Lyrik

Gedicht des Monats: ‚Ans Meer‘ von Oscar Loerke

Wie ich im vorhergehenden Beitrag angekündigt habe, würde ich gerne häufiger über Lyrik schreiben. Um das nicht bei einem Vorsatz bleiben zu lassen, kam mir der Gedanke, ich könnte doch jeden Monat mit einem Gedicht einleiten, das ich gerne mag. Groß herumanalysieren möchte ich da gar nicht (und hoffe, dass ich mich werde zurückhalten können), sondern euch schlicht etwas zeigen, dass ich sehr mag, und hoffen, dass ich damit jemandem eine Freude machen kann. Vielleicht entdeckt ihr ja neue Lieblingsgedichte oder Dichter*innen. 🙂

Das Novembergedicht lautet Ans Meer und wurde geschrieben von Oskar Loerke (1884 – 1941). Zum ersten Mal darauf gestoßen bin ich im Reclam Gedichtband Das Meer.

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Ans Meer

Der Nebel reißt, der albisch kroch
Aus meinem Blut zum Totenfeld:
Ein Morgen scheint im Wolkenloch
Hoch auf die Welt.

Das Leben kommt von weitem her.
Und es geschieht, was einst geschah?
Mit ihrer Wäsche fährt ans Meer
Nausikaa.

Ein Weg weist nach Byzanz und Rom,
Für mich betritt ihn der Barbar.
Im Stein verwittert schon am Dom
Sein Mund, sein Haar.

Doch wann bin ich? Der Morgen währt,
Ein Rauschen ruft, ein Meer ist nah –
Ans Meer mit ihrer Wäsche fährt
Nausikaa.

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Kein Ort der griechischen Mythologie, sondern Edinburgh. Trotzdem schön, und immerhin Meer. (Und für mich auch mit Nausikaa verbunden. Hier ein Gruß an A. und S., die das hier nicht lesen werden.)

Warum dieses Gedicht? Es fühlt sich für mich nach einem schönen Grauton an, wie es auch der November tut. Der Rhytmus ist wunderschön stetig und beruhigend. Zum wiederholten Lesen vor dem Schlafengehen; zum tagelang im Kopf stecken bleiben und zum Lächeln bringen. ‚Nausikaa‘ ist ein wunderschönes Wort – ich mag es, wenn man zwei hintereinander stehende Vokale zweisilbig auspricht. Weil die letzte Strophe nach ewig und nach nie und wunderschön und wundertraurig klingt.

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