[Orte] Erlebnisse in Prosa · [Zum Schluss] Persönliches

Hamburg – eine Dérive

Wie man sieht, habe ich diesen Blog, was seine Kategorien und Inhalte betrifft, soeben ordentlich umgestülpt. Ich möchte die Themen erweitern, über die ich blogge, und hier nicht mehr nur über Texte berichten, wie bisher, sondern eben auch über Orte und Zeiten – wie genau das aussehen wird, wird sich zeigen. 🙂

Zur Einweihung der Orte-Kategorie hier ein essayistischer Bericht über einen Besuch bei meinem kleinen Bruder in Hamburg. Diese Reise fand im Dezember 2017 statt, doch mir ist recht schnell entfallen, dieses Essay überhaupt geschrieben zu haben, weshalb ich es noch nirgendwo hochgeladen habe.

Inhaltswarnungen: Rauchen, Alkohol, Erwähnung von Therapie und emotionalem Missbrauch


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Rosa in der Speicherstadt

Mein Bruder hat mir mal erzählt, dass man es als Dérive bezeichnet, wenn man zum ersten Mal einen Ausflug in einen neuen Stadtteil unternimmt und unvoreingenommen seine Eindrücke notiert. Er studiert seit einem Jahr Stadtplanung in Hamburg und hat sich schon durch die verschiedensten Stadtteile deriviert. Bisher ist es mir nicht gelungen, ihn zu besuchen – meine Mutter und meine Schwester waren schon bei ihm, ich bin mal wieder das langsamste und letzte Familienmitglied. Jetzt aber bin auch ich endlich auf dem Weg, und da ich die bekannte Hansestadt bisher nur aus meinen Vorstellungen kenne – die im Übrigen derart irrig waren, dass ich nach der Bestellung meiner Tickets meinem Bruder erfreut erzählte, wie schön ich es fände, endlich mal wieder ans Meer zu fahren – wird diese ganze Reise für mich eine Dérive sein.

Als ich am Hauptbahnhof ankomme ist es dunkel und mein Bruder ist zu spät, was mir Zeit gibt, ein wenig zu frieren und über meine Großstadterfahrungen zu sinnieren. Diese beschränken sich auf Klassenfahrten nach London, Berlin, Athen und Wien, eine weitere universitäre Exkursion nach London sowie (endlich!) einen Ausflug nach London ganz nach freien Stücken in diesem Jahr mit meinen Geschwistern. Großstädte waren für mich, trotz der architektonischen Schönheit, Orte der Angst und Überforderung. Zu viel, zu laut, zu bunt und gleichzeitig zu grau. Orte des Hyperventilierens und des „nein danke, ich bleibe heute Abend lieber im Hotel, es geht einfach nicht mehr“. Dies war nur einer der vielen Gründe, warum mir modernistische Literatur so lag – so schockierend und plötzlich wie die Urbanisierung für die Menschen des beginnenden 20. Jahrhunderts gewirkt hat, so schockierend war für mich wieder und wieder der Ausgang aus meinem einsamen Kopf in eine volle Welt. Jedenfalls stellte ich mir das immer so vor, und fühlte mich verbunden mit Joyce, Woolf, Döblin, Wolfenstein. Jetzt aber, therapeutisch sowie psychatrisch in festen Händen, mit neuen Lebensumständen und neuem Lebenswillen, freute ich mich darauf, die neue Stadt kennen zu lernen, zu konsumieren, und in Worte verwandelt wieder auszuspucken. C kommt an und wir laufen in das Bahnhofsgebäude. Eine schier endlose doch nächtlich leere Rolltreppe führt nach unten zum nächsten Gleis, und mir steigt der dumpfe U-Bahn-Bahnhof-Geruch in die Nase, der mir, auch ohne, dass außer mir und meinem Bruder irgendwelche Menschen zu sehen wären, anzeigt, dass ich mich in einer großen Stadt befinde. Ich atme den Duft nach Dunkelheit und Schnelligkeit tief ein; die Panik bleibt aus.

