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Rezension: „A Season with the Witch“ von J.W. Ocker (2016)

Season With the Witch

Den meisten ist der Name der Stadt Salem ein Begriff, denn die Hexenprozesse, die die Bevölkerung 1692 für fast ein Jahr lang in Atem hielten, sind, nicht zuletzt durch Arthur Millers Theaterstück The Crucible (auf Deutsch Hexenjagd) ins kulturelle Gedächtnis eingegangen. Heute hat Salem diese tragische Episode der amerikanischen Geschichte zu seinem Vorteil zu nutzen gelernt und überlebt zu einem Großteil vom Tourismus, von Menschen die aus aller Welt angereist kommen, um die Schauplätze dieses historischen Ereignis zu besichtigen oder sich mit den anderen Hexen-bezogenen Attraktionen zu vergnügen. Besonders Halloween, beziehungsweise der ganze Monat Oktober, ist ein Großereignis in Salem. J.W. Ocker, dessen Interesse für okkulte, unheimliche, makabre Orte nicht zuletzt auf seinem Blog Odd Things I’ve Seen ihren Ausdruck findet, macht sich mit seiner Familie auf, einen Oktober in Salem zu verbringen, und mehr darüber zu erfahren, wie es ist, in einer Stadt zu wohnen, die auf so vielfältige Weises von ihrer Vergangenheit geprägt ist.

Nach der Lektüre dieses Buches ist Salem auf meiner Liste potentieller Reiseziele ganz weit nach vorne gerückt. Nicht nur sondern auch wegen der Kultur um das Halloweenfest.

Denn während Halloween, Hexen und Monster eindeutig den Kern des Buches ausmachen, beleuchtet J.W. Ocker auch ausführlich andere Aspekte, die Salem so interessant machen: Da wären die lange maritime Geschichte des Ortes, die Tatsache, dass der berühmte Schriftsteller Nathaniel Hawthorne dort geboren wurde und auch einen Großteil seines Lebens (wenn auch sehr ungern) in Salem lebte, oder das Peabody Essex Museum (PEM), das nicht zuletzt für Kunst-Fans einen Besuch wert ist.

Was das Buch für mich ausmacht, war der große Anteil, den Gespräche mit Anwohner*innen einnehmen. Anstatt den Fokus nur auf die 31 Tage andauernden gruseligen Feierlichkeiten zu Halloween zu legen, interessiert sich der Autor dafür, wie es ist, jahrein jahraus in einer Stadt zu leben, die hauptsächlich für die Geschichte der Hexenprozesse bekannt ist. Die diversen Meinungen zur Außenwirkung der Stadt sind durchaus gespalten: da gibt es Menschen, die es aus diversen Gründen bevorzugen würden, wenn jener Teil der Stadtgeschichte aus dem Auge der Öffentlichkeit verschwinden würde (oder zumindest mit mehr Ernsthaftigkeit und Respekt behandelt würde) und jene, die diese Seite ihrer Heimat lieben. Spannend fand ich beispielsweise, dass das PEM im Besitz wichtiger Artefakte aus der Zeit der Hexenprozesse ist, jedoch nicht vorhat, diese auszustellen, da sich die Verantwortlichen für das Museum vollends von der Hexen-Seite der Stadt, die sie als billig und verkitscht wahrnehmen, distanzieren wollen. Sehr interessant fand ich auch das Kapitel, das sich Praktizierenden der Wicca-Religion widmet, und so Menschen zu Wort kommen lässt, die sich selbst als Hexen identifizieren. So wird Salem von den verschiedensten Seiten beleuchtet und man erhält ein dreidimensionales Bild der Stadt. Auch wenn der Autor sich mit seiner Meinung nicht versteckt (als Horrorfan ist er natürlich begeistert von dem diesbezüglichen Schwerpunkt der Stadt) repräsentiert er auch entgegengesetzte Meinungen respektvoll und ohne sie zu verurteilen.

Alles in allem empfehle ich das Buch sehr – der einzige Einwand, den ich habe, ist, dass es sich stellenweise etwas zieht. Ocker beschreibt sehr ausführlich, wo welche Sehenswürdigkeiten zu finden sind, und für seitenlange Beschreibung nach dem Motto „dort biegt man links ab, dann rechts, dann läuft man geradeaus“ habe ich nicht immer die Geduld. Doch ansonsten hat das Buch die neuenglische Stadt für mich sehr lebendig werden lassen und ich würde am liebsten sofort meine Taschen packen und eine Reise nach Salem unternehmen!

 

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