Jugendbücher · Liebesromane

Rezension: Als ob nichts wäre

als obEin wenig komisch fühlt Elin sich schon, als sie, nun, kurz nachdem sie die Schule wieder hinter sich hat, doch wieder das alte Schulgebäude betritt. Schon lange hat sie Gedichte und Prosa geschrieben, nun möchte sie in einem Kurs für Kreatives Schreiben mehr über dieses Handwerk lernen. Als sie unter den fremden Erwachsenen auch Paul, ihren Nachbar und auch noch Vater ihrer besten Freundin, vorfindet, weiß sie zunächst nicht, was sie von der Situation halten soll. Im Laufe des Kurses nähren sich die beiden sich zunächst freundschaftlich aneinander an, doch Elin beginnt schnell, auch romantische Gefühle für den Mann zu entwickeln, der ihr auch nicht gerade abgeneigt scheint.

Ich weiß plötzlich gar nichts mehr. Mein Kopf ist wie ein ausgeblasenes Osterei. Außen hübsch bemalt und innen völlig hohl.
S.99

Bücher über Beziehungen oder „Verliebtheiten“ (mir mangelt es an einem schönen Wort für Crushes) mit Altersunterschied haben mich schon immer sehr fasziniert. Es kommt dort zu ganz anderen Konflikten, als all dem, was man aus den gewohnten Jugendbuch-Romanzen kennt – auch wenn ich von diesen früher sehr viele gelesen habe (die „Freche Mädchen, freche Bücher“-Reihe habe ich geliebt!), letzten Endes finde ich die moralischen Fragen, die Heimlichkeit und andere Schwierigkeiten, die man in age gap Büchern findet, doch interessanter. Natürlich ist es ein schwieriges Thema, an das man mit Fingerspitzengefühl herangehen muss – gerade wenn ein Part des Paares noch minderjährig ist – und ich habe auch schon einige wirklich schlecht ausgeführte Beispiele gelesen, doch gebe ich meine Suche nach den Juwelen nicht auf.

Als ob nichts wäre ist, meiner Meinung nach ein richtig gut gelungener Roman. Dass die Annäherung Elins und Pauls in ihren Gesprächen über die selbstgeschriebenen Texte ihren Anfang nimmt, finde ich als Ausgangspunkt und gemeinsame Basis schön und überzeugend. Die Geschichte ist in Elins Worten erzählt, man bekommt ihre Gefühle also in den Worten einer jungen Schriftstellerin mit – oft blumig und überschwänglich und in dramatischen Metaphern, aber für den Charakter sehr überzeugend und angemessen.

Sie verliebt sich Hals über Kopf, und auch Paul empfindet für sie – jedoch bleibt die Frage, ob er für ein Mädchen seine langjährige Ehe aufs Spiel setzen möchte. Das ist nicht das einzige, was einer Beziehung zwischen den beiden im Wege stünde: Pauls Tochter Tessa ist immerhin Elins beste Freundin, doch da Elin ja nicht mit ihr über die Gefühle zu ihrem Vater sprechen kann, zieht sie sich immer mehr ins Schweigen zurück, wodurch das, was zwischen Elin und Paul ist, auch einen Keil in die Freundschaft der beiden Mädchen treibt. Auch (ver)zweifelt Elin daran, wie „pervers“ ihre Gefühle doch sind – „[…] wenn ich mir vorstelle, wie es wäre, plötzlich zu erfahren, dass Papa und Tessa dicht aneinander gepresst mit ihren Zungen im Mund des anderen herumwühlen, wird mir beinahe schlecht. Das ist doch krank. Altmännerfantasien.“ – kann sich gegen die überwältigende Verliebtheit aber dennoch nicht wehren.

Abgesehen von der Romanze geht es in diesem Buch auch um Zukunftsträume und Lebenspläne, besonders in Elin und ihrem Bruder. Während sie noch ein einem Süßwarengeschäft jobbt und nicht weiß, was sie für den Rest ihres Lebens tun möchte, weiß er das schon genau, nur hat er es noch nicht geschafft, aus der bedrückenden Familienatmosphäre auszubrechen.

