Humor · Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: „Lolito“

lolito2Autor: Ben Brooks | Übersetzerin: Britt Somann
Verlag: Atrium
Deutsche Erstauflage: 2015 | Originalausgabe: 2013
ISBN-10: 3855350558
ISBN-13: 978-3855350551
Seiten: 272

Handlung: Der 15-Jährige Etgar erfährt – während er sich in Facebook als sie ausgibt, wohlgemerkt-, dass seine Freundin Alice ihn betrogen hat, und macht darauf hin Schluss. Nun ist er wütend, verzweifelt und einsam und sucht in „Erwachsenen-Chatrooms“ Zuflucht. Hier lernt er die vermeintliche Singlefrau Macy kennen. Ihr gegenüber gibt er sich als Hypothekenmakler aus, und sie scheint es ihm abzunehmen. Es entspinnt sich eine Online-Affäre mit Chatsex, die den beiden bald nicht mehr genügt, sodass sie beschließen, sich auch im realen Leben zu treffen …

Manchmal stelle ich mir Atome als winzige Menschen vor, die extreme Angst haben und viel Händchen halten. Ich stelle mir vor, dass mein Körper aus winzigen, verängstigten Leuten besteht, und diese nehmen Becher oder Bücher hoch, die aus anderen winzigen, verängstigten Leuten bestehen. Und wenn man mit jemandem Sex hat, sind es einfach massenweise winzige, verängstigte Leute, die Händchen halten.
Ich denke an die winzigen Leute, die ich bin, und fühle mich weniger allein.
(S.153)

Leider muss ich sagen, dass mir Lolito nicht gefallen hat. Dies hat mehrere Gründe, denen ich nun einigermaßen geordnet auf den Grund zu gehen versuche.

Sprache & Stil

Zum einen wäre da das Leseerlebnis an sich, das schlichtweg keinen Genuss für mich darstellte. Sprachlich gesehen ist das Buch nicht schlecht – klar, der Stil wirkt auf mich manchmal etwas monoton und irgendwie „ruckartig“, doch das schob ich auf den Versuch, die rastlose Langweile des Protagonisten darzustellen. Daran konnte ich mich also gewöhnen. Was mich da schon eher störte, war, dass der innere Monolog Etgars wohl zu 90% aus Fäkalsprache jeglicher Art, sexuellen Praktiken und Beleidigungen bestand. Man mag einwenden, dass ich nie ein 15-jähriger Junge war, das stimmt natürlich, doch war ich auch mal 15 und weiß dass man da wütend ist und Sex durchaus einen großen Platz in der Gedankenwelt einwenden kann. Die Darstellung in Lolito jedoch schien mir halb wie etwas, das eine Parodie sein sollte, halb wie das Werk eines Menschen, der sich enorm anstrengt, zu provozieren, und dabei über das Ziel hinausstolpert. Hier wurden innerhalb keiner 300 Seiten die Worte „schwul“ und „vergewaltigen“ gefühlt häufiger gebraucht, als ich sie in meinem Leben aussprach. Echte 15-Jährige, die mir in der Hinsicht ihrer Sprech- und Denkweise widersprechen wollen, sind dazu natürlich herzlich eingeladen! So lange ist das zwar nicht her, seit ich so alt war, aber Zeiten ändern sich ja und man verdrängt recht viel. 😉

