[Zeugs] Monatszusammenfassungen

Lesemonat April

April 2017

 

Irgendwann werden wir uns alles erzählen, Daniela Krien (2011)

Schon während des Lesens viel es mir schwer, zu entscheiden, wie ich das Buch finde. Es spielt zur Zeit des Mauerfalls und erzählt die Geschichte einer Sechzehnjährigen, die bei der Familie ihres Freundes auf dem Land lebt, und dort eine Beziehung mit einem deutlich älteren Mann beginnt. Stellenweiße ist es schwer zu sagen, ob die Beziehung der Protagonistin wirklich guttut, oder sie doch eher eine missbräuchliche ist – die Sprache, die gerade in Momenten der Leidenschaft eine sehr außenstehende Perspektive (trotz Ich-Erzählerin) einnimmt, macht das Einfühlen nicht leichter. Demgegenüber stehen melancholische Landschaftsbeschreibungen und Sätze von überraschender Zärtlichkeit, die ich sehr genoss.

 

Hangsaman, Shirley Jackson (1951)

Mein drittes Buch von Jackson und auch in diesem begeisterten mich ihr Stil, ihr Hang zu absurden Sprachbildern, und ihre Menschenkenntnis. Natalie, die Protagonistin, entkommt aus ihrer familiären Situation – die Mutter eine in ihrer Ehe unglückliche Alkoholikern, der Vater, ein Literaturwissenschaftler, überbordend und arrogant – aufs College. Hier fällt es ihr schwer, Anschluss zu finden, bis sie auf einen Professor und seine junge Frau trifft, und später die mysteriöse Tony. Eine Coming-of-Age-Erzählung, die viele Fragen offen lässt. Oft weiß man nicht, was real ist und was sich nur in Natalies Fantasie abspielt, doch auch das macht für mich den Reiz aus.

 

If We Were Villains, M.L. Rio (2017)

Auch dieser Debütroman spielt auf einem College, genauer gesagt fokussiert er sich auf eine Gruppe Theater-Studenten auf einem Elite-Konservatorium. Die sieben, die im Zentrum des Romans stehen haben bis in ihr viertes Studienjahr durchgehalten, eine große Leistung, wo doch in jedem Jahr diejenigen Student*innen, die nicht die absolut besten sind, rausgeschmissen werden. Langsam jedoch beginnen Leistungsdruck und Konkurrenzkämpfe auch diese eingeschworene Gruppe zu zersetzen und als sich das Machtgefüge zu verschieben beginnt, geraten Dinge außer Kontrolle …

Ein kurzweiliges Lesevergnügen, vor allem für Shakespeare-Fans! Da die Theater-Studierenden sich ausschließlich mit seinem Werken befassen, finden sich entsprechend viele Zitate und Parallelen.

 

Julischatten, Antje Babendererde (2012)

Wieder ein Buch von Babendererde und mittlerweile weiß ich überhaupt nicht, warum ich das noch tue. Ja, die Naturbeschreibungen sind wunderschön und erwecken Fernweh, doch zu welchem Preis? Hier wäre der Zeitpunkt, wo ich mich über den anscheinend äußerst feinen Grad zwischen Liebe und Besitzergreifung aufrege; ersparen wir uns das … Neben dem obligatorischen Love-Triangle greift das Buch ernste Themen wie Alkoholismus und Drogenkonsum auf, und rutscht dabei manchmal ins Melodramatische. Über vierhundert Seiten hätte für mich die Geschichte von Sim, die nach einer Alkoholvergiftung dazu verdonnert wird, den Sommer bei ihrer Tante in einem Indianerreservat zu verbringen, nicht haben müssen.