Insgesamt ist Als ob nichts wäre ein empfehlenswertes Jugendbuch, dessen Protagonistin ihrer Situation mit einer überzeugenden Mischung aus Überschwang, Angst und (Selbst-)Zweifeln gegenüber tritt, und in dem es außer um romantische Liebe auch um Freundschaft, Familie und die Pubertät im Allgemeinen geht.

Autorin: Katarina von Bredow | Übersetzerin: Maike Dörries
Schwedischer Orignialtitel: Som om Ingenting
Verlag: Beltz & Gelberg
Seiten: 240
Erstauflage: 1999 in Schweden
ISBN-10: 3407788789
ISBN-13: 978-3407788788

Dieses Buch ist nicht mehr neu erhältich, aber da ich sowohl Büchereien als auch das Kaufen gebrauchter Bücher sehr befürworte, hielt mich das auch nicht vom Rezensieren ab.

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Krimis und Thriller

Rezension: Samariter

Traveler DC 120

Es gibt Entscheidungen, die von solch weitreichenden Konsequenzen sind, dass man sie gar nicht auf die Schnelle treffen kann. Und trotzdem muss man. So geht es Faith Saunders, einer der Hauptfiguren dieses Buches. Sie ist nachts in einem schweren Sturm in ihrem Auto unterwegs, und möchte am Straßenrand den starken Regenfall abwarten, um dann weiter zu fahren. So nickt sie ein und wird von einem Pochen an der Scheibe ihres Autos geweckt. Vor sich sieht sie nun eine recht heruntergekommen und verzweifelte junge Frau, die sie anfleht, sie ins Auto zu lassen. Innerhalb von Sekunden muss sich Faith entscheiden: soll sie die Fremde hereinlassen? Aber vertrauenswürdig sieht diese nicht aus, oder? Außerdem schläft noch Faiths kleine Tochter hinten im Auto: kann man denn in dieser Situation das Auto öffnen, mitten in der Nacht, in einer fremden, verlassenen Stadt?
Bevor Faith sich all diese Fragen beantworten kann muss sie mit ansehen, wie die Frau mit zwei Männern, vor denen sie zuvor noch flüchten schien, weggeht. Sie redet sich ein, dass das bestimmt nichts Ernstes war, nichts, dessenentwegen sie die Polizei anrufen muss … Als einige Tage später jedoch das aktuelle Opfer einer Mordserie im Fernsehen gezeigt wird, wird ihr das Ausmaß ihrer Schweigens bewusst und sie wird in eine Serie von Konsequenzen geworfen, die ihr Leben auf den Kopf stellen und zu zerstören drohen.

Jilliane Hoffman ist vor allem für Cupido und Folgbände bekannt, was ich, wie ich gestehen muss, noch nicht gelesen habe. Sie wurden mir des öfteren empfohlen, doch wie das so ist – die Empfehlungen häufen sich, die ungelesenen Bücher stapeln sich, Rosa ist überfordert. Nach diesem Roman aber habe ich definitv das Ziel, mir mehr Bücher von Frau Hoffman durchzulesen!
Eigentlich wollte ich mir das Lesen ein wenig ausbreiten; so war mein Plan, als ich das Buch kaufte. Ich hatte eine stressige Woche vor mir, und wollte das Buch dazu nutzen, am Abend bei leichter Lektüre zu entspannen, und Thriller sind nun mal mein Anti-Stress-Genre. Die Realität sah dann so aus, dass ich das Buch innerhalb eines Abends und darauf folgenden Morgens verschlang. Da ich ja kein plotbezogener Leser bin, ist es selten, dass ein Buch mich von der Handlung her so packt, daher ist das umso bemerkenswerter!

Samariter ist nicht „nur“ (also: ausschließlich) ein Thriller, man könnte noch eine Reihe anderer Genres anführen, wie Familiengeschichte, Beziehungsstudie oder Court Room Drama.
Besonders die Familie der Zeugin, Faith Saunders steht im Mittelpunkt das Geschehens und man entsetzt und bangend die Auswirkungen betrachten, die es haben kann, zu schweigen und untätig zu bleiben. Außerdem wird nach und nach aufgedeckt, dass Faith schon in der Vergangenheit Probleme mit Alkohol hatte, was sich durch die Stresssituation noch verstärkt, und die Lesenden die Daumen drücken und hoffen lässt, dass sie weiß, wo die Grenze zu ziehen ist, schon um ihrer kleinen Tochter Willen.
Ein weiterer interessanter Aspekt des Buches ist das Aufgreifen des Themas in wie fern der mediale Umgang mit Kriminalfällen und Gerichsprozessen die Sicht auf Täter und Zeugen lenken und verändern kann – und auch, wie Richter und Anwälte mit media coverage umgehen; von Trotzreaktionen und Geltungsdrang und ihrem Schaden und Vorzug.

