[Zum Schluss] Link-Empfehlungen

[Woche 3, 2019] Meine gesammelten Lieblingslinks

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Foto von Nick Morrison auf Unsplash

Rezensionen und anderes Buchbezogenes:

Two Can Keep a Secret von Karen M. McManus von Kat auf StĂŒrmische Seiten
Diese Rezension hat mich so in ihren Bann gezogen, dass ich – wenn ich genĂŒgend Geld auf dem Konto gehabt hĂ€tte, die Woche war dahingehend etwas schwierig đŸ˜¶Â – wahrscheinlich sofort die Mit-einem-Klick-Kaufen-Option fĂŒr ebooks betĂ€tigt hĂ€tte. Diese Mischung aus Twin Peaks und Pretty Little Liars klingt einfach genau nach meinem Geschmack!
Lieblingsstelle: „“Two Can Keep a Secret” ist ein sehr dicht erzĂ€hlter Roman und fĂŒhlt sich richig nach small town America an: Das kleine Echo Ridge an der kanadischen Grenze ist geprĂ€gt von Vorurteilen, Geheimnissen und aufgesetzter Freundlichkeit, hinter der sich viel mehr verbirgt. Dazu kommen wunderbare Beschreibungen von New England im Herbst, die dafĂŒr gesorgt haben, dass sich Echo Ridge realistisch und greifbar angefĂŒhlt hat.“

Reading Women Across Time and Culture von Nataly RamĂ­rez Baeza auf The Attic on Eighth
In diesem Beitrag des Online-Magazins erzĂ€hlt die Autorin von ihrer Recherche bezĂŒglich lesender Frauen im Chile der 1910s und empfiehlt zudem chilenische Autorinnen. Da ich noch nie wissentlich und absichtlich etwas von chilenischen Autor*innen gelesen habe, waren diese Namen neu fĂŒr mich und haben mein Interesse geweckt.
Lieblingsstelle: „The fact that women could read about divorce in a widely circulated magazine and learn about literature that addresses such issues, was thanks to the visualization and promotion of works written by female authors.“

Writing the Victorians von Kat auf StĂŒrmische Seiten
Hier schreibt Kat ĂŒber Klischees, Un- und Halbwahrheiten und anderes, was ihr immer wieder in historischen Romanen, die im viktorianischen Zeitalter spielen, negativ auffĂ€llt. Unterhaltsam geschrieben und sehr lehrreich, vor allem, wenn man selbst mit dem Gedanken spielt, eine Geschichte in dieser Epoche zu schreiben, und nun wissen möchte, wie man es vermeidet, Stereotypen und Sexismen zu reproduzieren!
Lieblingsstelle: „Wenn eure feministische Viktorianerin nĂ€mlich klingt, als hĂ€tte sie ebenfalls hundert Jahre feministische Geschichtsforschung zur VerfĂŒgung gehabt, haben wir ein Problem.“

Orchis von Verena Stauffer auf Angelika liest
Diese Rezension kam mir gerade recht, denn als ich neulich durch einen Buchladen schlenderte, ist mir dieses Buch ins Auge gefallen, aber ich habe mich dann doch nicht entscheiden können, ob ich es mir kaufen soll. Jetzt bin ich aber endgĂŒltig ĂŒberzeugt, das Buch lesen zu mĂŒssen – Wissenschaft des 19. Jahrhunderts, Schiffsreisen, ein Mensch aus dem (wenn auch nur in Halluzinationen) eine Pflanze wĂ€chst, das klingt sehr nach mir!
Lieblingsstelle: „Ich habe selten ein so sprachgewaltiges Buch erlebt. Stauffers Beschreibungen ließen mir manches Mal mein Herz schneller schlagen. Oft hatte ich das GefĂŒhl, ich stehe mit Anselm in diesen Orchideenfeldern und rieche sie ebenso intensiv wie er.“

