Jugendbücher · [Sonstiges Buchbezogenes] · [Zeugs] Rosa regt sich auf

Rosa regt sich auf: Vom hässlichen Entchen zum … ihr kennt das ja.

Heute morgen erwachte ich in Schlappheit und einem geistigen „Meh“-Gefühl, weshalb ich mich entschloss, mit einem (hoffentlich) locker-flockigen Jugendbuch auszuspannen. Meine Wahl fiel auf Crazy Moon von Sarah Dessen (engl.: Keeping the Moon), von der ich schon zwei andere Bücher gelesen hatte, die mir ziecrazy moonmlich gut gefallen haben. Besonders mochte ich damals Wir sehen uns im Traumland (engl.: Dreamland) (ich habe zuerst aus Versehen „Traumaland“ getippt, was im Zusammenhang auch nicht wirklich falsch wäre …), in dem es um ein Mädchen geht, das sich aus einer missbräuchlichen Beziehung zu befreien versucht und auch mit familiären Problemen zu kämpfen hat. Dieses Buch kann ich wirklich sehr empfehlen – es ist zwar schon ungefähr zwei Jahre her, dass ich es laß, und ich kann nicht garantieren, dass ich es jetzt genauso sehen würde, aber manchmal muss man eben eine Empfehlung auf Risiko aussprechen. 😉

Aber eigentlich wollte ich ja über das links abgebildete Buch sprechen. Beziehungsweise, nicht direkt über das Buch – während es mich nicht umhaute, war es doch ein schöner Les (können wir das einführen? so als Gegenstück zu „a nice read“?), aber leider fühlte ich mich an mehreren Stellen an bestimmte Tropes erinnert, die viel zu oft in Jugendbüchern auftauchen. Deshalb sehe ich dieses Leseerlebnis als nette Gelegenheit, mal mit einer Blogthemen-Reihe zu starten, die mir sehr am Herzen liegt: Rosa regt sich auf. (Einfach, plakativ, leicht zu merken & mit Alliteration!) Das tue ich nämlich ziemlich oft, und warum dann nicht mit dem Internet teilen? Unter diesem Schlagwort werde ich also von nun an häufiger Gedanken über Dinge zum besten geben, die mich in Sachen Bücher aufregen.

Heute geht es um die klassische Make-Over-Szene, die in geschätzten drölfzigtausend aller Jugendbücher (mit weiblicher Zielgruppe, offensichtlich) verbraten wird, ganz zu schweigen von den Filmen, da das Thema visuell ja umso beeindruckender rüberkommt.

Im oben gezeigten Buch – erstmal so als Warnung: ich werde in diesem Eintrag den Inhalt des Buches spoilern (der jedoch sowieso nicht wirklich voller Überraschungen steckt) – ist die Ausgangslage so, dass die Protagonistin Colie sowie deren Mutter eine lange Phase hinter sich haben, in denen beide stark übergewichtig waren (sie sprechen nun von ihren „Fetten Jahren“). Inzwischen ist ihre Mutter weltweit bekannte Aerobic-Trainerin und Fitness-Guru, auch Colie selbst hat 20kg verloren. Natürlich ist sie geprägt von ihrer Vergangenheit, in der sie ständig eine Außenseiterin war und wegen ihres Gewichtes verspottet wurde, weshalb sie nun, um niemanden an sich heranzulassen, möglichst abweisend auftritt. Ihr Stil sind nun zerrissene Klamotten, sie hat ein Lippenpiercing und nachlässig schwarz gefärbte Haare.

Im Buch nun verbringt sie die Sommerferien in einer Kleinstadt bei ihrer etwas außergewöhnlichen Tante und findet das Übliche: Freundinnen, Selbstwertgefühl & einen Freund. Also, Freund-Freund. Boyfriend. Ihr versteht. Und auch wenn die Aufzählung abwertend klingt, ich mag so etwas, also, Protagonistinnen, die am Ende eines Buches mehr Selbstbewusstsein haben als zuvor … ABER: muss das immer zwangsweise durch ein Umstyling geschehen?