Insgesamt geht es also weniger darum, einen Fall aufzuklären, sondern darum, was alles schief gehen kann, wenn doch schon alles klar sein sollte. Das Ende hält sich die Möglichkeit eines Folgebandes offen, ich wäre mit Begeisterung dabei!

Autorin: Jilliane Hoffman | Übersetzerin: Sophie Zeitz
Originaltitel: All the little pieces
Seiten: 473
Verlag: Wunderlich
Erstauflage: 2015 | Deutsche Erstauflage: 2015
ISBN-10: 3805208944
ISBN-13: 978-3805208949
Auch für den Kindle und im ePub-Format erhältlich.

Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Alles wird hell

alles wird hellDas Buch umspannt das gesamte Leben der Protagonistin Oda. Es beginnt mit Szenen aus der Kindheit und dem Teenageralter, mit der ersten erzählten Lüge und mit dem Erwachen von Odas Sexualität. Im Mittelteil des Buches ist sie dann schon verheiratet, glücklich und mit einem Kind. Sie hat sich schon immer ein zweites gewünscht, und als ihr Mann ihr gesteht, dass er das eigentlich nie wirklich wollte, fühlt sie sich verraten und entfremdet, die Ehe muss eine große Krise überstehen.

Manchmal macht man eine Tür auf. Und dahinter ist dann einfach nichts mehr. (S. 264)

Es fällt mir schwer, eine einheitliche Meinung zu diesem Roman darzustellen, da mir die einzelnen Teile wirklich sehr unterschiedlich gefielen. Sehr begeistert war ich vom Anfang, als Oda eine Teenagerin war – die Art, wie sie trotzig und wütend in die Welt blickt, über ihre Familie urteilt und dennoch nie ihre Liebe zu diesen Menschen verbergen kann, das alles schien mir sehr wahrhaftig und echt. Auch ihre ständige Zerrissenheit zwischen Arroganz und unglaublich starkem Selbstzweifel, sowie der unbändige Wunsch nach Freiheit und Selbstexpression, gefielen mir sehr. Sie kam mir wie eine sehr überzeugende Teenagerin vor, nicht überspitzt und satirisch verachtend, aber auch nicht auf Sympathie setzend glattgebügelt. Toll! Auch das Ende des Buches wartete mit einem Handlungsstrang auf, den ich sehr berührend fand, und den ich hier natürlich nicht verraten werde …
Bleibt also nur noch die Mitte für den Part, den ich etwas enttäuschend fand. Ich weiß nicht ganz, woran es lag, aber hier ging für mich meine Bindung zum Buch stark verloren. Vielleicht, weil ich mich in die oben angesprochene Situation mit der Ehe und dem Kinderwunsch nicht wirklich hineinversetzen kann, aber ich glaube nicht, dass das nur daran liegt – wenn ich nur Bücher mögen würde, in deren Handlung ich mich komplett wiederfinde, wäre ich ja unmöglich zu begeistern, und dem ist nicht so. Es war eher so, dass mich im Mittelteil sowohl der Schreibstil als auch Oda ein wenig nervten. Was den Stil betrifft – in meiner Rezension zu Transatlantik habe ich ja schon erwähnt, dass ich enorm knappe, kurze Sätze nicht mag, wenn sie allzu gehäuft auftreten. Ganz so im Übermaß gab es dieses Phänomen in Alles wird hell zwar nicht, aber doch genug, um mir das Lesen manchmal recht anstrengend erscheinen zu lassen. Gerade in Bezug zum Plot, der Entfremdung zu ihrem Mann und irgendwie zu ihrem eigenen Leben, kann ich die Wahl eines Stils, der irgendwie distanziert und „befremdlich“ wirkt, auch verstehen, aber statt mich Oda und ihrer Innenwelt näher zu bringen, bewirkte er leider das Gegenteil. Das war auch so ein Problem: dadurch, dass der Stil oft so verkürzt war, oft nur aus Sätzen a la „er tut dies, ich tue jenes“ bestand, fehlte mir der Blick in Oda hinein, was sie dann für mich ein wenig unsympathischer machte. Sie schien mir oft zu gedankenlos zu handeln, bzw. Dinge passiv passieren zu lassen (selbst wenn sie scheinbar aktiv Entscheidungen trifft), ohne sich tiefer mit etwas zu beschäftigen. Dies wahr wahrscheinlich nur der Eindruck, den ich gewann (vor allem, da ihre Charakterisation als Teenagerin sie eher aktiv und nachdenklich erscheinen lässt), doch minimierte es meinen Genuss schon ein wenig. Selbst die Metaphern, die vielleicht als Stütze dienen sollten, blieben mir zumeist zu vage und zufällig. Zwar geht es in dem Buch ja stark darum, was nicht gesagt wird, nicht gesagt und gewusst werden kann, aber ich persönlich hätte das halt lieber nicht auch auf die Kommunikation zwischen mir und dem Roman übertragen müssen. 😉
Es gab zwar einige sehr schöne Stellen und Bilder, ich mochte die Gedanken über die Familie sehr gerne, und über das Tanzen, aber überwältigt hat mich das Buch nicht – bis auf den Anfang, wie gesagt. Ich wünschte, das wäre so weiter gegangen, wie die ersten 100 Seiten es mir zu versprechen schienen!

