Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Alles wird hell

alles wird hellDas Buch umspannt das gesamte Leben der Protagonistin Oda. Es beginnt mit Szenen aus der Kindheit und dem Teenageralter, mit der ersten erzählten Lüge und mit dem Erwachen von Odas Sexualität. Im Mittelteil des Buches ist sie dann schon verheiratet, glücklich und mit einem Kind. Sie hat sich schon immer ein zweites gewünscht, und als ihr Mann ihr gesteht, dass er das eigentlich nie wirklich wollte, fühlt sie sich verraten und entfremdet, die Ehe muss eine große Krise überstehen.

Manchmal macht man eine Tür auf. Und dahinter ist dann einfach nichts mehr. (S. 264)

Es fällt mir schwer, eine einheitliche Meinung zu diesem Roman darzustellen, da mir die einzelnen Teile wirklich sehr unterschiedlich gefielen. Sehr begeistert war ich vom Anfang, als Oda eine Teenagerin war – die Art, wie sie trotzig und wütend in die Welt blickt, über ihre Familie urteilt und dennoch nie ihre Liebe zu diesen Menschen verbergen kann, das alles schien mir sehr wahrhaftig und echt. Auch ihre ständige Zerrissenheit zwischen Arroganz und unglaublich starkem Selbstzweifel, sowie der unbändige Wunsch nach Freiheit und Selbstexpression, gefielen mir sehr. Sie kam mir wie eine sehr überzeugende Teenagerin vor, nicht überspitzt und satirisch verachtend, aber auch nicht auf Sympathie setzend glattgebügelt. Toll! Auch das Ende des Buches wartete mit einem Handlungsstrang auf, den ich sehr berührend fand, und den ich hier natürlich nicht verraten werde …
Bleibt also nur noch die Mitte für den Part, den ich etwas enttäuschend fand. Ich weiß nicht ganz, woran es lag, aber hier ging für mich meine Bindung zum Buch stark verloren. Vielleicht, weil ich mich in die oben angesprochene Situation mit der Ehe und dem Kinderwunsch nicht wirklich hineinversetzen kann, aber ich glaube nicht, dass das nur daran liegt – wenn ich nur Bücher mögen würde, in deren Handlung ich mich komplett wiederfinde, wäre ich ja unmöglich zu begeistern, und dem ist nicht so. Es war eher so, dass mich im Mittelteil sowohl der Schreibstil als auch Oda ein wenig nervten. Was den Stil betrifft – in meiner Rezension zu Transatlantik habe ich ja schon erwähnt, dass ich enorm knappe, kurze Sätze nicht mag, wenn sie allzu gehäuft auftreten. Ganz so im Übermaß gab es dieses Phänomen in Alles wird hell zwar nicht, aber doch genug, um mir das Lesen manchmal recht anstrengend erscheinen zu lassen. Gerade in Bezug zum Plot, der Entfremdung zu ihrem Mann und irgendwie zu ihrem eigenen Leben, kann ich die Wahl eines Stils, der irgendwie distanziert und „befremdlich“ wirkt, auch verstehen, aber statt mich Oda und ihrer Innenwelt näher zu bringen, bewirkte er leider das Gegenteil. Das war auch so ein Problem: dadurch, dass der Stil oft so verkürzt war, oft nur aus Sätzen a la „er tut dies, ich tue jenes“ bestand, fehlte mir der Blick in Oda hinein, was sie dann für mich ein wenig unsympathischer machte. Sie schien mir oft zu gedankenlos zu handeln, bzw. Dinge passiv passieren zu lassen (selbst wenn sie scheinbar aktiv Entscheidungen trifft), ohne sich tiefer mit etwas zu beschäftigen. Dies wahr wahrscheinlich nur der Eindruck, den ich gewann (vor allem, da ihre Charakterisation als Teenagerin sie eher aktiv und nachdenklich erscheinen lässt), doch minimierte es meinen Genuss schon ein wenig. Selbst die Metaphern, die vielleicht als Stütze dienen sollten, blieben mir zumeist zu vage und zufällig. Zwar geht es in dem Buch ja stark darum, was nicht gesagt wird, nicht gesagt und gewusst werden kann, aber ich persönlich hätte das halt lieber nicht auch auf die Kommunikation zwischen mir und dem Roman übertragen müssen. 😉
Es gab zwar einige sehr schöne Stellen und Bilder, ich mochte die Gedanken über die Familie sehr gerne, und über das Tanzen, aber überwältigt hat mich das Buch nicht – bis auf den Anfang, wie gesagt. Ich wünschte, das wäre so weiter gegangen, wie die ersten 100 Seiten es mir zu versprechen schienen!

Gewohnheiten in der Familie sind wie eine ansteckende Krankheit, denke ich.
(S. 66)

Autorin: Julia Jessen
Verlag: Kunstmann
Erstauflage: Februar 2015
Seiten: 304
ISBN-10: 3956140249
ISBN-13: 978-3956140242

Advertisements

2 Kommentare zu „Rezension: Alles wird hell

  1. Hallo,

    ich bin durch’s googeln auf deine Rezension gestoßen und habe mir erlaubt sie im Sinne der Bloggervernetzung auf meinem Blog als Link aufzunehmen. Wenn du etwas dagegen hast, sag mir doch bitte Bescheid. Du findest den Link hier: http://booksinmyworld.de/rezension-alles-wird-hell-julia-jessen/

    Auch ich war nicht sooo begeistert von dem Roman und teile somit deine Meinung zum Buch. Es war irgendwie interessant zu lesen, aber letztlich blieb für mich zu viel im Dunkeln.

    Liebe Grüße
    Evi

    1. Hallo!
      Danke für deinen lieben Kommentar! Und klar darfst du mich verlinken, das freut mich sehr!
      Dein Blog ist übrigens sehr schön gemacht, da werde ich auch in Zukunft noch herumstöbern.
      Liebe Grüße
      Rosa

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s