Enttäuschende Diskrepanz zwischen Präsentation und Inhalt

Ein weiterer Grund, warum mir das Lesen nicht wirklich Spaß machte, mag die Präsentation des Buches sein, die für mich irgendwie das Werk an sich total verfehlt.
Zunächst wäre da der Bezug zu Nabokovs Lolita, der nicht nur durch den Titel hergestellt wird, sondern auch durch das Zitat von Christian Ulmen auf dem Backcover: „Ich weiß nicht, was Nabokov davon gehalten hätte. Wahrscheinlich hätte er es selbst gern geschrieben.“ Für Leute, die wie ich, begeistert vom Werk sind, auf das hier Bezug genommen wird, kann ich gleich eine Warnung aussprechen: Wenn das der einzige Grund für euch wäre, Lolito zu lesen, dann tut es nicht. Während ich noch den Gedanken dahinter verstehe, auf jede Beziehung, in der ein Altersunterschied vorherrscht, das Lolita-Attribut zu klatschen, macht das im Endeffekt nur in den seltensten Fällen Sinn und hier beispielsweise überhaupt nicht. Die bloße Tatsache, dass Macy 46 ist, und somit 31 Jahre älter als Etgar, bedeutet nicht, dass man hier eine ähnliche (beklemmende) Beziehungsdynamik auffindet wie in Lolita. Ebenso unsinnig die Behauptung, Nabokov würde wünschen, dieses Buch geschrieben zu haben. Was in meinen Assoziationen bei diesem Namen als Erstes kommt ist sein atemberaubender Stil, so irgendwo zwischen Poesie und Klaustrophobie. (Erfährt man nicht schon zu Beginn von Lolita: „You can always count on a murderer for a fancy prose style.“?) Den Stil in Lolito hingegen fand ich, wie oben angesprochen, eher so zwischen „nicht schlecht, aber auch nichts Besonderes“ und nervig bis anstrengend. Somit kann ich die Lolita-Bezüge nur als billiges Werbemittel sehen, was ich aus Sicht eines Verlages zwar irgendwie nachvollziehen kann, das aber nicht dazu beiträgt, mir als Leserin dieses Buch sympathisch zu machen.

Porträt einer Generation?

Ebenso misslungen fand ich den Klappentext: „Schreiend komisch, zutiefst berührend und (leider) absolut wahrhaftig: Die haarsträubende Geschichte des jungen Etgar ist zugleich das Porträt einer gebeutelten Generation, die von klein auf im Internet ihr blaues Wunder erlebt.“
Über ’schreiend komisch‘ lässt sich natürlich streiten – ich habe zwar an einigen Stellen gegrinst, aber hauptsächlich missmutig geguckt und mit dem Buch diskutiert.
Weniger streitbar finde ich dagegen „das Porträt einer […] Generation“. Hey, das sind große Worte, und ja, ein Klappentext braucht wohl große Worte, aber dennoch finde ich sie dezent anmaßend, vor allem angesichts des Werkes, das sie beschreiben. Wenn ich vom Anspruch lese, eine Generation zu porträtieren, erwarte ich Charakterstudien, ausgearbeitete Innenwelten und ein differenziertes Bild. Ansätze davon waren zu lesen, gerade wenn es um Etgars Unsicherheit ging, um seine Angst vor der Welt. Dies wurde jedoch überlagert von der „hm, mal sehen wie viele ‚böse Wörter‘ ich in diesen Abschnitt quetschen kann!“-Haltung. Nennt mich faul, aber der Gehalt eines Buches muss schon pures Gold sein, wenn ich mich dafür erst durch einen Haufen Fäkalien wühlen muss.
Abgesehen davon – für wen ist das Buch geschrieben? Für erwachsene Menschen, die sich wirklich mit der jetztigen Teenagergeneration außeinandersetzen wollen, oder für solche, die nach Bestätigung all ihrer negativen Vorurteile suchen und gerne mal in „Früher war alles besser!“-Tiraden ausbrechen? Ich muss gestehen, zu Beginn schätzte ich den Autor – von dem ich bisher nicht gehört hatte – auf einen Mann mittleren Alters der eine Aversion gegen Jugendliche hegt und diese deshalb gerne mal voller Hass antagonisiert. Einfach weil er es kann; weil ihm ein Publikum offen steht, das wissend nicken wird, zwinkern und zufrieden sagen: „Ja, als wir noch jung waren, da hatten wir noch bessere Dinge zu tun, als den ganzen Tag zu saufen und in diesem Internet herumzuhängen!“ Das Bild, das hier entworfen wird, scheint mir enorm düster und einseitig, und lädt eher dazu ein, über die Moderne zu schimpfen, als sich kritisch mit Problemen zu befassen.
Als ich dann die Kurzbiographie laß, stellte sich heraus, dass Ben Brooks nur ein Jahr vor mir geboren wurde, jetzt also ca. 23 sein dürfte. Ups. Das macht es für mich aber noch unverständlicher – wenn man altersmäßig näher an den Leuten dran ist, über die als für die man schreibt, wieso versucht man dann nicht eher, diese als denkende, fühlende, differenzierte Wesen darzustellen als … so eben?