Gewohnheiten in der Familie sind wie eine ansteckende Krankheit, denke ich.
(S. 66)

Autorin: Julia Jessen
Verlag: Kunstmann
Erstauflage: Februar 2015
Seiten: 304
ISBN-10: 3956140249
ISBN-13: 978-3956140242

Krimis und Thriller

Rezension: Querbrater

Handlung: Als die Wiener Chefinspektoren Kajetan Vogel und Alfons Walz den Mord an einer Frau klären müssen, die ziemlich aktiv in einer Online-Dating – bzw. Seitensprung- – agentur gewesen war, treten sie in ein für sie bisher ungekanntes Milieu ein. Während sie vornehmlich diverse Affären der Ermordeten vorladen und dabei auf skurrile Charaktere stoßen, macht Vogel, der selbst Seitensprüngen nicht abgeneigt ist, Bekanntschaften ganz anderer Art …

~ * ~

Ich habe Querbrater immer morgens in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit gelequerbratersen, und bei diesem Titelbild würde es mich nicht wundern, wenn die meisten anderen Fahrgäste mich eher in einem Erotikroman versunken wähnten … 😉
Doch was steckte wirklich hinter dem geschickt auf den Trendfarben der Literotica-Welle mitschwimmenden Cover?

Für mich entpuppte sich Querbrater als ein Buch, das mich zugleich positiv wie negativ überrascht hat.

Als sehr positiv empfand ich, wie „freundlich“ an das Thema jener Agenturen herangegangen wurde. Die Kunden wurden nicht per se als schrecklich moralisch verwerflich dargestellt, die Internetseiten waren einfach Möglichkeiten des Kennenlernens und nicht der Untergang der zivilisierten Welt. (Hey, ich habe schon einige Texte gelesen, die sich mit diesem Thema befassten, und werde dennoch immer wieder überrascht, wenn ich über neue Hasstiraden in fiktionalen oder Sachtexten stolpere …) Das hat mich schon mal sehr erleichtert – ich bin immer wieder froh über internet-bezogene Krimis in denen das WWW nicht die Ausgeburt des Teufels ist!

Die negative Überraschung war leider mein steigendes Unbehagen angesichts des doch oft sehr veralteten Frauenbildes der Hauptcharaktere. Nun gut, klar, es handelt sich bei dem Ermittlerduo um zwei Männer mittleren Alters – „was hast du denn erwartet?“, so könnte man mich fragen. 😀
Am Anfang fand ich die ganzen Sprüche über Frauenlogik etc. auch noch recht amüsant, schließlich gehörten auch zu der Interaktion der beiden Ermittler kleine, freundlich gemeinte Sticheleien einfach dazu, was ich auch sehr sympathisch und angenehm zu lesen fand. Doch nach einer Weile ging es mir dann doch sehr auf die Nerven, das alles: wie bei jeder auftretenden Frau sofort detailliert der Grad der Attraktivität beurteilt wurde, wie über Flirtereien und Beziehungen in Argumentationen gesprochen wurde, die mich daran zweifeln ließen, ob ich nicht per Zeitreiseroman in der Steinzeit gelandet sei.

