[Sonstiges Buchbezogenes] · [Zeugs] Persönliches

Verstörende Kinderbücher

Neulich fragte Jote mich auf Ask.fm:

Welche Filme und/oder Bücher fandest du als Kind verstörend? Was hat dich an diesen Filmen und/oder Büchern verstört?

Da ich beim Tippen rasch an die Wortbegrenzung stieß, entschied ich mich, die Antwort einfach in einen Blogpost zu packen, schließlich passt das ja hier ganz gut.

Wie man an der Länge sieht, war/bin ich sehr leicht zu verstören – und peinlicherweise waren es nicht „Erwachsenen-Bücher“ die ich als Kind aus Versehen las, die so einen negativen Eindruck hinterließen, sondern schlicht und einfach Kinderbücher, die doch gerade das Gegenteil von verstörend sein sollten …

Ich hatte zum Beispiel viele Bilderbücher, die nicht ganz so fröhlich und pädagogisch wertvoll waren – mein Vater gibt nicht gerne Geld aus, und viele Kinderbücher waren Werbegeschenke von irgendwelchen dubiosen Verlagen, bei denen es mich auch nicht wundert, dass sie nie den Weg in die Buchläden fanden. Eines davon handelte z.B. von einem Mädchen, das nicht so das typische „girly girl“ ist, sondern wild, unordentlich etc. Zum Geburtstag bekommt sie dann eine lebensgroße Puppe, die aussieht wie sie, nur in blond und ordentlich – ihre Mutter beginnt dann, sich mehr mit der Puppe zu beschäftigen als mit der eigenen Tochter, schminkt sie, probiert an ihr Frisuren aus, und so weiter. Irgendwann wird dann die Puppe lebendig, während das Mädchen nicht mehr in der Lage ist, sich zu bewegen oder zu sprechen. D: Zum Glück stellt sich dann heraus, dass das alles nur ein Albtraum war – sie wacht auf und bekommt ein Fahrrad zum Geburtstag, und ihre Mutter macht eine Fahrradttour mit ihr. Immerhin, ein Happy End. 🙂
Die Illustrationen waren hier sehr grotesk, fast karikaturenhaft, aber nicht auf lustige Weise.
Die Idee mit dieser Angst vor dem ersetzt werden finde ich für ein Kinderbuch eigentlich gar nicht schlecht, aber hier war die Umsetzung (vor allem durch die Illustrationen) eher beängstigend als kindgerecht, fand ich zumindest als Kind.

Dann hatte ich Bilderbücher, in denen die vier Elemente, also Erde, Wasser, Feuer & Luft für Kinder erklärt werden, und im Luft-Buch werden zwei Kinder von einem Tornado aus ihrer Heimat fortgeweht, und im Feuer-Buch stand jemand in Flammen. o.O

Ziemlich verstörend fand ich auch einige weniger bekannte Janosch-Werke. Titel fallen mir keine ein, aber ich erinnere mich an viel Blut und Gewalt.

Dann bin ich noch ganz klassisch nachhaltig verstört von Max und Moritz. Besonders die Geschichte, in denen sie die Hühner töten, finde ich ganz grässlich – ich will hier gar nicht mal aufschreiben, wie sie das machen, das finde ich immer noch so entsetzlich, aber wer es wissen mag, wird bei Google sicher fündig…  „Nachhaltig verstört“ ist auch keine Übertreibung, ich hatte neulich erst einen Albtraum, der sich auf diese Geschichte bezog.

Dann fällt mir noch eine Art „Fun Facts“-Buch ein. Es war ein Sachbuch für Grundschulkinder, in dem unterhaltsame Fakten aus der Natur(-wissenschaft) einfach erklärt dargestellt wurden. Was mich hier so verstörte, war ein Artikel über Lemminge – in meiner Vorstellung wurden die zu hoffnungslos morbiden Massenselbstmordattentätern und ich habe nächtelang geweint, weil ich an die kleinen süßen Flauschis dachte, die sich von Klippen stürzten.
(Ich habe das gerade nach-wikipediat, und da steht, dass die Selbstmord-Theorie „nach heutigem Wissensstand unzutreffend“ ist! Wenn das mal nicht eine gute Nachricht ist! 🙂 )

Schließen will ich mit etwas, das vielleicht noch einige Andere kennen, die ungefähr gleich alt sind – ich habe mich schon mit ein paar Leuten unterhalten, und die, die das gesehen haben, haben das auch in der Regel nicht vergessen:
Es gibt ja diese Geolino-Zeitschrift, in denen Kindern verschiedene Kulturen und Themen in Bezug auf Umwelt & Natur nahegebracht werden. Finde ich super, habe ich auch sehr gerne gelesen.
Einmal allerdings wollten sie (in Zusammenarbeit mir Unicef, wenn ich mich recht erinnere), darauf aufmerksam machen, dass auch hinter einer vermeintlich friedlichen Fassade schlimme Dinge wie Gewalt, Hunger, et cetera lauern können. Dies taten sie mit Hilfe von zwei dieser allseits beliebten Wimmelbildern, jeweils doppelseitig. Man sah eine grüne Wiese, auf der augenscheinlich viele fröhliche Kinder spielten. Wenn man jedoch näher hinsah, erblickte man viele, viele wirklich grässliche Dinge. Da waren zum Beispiel Kinder, die ein anderes im Bach ertränkten, ich erinnere mich an einen Jungen, der einen anderen mit einer Säge in der Mitte durchsägte, an Bäumen baumelten erhängte Kinder — kurzum, es war wirklich schlimm, und ich kann mir nicht erschließen, wie die Editoren denken konnten, es wäre eine gute Idee, dies in einer Kinderzeitschrift abzubilden. Die Botschaft „nicht alles ist so schön, wie es scheint“, ist ja im Großen und Ganzen verbreitenswert, aber ich halte detaillierte grafische Darstellungen von Mord und Missbrauch nicht für die richtige Maßnahme. Soweit ich weiß gab es dann auch einen großen Aufschrei unter den Eltern, deren Kinder wohl ähnlich verstört waren, wie ich damals.

