Kurzgeschichten · Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Eier von überglücklichen Hühnern

Normalerweiße nehme ich ja vom abwertenden Begriff chic-lit mit Vorliebe Abstand, doch bei diesen fröhlichen chickens auf dem Cover, sollte ich meine Meinung vielleicht noch mal überdenken … 😉 „Eier von überglücklichen Hühnern“ kann wohl am besten als „Memoir in Scrapbooktechnik“ beschrieben werden. Wie die Autorin im Vorwort erklärt, bereut sie, in ihrer Kindheit kein Tagebuch geführt zu haben, und holt das nun nach. Doch nicht nur Erlebnisse – frisch erlebte oder solche aus der Kindheit – hält sie fest, sie kombiniert diese mit selbstgeschriebenen Gedichten und persönlichen Fotos. So erhält man einen sehr persönlichen Einblick in das Leben von Katy Buchholz. 

überglückliche hühner
Hühnerfiguren habe ich leider keine, doch meine Schweine tun ihr bestes, die Atmosphäre aufrecht zu erhalten … 

Der Stil ist sehr direkt – es gibt keine blumigen Umschreibungen und Metaphern, doch Füllwörter und Einschübe, die eher den Eindruck erwecken, man habe sich mit der Autorin zu einem Gespräch, vielleicht bei Kaffee und Kuchen, getroffen, als ein Buch zu lesen.

Es wird von der ersten Liebe erzählt, von ersten Enttäuschungen, von unfreundlichen Klassenkameraden, doch auch die traurigsten Kindheitserinnerungen enden auf einer positiveren Note. Auch kommt immer wieder eine Freude an kleinen Dingen zum Vorschein. Besonders erinnere ich mich an eine kurze Geschichte, in der Katy Buchholz morgens in aller Frühe aufstand, 20 Minuten in den Nachbarort zur Bäckerei radelte und dort auf deren Öffnen wartete, um ihre Mutter zum Geburtstag mit frischen Brötchen überraschen zu können.

Ansonsten erfährt man einiges über das Aufwachsen und Leben in Ostdeutschland. Besonders interessant und amüsant fand ich, zu lesen, dass man den Mauerfall durchaus auch verschlafen konnte. Klar, während man heute wohl nicht durch die Schule kommt, ohne sich das geschichtsträchtige Datum merken zu müssen, war damals der Vorabend des großen Ereignisses noch ein Datum wie jeder andere. 😀

Nett fand ich auch zu lesen, wie Katy Buchholz vom Treffen mit einer befreundeten Autorin und von ihrer ersten Lesung, bei der sie als Zuhöhrerin anwesend war, erzählt. Da ich selbst auch schreibe, finde ich es immer spannend, Einblicke in das Leben anderer Schreiber*innen zu erhalten.

Der Stil ist noch nicht ganz ausgereift, klingt manchmal holprig, doch da das Buch ja, wie oben erwähnt, eher das Gefühl einer persönlichen Gesprächssituation vermittelt, störte mich das nicht zu sehr. Ich hatte Spaß dabei, mich einmal auf so eine Weise einem Menschen zu nähren, ein wenig passt es dazu, dass ich ja auch sehr gerne Blogs im Internet lese, in denen Menschen einfach Gedanken, Erinnerungen und Eindrücke mit anderen Teilen, ohne sich thematisch und strukturell zu großer Einschränkungen zu unterwerfen, auch wenn Eier von überglücklichen Hühnern natürlich andere Inhalte hat, als die meisten modernen Blogs.

Autorin: Katy Buchholz
Verlag: Karina-Verlag
Seiten: 140
Erstauflage: Januar 2016
ISBN-10: 3903056723
ISBN-13: 978-3903056725

 

Ich danke Katy Buchholz für das Zur-Verfügung-Stellen eines Rezensionsexemplares!

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Kurzgeschichten

[Rezension] „Palo Alto“ von James Franco

Traveler DC 120

Autor: James Franco

Verlag: Eichborn
ISBN-10: 3847900099
ISBN-13: 978-3847900092

Seiten: 221
Cover: Passt zum Buch, definitiv. Blinkende Lichter, Sterne, dennoch viel Grau und insegsamt irgendwie fehl am Platz. (Das war positiv gemeint.)

„Vor zehn Jahren, in meinem zweiten Jahr auf der Highschool, habe ich an Halloween eine Frau getötet.“

Schon dieser erste Satz gibt die Stimmung für den vorliegenden Band an Kurzgeschichten vor. Man spürt sofort, dass das, was auf einen zukommt, nicht hoffnungsvoll, oder gar fröhlich wird.

Es geht um Jugendliche im Highschool-Alter, die in der kalifornischen Stadt Palo Alto leben, und ihr Leben ist teilweise so trostlos, dass man sich fragt, warum man überhaupt weiter liest, doch aufhören kann man auch nicht. Zu fesselnd werden all die Dinge beschrieben, die die jugendlichen Ich-Erzähler in in distanzierte, nahezu kalte Worte packen. Da gibt es einen Jungen, der seine Freundin als lebendes Sexspielzeug herumreicht, das Mädchen, das eine Beziehung mit ihrem Sportlehrer hat, und einen anderen Jungen, der spontan mit dem Auto gegen eine Wand fährt, einfach so, warum denn auch nicht? Sie erzählen davon, als ginge es ihnen kaum nahe, wäre nicht einmal real, was eine wunderbar desillusionierende Wirkung hat.

Ein Wort, dass die Atmosphäre des Buches insgesamt treffend beschreibt, ist ernüchternd.

Während andere Bücher den Leser in fremde Welten schicken oder ihn immerhin wenigstens auf ein Happy End hoffen lassen, schleudern ihm die hier gesammelten Geschichten die Realität richtig ins Gesicht. Doch obwohl all die Protagonisten trinken, töten (wollen), Drogen nehmen, irgendwie versteht man sie doch im Grunde ein bisschen. Das Buch ist erfüllt von einer Leere, die wohl die meisten schon einmal irgendwie gespürt haben.
Wer willens ist, dieser Leere auch beim Lesen noch nachzuspüren, ist mit Palo Alto gut bedient – und man kann auch nicht sagen, dass ein Happy End unmöglich wäre. Sie sind noch jung, alles ist möglich, wenn man sich es vorstellen kann.