weiß, wie ihre Vergangenheit aussah und was sie zur Station zieht, und nicht zuletzt die Senioren Hiller und Sebald, die im Krieg zusammen gekämpft haben und nun jährlich gemeinsam zur Vogelstation fahren. Von Anfang an kann man sich nicht des Gefühls erwehren, dass auf der Station etwas nicht so ist, wie es sein soll, und über all der Idylle hängt die düstere Ahnung, dass noch irgendetwas Unschönes geschehen wird … Als dann schließlich der Professor auftaucht, der die Station leitet, scheint sich eine Gelegenheit zu bieten, Fragen zu stellen, doch ist der Mann seltsam abweisend und geht Fragen nach dem Zweck seiner Forschung lieber aus dem Weg.

Das atmosphärische Buch erzählt von so vielem – von der Liebe zum Meer, zu den Vögeln und zur Literatur, von dem Drang, die Welt verbessern zu wollen, und der Angst, das nicht zu können, und das alles in einem wundervollen Schreibstil. Ich bin versucht, es gleich noch mal zu lesen, um wieder auf die ungenannt bleibende Insel reisen zu können. Von mir eine ganz klare Leseempfehlung, definitiv eins meiner Highlights meines bisherigen Lesejahres 2015!

Manchmal bauen Menschen sich Luftschlösser. […] Aber das heißt nicht, dass in den Schlossgärten nicht ein paar Blumen wachsen können.
(S.166)

Autorin: Christiane Neudecker
Seiten: 186
Verlag: Luchterhand
Erstauflage: Mai 2015
ISBN-10: 3630874592
ISBN-13: 978-3630874593
Auch im epub-Format und für den Kindle erhältlich!

Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Die Klavierspielerin

klavierspielerin

Erika wurde von ihrer Mutter dazu getrimmt, professionelle Klavierspielerin zu werden. Dass das nicht gelang und sie nun „nur“ an der Musikschule unterrichtet, statt in überfüllten Konzerthallen zu glänzen, heißt noch lange nicht, dass dieser Kontrollzwang auch nur ein wenig locker lässt: Erika ist 30 Jahre alt, lebt noch bei ihrer Mutter (schläft gar im selben Bett), und tut ohne deren Wissen und Zustimmung kaum einen Schritt. Konflikte treten auf, als der zehn Jahre jüngere Klavierschüler Walter Klemmer Interesse an Erika zeigt. Für die Mutter ist er ein Eindringling in die traute Zweisamkeit, für Erika vielleicht endlich eine Möglichkeit, ihre lang unterdrückten erotischen Fantasien, die sich in Demütigung und Gewalt ergehen, auszuleben – doch ist es wirklich das, was sie will?

Mutterpflicht ist es, bei Entschlüssen nachzuhelfen und falschen Entscheidungen vorzubeugen. Dann muss man später keine Wunden mühsam kleben, denn der Verletzung hat man nicht Vorschub geleistet. Die Mutter fügt Erika lieber persönlich ihre Verletzungen zu und überwacht sodann den Heilungsvorgang.
(S. 12)

In meinem Bestreben, mal wieder zu deutschsprachigen Klassikern zu greifen, entschied ich mich neulich dafür, in die Werke von Elfriede Jelinek abzutauchen. Ja, ich muss zugeben, ein ausschlaggebender Grund war ein Satz, den ich in einem Artikel laß, der besagte, dass bei ihr Männer in der Regel nicht so gut wegkommen – wupps, schon war ich geködert! 😀
Ich meine, Männer sind ja ganz nett und so, aber sie machen sich in meinem Literaturkanon schon recht breit…

Tatsache ist aber, dass in diesem Buch niemand gut wegkommt. Keine der Hauptpersonen löste Sympathie (wenn auch Mitleid) bei mir aus, was mich aber nicht daran hinderte, das Buch wie gefesselt zu verschlingen.

