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Rezension: Die Klavierspielerin

klavierspielerin

Erika wurde von ihrer Mutter dazu getrimmt, professionelle Klavierspielerin zu werden. Dass das nicht gelang und sie nun „nur“ an der Musikschule unterrichtet, statt in überfüllten Konzerthallen zu glänzen, heißt noch lange nicht, dass dieser Kontrollzwang auch nur ein wenig locker lässt: Erika ist 30 Jahre alt, lebt noch bei ihrer Mutter (schläft gar im selben Bett), und tut ohne deren Wissen und Zustimmung kaum einen Schritt. Konflikte treten auf, als der zehn Jahre jüngere Klavierschüler Walter Klemmer Interesse an Erika zeigt. Für die Mutter ist er ein Eindringling in die traute Zweisamkeit, für Erika vielleicht endlich eine Möglichkeit, ihre lang unterdrückten erotischen Fantasien, die sich in Demütigung und Gewalt ergehen, auszuleben – doch ist es wirklich das, was sie will?

Mutterpflicht ist es, bei Entschlüssen nachzuhelfen und falschen Entscheidungen vorzubeugen. Dann muss man später keine Wunden mühsam kleben, denn der Verletzung hat man nicht Vorschub geleistet. Die Mutter fügt Erika lieber persönlich ihre Verletzungen zu und überwacht sodann den Heilungsvorgang.
(S. 12)

In meinem Bestreben, mal wieder zu deutschsprachigen Klassikern zu greifen, entschied ich mich neulich dafür, in die Werke von Elfriede Jelinek abzutauchen. Ja, ich muss zugeben, ein ausschlaggebender Grund war ein Satz, den ich in einem Artikel laß, der besagte, dass bei ihr Männer in der Regel nicht so gut wegkommen – wupps, schon war ich geködert! 😀
Ich meine, Männer sind ja ganz nett und so, aber sie machen sich in meinem Literaturkanon schon recht breit…

Tatsache ist aber, dass in diesem Buch niemand gut wegkommt. Keine der Hauptpersonen löste Sympathie (wenn auch Mitleid) bei mir aus, was mich aber nicht daran hinderte, das Buch wie gefesselt zu verschlingen.

Die Geschichte bewegt sich mal in der erzählten Gegenwart voran, mal erfährt man in Rückblenden aus dem Leben der noch jungen Erika, die noch als Mädchen von all dem abgeschlossen wurde, was für einen normalen Reifeprozess wünschenswert gewesen wäre. Spielkameradinnen, hübsche Kleidung, Schwärmerei und Verliebtheit – das alles hat es für sie nicht gegeben, immer nur die Autorität der Mutter und stundenlanges Klavierüben. Bei dieser Melange aus ständiger Demütigung und der Erziehung dazu, sich als etwas Besseres zu sehen, ist es kaum verwunderlich, dass Erika ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst und zu ihren Mitmenschen erlangte.

Die Erzählweise zeichnet sich durch eine große Vielstimmigkeit aus, und oft weiß man gar nicht, wer denn da spricht. Erika über sich selbst, voll Verachtung und gleichzeitig Arroganz? Ihre Mutter, bitter und erfüllt von der Angst vor Kontrollverlust? Klemmer, der nicht weiß, ob er Erika liebt oder abstoßend findet? Jemand, der das Ganze zynisch von außen beobachtet?

In dem auf so viele Sichtweisen eingegangen wird, in dem man schon in Erikas Jugend Spuren für die Verhaltensweisen der erwachsenen Frau erkennt, wird die Handlung in all ihrem Schrecken und ihrer Absurdität doch irgendwie glaubwürdig. So überzeichnet die Figuren ab und an wirkten, ich nahm ihnen ihre psychische Konstitution fraglos ab.

Das Buch ist nicht „schön“ in irgendeinem Sinne. Es schockiert und ekelt, doch auf Grund des Stils, der Ideen und des „Ich kann und möchte nicht aufhören zu lesen“-Faktors empfehle ich es uneingeschränkt.

Lernen möchte er im Umgang mit einer um vieles älteren Frau – mit der sorgsam umzugehen nicht mehr nötig ist -, wie man mit jungen Mädchen umspringt, die sich weniger gefallen lassen. Könnte dies mit Zivilisation zu tun haben?
(S.89)

Autorin: Elfriede Jelinek
Verlag: rororo
Erstauflage: 1983
Seiten: 283
ISBN-10: 3499158124
ISBN-13: 978-3499158124
Die Daten beziehen sich nicht auf die Ausgabe auf dem Bild, da diese nur noch gebraucht erhältlich ist! Stattdessen entschied ich mich für diese, die mir aktuell scheint.

Mehr Lieblingszitate um sich in den Stil hineinzufinden gibt es wie immer auf meinem Tumblr!

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4 Kommentare zu „Rezension: Die Klavierspielerin

  1. Ich habe es vor Jahren gelesen. Mich hat die Sprache fasziniert. Irgendwann war ich in so einem Sog … ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen, weil ich einfach wissen musste, wie weit sie noch geht. Es ist ja ein autobiografisch angehauchtes Buch …

    1. Ja, so ging es mir auch! Diese Faszination des Nah-an-Grenzen-Gehens und Überschreitens…
      Das habe ich auch gelesen, mich dann aber nicht mehr damit befasst – ich schwanke immer so, wie viel ich über Autor*innen wissen möchte, oder ob ich die Werke lieber losgelöst betrachte…da werde ich mich wohl nie ganz entscheiden können.

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