Als dann schließlich …
(hier eine Spoilerwarnung – allerdings nicht die Aufklärung des Falles betreffend, sondern das Privatleben des Kommisar Vogels!)
… Vogel wiederholt seine Frau betrog und dabei die Schuld in reichlich schwachen Begründungen der „Spielpartnerin“ zuschob (um Himmels Willen! Egal, wo sie dir grad hinlangt, entweder du bist ein treuer Ehemann und beendest die Sache, oder eben nicht.), war es mir dann doch zu viel des Guten.

Natürlich weiß ich, dass die Sichtweisen der Charaktere nicht die Qualität eines Romanes ausmachen, doch kann ich mich mit manchen Einstellungen einfach nicht anfreunden, gerade wenn ich durch den personalen Erzähler mir viel zu undistanziert im Kopf betreffender Protagonisten feststecke. Da flüchte ich mich lieber in eine „Kann sein, dass manche Männer so denken, lesen möchte ich das aber bitteschön nicht“-Ignoranz. Was Geschlechterbilder und -stereotype betrifft bin ich nun mal besonders streng und schwenke gerne mein imaginäres „Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter!“-Schild herum.

Wen solcherlei Dinge allerdings weniger stören, wird hier mit einem guten Krimi um ein originelles und unterhaltsames Ermittlerduo bedient.

Was mir wiederum sehr gefiel, war, wie sich durch die Beschreibungen der Gegend und die Sprache der Charaktere quasi das Erlebnis eines Wien-Ausfluges einstellte!
Auch als Krimi an sich habe ich an der Geschichte nichts auszusetzen – ich glaube, alles war ziemlich realistisch und nicht künstlich hochgeputscht, was ich immer sehr angenehm finde.

Autor: Rupert Schöttle
Verlag: Gmeiner
Erstauflage: 2015
Seiten: 307
ISBN-10: 3839216877
ISBN-13: 978-3839216873

Humor · Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: „Lolito“

lolito2Autor: Ben Brooks | Übersetzerin: Britt Somann
Verlag: Atrium
Deutsche Erstauflage: 2015 | Originalausgabe: 2013
ISBN-10: 3855350558
ISBN-13: 978-3855350551
Seiten: 272

Handlung: Der 15-Jährige Etgar erfährt – während er sich in Facebook als sie ausgibt, wohlgemerkt-, dass seine Freundin Alice ihn betrogen hat, und macht darauf hin Schluss. Nun ist er wütend, verzweifelt und einsam und sucht in „Erwachsenen-Chatrooms“ Zuflucht. Hier lernt er die vermeintliche Singlefrau Macy kennen. Ihr gegenüber gibt er sich als Hypothekenmakler aus, und sie scheint es ihm abzunehmen. Es entspinnt sich eine Online-Affäre mit Chatsex, die den beiden bald nicht mehr genügt, sodass sie beschließen, sich auch im realen Leben zu treffen …

Manchmal stelle ich mir Atome als winzige Menschen vor, die extreme Angst haben und viel Händchen halten. Ich stelle mir vor, dass mein Körper aus winzigen, verängstigten Leuten besteht, und diese nehmen Becher oder Bücher hoch, die aus anderen winzigen, verängstigten Leuten bestehen. Und wenn man mit jemandem Sex hat, sind es einfach massenweise winzige, verängstigte Leute, die Händchen halten.
Ich denke an die winzigen Leute, die ich bin, und fühle mich weniger allein.
(S.153)

Leider muss ich sagen, dass mir Lolito nicht gefallen hat. Dies hat mehrere Gründe, denen ich nun einigermaßen geordnet auf den Grund zu gehen versuche.