Die Geschichte bewegt sich mal in der erzählten Gegenwart voran, mal erfährt man in Rückblenden aus dem Leben der noch jungen Erika, die noch als Mädchen von all dem abgeschlossen wurde, was für einen normalen Reifeprozess wünschenswert gewesen wäre. Spielkameradinnen, hübsche Kleidung, Schwärmerei und Verliebtheit – das alles hat es für sie nicht gegeben, immer nur die Autorität der Mutter und stundenlanges Klavierüben. Bei dieser Melange aus ständiger Demütigung und der Erziehung dazu, sich als etwas Besseres zu sehen, ist es kaum verwunderlich, dass Erika ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst und zu ihren Mitmenschen erlangte.

Die Erzählweise zeichnet sich durch eine große Vielstimmigkeit aus, und oft weiß man gar nicht, wer denn da spricht. Erika über sich selbst, voll Verachtung und gleichzeitig Arroganz? Ihre Mutter, bitter und erfüllt von der Angst vor Kontrollverlust? Klemmer, der nicht weiß, ob er Erika liebt oder abstoßend findet? Jemand, der das Ganze zynisch von außen beobachtet?

In dem auf so viele Sichtweisen eingegangen wird, in dem man schon in Erikas Jugend Spuren für die Verhaltensweisen der erwachsenen Frau erkennt, wird die Handlung in all ihrem Schrecken und ihrer Absurdität doch irgendwie glaubwürdig. So überzeichnet die Figuren ab und an wirkten, ich nahm ihnen ihre psychische Konstitution fraglos ab.

Das Buch ist nicht „schön“ in irgendeinem Sinne. Es schockiert und ekelt, doch auf Grund des Stils, der Ideen und des „Ich kann und möchte nicht aufhören zu lesen“-Faktors empfehle ich es uneingeschränkt.

Lernen möchte er im Umgang mit einer um vieles älteren Frau – mit der sorgsam umzugehen nicht mehr nötig ist -, wie man mit jungen Mädchen umspringt, die sich weniger gefallen lassen. Könnte dies mit Zivilisation zu tun haben?
(S.89)

Autorin: Elfriede Jelinek
Verlag: rororo
Erstauflage: 1983
Seiten: 283
ISBN-10: 3499158124
ISBN-13: 978-3499158124
Die Daten beziehen sich nicht auf die Ausgabe auf dem Bild, da diese nur noch gebraucht erhältlich ist! Stattdessen entschied ich mich für diese, die mir aktuell scheint.

Mehr Lieblingszitate um sich in den Stil hineinzufinden gibt es wie immer auf meinem Tumblr!

Historisches · Liebesromane

Rezension: Die Stadt der schweigenden Berge

stadt der schweigenden bergeHandlung: Berlin, 1930. Die Studentin Amarna ist fasziniert von der Archäologie und Altorientalistik. Besonders interessiert sie der Gilgamesch-Mythos, zu dem sie auch ihre Magisterarbeit schreiben möchte. Die Hauptstadt des untergegangenen Hethiter-Reiches, Hattuša, übt ebenso eine starke Faszination auf sie aus – vor allem, da sie über diese schon seit sie denken kann Albträume hat. Warum nur sträubt sich ihr Vater, der doch selbst begeisterter Archäologe ist, so sehr dagegen, sie an einer Expedition dorthin teilnehmen zu lassen? Als sich ihr die Gelegenheit bietet, eine solche Reise zu machen, kommt sie nicht nur den Geheimnissen einer Stadt, sondern auch ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur …

War ganz Hattuša eine in Felsen hineingezwungene Festung, die selbst die Stürme des Himmels nicht einnehmen konnten, so war der Palast auf dem Hügel ihr Herz, das einst, beim Weltende, der berstenden Erde trotzen würde.
(S.323)