 

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April, sonst so:

April 2017 Collage.jpg
Ausnahmsweise ganz elegant und vor allem stolz auf dem Abi-Ball der kleinen Schwester / mentale Vorbereitung auf das Twin-Peaks-Revival / Wartezimmer-Fashion, die Erkenntnis, dass eine neue Therapie doch ganz gut wäre / endlich: die Bachelorarbeit, gedruckt und abgegeben!!
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Jugendbücher · Liebesromane

Rezension: Als ob nichts wäre

als obEin wenig komisch fühlt Elin sich schon, als sie, nun, kurz nachdem sie die Schule wieder hinter sich hat, doch wieder das alte Schulgebäude betritt. Schon lange hat sie Gedichte und Prosa geschrieben, nun möchte sie in einem Kurs für Kreatives Schreiben mehr über dieses Handwerk lernen. Als sie unter den fremden Erwachsenen auch Paul, ihren Nachbar und auch noch Vater ihrer besten Freundin, vorfindet, weiß sie zunächst nicht, was sie von der Situation halten soll. Im Laufe des Kurses nähren sich die beiden sich zunächst freundschaftlich aneinander an, doch Elin beginnt schnell, auch romantische Gefühle für den Mann zu entwickeln, der ihr auch nicht gerade abgeneigt scheint.

Ich weiß plötzlich gar nichts mehr. Mein Kopf ist wie ein ausgeblasenes Osterei. Außen hübsch bemalt und innen völlig hohl.
S.99

Bücher über Beziehungen oder „Verliebtheiten“ (mir mangelt es an einem schönen Wort für Crushes) mit Altersunterschied haben mich schon immer sehr fasziniert. Es kommt dort zu ganz anderen Konflikten, als all dem, was man aus den gewohnten Jugendbuch-Romanzen kennt – auch wenn ich von diesen früher sehr viele gelesen habe (die „Freche Mädchen, freche Bücher“-Reihe habe ich geliebt!), letzten Endes finde ich die moralischen Fragen, die Heimlichkeit und andere Schwierigkeiten, die man in age gap Büchern findet, doch interessanter. Natürlich ist es ein schwieriges Thema, an das man mit Fingerspitzengefühl herangehen muss – gerade wenn ein Part des Paares noch minderjährig ist – und ich habe auch schon einige wirklich schlecht ausgeführte Beispiele gelesen, doch gebe ich meine Suche nach den Juwelen nicht auf.

Als ob nichts wäre ist, meiner Meinung nach ein richtig gut gelungener Roman. Dass die Annäherung Elins und Pauls in ihren Gesprächen über die selbstgeschriebenen Texte ihren Anfang nimmt, finde ich als Ausgangspunkt und gemeinsame Basis schön und überzeugend. Die Geschichte ist in Elins Worten erzählt, man bekommt ihre Gefühle also in den Worten einer jungen Schriftstellerin mit – oft blumig und überschwänglich und in dramatischen Metaphern, aber für den Charakter sehr überzeugend und angemessen.

Sie verliebt sich Hals über Kopf, und auch Paul empfindet für sie – jedoch bleibt die Frage, ob er für ein Mädchen seine langjährige Ehe aufs Spiel setzen möchte. Das ist nicht das einzige, was einer Beziehung zwischen den beiden im Wege stünde: Pauls Tochter Tessa ist immerhin Elins beste Freundin, doch da Elin ja nicht mit ihr über die Gefühle zu ihrem Vater sprechen kann, zieht sie sich immer mehr ins Schweigen zurück, wodurch das, was zwischen Elin und Paul ist, auch einen Keil in die Freundschaft der beiden Mädchen treibt. Auch (ver)zweifelt Elin daran, wie „pervers“ ihre Gefühle doch sind – „[…] wenn ich mir vorstelle, wie es wäre, plötzlich zu erfahren, dass Papa und Tessa dicht aneinander gepresst mit ihren Zungen im Mund des anderen herumwühlen, wird mir beinahe schlecht. Das ist doch krank. Altmännerfantasien.“ – kann sich gegen die überwältigende Verliebtheit aber dennoch nicht wehren.

Abgesehen von der Romanze geht es in diesem Buch auch um Zukunftsträume und Lebenspläne, besonders in Elin und ihrem Bruder. Während sie noch ein einem Süßwarengeschäft jobbt und nicht weiß, was sie für den Rest ihres Lebens tun möchte, weiß er das schon genau, nur hat er es noch nicht geschafft, aus der bedrückenden Familienatmosphäre auszubrechen.