Der nächste Morgen beginnt nach einem äußerst kargen Frühstück und dem Versprechen einer baldigen Kaffeepause. Zunächst jedoch soll ich die HafenCity sehen, in der auch die ziemlich neue und kleine Universität meines Bruders steht. Wir schlendern hinaus ins nieselnde, graue Hamburg, und C erzählt, wie niederschlagend er das Wetter empfindet. Gerade jetzt, im Winter, verlässt er oft nur sein Bett, wenn er zur Uni oder arbeiten muss, wenn es nur um Uni geht, manchmal gar nicht. Schon vor meinem Besuch haben wir uns am Telefon oft darüber unterhalten, wie unsere Schwester, die dritte und jüngste im Bunde, von Party zu Fachschaft zu Arbeitsgemeinschaft zu nächsten Event rennt, während wir Vorlesungen schwänzen um uns mit nur mittelmäßigen Netflixserien unter Bettdecken zu verkriechen. Zu erfreut davon, jetzt endlich, wo wir alle drei in verschiedenen Städten leben, ein freundschaftliches Verhältnis zu meinen Geschwistern erlangt zu haben, scheute ich mich noch davor, die Ideen „Depressionen“, „oft genetisch bedingt“ oder „denk doch einfach an unsere Kindheit“ in den Raum zu werfen, gerade, da C seine Verstimmungen so selbstironisch abtut. Und der Alkoholkonsum, von dem wir uns telefonisch immer erzählen, gehört ja einfach zum Studierendenleben.

Das Gebäude der HafenCity Universität ist so gestaltet, dass es grob an den Anblick eines Kreuzfahrtschiffes erinnert, wie es so am Ufer der Elbe ruht. Leider ist die Universität am Wochenende abgeschlossen, sodass wir nicht hinein können, doch C erzählt mir so begeistert von seinem Büro als wissenschaftliche Hilfskraft, von dem aus er einen tollen Blick über den Hafen hat, dass ich es mir bildlich vorstellen kann. Man merkt, dass er mit der Stadt und dem Studiengang genau das Richtige für sich gefunden hat, und ich freue mich. Neidlos, nahezu. Natürlich war ich lange ein kleines bisschen eifersüchtig auf meine jüngeren Geschwister, zumindest manchmal. Schon Jahre vor dem Abitur hatte ich all meinen Lebenswillen auf das Ziel konzentriert, nach meinem Schulabschluss ganz weit weg zu sein. Die Familie hinter mir zu lassen und alle Orte, an denen ich je gewesen war. Und nun bin ich es, die es nicht weiter als über die Brücke von Ludwigshafen nach Mannheim geschafft hatte, während C und A wirklich woanders sind. Früher hatte mich das noch mehr geärgert, mir in all meiner Selbstverachtung wiederholt vor Augen gehalten, was für ein Loser ich doch sei, dass ich nicht einmal entkommen konnte, weder Orten noch Erinnerungen. Doch mittlerweile habe ich gelernt, gerade im Ausharren Stärke zu sehen. Statt zu fliehen bin ich geblieben, statt Erinnerungen hinter mir zu lassen konfrontiere und überschreibe ich sie. Ich brauche nicht mehr eifersüchtig auf meine Geschwister zu sein – wir alle sind noch da, und wir alle sprechen auch endlich miteinander.

C und ich erklimmen einen orangefarbenen Aussichtsturm und während ich ein Foto von Hamburg von oben mache, schießt er eines von mir und versendet es per WhatsApp. Sekunden später schon kommt die Antwort meiner Schwester – ein Bild, das C von ihr ein paar Monate früher an genau der gleichen Stelle gemacht hat. Wenn Zeit eine Illusion ist, sind wir gerade zu dritt in diesem Turm der orange in der grauen Stadt leuchtet. Drei Menschen, die aus einer bedrückenden Kindheit erwachsen sind, in verschiedenen Richtungen ans Licht gewachsen, doch gerade teilen wir mental einen Ort.