Wenn es in einem Buch um Archäologie geht, ist das für mich alleine schon ein Anreiz, es zu lesen. Damit es mir dann auch richtig gut gefallen soll, müssen natürlich auch mehr Dinge stimmen, doch ich kann frohen Mutes verkünden, dass ich sehr glücklich bin, Die Stadt der schweigenden Berge gelesen zu haben, und es auch guten Gewissens weiter empfehle! Es ist eines der Bücher, die mich schon vom ersten Satz an in ihren Bann gezogen haben. Kaum hatte ich es aufgeschlagen, war ich schon drin in Armanas Welt und ihrem Denken, fühlte ihre Begeisterung für die Erforschung der Vergangenheit. So waren die schönsten Stellen für mich jene, in denen man die Liebe zur archäologischen Forschung spürte, und im Allgemeinen die Begeisterung verschiedenen Kulturen gegenüber. Der Schreibstil war bildhaft und poetisch und machte Beschreibungen von Städten, Landschaften und Artefakten zu einem Genuss. Ich bekam immer stärker selbst Lust, auf Expedition zu gehen und vergessene Städte auszugraben – auch wenn mir das nicht möglich ist, den Gilgamesch-Mythos werde ich mir auf jeden Fall zu bestellen, Amarnas Begeisterung ist nämlich sehr ansteckend und die eingestreuten Textpassagen tun ihr Übriges.

Wie immer kann ich ein Buch nicht ohne kleine Kritikpunkte empfehlen. Was mir hier stellenweise die Lust raubte, war eine Liebesbeziehung mit der ich mich erst so gar nicht anfreunden konnte, später aber warm wurde. Dies lag zum Teil auch daran, dass ich wirklich nicht damit gerechnet hatte, dass eine Romanze einen so großen Stellenwert in dem Roman einnehmen würde, und wurde dann bei meiner immerwährenden Suche nach einem romantiklosen Roman natürlich enttäuscht. Hier also die offizielle Warnung für alle, denen es ähnlich geht: Liebe in Sicht! 😀
Ebenso kam mir beim Nachdenken über Bücher, die mich emotional zu berühren wissen, in den Sinn, dass ich große Gefühle am liebsten in kleinen, klaren Worten geschildert habe. Da Die Stadt der schweigenden Berge aber wie gesagt ein Buch großer, dramatischer Sprache ist, löste das vielleicht auch gleichzeitig bei mir eine Distanz zu den realen Emotionen (außerhalb des Genusses wunderschöner Sprachbilder) aus.
Die Thematisierung der Romantik war für mich allerdings der einzige Wehrmutstropfen – und wer mich kennt, weiß ja, dass ich in dieser Hinsicht wirklich schwer zufrieden zu stellen bin, weshalb das für andere Leser kein Hindernis darstellen sollte, sich den Roman einzuverleiben. Mein „Leser-Service“ enthält aber eben, dass ich auch erwähne, was mich nicht so zu beglücken wusste. 😉

Ansonsten besonders gelungen fand ich die Einbettung in den historischen Kontext. Die Charaktere wirken sehr realistisch der Zeit entsprechend (und es ist eigentlich traurig, dass ich das so hervorheben muss, aber leider ist das in historischen Romanen nicht immer so). Interessant ist Amarnas schwierige Stellung als Frau in der Wissenschaft; mit banger Vorausahnung erfüllen die ersten Anzeichen des aufkommenden Dritten Reiches. Ebenfalls sehr eindrücklich ist das, was man über den Völkermord an den Armeniern erfährt – mit diesem Thema hatte ich mich noch nie gefasst, und es ist doch immer exzellent, wenn man durch Romane auch etwas lernt, gerade über Geschehnisse, die ob ihrer Grausamkeit nicht vergessen werden dürfen.

Wenn man die Geschichte eines Volkes nicht mehr erzählt, löscht man es ein zweites Mal aus, nicht wahr?
(S.230)

Alles in allem also: eine Leseempfehlung! Ich habe diese lehrreiche und unterhaltsame Liebesgeschichte an die Archäologie mit viel Vergnügen verschlungen.

Meine Lieblingszitate findet ihr wieder auf Tumblr, wenn ihr diesem Link folgt!

Autorin: Carmen Lobato
Verlag: Knaur Taschenbuch
Erstauflage: 2015
Seiten: 576
ISBN-10: 3426514559
ISBN-13: 978-3426514559

Jugendbücher · Liebesromane

Rezension: Eleanor and Park

eleanor and park 1! Diese Rezension bezieht sich auf die englisch-sprachige Ausgabe !