Sprache & Stil

Zum einen wäre da das Leseerlebnis an sich, das schlichtweg keinen Genuss für mich darstellte. Sprachlich gesehen ist das Buch nicht schlecht – klar, der Stil wirkt auf mich manchmal etwas monoton und irgendwie „ruckartig“, doch das schob ich auf den Versuch, die rastlose Langweile des Protagonisten darzustellen. Daran konnte ich mich also gewöhnen. Was mich da schon eher störte, war, dass der innere Monolog Etgars wohl zu 90% aus Fäkalsprache jeglicher Art, sexuellen Praktiken und Beleidigungen bestand. Man mag einwenden, dass ich nie ein 15-jähriger Junge war, das stimmt natürlich, doch war ich auch mal 15 und weiß dass man da wütend ist und Sex durchaus einen großen Platz in der Gedankenwelt einwenden kann. Die Darstellung in Lolito jedoch schien mir halb wie etwas, das eine Parodie sein sollte, halb wie das Werk eines Menschen, der sich enorm anstrengt, zu provozieren, und dabei über das Ziel hinausstolpert. Hier wurden innerhalb keiner 300 Seiten die Worte „schwul“ und „vergewaltigen“ gefühlt häufiger gebraucht, als ich sie in meinem Leben aussprach. Echte 15-Jährige, die mir in der Hinsicht ihrer Sprech- und Denkweise widersprechen wollen, sind dazu natürlich herzlich eingeladen! So lange ist das zwar nicht her, seit ich so alt war, aber Zeiten ändern sich ja und man verdrängt recht viel. 😉

Enttäuschende Diskrepanz zwischen Präsentation und Inhalt

Ein weiterer Grund, warum mir das Lesen nicht wirklich Spaß machte, mag die Präsentation des Buches sein, die für mich irgendwie das Werk an sich total verfehlt.
Zunächst wäre da der Bezug zu Nabokovs Lolita, der nicht nur durch den Titel hergestellt wird, sondern auch durch das Zitat von Christian Ulmen auf dem Backcover: „Ich weiß nicht, was Nabokov davon gehalten hätte. Wahrscheinlich hätte er es selbst gern geschrieben.“ Für Leute, die wie ich, begeistert vom Werk sind, auf das hier Bezug genommen wird, kann ich gleich eine Warnung aussprechen: Wenn das der einzige Grund für euch wäre, Lolito zu lesen, dann tut es nicht. Während ich noch den Gedanken dahinter verstehe, auf jede Beziehung, in der ein Altersunterschied vorherrscht, das Lolita-Attribut zu klatschen, macht das im Endeffekt nur in den seltensten Fällen Sinn und hier beispielsweise überhaupt nicht. Die bloße Tatsache, dass Macy 46 ist, und somit 31 Jahre älter als Etgar, bedeutet nicht, dass man hier eine ähnliche (beklemmende) Beziehungsdynamik auffindet wie in Lolita. Ebenso unsinnig die Behauptung, Nabokov würde wünschen, dieses Buch geschrieben zu haben. Was in meinen Assoziationen bei diesem Namen als Erstes kommt ist sein atemberaubender Stil, so irgendwo zwischen Poesie und Klaustrophobie. (Erfährt man nicht schon zu Beginn von Lolita: „You can always count on a murderer for a fancy prose style.“?) Den Stil in Lolito hingegen fand ich, wie oben angesprochen, eher so zwischen „nicht schlecht, aber auch nichts Besonderes“ und nervig bis anstrengend. Somit kann ich die Lolita-Bezüge nur als billiges Werbemittel sehen, was ich aus Sicht eines Verlages zwar irgendwie nachvollziehen kann, das aber nicht dazu beiträgt, mir als Leserin dieses Buch sympathisch zu machen.

Porträt einer Generation?