Wir laufen durch die HafenCity und ich komme vor Staunen und Bewundern kaum dazu, Fotos zu machen, und noch weniger dazu, etwas in meinem Notizbuch festzuhalten. Wäre dies wirklich eine Dérive, wäre ich als Stadtforscherin ziemlich schlecht. Noch keine zehn Jahre ist der Stadtteil alt, und C erklärt mir, dass er besonders für den stadtübergreifenden Versuch steht, Hamburg zu einer „Stadt für die Menschen“ zu machen, mit vielen öffentlichen Orten und auch dem Zusammentreffen unterschiedlicher Schichten. Die Einwohner solcher Gebäude wie zum Beispiel des „Cinnamon Tower“ genannten Hochhauses, so bezeichnet wegen seiner verschiedenen Rottöne, und in dem, so munkelt man, sich Helene Fischer eine dreistöckige Wohnung gegönnt hat, sollen neben und mit Sozialhilfeempfängern vor sich hin existieren. Natürlich ist das eine Illusion, ein schon im Aussprechen gescheitertes Ideal. Weder kann ich mir vorstellen, dass sich ärmere Menschen im Überseequartier, das voll von „Hipstercafés“ ist, wie C und ich sie einstimmig nennen, ohne in Worte fassen zu können, was wir damit eigentlich meinen, wohl fühlen würden, noch dass sie dort günstig einkaufen könnten, unter all den Standorten teurer Marken wie Unilever. Optisch und architektonisch, sozialistische Bestrebungen unterdrückend, bin ich begeistert.

Wohl wissend, wofür ich mich interessiere, zeigt mein Bruder mir noch das Schild, das das Überseequartier als Privatbesitz ausweißt. Es ist so hoch am Pfahl einer Straßenlaterne angebracht, dass man es nur sieht, wenn man weiß, dass es da ist, und selbst dann kann man die Liste der Hausregeln nicht lesen. „So viel zum Thema Stadt für die Menschen“, lästere ich und mein Bruder ergänzt, halb amüsiert und halb zustimmend: „Ja, ja, der Kapitalismus mal wieder!“ Auch politisch haben wir drei uns entwickelt – teils in divergente Richtungen, aber immerhin entwickelt. Eine Meinung zu entwickeln, statt sich immer aus Selbstschutz zu verschließen, das ist auch schon ein Schritt nach draußen. Eine Dérive in die echte Welt, aus einem abgeschlossenen Haus hinaus.

Für einen echt touristischen Ausflug muss natürlich ein Foto vor der Elbphilharmonie sein, die mein Bruder freundschaftlich als „Elphi“ bezeichnet. Ich strahle in die Kamera, und das Bild, das C natürlich gleich per WhatsApp herumschickt, zeigt mir, dass ich auf einem Foto selten so glücklich ausgesehen habe. Es hat schon Jahre gebraucht, bis ich auf Fotografien lächelte, inzwischen sieht es sogar echt aus, weil es echt ist.

Das nächste Ziel unserer Stadtbesichtigung ist die Speicherstadt. Wieder ein Touristenfoto, mitten auf einer kleinen Brücke, hinter meiner kleinen bunten Gestalt reihen sich die Backsteingebäude monoton symmetrisch in die Unendlichkeit, und mir kommt das Wort „Fluchtpunktperspektive“ in den Sinn, ein Begriff, an den ich wohl seit dem Kunstunterricht in der Schule nicht mehr gedacht habe. Wie schon im Sommer in London merke ich, wie Städte mich für das Schreiben inspirieren können, ich kann es kaum erwarten, Verfolgungsjagden in einer nächtlichen, steampunkig angehauchten Speicherstadt aufs Papier zu bringen. Doch während mich viel zu lange beim Anblick inspirierender Orte Melancholie und Bitterkeit überkamen, weil sie für mich in viel zu krassem Gegensatz zur allzu bedrückenden Alltäglichkeit standen, bin ich nun von einer Freude und Zuversicht erfüllt, vielleicht wirklich mal ein Leben leben zu können. So ein richtiges, in dem ich einen Job habe und auf Reisen gehen kann.

