Krimis und Thriller

Rezension: The Collector

Frederick Clegg hat die Kunststudentin Miranda schon lange beobachtet, und es immer, wenn er sie traf, säuberlich in seinem Notizbuch notiert, das er sonst benutzt, um seine Schmetterlingsbeobachtungen zu notieren. Auf die Idee, die Anziehungskraft, die sie auf Grund ihrer Schönheit auf ihn ausübt, als Handlungsanreiz zu sehen, kommt er zunächst nicht. Als er jedoch überraschend eine große Menge Geld gewinnt, nimmt er die Gelegenheit war, sich ein neues, abgelegenes Haus zu kaufen, einen ausbruchssicheren Kellerraum einzurichten, und dann dauert es auch schon nicht mehr lange, bis Miranda zu seinem „Gast“ wird …

the collector

Heute ist das Konzept schon gar kein so ausgefallenes mehr: ein Thriller, der sowohl aus der Sicht des Opfers als auch der des Täters erzählt wird. Was hier jedoch auffällt, ist, dass schon im ersten Teil, der die Sichtweise des Täters behandelt, die Geschichte (fast) zu Ende erzählt wird, und der zweite dann wieder ganz von vorne beginnt, sodass man quasi die selbe Geschichte zweimal liest. Klingt langweilig, ist es aber nicht! Schließlich bieten sich genug Diskrepanzen in den beiden Erzählungen, und genug Eigenheiten der Hauptpersonen, um beide Teile gleichermaßen faszinierend zu halten.

Wer wie ich schon fast süchtig nach Krimiserien und -Büchern ist, und von daher schon unzählige Entführungen „beobachten“ konnte, kann Frederick Clegg als Täter zunächst schnell einordnen: er ist einer dieser ordentlichen, reinlichen Männer, die mit sanfter Stimme sprechen, keine bösen Worte dulden, in Konfrontationen den Blickkontrakt unterbrochen, und im Großen und Ganzen sehr freundlich sind – davon abgesehen, dass sie einen Hang für die Entführung junger Mädchen haben. So weit, so creepy. Nun hält er also die Kunststudentin in einer Kammer in seinem Keller gefangen und schnell stellt sich die Frage, was er eigentlich mit ihr vorhat. Er kauft ihr, was sie sich wünscht, kocht für sie, unterhält sich mit ihr, würde fast alles, für sie tun, außer natürlich, sie gehen zu lassen. Er liebt sie nämlich. Gegen solche großen Gefühle kann man schwer etwas tun, doch Miranda gibt nicht auf und versucht auf immer wieder andere Weisen, ihre Beziehung, ihr „Zusammenleben“, in eine solche Richtung zu lenken, dass er ihr die Freiheit ermöglicht. Mal ist sie unterwürfig, mal arrogant, mal freundschaftlich. Als ihr schließlich eine, wie sie glaubt, geniale Idee gekommen ist, ihm zu geben, was sie glaubt dass er möchte, und so ihr Verhältnis zum Positiven zu verändern, merkt sie zu spät, dass das ein Schritt in die falsche Richtung war …

Die zweite Hälfte des Buches, die aus dem Tagebuch besteht, das Miranda während ihrer Gefangenschaft heimlich führt, ermöglicht den Lesenden, ihre Sicht der Situationen kennen zu lernen, ihre Motivationen für Handlungen zu lesen, die Clegg vielleicht ganz anders deutete, aber auch, zu hinterfragen, wer von beiden „die“ Wahrheit (oder auch: ein bisschen mehr Wahrheit) erzählt. Auch bieten Miranda die langen monotonen Tage Gelegenheit, über ihr bisheriges Leben zu reflektieren. Ein zentrales Thema hier ist ihre ungleichgewichtige Freundschaft zu einem älteren Künstler, der sie in all ihrem Denken und Tun prägte. Nun, während sie Zeit hat, so viel nachzudenken, kommt sie zu der Gelegenheit (so seltsam es sich anfühlen mag, eine Entführung als eine „Gelegenheit“ in auch nur irgendeinem Sinne zu bezeichnen), über diese Beziehung nachzudenken und sich klar zu machen, wie viel von ihr sie selbst und wie viel G.P. ist. In ihrem immer verzweifelter werdenden Überlebenswillen und Drang nach Freiheit schmiedet sie viele Pläne, wie sie mit diesem und anderen Aspekten ihres Lebens umgehen wird, wenn sie nur entkommt. Auf diese Weise kann man ihr also ein wenig beim Erwachsenwerden zusehen – auch wenn ich natürlich keineswegs ein fensterloses Kellerversteck als den ultimativ besten Ort, heranzureifen, empfehlen möchte.

Während also das Konzept des Thrillers heute wohl nicht mehr so neu ist, und er auch nicht so viel an actionreicher Handlung bereit hält, wie man es vielleicht gewohnt ist, fand ich The Collector wirklich spannend und sehr, sehr interessant zu lesen. Es ist faszinierend, sich Stück für Stück ein Bild der Psyche der beiden Protagonisten zusammen zu basteln, ihre Aussagen übereinander zu vergleichen, oder auf die Suche nach Ereignissen zu gehen, die der eine verschweigt und die andere hervorhebt oder umgekehrt.

Die Ausgabe auf dem Foto ist nur noch gebraucht erhältlich, die Angaben beziehen sich auf diese. Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Der Sammler erschienen.

Autor: John Fowles
Verlag: Vintage Classics
Seiten: 288
Erstauflage: 1963
ISBN: 0099470470
ISBN-13: 978-0099470472
Auch für den Kindle erhältlich.

 

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