[Texte] Jugendbücher

Rezension: „Unter Freunden“ von Thomas Fuchs

photo5445262377021975200Wer nach Hausenthal kommt, für den ist das abgeschiedene Internat mit den strengen Regeln die letzte Chance. Die Schüler*innen, die hier landen, sind in der Regel schon von zu vielen Schulen geflogen – oder haben gar Verbrechen begangen -, als dass sie in der Außenwelt noch weit kommen könnten. Doch auf Hausenthal ist das alles egal, und so lange sie alles dafür tun, ihren Abschluss zu machen, und das Internatsleben wie geschmiert läuft, können die Schüler*innen ihre Vergangenheit hinter sich lassen und sein, wer sie wollen, das verspricht ihnen der Schulleiter. Viele lassen sich natürlich dazu hinreißen, glänzende Leben für sich zu erfinden, mit reichen, berühmten oder berüchtigten Eltern. Sara und Leo machen sich zunächst einen Spaß daraus, die Lügen der anderen zu entlarven – sie halten sich für intelligenter und authentischer als diejenigen, die so viel Mühe in eine beeindruckende Hintergrundgeschichte stecken. Zum Glück gibt es auch solche Menschen wie in der Clique um den freundlichen und stets hilfsbereiten Greg: Menschen, die offen und freundschaftlich miteinander umgehen, anstatt sich hinter Lügengebilden zu verstecken. Schnell müssen die beiden jedoch erkennen, dass hinter Gregs scheinbarer Selbstlosigkeit mehr steckt, und er hinter vielen Vorkommnissen im Internat die Fäden zu ziehen scheint. Die Lehrer, so scheint es, lassen das einfach geschehen – oder hat Greg sogar etwas gegen den Schuldirektor in der Hand. Als Greg ankündigt, das Internatsleben so sehr zu genießen, dass er absichtlich durch die Abschlussprüfungen fallen wird, um ein Jahr zu wiederholen, kann Leo, der inzwischen zu dessen „bestem Freund“ aufgestiegen ist, den Zustand nicht mehr ertragen und fasst einen Plan.

Mit dem abgeschiedenen, eingeschlossenen Setting eines Internats und vielen Charakteren mit düsteren Geheimnissen bietet mir Unter Freunden eigentlich Grundvorraussetzungen für eine Art Roman, die ich eigentlich liebe. Dennoch muss ich sagen, dass ich das Buch alles in allem recht langweilig fand. Ich konnte keine wirkliche Bindungen zu den Charakteren und Ereignissen aufbauen und habe somit nicht mitgefiebert. Das mag zum Teil an der umständlichen Erzählperspektive liegen, bei der ich mir auch nicht erklären kann, warum diese gewählt wurde: das Buch wird aus der Perspektive von Sara erzählt, die auf die Erlebnisse im Internat zurück blickt. Da es aber eigentlich Leo ist, der viel stärker in die Handlung verstrickt ist, werden viele Passagen damit eingeleitet, dass Sara den Lesenden erklärt, dass sie jetzt etwas zusammenfassen muss, was Leo ihr erzählt hat. Dadurch entsteht gleich zweierlei Distanz zur Geschichte. Zum einen die zeitliche Distanz, alles ist schon vorüber, man weiß, dass alles in so fern gut ausgegangen ist, dass Leo und Sara noch in der Lage sind, sich über die Vergangenheit auszutauschen. Das ist aber nicht das größte Problem – ich will ja nicht behaupten, nur Bücher, die im Präsens geschrieben sind, können spannend sein! Viel unverständlicher fand ich, warum wir alles aus zweiter Hand, also von Sara, erfahren, und Thomas Fuchs sich nicht entschieden hat, Leo als Erzähler zu wählen. Das hätte für mich das Buch spannender gemacht, da man somit als Leser*in viel unmittelbarer am Geschehen gewesen  wäre.

Auch ansonsten war für mich der größte Makel des Buches, dass es eher zusammengefasst und erklärt hat, als die Handlung erlebbar zu machen. Während ich die theoretischen Überlegungen hinter Gregs Manipulationen zwar auch interessant fand, war es doch eigentlich schnell selbsterklärend, dass der ein gerissenes A****loch ist, und ich hätte mir eher Darstellungen der Effekte gewünscht, die seine Aktionen auf Sara, Leo, Sven oder Ned haben, als dass eine erwähnt wurde, dass eine Zeit schrecklich gewesen sei, ohne viel näher darauf einzugehen.

Ähnliche Kritik hatte ich ja schon zu Cold Calls geäußert. Ob das vielleicht daran liegt, dass beide Romane auf eine eher männliche Leserschaft abzielen und man ganz klischeehaft Angst hat, die Jungs abzuschrecken, in dem man bei Empfindungen in die Tiefe geht, statt sie nur anzudeuten?

Für Inhaltswarnung hier markieren: Sara hat eine Essstörung, die meiner Meinung nach auch ziemlich schlecht thematisiert wird.

Ähnliche Bessere Medien: 
People Like Us (Eine wie wir) von Dana Mele | The Secret Place (Geheimer Ort) von Tana French | Girlhood (Gefährliche Freundinnen) von Cat Clarke | Der Richter und sein Henker von Friedrich Dürrenmatt | Pretty Little Liars (Serie) | Élite (Serie)

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