Der Maßstab der Wirklichkeit – Zur Kontroverse um Takis WĂŒrgers Roman Stella von Johannes Franzen in Merkur
Von den Diskussionen um das genannte Buch habe ich bisher hauptsĂ€chlich auf Twitter mitbekommen. Seinen neuen Roman basiert Takis WĂŒrger auf dem Leben von Stella Goldschlag, einer JĂŒdin die zur Nazizeit als Spionin fĂŒr die Gestapo gearbeitet hat. Daraufhin entspannten sich viele Diskussionen, ob Takis WĂŒrger mit seinem Stil und seinem erzĂ€hlerischen Fokus der realen Geschichte gerecht wird, und auch darĂŒber, ob er als deutscher, nicht-jĂŒdischer Autor der Thematik ĂŒberhaupt gerecht werden kann und soll. Von der Kontroverse um das Buch erweitert Johannes Franzen seine Betrachtungen auf VerĂ€nderungen im Literaturbetrieb und weißt sehr ĂŒberzeugend auf einen Wandel im Lesen und Besprechen (vielleicht auch Schreiben) hin, in dem ethische und Ă€sthetische AnsprĂŒche miteinander verbunden werden.
Lieblingsstelle: „ErzĂ€hlen als Kulturtechnik steht gerade auf dem PrĂŒfstand – zumindest was die allzu triumphalistische HochschĂ€tzung alles Narrativen der letzten Jahrzehnte betrifft.“

 

Andere Themen:

15 auf Ein Blog von Vielen
Letzte Woche habe ich ja schon einen Artikel zum Minimalismus geteilt, in dem es darum ging, dass dieser Lebensstil fĂŒr weniger wohlhabende oder arme Menschen relativ schwer durchzufĂŒhren ist. Dieser Artikel nimmt genau die gegenteilige Position ein. Und weil ich es notwendig finde, sich mit mehreren Positionen zum einem Thema befassen, und weil auch ich so meine Sichtweise noch revidieren konnte, teile ich auch diesen.
Lieblingsstelle: „Was spricht dagegen, diese Dinge einfach nicht zu haben und sich der Konsequenz zu stellen? Was spricht dagegen, es einmal anders zu probieren? Mit solcherart Fragen gehen wir aktuell mit einem Umzug vor der Brust durch unseren Hausstand und merken, wie sehr wir ĂŒber Besitz und Kram – vor allem aber ĂŒber das StĂŒckeln der Funktionen – versucht haben, unsere Armut zu verstecken. Sogar vor uns selbst.“

„Es gibt keine Kavaliere mehr“ – Warum Ritterlichkeit aussterben muss von Michelle Janßen auf BĂŒchnerwald
In diesem Text geht es um das leider weit verbreitete PhĂ€nomen des Romantisierens von Stalking und anderen ĂŒbergriffigen Handlungen. Detailliert und mit einem kleinen historischen Exkurs beschreibt sie die Problematik dahinter, sie wie ein „Gentleman“ oder „Kavalier“ zu verhalten. Ich kann ihr nur aus tiefstem Herzen zustimmen, nicht nur, weil auch schon unverschĂ€mte Aktionen von MĂ€nnern wegstecken musste, die sich als ErklĂ€rung als „Gentleman der alten Schule“ bezeichnet haben, weshalb mir bei diesem Ausdruck eh das kalte Grausen kommt.
Lieblingsstelle: „Wenn jemand sagt, dass es keine richtigen „Kavaliere“ mehr gibt, dann ist das gut. Wird jemand als Überbleibsel dieser „guten alten Zeit“ bezeichnet, so ist das nichts anderes als eine Beleidigung.“

The Marie Kondo Books Debate Has Classist and Racist Undertones that Can’t Be Ignored von Kerri Jarema auf Bustle
Die Diskussionen um Marie Kondos Ratschlag, was das Ansammeln von BĂŒchern betrifft, haben mir diese Woche auf Twitter ehrlich gesagt den letzten Nerv geraubt … Meine Meinung lĂ€sst sich wohl in den folgenden Tweets zusammenfassen

Es ging darum, dass Marie Kondo sagte, dass fĂŒr sie persönlich die ideale Anzahl an BĂŒchern, die sie besitzen möchte, 30 ist. Zusammen mit dem Vorschlag, dass man bei jedem Buch wirklich gut ĂŒberlegen sollte, ob man es behalten möchte, reichte dies, dass Buchtwitter mehr oder weniger ausrastete, weil, wo kĂ€men wir denn ja hin, wenn wir das eigene Konsumverhalten hinterfragen wĂŒrden oder gar mit der Tatsache umgehen mĂŒssten, dass andere Menschen einfach andere PrioritĂ€ten in ihrem Leben haben?
Der verlinkte Artikel macht darauf aufmerksam, dass abgesehen von der absoluten Unwilligkeit dieser angeblichen Literaturliebhaber, den Ausdruck „sparks joy“ anders als absolut wörtlich zu interpretieren und damit einen zweifelhaften Umgang mit verschiedenen Lese-Möglichkeiten und Übersetzungen, sowie dem Wissen, was ein Vorschlag oder Ratschlag ist, zu beweißen, auch sehr viel Klassismus und Rassismus in die Kritik hineinspielen, die Marie Kondo erfĂ€hrt.
Lieblingsstelle: „The backlash has focused on everything from [Kondo’s] poor English to making fun of the terms she [uses],“ Oh says. „We have seen so many memes making fun of the concept of ’sparking joy‘ and it reminds me in many ways of people deliberately misunderstanding and making fun of my parents‘ broken English.“

 

Videos:

Auch diese Woche habe ich zwei Videos fĂŒr euch.

