Dramatisches · Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Blühender Lavendel

Das Buch stellt zwei Charaktere vor, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Da ist Herbert Krull, ein penibler Buchhalter in den Fünfzigern, der sich an Ritualen durch seine durchorganisierten Tage hangelt, und der, abgesehen von der Trauer um seine vor fünf Jahren verstorbene Mutter, mit Sozialkontakten nicht viel am Hut hat. Außerdem gibt es Simone Allemann, deren Freund sich vor kurzem von ihr getrennt hat, und die nun zwischen Wut, Eifersucht und Erleichterung versucht, mit diesem Bruch in ihrem Leben fertig zu werden. Abgesehen davon, dass sie beide bei der selben Firma arbeiten, verbindet sie nichts, und als ihre Leben auf unvorhergesehene Weise aufeinandertreffen ist es schon zu spät …

Seit zwei Stunden saß er nun da und wusste nicht, was als Nächstes zu tun war. Sein geregelter Tagesablauf war aus den Fugen geraten. Er hatte keine Ahnung, wie er an sein vorheriges Leben anknüpfen sollte. Die einfachsten Dinge, wie etwa sich unter die Dusche zu stellen und zu waschen, waren zu einer Herausforderung geworden. Die Automatismen trivialer Tätigkeiten waren wie weggeblasen.
S.50

Abgesehen von den Widrigkeiten des Alltags dreht sich Blühender Lavendel hauptsächlich um die Bewältigung von Schicksalsschlägen in der Kindheit am Beispiel des Herbert Krull. Während er selbst ein positives Bild von seiner Kindheit hat, erfährt man, dass seine Schwestern die Vergangenheit ganz anders sehen, was ein Grund dafür ist, warum er den Kontakt zu ihnen abgebrochen hat. Nach und nach, durch Gespräche mit seinen Schwestern und zunächst noch unerklärliche Träume drängt sich auch Herbert der Gedanke auf, dass er einige Erinnerungen verdrängt hat. Für jeden, der schon psychologische Spannungsromane gelesen hat und/oder gezwungen war sich mit Freud zu befassen, gibt es keine großartig überraschenden Plottwists oder nie-zuvor-dagewesene Erkenntnisse, was jedoch nichts daran ändert, dass das Buch einen nicht zu leugnenden Sog entfaltet. Während das recht dünne Buch nicht viele Seiten bietet, in die Tiefe zu gehen und die Aufarbeitung der Vergangenheit mit Ruhe und Realismus zu behandeln, wird gerade dadurch, dass alles Schlag auf Schlag von Statten geht ein rasches Tempo in das Buch gebracht, das bei mir dazu führte, dass ich die Geschichte in einem Rutsch durchlaß. Obwohl ich der Maxime „show, don’t tell“ generell skeptisch gegenüber stehe, hätte das diesem Buch vielleicht gut getan, so hatte ich oft den Eindruck, dass die Charaktere weniger sorgfältig entwickelte Personen, als Aneinanderreihungen von Symptomen (in Krulls Fall) oder Klischees einer Frau in einer Midlife-Crisis (wie Simone) waren. Doch dieser karikaturenhaft überzeichnende Schreibstil was die Charakterisierung von Figuren betrifft wartete auch mit Sätzen auf, die mich lächeln und nicken ließen, weils sie einfach so akkurat waren. So heißt es über Simones Exfreund: „Jeden Morgen hatte sich Robert über ihre Lektüre lustig gemacht. Er selbst steckte die Nase in eine niveauvolle Tageszeitung, denn er war der Ansicht, eine einfache Zeitung würde nicht die Informationen bieten, die er für seine Tätigkeit als Anlageberater benötigte. Er wälzte den Börsen- und Wirtschaftsteil vor und zurück, schüttelte den Kopf, lächelte süffisant oder zog die Augenbrauen hoch.“ Solche Textstellen bieten die erfreuliche Gelegenheit, amüsiert an Menschen aus dem eigenen Leben mit ihren unsympathischen Marotten zu denken und zu grinsen.
Schade fand ich, dass doch recht oft auf Männer- und Frauenklischees zurückgegriffen wurde. Auch der Schreibstil ist teilweise noch etwas stockend und unbeholfen, was dann aber zu amüsanten Zusammenhängen führt „[Chris] hatte noch keine Zeit gehabt, zu frühstücken. Dasselbe galt für seine Kleidung“. 😀

Alles in allem ist Barbara Hagmanns Erstling aber ein spannender und unterhaltsamer Roman, den man an einem faulen Nachmittag im Bett quasi „am Stück“ verschlingen kann! 🙂

Obwohl ich ja die Kategorie „Oberflächliches“ in meinen Rezensionen weggelassen habe, möchte ich hier noch mal darauf eingehen, dass ich das Buch zum Anschauen und auch Anfassen als Genuss empfand! Das Coverbild beschwört eine passend beklemmende Atmosphäre hinauf, das matte Glänzen und die eingestanzten Worte des Titels wirken richtig edel; außerdem ist die Schutzhülle leicht rau, was sehr angenehm in der Hand liegt.

Autorin: Barbara Hagmann
Verlag: Riverfield
Seiten: 240
Erstauflage: August 2015
ISBN-10: 3952446378
ISBN-13: 978-3952446379
Auch im ePub-Format und für den Kindle erhältlich!

Ich danke dem Riverfield-Verlag für das Zur-Verfügung-Stellen eines Rezensionsexemplares!

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