Endlich, endlich, ist dann Zeit für die versprochene Kaffeepause. Ein wenig laufen muss ich noch, da mein Bruder mich auch ja zu seiner Lieblingsfiliale seiner favorisierten Kaffeekette „Balzac Coffee“ führen muss. Mit Kardamom Latte in meinen Händen und Zitronenkuchen vor mir auf dem Tisch wärme ich mich auf. Ein halber Tag des Umherrennens und Staunens und schon habe ich mich in Hamburg verliebt. Damals, vor acht Jahren auf der Klassenfahrt nach London, habe ich mich über diejenigen lustig gemacht, die als Souvenir ein „I ❤ London“-Shirt erstanden. Es erschien mir fraglos als Lüge, sich so schnell verlieben zu können, sei es nun in einen Menschen oder in eine Stadt. Doch ich war bitter und verängstigt, inzwischen bin ich mutig und schnell verliebt.

Wir essen und trinken schweigend. C rollt uns für später Zigaretten, und es ist mir eine kleine Ehre, zu wissen, dass ich die einzige in der Familie bin, die weiß, dass er raucht. Nach ein paar Minuten werde ich auf ein Gespräch am Nebentisch aufmerksam. Ein Mädchen, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als unsere A, erzählt ihrer Familie von ihren Wünschen und Plänen für die Zukunft. Dass es fast unmöglich ist, Astronautin zu werden, dass sie als Deutsche sowieso nicht bei der NASA arbeiten kann, aber dennoch eine berufliche Zukunft irgendwo im Bereich der Raumfahrt anstreben möchte. Sie erinnert mich so sehr an A, dass ich sie am liebsten ansprechen würde und ihr alles Gute auf diesem Weg wünschen. Da bricht der Mann, der ihr gegenüber sitzt, in ein schallendes Lachen aus. Er verspottet sie, ihre Zukunftspläne, unterbricht jedes ihrer zögerlichen Gegenargumente. Argumentiert sie in eine Sackgasse der Mutlosigkeit. Er sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl, in breitbeinigem Selbstbewusstsein nimmt er ihr und auch mir verbal wie physisch die Luft zum Atmen. Das selbstgefällige Lachen, das eingeschüchterte Verstummen des Mädchens, das alles ist viel zu real. Ich schaue zu C hinüber und er hält mir eine Zigarette hin. Fast fluchtartig verlassen wir das Café.

Eigentlich müsste ich gar nichts sagen, ich beginne trotzdem: „Der Mann da drinnen, er erinnerte mich total …“ – „Ich weiß“, unterbricht er mich. Wenn ich mich mit meiner Schwester treffe, reden wir viel über die Vergangenheit. Einzelne Szenen werden durchexerziert, Momente analysiert, ich teile Tipps meiner Therapeutin. Mit C rede ich selten so ausführlich. Stattdessen stehen wir mit unseren im inzwischen dunkel gewordenen Hamburg glühenden Zigaretten da, die wir hastig rauchen, nicht wissend, ob wir den Hass, der in uns glüht, anfachen oder überdecken wollen. Wir verstehen uns.

Danach laufen wir noch über diverse Hamburger Weihnachtsmärkte. Ich bin auf der Suche nach einem schicken Glühwein-Glas, das ich als Souvenir mitnehmen kann. Als wir an einem kleinen Markt, den ein pinkfarbenes Schild als „Hamburg Winter Pride“ erkenntlich macht, vorbeikommen, weiß ich, dass hier mein Becher herkommen muss. Statt draußen zu bleiben, kommt auch C mit auf den Markt, auch wenn er etwas ungelenk in einer Ecke herumsteht, und sichtlich erleichtert ist, als wir weiterlaufen. Doch immerhin, einen Schritt hat er getan, selbst Hamburg hält noch Dérives für ihn offen.

Glücklich und glühweintrinkend gehe ich mit ihm wieder zu seinem Wohnheim. In diesem Moment scheint mir die ganze Welt offen zu stehen, als inspirierender Ort, in dem man Erinnerungen überleben, überschreiben, und sich in die Existenz verlieben kann.

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