[Texte] Jugendbücher

Rezension: „Nachtschwärmer“ von Moira Frank

Helena ist Einzelkind. Das glaubte sie jedenfalls fast ihr ganzes sechzehnjähriges Leben lang. Bis sie eines Tages ein Junge auf Facebook kontaktierte, der sich als der Sohn ihrer Mutter, die Helenas Vater kurz nach ihrer Geburt verließ, herausstellt. Helena und Lukas freuen sich über das Ende ihres Einzelkinderdaseines, telefonieren stundenlang und planen Helenas Besuch bei Lukas im Sommer. All dies wird zerstört als Lukas bei einem Unfall Nachtschwärmerums Leben kommt. Helena, die weder ihrer Familie, ihren besten Freundinnen noch ihrem Freund vom Glück über den neugewonnenen Bruder erzählt hat, ist nun auch alleine mit ihrer Trauer. Ohne ihm den Grund dafür zu verraten, überredet sie ihren Freund Ole dazu, mit ihr an einem See, der nahe an Lukas‘ Wohnort liegt, zelten zu gehen. Dort lernt sie nicht nur Lukas‘ beste Freunde gehen, sondern auch Clara, für die sie Dinge zu fühlen beginnt, die sie für ein Mädchen noch nie gefühlt hat.

Nachtschwärmer ist das perfekte Sommerbuch. Man fühlt die Hitze der Tage und die lauwarmen Nächte von den Seiten steigen und kann sich einbilden, man säße selbst nach einem körperlich angenehm auslaugenden Tag an einem See, die Beine im kühlen Wasser baumelnd, dieses Buch in der Hand. Moria Franks atmosphärische Beschreibungen haben mich schon in ihrem ersten Roman Sturmflimmern in den Bann gezogen, und es ist deutlich zu merken, dass sich ihr Schreibstil in den letzten Jahren noch weiter entwickelt hat dabei aber die für mich herausstechenden Kennzeichen, sogleich knapp wie poetisch zu sein, behalten hat. Doch nicht nur die Umgebung, auch die Darstellung der Charaktere ist so stimmungsvoll wie überzeugend. Der Roman ist eine Meisterklasse im altbekannten Mantra „show don’t tell“, und so charakterisieren sich die Figuren durch ihre Worte und Taten (oder unterlassene Taten) und Entwicklungen werden spürbar gemacht, statt wortreich umschrieben.

Auf diese Weise ist vor allem der Wandel den Helena durchmacht glaubwürdig und ermutigend. Zu Beginn ein ängstlicher, passiver und nervöser Mensch entwickelt sie sich langsam und stetig zu einem Mädchen das ein wenig mehr mit sich selbst und der Welt im Reinen ist, die eigene Belastbarkeit neu erfährt und Freunde und eine feste Freundin findet, bei denen sie einfach sie selbst sein kann. Ihre Entwicklung, sowie der Umgang mit Trauer insgesamt in diesem Buch, gehen auf eine Weise von statten, die ich ungemein tröstlich finde. Viel zu häufig agieren (Jugend-)Bücher nach dem „Ende gut, alles gut!“-Motto, das heißt,  die Protagonist*innen müssen auf der letzten Seite absolut glücklich und die besten Versionen ihrer selbst sein. Doch so funktioniert das Leben nicht, so funktioniert Trauerbewältigung nicht, und das dürfen ruhig auch jugendliche Lesende wissen. Nachtschwärmer schenkt seinen Charakteren und Leser*innen einen Sommer, der die Welt nicht schlagartig perfekt macht, aber der aufzeigt, dass alles Schritt für Schritt besser werden kann.