Insgesamt ist Als ob nichts wäre ein empfehlenswertes Jugendbuch, dessen Protagonistin ihrer Situation mit einer überzeugenden Mischung aus Überschwang, Angst und (Selbst-)Zweifeln gegenüber tritt, und in dem es außer um romantische Liebe auch um Freundschaft, Familie und die Pubertät im Allgemeinen geht.

Autorin: Katarina von Bredow | Übersetzerin: Maike Dörries
Schwedischer Orignialtitel: Som om Ingenting
Verlag: Beltz & Gelberg
Seiten: 240
Erstauflage: 1999 in Schweden
ISBN-10: 3407788789
ISBN-13: 978-3407788788

Dieses Buch ist nicht mehr neu erhältich, aber da ich sowohl Büchereien als auch das Kaufen gebrauchter Bücher sehr befürworte, hielt mich das auch nicht vom Rezensieren ab.

Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Die Klavierspielerin

klavierspielerin

Erika wurde von ihrer Mutter dazu getrimmt, professionelle Klavierspielerin zu werden. Dass das nicht gelang und sie nun „nur“ an der Musikschule unterrichtet, statt in überfüllten Konzerthallen zu glänzen, heißt noch lange nicht, dass dieser Kontrollzwang auch nur ein wenig locker lässt: Erika ist 30 Jahre alt, lebt noch bei ihrer Mutter (schläft gar im selben Bett), und tut ohne deren Wissen und Zustimmung kaum einen Schritt. Konflikte treten auf, als der zehn Jahre jüngere Klavierschüler Walter Klemmer Interesse an Erika zeigt. Für die Mutter ist er ein Eindringling in die traute Zweisamkeit, für Erika vielleicht endlich eine Möglichkeit, ihre lang unterdrückten erotischen Fantasien, die sich in Demütigung und Gewalt ergehen, auszuleben – doch ist es wirklich das, was sie will?

Mutterpflicht ist es, bei Entschlüssen nachzuhelfen und falschen Entscheidungen vorzubeugen. Dann muss man später keine Wunden mühsam kleben, denn der Verletzung hat man nicht Vorschub geleistet. Die Mutter fügt Erika lieber persönlich ihre Verletzungen zu und überwacht sodann den Heilungsvorgang.
(S. 12)

In meinem Bestreben, mal wieder zu deutschsprachigen Klassikern zu greifen, entschied ich mich neulich dafür, in die Werke von Elfriede Jelinek abzutauchen. Ja, ich muss zugeben, ein ausschlaggebender Grund war ein Satz, den ich in einem Artikel laß, der besagte, dass bei ihr Männer in der Regel nicht so gut wegkommen – wupps, schon war ich geködert! 😀
Ich meine, Männer sind ja ganz nett und so, aber sie machen sich in meinem Literaturkanon schon recht breit…

Tatsache ist aber, dass in diesem Buch niemand gut wegkommt. Keine der Hauptpersonen löste Sympathie (wenn auch Mitleid) bei mir aus, was mich aber nicht daran hinderte, das Buch wie gefesselt zu verschlingen.

Die Geschichte bewegt sich mal in der erzählten Gegenwart voran, mal erfährt man in Rückblenden aus dem Leben der noch jungen Erika, die noch als Mädchen von all dem abgeschlossen wurde, was für einen normalen Reifeprozess wünschenswert gewesen wäre. Spielkameradinnen, hübsche Kleidung, Schwärmerei und Verliebtheit – das alles hat es für sie nicht gegeben, immer nur die Autorität der Mutter und stundenlanges Klavierüben. Bei dieser Melange aus ständiger Demütigung und der Erziehung dazu, sich als etwas Besseres zu sehen, ist es kaum verwunderlich, dass Erika ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst und zu ihren Mitmenschen erlangte.