Autorin: Rainbow Rowell
Verlag: Orion Publishing Group
Erstauflage: 2012
ISBN-10: 1250012570
ISBN-13: 9781250012579

Handlung: Als Park Eleanor zum ersten Mal in den Schulbus steigen sieht, findet er sie sofort seltsam – mit ihren wallenden, roten Haare und ihren seltsamen Klamotten fällt sie auf, und das mit Absicht, wie es ihm scheint. Da der Platz neben ihm jedoch der einzige noch freie ist, sitzen sie nun täglich auf den Fahrten zur Schule und zurück nebeneinander. Zunächst schweigen sie sich an, doch eines Tages bemerkt Park, dass Eleanor über seine Schulter in den Comics mitließt, die er im Bus immer verschlingt. Irgendwann bringt er ihr einen Stapel Comics zum Selberlesen mit und die ersten Gespräche entspannen sich: über Comics, Musik, das Leben im Allgemeinen …

Nothing was dirty. With Park.
Nothing could be shameful.
Because Park was the sun, and that was the only way Eleanor could think to explain it.

Das erste Buch, das ich von Rainbow Rowell laß war ihr aktuellestes Jugendbuch Fangirl. Schon dies überraschte mich positiv, ich erlebte etwas, das mir, um ehrlich zu sein, selten passiert: Ich fühlte so richtig mit den Charakteren mit. Nicht falsch verstehen – ich bin durchaus ein menschlicher Mensch mit Gefühlen, nur ist es eben so, dass ich so gut wie nie an den Punkt gerate, an dem die Geschichte, die ich lese, für mich wirklich wird. Ständig bin ich mir überdeutlich bewusst, dass all die Charaktere gar nicht existieren, und dann ist es mir auch relativ egal, ob die nun glücklich sind, oder traurig, oder verliebt. Emotionen habe ich beim Lesen zwar schon, doch die spielen sich hauptsächlich auf der Wortebene ab. Der Plot ist für mich eher da „unwichtige“ Gerüst im Hintergrund, das wunderschönen Worten ihre Existenzberechtigung auf den Seiten verschafft, übertrieben ausgedrückt.
Aber: Rainbow Rowell schafft es, was nur wenigen Autoren und Autorinnen gelingt, nämlich, dass ich wirklich mit den Figuren mitfiebere und -leide und mich freue. Während mir Fangirl schon selige Seufzer entlockte und tränenfeuchte Augen hervorrief, fand ich diese Geschichte sogar noch berührender.
Die beiden Hauptcharaktere, aus deren Sicht abwechselnd erzählt wird, sind einfach so wahnsinnig echt. Sie sind keine einseitigen, platten Abziehbilder, die Jugendbuchautoren den Leser*innen (die sie wohl unterschätzen) oft vorsetzen. Beide sind durch grundverschiedene Familien geprägt, was die unterschiedlichen Arten, in denen sie ihre Beziehung angehen, sehr verständlich macht. Besonder Eleanors gewalttätiger Stiefvater, der die Familie tyrannisiert, erklärt viel von ihrem Zögern, sich auf andere Menschen einzulassen. Durch das Aufgreifen solcher Themen wie familiärer Probleme oder Mobbing in der Schule ist das Buch oft bedrückend, doch um einiges realistischer und lebendiger als die durchschnittliche Jugendbuch-Romanze, die entweder eine heile Welt vorspielt oder durch lieblos artifizielle Konflikte Spannung erfährt.
Ich laß in Rezensionen davon, dass vielen das Buch (gerade vielleicht das Ende) nicht fröhlich genug ist. Selbst finde ich jedoch, dass die schönen Momente, in denen die beiden sich gänzlich aufeinander einlassen, mich glücklich genug machen, und dass eine literarische Beziehung nicht nur dann (bzw. gerade dann nicht) besonders lesenswert ist, wenn sie ins Ewige und überirdisch Perfekte stilisiert wird.
Auch das Ende, das viele kritisierten, laß ich eigentlich als Happy End und ich schlug das Buch mit einem Lächeln zu.