ZunĂ€chst erzĂ€hlt Ariel Bisset in why i struggled with my masters warum ihr Master-Studium eine sehr negative Erfahrung fĂŒr sie war:

Ich selbst bin gerade in meinem letzten Mastersemester, und kann ihr da in den Hauptpunkten nur zustimmen. Besonders störte mich in den letzten Jahren, wie hĂ€ufig mir die UniversitĂ€t wie eine hermetisch versiegelte Einheit vorkam, die absolut keinen Zugang zu dem hat, was ich mal als „echte Welt“ bezeichne. Das bezieht sich zum einen auf die Frustration, die auch Ariel teilt: all die Forschung, die man betreibt, all die Essays, die man schreibt, und niemand bekommt sie zu sehen außer andere Akademiker*innen! Weil das absolut gegen alles geht, wofĂŒr ich stehen möchte, war diese Empfindung fĂŒr mich ein Auslöser, mich mehr auf die Optionen zu konzentrieren, mein Wissen und meine Gedanken zu teilen, sei es hier auf dem Blog oder anderswo. Ich habe viele PlĂ€ne! 😀 Ansonsten hatte ich auch oft den Eindruck, dass viele Dozierpersonen gar keine Vorstellung von der Lebenswirklichkeit ihrer Studierenden haben, gerade was das Finanzielle betrifft. Ob da solche RatschlĂ€ge fallen, dass man sich fĂŒr eine gute Stipendienbewerbung schon mal ein paar Monate frei nehmen sollte (wer das kann braucht doch wohl sowieso kein Stipendium?), oder Aussagen wie „einen Hiwi-Job macht man ja nicht wegen dem Geld sondern um zu networken“, ich wundere mich schon fast ĂŒber mich, dass ich immer noch ĂŒberrascht werden kann.
UrsprĂŒnglich war mein Plan, mich direkt nach meinem Abschluss auf Doktorand*innenstellen zu bewerben. Inzwischen ist mein BedĂŒrfnis nach frischer, un-akademischer Luft aber so groß, dass das fĂŒr mich nicht in Frage kommt, weshalb es mich im Sommer zunĂ€chst nach Canada verschlagen wird, wo ich arbeiten und Geld sparen und schreiben möchte. Den Doktor möchte ich noch nicht ganz in den Wind schlagen, habe ich doch auch von Internetmenschen absolut großartige UnterstĂŒtzung erfahren, aber meine PrioritĂ€t liegt darin, meine Forschung öffentlich zu machen und nicht mein Leben lang im Biotop der Uni herumzuschwimmen.

Nun. Das wurde jetzt doch sehr persönlich, als rasch zum nÀchsten Video:

Helene von Books by Leynes ist eine meiner liebsten Booktuberinnen, und dieses Video, in dem sie ihre liebsten BĂŒcher, die sie 2018 las, Revue passieren lĂ€sst, macht schnell deutlich, warum – ihre Begeisterung und Humor machen jedes ihrer Videos zu einem Erlebnis und ich könnte sie den ganzen Tag schauen!

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[Texte] SachbĂŒcher · [Texte] Zeitschriften

Rezension: Das mare-Magazin

mare4Zum ersten Mal stieß ich auf den mare-Verlag und das dazugehörige Magazin auf der Frankfurter Buchmesse 2015. Davor hatte ich noch nicht von diesem Verlag gehört, was vielleicht daran liegt, dass ich zu dieser Zeit hauptsĂ€chlich englischsprachige BĂŒcher gelesen habe, besonders wenn es um die geht, die ich mir neu kaufte, anstatt sie aus BĂŒchereien auszuleihen. Sobald ich mich aber mit dem Verlagsprogramm befasste, wurde mir klar, was fĂŒr eine Perle (ha, eine Muschelmetapher! wie passend!) mir da entgangen war: der Verlag, um die Homepage zu zitieren „produziert ausschließlich Belletristik und SachbĂŒcher mit einem eindeutigen und zentralen Bezug zum Meer.“ Und dass dieses Thema genau mein Ding ist, sieht man nicht zuletzt an meiner eigenen Blogkategorie fĂŒr Wasser, Meer und Mehr und meinem Goodreads-Regal Shippy and Watery Words.