Besonders paradox fand ich, dass, kurz bevor eine ältere Freundin Colie in die Künste des Augenbrauen-Zupfens, des Haare-gleichmäßig-Färbens und des Makeup-Auftragens einführt, diese folgenden Satz sagt: „Colie, wenn jemand nett zu dir ist und dich mit Respekt behandelt, darfst du nicht überrascht sein. Im Gegenteil, du kannst es von den Leuten verlangen. Es ist völlig selbstverständlich.“ (S.115)
Dieser Aussage stimme ich absolut zu. Seine Mitmenschen mit Respekt zu behandeln, ist etwas, das bedingungslos geschehen sollte*. Doch warum laufen dann die folgenden Passagen darauf hinaus, dass dieses Mit-Respekt-behandelt-werden vor allem auf Äußerlichkeiten beruht?

Ebenfalls schlimm: das ganze „Um geliebt/respektiert zu werden musst du dich zunächst selbst lieben/respektieren.“ Das ist so eine Aussage, die ganz vernünftig klingt, wenn man sie zum ersten Mal hört, doch wenn man nur einige Minuten länger darüber nachdenkt, sollte einem aufgehen, dass dies eines der schädlichsten und grausamsten Dinge ist, die man zu jemandem sagen kann, der unter Minderwertigkeitskomplexen leidet oder unter einer psychischen Krankheit die sich in Selbsthass niederschlägt.
„Wir können dich erst annehmen, wenn du die überwältigende Aufgabe geschafft hast, dein gesamtes Selbstbild zu revisionieren. Viel Glück dabei. Bis dahin wirst du von der Gesellschaft verachtet.“ Ich sag‘ ja nicht, dass die Realität nicht so aussieht, ich sag‘ nur, dass es grässlich ist und wenn diese Sicht weiterhin so fleissig in Jugendbüchern verbreitet wird, ist das mehr als nur ein wenig deprimierend.

Ganz zu schweigen davon, dass hier das Selbstwertgefühl ja nur mit Äußerlichkeiten einher geht – wer sich nicht um sein Äußeres kümmert, der hat kein Selbstbewusstsein, bekommt man hier vermittelt. Auf die doch gar nicht mal so abwegige Idee, dass die „““hässliche, ungepflegte“““ (ich kann gar nicht so viele Anführungszeichen machen, wie ich fühle) Person vielleicht einfach keine Notwendigkeit in der Gestaltung ihres Äußeren sieht, kommt man als (Jugend-)Buchautor wohl gar nicht.

Im vorliegenden Buch lief es dann gegen Ende zwar darauf hinaus, dass Colie erkannte, dass sie eigentlich schon vor der Umdekorierung ein schöner Mensch war, was schön ist, die besagte Szene aber nur noch überflüssiger macht.
Überhaupt. Statt jungen Mädchen zu sagen, dass auch sie auf ihre eigene Weise schön sein können oder gar sind, wäre es vielleicht mal ganz cool, diesen Focus vom Schönsein wegzunehmen:

Nicht nur (oh! so! subjektiv!) schöne Menschen verdienen es, mit Respekt behandelt zu werden, und wenn Bücher das verbreiten, tja, dann ist das eben Mist. Liebe Mädchen, merkt euch: ungeschminkt, un-ge-augenbrauenzupft & mit je einer Riesentüte fettiger Pommes in jeder Hand habt ihr genau das selbe Recht, Respekt einzufordern, wie jede*r andere auch.

*Außer, besagter Mitmensch ist eine wirklich entsetzliche Person. Es gibt wirklich schlimme Menschen & ich bin nicht für stillhalten und leiden & manchmal ist kein Respekt mehr möglich um einer grässlichen Zwischenmenschlichen Situation zu entkommen. Darüber werde ich vielleicht mal an anderer Stelle bloggen, in diesem Eintrag ging es ja hauptsächlich um diesen Basisrespekt, den man jedem Menschen unabhängig vom Äußeren entgegenbringen sollte.

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