Ich bin jetzt selbst sehr überrascht, wie viel ich zu dem Thema schreiben konnte – wahrscheinlich würde mir noch viel mehr einfallen, aber länger darüber nachdenken möchte ich ehrlich gesagt nicht, ist ja kein besonders angenehmes Thema.

Wie sieht es bei euch aus?
Wurdet ihr in eurer Kindheit durch Bücher verstört?

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6 Kommentare zu „Verstörende Kinderbücher

  1. Also, mich schockierte jetzt vorallem Deine Schilderung des Wimmelbildes der Geolino – das so etwas wirklich heute noch durch die pädagogischen Kontrollen kommt, erstaunt mich doch sehr. Ich muß jetzt sagen, daß ich die ganzen alten Kindergeschichten wie die Wilhelm Buschs oder auch Heinrich Hoffmanns mit wenig seelischen Problemen einhergehend gelesen haben. Ihr Ziel war ja die Abschreckung möglicher »böser Triebe« der Kinder und das versuchten sie mittels einer schockierenden Darstellung zu erreichen. Da ist es einfach auch an den Eltern oder der Gesellschaft, den Kindern Zusammenhänge zu zeigen – eben daß das Töten der Hühner, wie es Max und Moritz taten, nicht richtig, ja so verabscheuungswürdig ist und harte Konsequenzen mit sich ziehen wird. Insofern finde ich diese Kinderbücher, bei aller ihnen innewohnenden Brutalität, oftmals immer noch pädagogisch wertvoll – wenn die Kinder sie nicht unreflektiert konsumieren. Dagegen empfinde ich dieses neutralisierende Vorwort, das man jetzt Kinderbüchern wie dem Hoffmanns angedeihen läßt, einfach nur sinnlos.

    1. Hallo!
      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!
      Vielleicht war ich ja wirklich ein sehr empfindliches Kind, aber mir haben Struwwelpeter & Co schon arg zugesetzt. Auch jetzt, rückblickend und versuchend, pädagogisch zu denken, finde ich diese Art von Kinderbüchern nicht besonders hilfreich. Erziehen durch Angsteinjagen finde ich ziemlich grässlich, und dann stellt sich noch die Frage, ab wann Kinder eigentlich zum Reflektieren des (Vor-)Gelesenen in der Lage sind! Das mit dem Vorwort halte ich allerdings auch für ziemlich sinnlos – das Problem ist ja nicht die Botschaft, sondern „die Idee der Brutalität“, die damit eingepflanzt wird. Also, klein!Rosa hat früher nicht gedacht „Wenn ich xy tue passiert yx“, sondern hatte einfach plötzlich Bilder von Gewalt im Kopf, die vorher noch nicht dagewesen waren.
      Aber ich kann ja auch nur für mich persönlich sprechen – ich muss zugeben, dass ich mit Kindern nicht viel zu tun habe, vielleicht sind die meisten viel „härter im Nehmen“, als ich es mir gerade vorstellen kann.

  2. Bei mir war es weniger ein Buch als vielmehr eine Filmsequenz aus dem Disney Klassiker „Dumbo“:

    Es ist ja bekannt, dass die Disney Zeichner zur damaligen Zeit mit Drogen experimentiert haben. Das Ergebnis bescherte mir als ein paar Alpträume.

    1. Wow, die ist ja wirklich heftigst absurd!
      Meine Bildung in Sachen Disney ist peinlich vernachlässigt worden, das mit den Drogen wusste ich also nicht, aber nach diesem Ausschnitt besteht da für mich auch kein Zweifel …
      Ich denke, das hätte mich als Kind auch in Albträume gestürzt. Wenn ich mich recht erinnere, fand ich es immer sehr beunruhigend, wenn sich die Gestalt/Form von Wesen änderte – auch wenn Zeichentrick nicht „real“ ist, war es mir doch lieber, wenn sich Tiere nicht gänzlich unnatürlich verbogen/aufblähten/verschwammen …

  3. So richtig schlimm verstört hat mich, glaub ich, kein Buch. 😀 Aber Max & Moritz und vor allem der Struwwelpeter hatten schon ihre Wirkung – die von den Autoren ja wohl auch beabsichtigt war. Ansonsten haben mich Filme im Kindesalter stärker beeindruckt, weil das Visuelle eine ganz andere Wirkung entfaltet hat als ein Text, der evtl. noch illustriert war.

    1. Da hast du aber Glück gehabt! 😀 Ich bin zwar keine Pädagogin, aber bezweifle den erzieherischen Wert von solchen Büchern schon – außer, das Ziel ist vollkommene Einschüchterung.
      Das macht Sinn, ich kann irgendwie auch nicht verstehen, warum ich mich an Filme so schlecht erinnere. Seltsam!

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