Besonders wichtig war für mich auch Clara, das Mädchen, in das Helena sich verliebt. Ich glaube, ich habe noch nie ein Jugendbuch gelesen in dem ich mein jugendliches Ich auf diese Weise in einem der Charaktere wieder fand. Die ungekämmte, wilde dunkle Haarmähne, die schmerzhaft schlechte Haltung, die weite, unmodische Kleidung, der konstante Unterton von Wut und Verletzlichkeit. Es war als blickte ich in ein Spiegelbild meiner Jugend. Nicht, dass ich nicht schon häufiger Bücher gelesen habe, in denen Mädchen wie die junge Rosa vorkamen – „hässlich“, ungepflegt, unmodisch. Doch waren Charaktere, mit denen ich mich identifizieren konnte, immer nur das „Vorher“-Bild gewesen, vor einem Make-Over, bevor sie begannen sich zu rasieren, schminken, feminine Kleidung zur tragen. Denn nur dann konnten Charaktere wie ich Love Interests sein. Helena jedoch verliebt sich in Clara ganz so, wie sie ist, und das war so schmerzhaft schön für mich, dass ich es kaum beschreiben kann. Ich hätte dieses Buch gebraucht, damals. Zu sehen, dass auch ich verliebenswert und anfreundenswert bin, wenn ich einfach bin wie ich bin, ohne mich den Anforderungen von Schönheitsidealen zu beugen, hätte unglaublich viel an meiner Selbstwahrnehmung verändern können. Ich bin unglaublich froh und dankbar dass Jugendliche, denen es genauso geht, wie mir damals, jetzt dieses Buch haben.

Bevor ich Rezensionen schreibe, lese ich meist auch ein paar Rezensionen von anderen, zum einen damit ich nicht mein Hauptaugenmerk auf etwas lege, was vielleicht schon unzählige Male gesagt wurde, zum anderen weil es mich interessiert, wo meine Meinung vielleicht von anderen Meinungen abweicht. Was mich an den Rezensionen zu Nachtschwärmer so verwunderte wie enttäuschte war hauptsächlich, dass erstaunlich viele Lesende nicht nur die Gedanken und Aussagen von Charakteren mit der „Botschaft“ eines gesamten Buches gleichsetzen, sondern dass die sachten und authentischen Veränderungen für die ich dem Roman so dankbar bin, anscheinend für viele weniger wert sind als das Entwerfen einer Szenerie in der jugendliche Charaktere als fehlerlos aufgeklärte und sozialpolitisch gebildete Menschen das Licht ihrer Seiten erblicken.

Wenn ich Jugendbücher lese und auch rezensiere bin ich mir immer bewusst, dass ich nicht die eigentliche Zielgruppe bin, und versuche daher auch immer mit einzubeziehen, ob die Leser*innen als Jugendliche dort abgeholt werden, wo sie sind, oder ob ein idealisiertes Bild einer Jugend entworfen wird, das eher die Erwachsenen erfreut. Nachtschwärmer gehört eindeutig zur ersten Kategorie. Die Jugendlichen sprechen, denken und verhalten sich wie ich es mich aus meiner Jugend erinnere: Hitlerwitze waren bei den Jungs in meiner Stufe an der Tagesordnung, ich habe gedankenlos andere Mädchen als „Schlampe“ bezeichnet oder „schwul“ als abwertenden Begriff für alles, was ich als kitschig oder verweichlicht empfand, verwendet. War das in Ordnung? Natürlich keineswegs. Ich und meine Mitschüler*innen mussten noch so viel lernen, über die Welt, über Diskriminierung, über uns selbst. Und um diese Phase im Leben eines Menschen zu verdeutlichen, bedeutet mir ein Buch, das in den ersten Kapiteln die Protagonistin froh darüber sein lässt, dass die Halskette ihres Freundes nicht schwul aussieht, um sich später in ein Mädchen zu verlieben, so viel mehr, als ein Buch das fraglos davon ausgeht, dass Sechzehnjährige die Bildung, Bedachtsamkeit und Wortwahl von idealisierten Erwachsenen haben. Nachtschwärmer erinnerte mich wieder und wieder schmerzhaft an mich selbst, daran, wie es war (und ist) in einer Welt aufzuwachsen, in der man noch immer lernt, gewisse Empfindungen zu unterdrücken und alles, was von der Norm abweicht, mit Skepsis zu betrachten. Und dass gerade Helena, die am Anfang ängstlich darauf bedacht ist, ja nicht aufzufallen, so endet wie sie endet, mit einer Zufriedenheit in sich selbst, ist eine Entwicklung die realistisch ist und oberflächlich betrachtet sehr undramatisch, doch, wie ich finde, für jugendliche Lesende lebensrettend sein kann.

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