Die Erzählweise zeichnet sich durch eine große Vielstimmigkeit aus, und oft weiß man gar nicht, wer denn da spricht. Erika über sich selbst, voll Verachtung und gleichzeitig Arroganz? Ihre Mutter, bitter und erfüllt von der Angst vor Kontrollverlust? Klemmer, der nicht weiß, ob er Erika liebt oder abstoßend findet? Jemand, der das Ganze zynisch von außen beobachtet?

In dem auf so viele Sichtweisen eingegangen wird, in dem man schon in Erikas Jugend Spuren für die Verhaltensweisen der erwachsenen Frau erkennt, wird die Handlung in all ihrem Schrecken und ihrer Absurdität doch irgendwie glaubwürdig. So überzeichnet die Figuren ab und an wirkten, ich nahm ihnen ihre psychische Konstitution fraglos ab.

Das Buch ist nicht „schön“ in irgendeinem Sinne. Es schockiert und ekelt, doch auf Grund des Stils, der Ideen und des „Ich kann und möchte nicht aufhören zu lesen“-Faktors empfehle ich es uneingeschränkt.

Lernen möchte er im Umgang mit einer um vieles älteren Frau – mit der sorgsam umzugehen nicht mehr nötig ist -, wie man mit jungen Mädchen umspringt, die sich weniger gefallen lassen. Könnte dies mit Zivilisation zu tun haben?
(S.89)

Autorin: Elfriede Jelinek
Verlag: rororo
Erstauflage: 1983
Seiten: 283
ISBN-10: 3499158124
ISBN-13: 978-3499158124
Die Daten beziehen sich nicht auf die Ausgabe auf dem Bild, da diese nur noch gebraucht erhältlich ist! Stattdessen entschied ich mich für diese, die mir aktuell scheint.

Mehr Lieblingszitate um sich in den Stil hineinzufinden gibt es wie immer auf meinem Tumblr!

Humor · Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: „Lolito“

lolito2Autor: Ben Brooks | Übersetzerin: Britt Somann
Verlag: Atrium
Deutsche Erstauflage: 2015 | Originalausgabe: 2013
ISBN-10: 3855350558
ISBN-13: 978-3855350551
Seiten: 272

Handlung: Der 15-Jährige Etgar erfährt – während er sich in Facebook als sie ausgibt, wohlgemerkt-, dass seine Freundin Alice ihn betrogen hat, und macht darauf hin Schluss. Nun ist er wütend, verzweifelt und einsam und sucht in „Erwachsenen-Chatrooms“ Zuflucht. Hier lernt er die vermeintliche Singlefrau Macy kennen. Ihr gegenüber gibt er sich als Hypothekenmakler aus, und sie scheint es ihm abzunehmen. Es entspinnt sich eine Online-Affäre mit Chatsex, die den beiden bald nicht mehr genügt, sodass sie beschließen, sich auch im realen Leben zu treffen …

Manchmal stelle ich mir Atome als winzige Menschen vor, die extreme Angst haben und viel Händchen halten. Ich stelle mir vor, dass mein Körper aus winzigen, verängstigten Leuten besteht, und diese nehmen Becher oder Bücher hoch, die aus anderen winzigen, verängstigten Leuten bestehen. Und wenn man mit jemandem Sex hat, sind es einfach massenweise winzige, verängstigte Leute, die Händchen halten.
Ich denke an die winzigen Leute, die ich bin, und fühle mich weniger allein.
(S.153)

Leider muss ich sagen, dass mir Lolito nicht gefallen hat. Dies hat mehrere Gründe, denen ich nun einigermaßen geordnet auf den Grund zu gehen versuche.

