Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Aliide, Aliide

cam00869

Obskur, komplex, bedrückend – das sind drei Worte, mit denen man Aliide, Aliide von Mare Kandre beschreiben könnte. Viel über den Inhalt würde das nicht verraten, doch das tut auch das Buch selbst nicht. Es erzählt die Geschichte von Aliide, einem schwedischen Mädchen, das in Übersee aufgewachsen ist, und sich nun wieder in Schweden einfinden muss – das Land gefällt ihr jedoch nicht, vor allem die Sprache scheint ihr dem Englischen gegenüber unbehaglich und wenig aussagekräftig: „jedes Wort [war] matt und hart wie ein grauer, gewöhnlicher Stein, und mit diesen Wörtern im Mund pflanzte sich die Schwere im restlichen Körper wieder fort, der sich deswegen wieder komisch anfühlte, schwer und plump.“

Aliide hat wenige Freunde. Die meiste Zeit verbringt sie mit K, einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Die beiden könnten gegensätzlicher nicht sein. Während Aliide wild und mutig ist und auch mal vorlaut sein kann, ist K eher brav, sauber und ordentlich. Dennoch verstehen sie sich gut, bis es Aliide immer schlechter geht und sie sich immer weniger unter Kontrolle hat. Denn eines Tages, durch nur grob umschriebene Ereignisse, beginnen, verdrängte Erinnerungen in ihr wieder hoch zu kommen, die Allides Verhältnis zu sich selbst und ihrer Umwelt komplett auf den Kopf stellen.

Die Welt, die man immer durch ihre Augen sieht und in ihren Worten erlebt ist von da an durchtränkt von einem Gefühl von Furcht und Bedrohung. Sie entwickelt einen Ekel vor sich selbst, vor anderen, vor allem Körperlichen, der sie zu reinigenden und letztendlich nutzlosen Ritualen treibt. Am Schlimmsten ist, dass sie mit niemandem darüber reden kann. Obwohl sie oft verzweifelt um Hilfe bitten möchte, ist wieder und wieder ihre Überzeugung stärker, ihre Eltern vor den Schlechten Dingen in ihr und in der Welt beschützen zu müssen. In ihrem Drang, die heile Welt nicht zu zerstören, schweigt sie also, und leidet.

„Dass man da sitzen und sterben konnte, umgeben von seinen eigenen Familienmitgliedern, tief im Innern fürchterlich verletzt, von Schmerz und Angst fast zugrundegerichtet, ohne dass es denen überhaupt auffiel, dass man das so vollständig verbergen konnte. Dass man damit allein war. Mutterseelenallein musste man das mit sich herumtragen!“

Das Buch ist in einem unglaublich dichten Schreibstil geschrieben. Reale Ereignisse gehen in Träume über, Beobachtetes in Gefühltes. Und wie der Stil den Inhalt verbirgt, so ist der Grund für Aliides Leiden vor ihr selbst verborgen. Weil ein Kind dafür noch keine Worte hat und auch nicht brauchen sollte.

Aliide, Aliide ist ein beeindruckendes Buch. Beim Lesen zwischenzeitlich so eindrücklich, dass ich es kurz bei Seite legen musste, um durchzuatmen, möchte ich es doch noch viele Male lesen, um all die Sätze, mit denen der wort- und hilflose Schrecken eines Kindheitstraumas so gut es geht verbalisiert wird, würdigen zu können. Leichte Kost ist etwas anderes, dennoch empfehle ich es uneingeschränkt allen, die sich auch an schwere Themen wagen. Kindheit ist hier kein Paradies der Geborgenheit, sondern eine Hölle, aus der man nicht entkommen kann, weil man sie in sich trägt.

cam00866

Autorin: Mare Kandre | Übersetzerin: Isabelle Wagner
Verlag: Septime
Seiten: 400
ISBN-10: 3902711485
ISBN-13: 978-3902711489

Diese Rezension wurde zuerst als Gastrezension auf Bibliophilin.de veröffentlicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s