Hätte, könnte, würde …

Ich möchte nicht ausschließen, dass eben das vielleicht sogar Anspruch des Buches war. Schließlich rühmt sogar mein geliebter Klappentext die Geschichte als „zutiefst berührend“, und es gab durchaus einige Textstellen, in denen auf Etgars Innenleben eingegangen wird. Auch das Treffen mit Macy ist – sehr zu meiner Freude! – ganz anders, als ich es auf Grund der Präsentation des Buches erwartete. Sie ist nämlich nicht (nur) eine bösartige Verführerin Minderjähriger, sondern wie Etgar ein trauriger und verletzlicher Mensch. Obwohl sie keineswegs nicht gewusst haben kann, dass sie mit einem Jungen chattet (seine Versuche, einen erwachsenen Hypothekenmakler darzustellen, sind nicht gerade überzeugend), und deshalb durchaus in vollem Bewusstsein ein Gesetz brach, ist sie nicht das, was man – nicht zuletzt durch How I Met Your Mother – als Cougar/Puma kennt, sondern schlicht eine Frau, die mit ihrem Leben so wenig zurecht kommt wie Etgar mit seinem. Über die moralische Problematik darin, in einer Liebeskrise bei einem Minderjährigen Trost zu suchen, kann man natürlich debattieren … Ich aber finde, dass man aus den Interaktionen dieser beiden Personen mehr hätte machen können, und, auch ohne auf der Provokationsschiene zu fahren, eine Geschichte hätte erzählen können, die der komplexen Innenwelt einer Macy und eines Etgar gerecht wird.

Alles in Allem ist das auch mein Fazit: Ben Brooks hätte ein paar Dinge überzeugend tun können, hätte er sich auf weniger Inhalte mit mehr Tiefgang fokussiert; er entschied sich aber dafür, viele Dinge halbherzig, unglaubwürdig und unschön in den Raum zu werfen. Das ist verdammt schade.

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Humor

[Rezension] „Meine Familie, die Minischweine & ich“ von Matt Whyman


Bildquelle: Lovelybooks.de

Autor: Matt Whyman
Verlag: Goldmann
ISBN-10: 3442480159
ISBN-13: 978-3442480159
Seiten: 377

Oberflächliches: Das Cover ist ja mal einfach zum entzückt Quietschen, oder? Ich nehme das Buch manchmal in die Hand, einfach um es selig anzulächeln; ich habe mich wohl in die beiden Knuffis verliebt…
Das Buch besteht aus drei Teilen, die jeweils mit (leider etwas kleinen) Schwarzweißfotos der beiden Hauptcharaktere eingeleitet werden.

Handlung: In diesem Buch erzählt der Autor davon, wie er mit seiner Familie zwei Minischweine aufzieht, was sich schwieriger gestaltet, als anfangs geplant. Nicht nur, dass mit der Katze, dem Hund und den Hühnern der tierbedarf der Familie recht gedeckt scheint, auch Stress mit den Nachbarn ist zu erwarten, und als die Idee aufkommt, man könne doch Minischweine züchten, geht das Chaos erst richtig los…

Das Buch ist lockere, unterhaltsame Lektüre für Zwischendurch, gerade das richtige um nach einem stressigen Tag in der Schule, Uni oder Arbeit zu entspannen. Bei manchen Episoden – wie der durch die Ankunft der Schweinchen vollkommen traumatisierten Katze – hoffe ich für das Wohl des Tieres, dass für den Lacherfolg etwas übertrieben wurde, doch gelang es eigentlich jedem Kapitel, mich zum lächeln zu bringen.
Sehr schön fand ich, dass nicht nur das trubelige Treiben der Schweinchen im Fokus stand, sondern man auch Episoden aus dem Leben der Familie Whyman erfuhr, die amüsierten und auch zu Herzen gingen.
Zwar ist man am Ende vielleicht etwas desillusioniert, was den Irrtum „was klein und niedlich ist, mach auch wenig Probleme“ betrifft, doch wenn einem das aus so witzige Weise nähergebracht wird, kann man sich ja auch nicht beklagen!

Für wen? Für alle, die Minischweinchen schon immer unglaublich niedlich fanden, und gerne wissen möchten, wie es sich mit ihnen lebt. Und für alle, die lockere Entspannungslektüre suchen, und nicht auf seichte Liebeskomödien zurückgreifen wollen.