Sprache & Stil

Zum einen wäre da das Leseerlebnis an sich, das schlichtweg keinen Genuss für mich darstellte. Sprachlich gesehen ist das Buch nicht schlecht – klar, der Stil wirkt auf mich manchmal etwas monoton und irgendwie „ruckartig“, doch das schob ich auf den Versuch, die rastlose Langweile des Protagonisten darzustellen. Daran konnte ich mich also gewöhnen. Was mich da schon eher störte, war, dass der innere Monolog Etgars wohl zu 90% aus Fäkalsprache jeglicher Art, sexuellen Praktiken und Beleidigungen bestand. Man mag einwenden, dass ich nie ein 15-jähriger Junge war, das stimmt natürlich, doch war ich auch mal 15 und weiß dass man da wütend ist und Sex durchaus einen großen Platz in der Gedankenwelt einwenden kann. Die Darstellung in Lolito jedoch schien mir halb wie etwas, das eine Parodie sein sollte, halb wie das Werk eines Menschen, der sich enorm anstrengt, zu provozieren, und dabei über das Ziel hinausstolpert. Hier wurden innerhalb keiner 300 Seiten die Worte „schwul“ und „vergewaltigen“ gefühlt häufiger gebraucht, als ich sie in meinem Leben aussprach. Echte 15-Jährige, die mir in der Hinsicht ihrer Sprech- und Denkweise widersprechen wollen, sind dazu natürlich herzlich eingeladen! So lange ist das zwar nicht her, seit ich so alt war, aber Zeiten ändern sich ja und man verdrängt recht viel. 😉

Enttäuschende Diskrepanz zwischen Präsentation und Inhalt

Ein weiterer Grund, warum mir das Lesen nicht wirklich Spaß machte, mag die Präsentation des Buches sein, die für mich irgendwie das Werk an sich total verfehlt.
Zunächst wäre da der Bezug zu Nabokovs Lolita, der nicht nur durch den Titel hergestellt wird, sondern auch durch das Zitat von Christian Ulmen auf dem Backcover: „Ich weiß nicht, was Nabokov davon gehalten hätte. Wahrscheinlich hätte er es selbst gern geschrieben.“ Für Leute, die wie ich, begeistert vom Werk sind, auf das hier Bezug genommen wird, kann ich gleich eine Warnung aussprechen: Wenn das der einzige Grund für euch wäre, Lolito zu lesen, dann tut es nicht. Während ich noch den Gedanken dahinter verstehe, auf jede Beziehung, in der ein Altersunterschied vorherrscht, das Lolita-Attribut zu klatschen, macht das im Endeffekt nur in den seltensten Fällen Sinn und hier beispielsweise überhaupt nicht. Die bloße Tatsache, dass Macy 46 ist, und somit 31 Jahre älter als Etgar, bedeutet nicht, dass man hier eine ähnliche (beklemmende) Beziehungsdynamik auffindet wie in Lolita. Ebenso unsinnig die Behauptung, Nabokov würde wünschen, dieses Buch geschrieben zu haben. Was in meinen Assoziationen bei diesem Namen als Erstes kommt ist sein atemberaubender Stil, so irgendwo zwischen Poesie und Klaustrophobie. (Erfährt man nicht schon zu Beginn von Lolita: „You can always count on a murderer for a fancy prose style.“?) Den Stil in Lolito hingegen fand ich, wie oben angesprochen, eher so zwischen „nicht schlecht, aber auch nichts Besonderes“ und nervig bis anstrengend. Somit kann ich die Lolita-Bezüge nur als billiges Werbemittel sehen, was ich aus Sicht eines Verlages zwar irgendwie nachvollziehen kann, das aber nicht dazu beiträgt, mir als Leserin dieses Buch sympathisch zu machen.

Porträt einer Generation?