Ebenso misslungen fand ich den Klappentext: „Schreiend komisch, zutiefst berührend und (leider) absolut wahrhaftig: Die haarsträubende Geschichte des jungen Etgar ist zugleich das Porträt einer gebeutelten Generation, die von klein auf im Internet ihr blaues Wunder erlebt.“
Über ’schreiend komisch‘ lässt sich natürlich streiten – ich habe zwar an einigen Stellen gegrinst, aber hauptsächlich missmutig geguckt und mit dem Buch diskutiert.
Weniger streitbar finde ich dagegen „das Porträt einer […] Generation“. Hey, das sind große Worte, und ja, ein Klappentext braucht wohl große Worte, aber dennoch finde ich sie dezent anmaßend, vor allem angesichts des Werkes, das sie beschreiben. Wenn ich vom Anspruch lese, eine Generation zu porträtieren, erwarte ich Charakterstudien, ausgearbeitete Innenwelten und ein differenziertes Bild. Ansätze davon waren zu lesen, gerade wenn es um Etgars Unsicherheit ging, um seine Angst vor der Welt. Dies wurde jedoch überlagert von der „hm, mal sehen wie viele ‚böse Wörter‘ ich in diesen Abschnitt quetschen kann!“-Haltung. Nennt mich faul, aber der Gehalt eines Buches muss schon pures Gold sein, wenn ich mich dafür erst durch einen Haufen Fäkalien wühlen muss.
Abgesehen davon – für wen ist das Buch geschrieben? Für erwachsene Menschen, die sich wirklich mit der jetztigen Teenagergeneration außeinandersetzen wollen, oder für solche, die nach Bestätigung all ihrer negativen Vorurteile suchen und gerne mal in „Früher war alles besser!“-Tiraden ausbrechen? Ich muss gestehen, zu Beginn schätzte ich den Autor – von dem ich bisher nicht gehört hatte – auf einen Mann mittleren Alters der eine Aversion gegen Jugendliche hegt und diese deshalb gerne mal voller Hass antagonisiert. Einfach weil er es kann; weil ihm ein Publikum offen steht, das wissend nicken wird, zwinkern und zufrieden sagen: „Ja, als wir noch jung waren, da hatten wir noch bessere Dinge zu tun, als den ganzen Tag zu saufen und in diesem Internet herumzuhängen!“ Das Bild, das hier entworfen wird, scheint mir enorm düster und einseitig, und lädt eher dazu ein, über die Moderne zu schimpfen, als sich kritisch mit Problemen zu befassen.
Als ich dann die Kurzbiographie laß, stellte sich heraus, dass Ben Brooks nur ein Jahr vor mir geboren wurde, jetzt also ca. 23 sein dürfte. Ups. Das macht es für mich aber noch unverständlicher – wenn man altersmäßig näher an den Leuten dran ist, über die als für die man schreibt, wieso versucht man dann nicht eher, diese als denkende, fühlende, differenzierte Wesen darzustellen als … so eben?

Hätte, könnte, würde …

Ich möchte nicht ausschließen, dass eben das vielleicht sogar Anspruch des Buches war. Schließlich rühmt sogar mein geliebter Klappentext die Geschichte als „zutiefst berührend“, und es gab durchaus einige Textstellen, in denen auf Etgars Innenleben eingegangen wird. Auch das Treffen mit Macy ist – sehr zu meiner Freude! – ganz anders, als ich es auf Grund der Präsentation des Buches erwartete. Sie ist nämlich nicht (nur) eine bösartige Verführerin Minderjähriger, sondern wie Etgar ein trauriger und verletzlicher Mensch. Obwohl sie keineswegs nicht gewusst haben kann, dass sie mit einem Jungen chattet (seine Versuche, einen erwachsenen Hypothekenmakler darzustellen, sind nicht gerade überzeugend), und deshalb durchaus in vollem Bewusstsein ein Gesetz brach, ist sie nicht das, was man – nicht zuletzt durch How I Met Your Mother – als Cougar/Puma kennt, sondern schlicht eine Frau, die mit ihrem Leben so wenig zurecht kommt wie Etgar mit seinem. Über die moralische Problematik darin, in einer Liebeskrise bei einem Minderjährigen Trost zu suchen, kann man natürlich debattieren … Ich aber finde, dass man aus den Interaktionen dieser beiden Personen mehr hätte machen können, und, auch ohne auf der Provokationsschiene zu fahren, eine Geschichte hätte erzählen können, die der komplexen Innenwelt einer Macy und eines Etgar gerecht wird.

Alles in Allem ist das auch mein Fazit: Ben Brooks hätte ein paar Dinge überzeugend tun können, hätte er sich auf weniger Inhalte mit mehr Tiefgang fokussiert; er entschied sich aber dafür, viele Dinge halbherzig, unglaubwürdig und unschön in den Raum zu werfen. Das ist verdammt schade.