Ich glaube, dass ich bei Jugendbüchern noch viel kritischer bin, als bei anderen – vielleicht, weil ich den Eindruck habe, dass gerade jugendliche Leser oft von Autoren unterschätzt werden und man sie mit oberflächlichen Geschichten abfertigt – doch Eleanor & Park hat mich auf ganzer Linie überzeugen können.

You saved my life, she tried to tell him. Not forever, not for good. Probably just temporarily. But you saved my life, and now I’m yours. The me that’s me right now is yours. Always.

Schwerlich Kategorisierbar

[Rezension] „Der Allesforscher“ von Heinrich Steinfest

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Autor: Heinrich Steinfest
Verlag: Piper
Erstauflage: 10. März 2014
ISBN-10: 3492054080
ISBN-13: 978-3492054089
Auch für Kindle und im ePub-Format erhältlich.
Seiten: 400

Handlung: Es passiert vieles und gleichzeitig nichts. Ein Wal explodiert. Aus dem eher leichtlebigen Manager Sixten Braun wird ein Familienvater und Bademeister. Um Liebe geht es auch noch.

Oberflächliches: Yay! Schön. Das Hardcover-Buch liegt angenehm in der Hand, der Schutzumschlag fühlt sich sehr papierig an (und ich fühle mich sehr sprachgewandt). Auch das Cover gefällt mir, eine schöne Mischung aus schlicht und verwirrend. Der Hintergrund der Zeichnungen, die sich übrigens auch innerhalb des Buches wiederfinden, wird dann im Laufe der Geschichte erklärt.
Hach. Und dann ist auch noch ein Wal drauf! Ich muss zugeben, sowas erhöht bei mir die Sympathie für Cover jeglicher Art ungemein. Wale sind so knuffig.

allesforscherzitat

Das Buch ist vor allem eines: ein interessantes Leseerlebnis. Nicht unbedingt des Plots wegen – den fand ich nicht wirklich so fesselnd. Klar, er ist sehr kreativ und voller verrückter Einfälle, aber eine Absurdität nach der anderen macht ein Buch ja noch lange nicht lesenswert. Was für mich den Großteil des Lesevergnügens ausmachte, waren die sprachlichen Bilder, die Heinrich Steinfest erschuf. Vergleiche und Metaphern, die beim ersten Lesen noch enorm abgedreht erscheinen, aber dann doch irgendwie einen Sinn ergeben, ließen mich das Buch nahezu verschlingen, immer getrieben von der Frage: Welche Begriffe kann er denn noch in von mir nie so erdachte Zusammenhänge bringen?
Da gab es zum einen natürlich Stellen zum Schmunzeln: „Er ließ mich los, aber wirklich so, wie man einen Eimer in der Ecke absetzt, und das Stillstehen unbelebter Materie einfordert. Eimer und Zivilisten. Doch zumindest letztere wehren sich hin und wieder. Nach einem kurzen Moment eimerartiger Paralyse […]“
Doch auch Dinge, über die man nachdenken kann, wenn man denn möchte: „Von Kindheit an erscheint das Lügen als ein grundsätzliches Prinzip des wirklichen Lebens. Die Liebe hingegen gipfelt darin, nicht lügen zu müssen. Nicht darum, weil man so ehrlich ist, sondern weil einer den anderen nicht zwingt, die Wahrheit auszusprechen.“
Dinge, denen man zustimmen kann, wenn man denn möchte. Oder auch nicht.
In jedem Fall ist Der Allesforscher ein Buch, das mich zwar auf Plotebene, oder was das Mitfühlen mit den Charakteren betrifft, so gar nicht berührte, mir sprachlich aber umso mehr Freude bereitete. Außerdem fand ich hier zum ersten Mal seit langem Sexszenen vor, die mich nicht erschauern ließen, das ist ja auch mal was!
Alles in allem also eine klare Leseempfehlung.

Für wen? Fans ausgefallener Sprachbilder, Leute, die auf der Suche nach Außergewöhnlichem sind. Eher nicht für Leute, die emotionales Mitleiden und Mitfiebern brauchen, glaube ich.