Ebenso misslungen fand ich den Klappentext: „Schreiend komisch, zutiefst berührend und (leider) absolut wahrhaftig: Die haarsträubende Geschichte des jungen Etgar ist zugleich das Porträt einer gebeutelten Generation, die von klein auf im Internet ihr blaues Wunder erlebt.“
Über ’schreiend komisch‘ lässt sich natürlich streiten – ich habe zwar an einigen Stellen gegrinst, aber hauptsächlich missmutig geguckt und mit dem Buch diskutiert.
Weniger streitbar finde ich dagegen „das Porträt einer […] Generation“. Hey, das sind große Worte, und ja, ein Klappentext braucht wohl große Worte, aber dennoch finde ich sie dezent anmaßend, vor allem angesichts des Werkes, das sie beschreiben. Wenn ich vom Anspruch lese, eine Generation zu porträtieren, erwarte ich Charakterstudien, ausgearbeitete Innenwelten und ein differenziertes Bild. Ansätze davon waren zu lesen, gerade wenn es um Etgars Unsicherheit ging, um seine Angst vor der Welt. Dies wurde jedoch überlagert von der „hm, mal sehen wie viele ‚böse Wörter‘ ich in diesen Abschnitt quetschen kann!“-Haltung. Nennt mich faul, aber der Gehalt eines Buches muss schon pures Gold sein, wenn ich mich dafür erst durch einen Haufen Fäkalien wühlen muss.
Abgesehen davon – für wen ist das Buch geschrieben? Für erwachsene Menschen, die sich wirklich mit der jetztigen Teenagergeneration außeinandersetzen wollen, oder für solche, die nach Bestätigung all ihrer negativen Vorurteile suchen und gerne mal in „Früher war alles besser!“-Tiraden ausbrechen? Ich muss gestehen, zu Beginn schätzte ich den Autor – von dem ich bisher nicht gehört hatte – auf einen Mann mittleren Alters der eine Aversion gegen Jugendliche hegt und diese deshalb gerne mal voller Hass antagonisiert. Einfach weil er es kann; weil ihm ein Publikum offen steht, das wissend nicken wird, zwinkern und zufrieden sagen: „Ja, als wir noch jung waren, da hatten wir noch bessere Dinge zu tun, als den ganzen Tag zu saufen und in diesem Internet herumzuhängen!“ Das Bild, das hier entworfen wird, scheint mir enorm düster und einseitig, und lädt eher dazu ein, über die Moderne zu schimpfen, als sich kritisch mit Problemen zu befassen.
Als ich dann die Kurzbiographie laß, stellte sich heraus, dass Ben Brooks nur ein Jahr vor mir geboren wurde, jetzt also ca. 23 sein dürfte. Ups. Das macht es für mich aber noch unverständlicher – wenn man altersmäßig näher an den Leuten dran ist, über die als für die man schreibt, wieso versucht man dann nicht eher, diese als denkende, fühlende, differenzierte Wesen darzustellen als … so eben?

Hätte, könnte, würde …

Ich möchte nicht ausschließen, dass eben das vielleicht sogar Anspruch des Buches war. Schließlich rühmt sogar mein geliebter Klappentext die Geschichte als „zutiefst berührend“, und es gab durchaus einige Textstellen, in denen auf Etgars Innenleben eingegangen wird. Auch das Treffen mit Macy ist – sehr zu meiner Freude! – ganz anders, als ich es auf Grund der Präsentation des Buches erwartete. Sie ist nämlich nicht (nur) eine bösartige Verführerin Minderjähriger, sondern wie Etgar ein trauriger und verletzlicher Mensch. Obwohl sie keineswegs nicht gewusst haben kann, dass sie mit einem Jungen chattet (seine Versuche, einen erwachsenen Hypothekenmakler darzustellen, sind nicht gerade überzeugend), und deshalb durchaus in vollem Bewusstsein ein Gesetz brach, ist sie nicht das, was man – nicht zuletzt durch How I Met Your Mother – als Cougar/Puma kennt, sondern schlicht eine Frau, die mit ihrem Leben so wenig zurecht kommt wie Etgar mit seinem. Über die moralische Problematik darin, in einer Liebeskrise bei einem Minderjährigen Trost zu suchen, kann man natürlich debattieren … Ich aber finde, dass man aus den Interaktionen dieser beiden Personen mehr hätte machen können, und, auch ohne auf der Provokationsschiene zu fahren, eine Geschichte hätte erzählen können, die der komplexen Innenwelt einer Macy und eines Etgar gerecht wird.

Alles in Allem ist das auch mein Fazit: Ben Brooks hätte ein paar Dinge überzeugend tun können, hätte er sich auf weniger Inhalte mit mehr Tiefgang fokussiert; er entschied sich aber dafür, viele Dinge halbherzig, unglaubwürdig und unschön in den Raum zu werfen. Das ist verdammt schade.