[Texte] Horror

Rezension: „In the Miso Soup“ von Ryū Murakami

Rosa fürchtet sich 3

Man sollte sich vom niedlichen Cover nicht täuschen lassen, niedlich ist in diesem Buch des japanischen Autors Ryū Murakami, erschienen 1997, nämlich so gut wie nichts. Eine deutsche Übersetzung („In der Misosuppe“) ist 2006 im KiWi-Verlag herausgekommen. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Kenji erzählt, der als eine Art Führer für Sextouristen arbeitet – er lotst seine Klienten zu den besten und billigsten Peepshows, Kennenlern-Cafés und Sexarbeiterinnen. Als er für drei Abende vom amerikanischen Touristen Frank gebucht wird, scheint es zunächst ein Klient wie jeder andere zu sein. Schnell bemerkt er jedoch, dass mit Frank etwas nicht stimmt. Nicht nur, dass er sich ständig in Lügen verstrickt, in ihm scheint auch etwas Böses zu schlummern, und Kenji verdächtigt ihn, der gesuchte Mörder einer Highschool-Schülerin zu sein. Obwohl er sich vor Frank fürchtet, bringt er es dennoch nicht über sich, die weiteren Termine abzusagen. Stattdessen gerät er in den Sog des seltsamen Amerikaners und seine Erlebnisse treiben ihn an die Grenzen des Ertragbaren … miso

Das Buch war für mich vor allem wegen den Dingen interessant, die ich über die japanische Kultur und Mentalität erfuhr, vor allem über das Leben in der Großstadt Tokyo und der Sexarbeit- und Sextourismus-Szene dort. Natürlich kann man nicht alle Informationen für bare Münze nehmen – Murakami ist Autor und kein Sexarbeiter, also ist sein Wissen diesbezüglich auch nur aus zweiter Hand, das darf man nicht vergessen. Dennoch fand ich die Beschreibungen erschreckend eindrücklich und erhellend.

Ein großes Thema waren auch immer die Unterschiede zwischen Japan und anderen Ländern. Durch seine Arbeit kommt Kenji mit Bürgern vieler Nationen in Kontakt, und ich fand es faszinierend zu lesen, wie er sein eigenes Erleben von der großstädtischen Einsamkeit mit dem seiner Klienten, besonders Frank, abgleicht. Einsamkeit, und die verzweifelten Versuche entfremdeter Menschen, irgendwie zwischenmenschliche Bindungen herzustellen, bieten zentrale Punkte um die sich das Buch dreht und werden in Kenjis Gedanken und in seinen Gesprächen mit Frank immer wieder aufgegriffen. Auch wenn ich natürlich nicht mit allen Theorien einer Meinung bin, waren diese Textstellen für mich besonders interessant zu lesen und machten die Atmosphäre einer lebendigen Stadt in der Millionen von Menschen leben, die aber sehr isoliert nebeneinander her existieren, spürbar.

Wie es sich für einen Horror-Roman gehört, stand auch das Gefühl von Angst im Mittelpunkt. Wie die Auswirkungen absoluter, unausprechlicher Angst beschrieben werden, die kohärente Gedanken oder gar Handlungen unmöglich machen, gehörte für mich auch zu den Höhepunkten des Textes.

Alles in allem bin ich allerdings zwiegespalten, was das Aussprechen einer Empfehlung anbelangt. Das Buch ist keine zweihundert Seiten lang, liest sich schnell und bleibt konstant spannend, man kann es also an einem Nachmittag durchlesen, und Lesenden, die sich für die Angesprochenen Themen von Großstadt, Einsamkeit, Sexarbeit und Furcht interessieren, kann ich empfehlen, sich diese Zeit zu nehmen.
Ich muss allerdings auch ein paar Warnungen aussprechen, diesmal ohne Spoiler, da sie nicht wirklich etwas über die Handlungen verraten: Die Darstellung von Gewalthandlungen und Mord sind teils sehr explizit und ich bin froh, gewisse Szenen bei leerem Magen gelesen zu haben. Auch sexuelle Gewalt wird, was bei dem Milieu, in dem das Buch spielt, nicht überraschend kommt.

Wie spukig? In einem Großteil des Buches wird ein konstantes Unwohlsein durch das Hervorheben von Gesten und Blicken erzeugt, in denen etwas Ungutes und nicht Menschliches mitschwingt. Das hat mir gut gefallen, weil es Atmosphäre erzeugte, ohne zu plakativ zu werden. Doch gibt es auch eine Szene, die hauptsächlich für Fans des Splatter-Genres geeignet ist, was nicht so ganz meine Art von Horror ist, obwohl ich die Umsetzung als gut bewerten würde, auch wenn ich hier nicht viele Vergleichsmöglichkeiten habe, da ich Filme und Bücher dieser Art eher vermeide. Freund*innen von detaillierten Beschreibungen von Mord und Gewalthandlungen kommen bei In the Miso Soup also genauso auf die Kosten wie solche Lesenden, die Interesse an einem Horror-Großstadtroman haben.

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