[Texte] Historische Fiktion · [Texte] Krimis und Thriller

Rezension: „Tod in der Glaskugel“ von Jessica Müller (2021)

Ein

Wir befinden uns im London des Jahres 1865. Madame Blanche, ein Medium, wird ermordet aufgefunden. Augenscheinlich wurde sie bei einem morgendlichen Spaziergang auf den Friedhof erdrosselt – oder hat sie jemand an den Ort der Toten gelockt? Inspector Basil Stockworth und seine Ehefrau Charlotte ermitteln, er von offizieller Seite und sie in unauffälligen Gesprächen mit allen, die die angeblich übersinnlich begabte Frau und ihre Kundschaft gekannt haben. Irgendwer muss ein Geheimnis verbergen, für das es sich zu morden lohnt …

Ich lese ungemein gerne Bücher, die im neunzehnten Jahrhundert spielen, und das Versprechen, dass es auch um den damals so verbreiteten Aberglauben an Seancen und Ähnlichen gehen würde, hat mich nur umso neugieriger gemacht. Leider konnte mich dieser Roman nicht überzeugen – weder als historischer Roman, noch als Krimi, noch stilistisch.

Während der Stil zwar flüssig ist und sich rasch weglesen lässt, trägt er nicht wirklich zur Atmosphäre bei. Natürlich erwarte ich nicht, dass sämtliche historischen Romane so klingen, als seien sie zu der Epoche, in der sie spielen, auch geschrieben worden, doch hier häufen sich nicht nur im Fließtext Formulierungen, die recht flapsig und modern klingen, sondern auch in den Dialogen, oder auch mal in den Gesten, wenn beispielsweise jemand mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft malt, wie wir es heute so oft tun.

Generell war es dieser Mangel an viktorianischer Atmosphäre, der mich teils fast vergessen ließ, einen historischen Roman in der Hand zu halten. Ein Problem hierbei ist, dass sämtliche Protagonist*innen als ihrer Zeit weit voraus und nahezu moralisch unfehlbar (quasi Prädikat pädagogisch wertvoll) dargestellt werden.

Selbstverständlich finde ich nicht, dass zeitgenössische Geschichten, die in dieser Epoche spielen, beispielsweise den Rassismus und Sexismus, über die man in selbst den angenehmsten viktorianischen Texten allzuoft stolpert, einfach reproduzieren sollen! Allerdings denke ich, dass es ebenfalls keine befriedigende Lösung ist, allen Charakteren, die Sympathieträger*innen sein sollen, einfach ein unglaublich modernes Weltbild zu geben. Auf gefühlt jeder zweiten Seite wird den Lesenden mehr oder weniger subtil unter die Nase gerieben, wie moralisch einwandfrei die Hauptfiguren doch sind.

Natürlich gab es auch damals genügend Menschen, die in ihrem Denken und ihren Moralvorstellungen, sehr fortschrittlich unterwegs waren. Doch wenn alle zentralen Figuren Paranormales und Religion belächeln, ständig auf die Weisheit der Wissenschaft pochen und (für ein derartiges Kolonialreich unglaublich selbstgerecht) empört auf den Rassismus in den Vereinigten Staaten herabsehen … dann frage ich mich, warum die Geschichte denn überhaupt im neunzehnten Jahrhundert spielt, wenn doch so viele der Zwiespälte, die diese Zeit ja ausmachen, glatt vom Tisch gefegt werden.

Daher kam für mich leider keine viktorianische Atmosphäre beim Lesen auf. Dazu genügen mir nämlich nicht die düsteren Gassen der überfüllten Großstadt, der Nachmittagstee, die Gaslampen. Diese Epoche kennzeichnet sich für mich durch das Spannungsfeld Wissenschaft-Religion-Aberglaube; durch vorgebliche Prüdheit, die mit der Allgegenwart der Sexarbeit im Konflikt steht; und Fortschritte in der Wissenschaft auf der einen versus grausame Vivisektionen und diskriminierende Rassenlehren auf der anderen Seite. Und wenn man alle Protagonist*innen ständig klar und deutlich und wiederholt Stellungsnahme für das beziehen lässt, was aus heutiger Sicht das Richtige ist, dann funktioniert ein historischer Roman als solcher für mich nicht.

Manchmal führte dies auch zu unfreiwillig komischen Momenten, wenn Charlotte beispielsweise denkt: „Es war demütiged für Frauen, darauf warten zu müssen, geheiratet zu werden, um etwas wert zu sein. Charlotte liebte ihren Mann, aber sie wäre bereit gewesen, allein durchs Leben zu gehen und für sich selbst zu sorgen. Doch hierfür fehlte den meisten Frauen das Selbstbewusstsein.“ (Hervorhebung meine.) Nicht nur wäre dieser Gedanke selbst in einem zeitgenössichen Roman noch eine äußerst oberflächliche Betrachtung der Problematik, in dieser Geschichte, in der die Lebensumstände fast aller weiblichen Charaktere darauf beruhen, wer ihr Vater oder Ehemann ist, brachte er micht tatsächlich zum Lachen.

Auch die Antagonist*innen waren leider keine dreidimensionalen Charaktere, sondern, in dem Maße, in dem die „Guten“ unfehlbar sind, sind diese eben in jeder Hinsicht schlecht. Es müssen sich ja nicht sämtliche Charaktere eines Krimis in den zwielichtigen moralischen Grauzonen eines Noir-Romans herumtreiben, aber über ein paar weitere Schattierungen zwischen „charakterlich unfehlbar“ und „absolut verkommen“ hätte ich mich schon gefreut.

Letztlich hat auch der Krimi-Plot meine Erwartungen nicht erfüllen können. Die Wendungen kamen für mich eher aus heiterem Himmel, anstatt dass man sie durch Mitdenken erschließen könnte – das könnte natürlich aber auch an meinem Mangel an kriminologischen Fähigkeiten liegen.

Trotz traumhafter Aufmachung und interessantem Klappentext war das Buch für mich also alles in allem leider eine Enttäuschung.

Auch wenn ich und das Buch nicht miteinanderwarm geworden sind, danke ich natürlich dem Dryas-Verlag dafür, mir über Netgalley ein Rezensionsexemplar zu Verfügung zu stellen!

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