Das selbe, was fĂŒr das Verlagsprogramm an sich gilt, trifft auch auf das Magazin zu – „Die Zeitschrift der Meere“, so ist mare untertitelt, berichtet von politischen und wissenschaftlichen Neuigkeiten auf den Meeren, gibt LektĂŒre-, Kunst- und Musiktipps mit Meeresbezug und greift historische Themen rund um die Seefahrt auf.

mare3Sechs Mal im Jahr erscheint die Zeitschrift, und ich freue mich immer ungemein auf die nĂ€chste Ausgabe – wann immer sie im Briefkasten liegt, wird der nĂ€chste freie Nachmittag genutzt, um darin einzutauchen. Ich muss auch gestehen, dass, obwohl ich in den letzten Jahren aus finanziellen GrĂŒnden auf viele Dinge verzichtet habe, mein mare-Magazin ist mir heilig und die Vernunft hat da nichts mitzureden, das Studierenden-Abo bleibt hier im Hause Rosa. 😀

Besonders interessieren mich immer die Artikel zu Meeresbiologie, ob es um Kraken geht, leuchtende Tiefseefische oder Feuerwalzenkolonien. Als ehemalige Geschichtsstudentin liebe ich auch die Reportagen ĂŒber historische Themen. Ein weiteres Feature ist die letzte Seite, auf der immer ein*e KĂŒnstler*in ein Lied, das sich mit dem Meer befasst, visuell interpretiert. NatĂŒrlich gibt es auch immer wieder Texte, bei denen mir der Schreibstil oder die durchschimmernde Meinung des*der Autor*in nicht zusagen, doch es wĂ€re ja eher verwunderlich, wenn das bei einer Zeitschrift, die von vielen gestaltet wird, nicht so wĂ€re, und im Großen und Ganzen finde ich den Inhalt sehr ĂŒberzeugend.

Alles in allem also begeistert und inspiriert – ich habe Themen, die ich im mare-Magazin entdeckte, schon in Kurzgeschichten und Fanfiktions einfließen lassen – mich alle zwei Monate aufs Neue und kaum habe ich eine Ausgabe ausgelesen freue ich mich schon auf die nĂ€chste!

Hier kann man sich ĂŒber ein Abonnement informieren;
hier einen Blick auf die Themen der letzten Ausgaben werfen.

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[Orte] Erlebnisse in Prosa · [Zum Schluss] Persönliches

Hamburg – eine DĂ©rive

Wie man sieht, habe ich diesen Blog, was seine Kategorien und Inhalte betrifft, soeben ordentlich umgestĂŒlpt. Ich möchte die Themen erweitern, ĂŒber die ich blogge, und hier nicht mehr nur ĂŒber Texte berichten, wie bisher, sondern eben auch ĂŒber Orte und Zeiten – wie genau das aussehen wird, wird sich zeigen. 🙂

Zur Einweihung der Orte-Kategorie hier ein essayistischer Bericht ĂŒber einen Besuch bei meinem kleinen Bruder in Hamburg. Diese Reise fand im Dezember 2017 statt, doch mir ist recht schnell entfallen, dieses Essay ĂŒberhaupt geschrieben zu haben, weshalb ich es noch nirgendwo hochgeladen habe.

Inhaltswarnungen: Rauchen, Alkohol, ErwÀhnung von Therapie und emotionalem Missbrauch


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Rosa in der Speicherstadt

Mein Bruder hat mir mal erzĂ€hlt, dass man es als DĂ©rive bezeichnet, wenn man zum ersten Mal einen Ausflug in einen neuen Stadtteil unternimmt und unvoreingenommen seine EindrĂŒcke notiert. Er studiert seit einem Jahr Stadtplanung in Hamburg und hat sich schon durch die verschiedensten Stadtteile deriviert. Bisher ist es mir nicht gelungen, ihn zu besuchen – meine Mutter und meine Schwester waren schon bei ihm, ich bin mal wieder das langsamste und letzte Familienmitglied. Jetzt aber bin auch ich endlich auf dem Weg, und da ich die bekannte Hansestadt bisher nur aus meinen Vorstellungen kenne – die im Übrigen derart irrig waren, dass ich nach der Bestellung meiner Tickets meinem Bruder erfreut erzĂ€hlte, wie schön ich es fĂ€nde, endlich mal wieder ans Meer zu fahren – wird diese ganze Reise fĂŒr mich eine DĂ©rive sein.

Als ich am Hauptbahnhof ankomme ist es dunkel und mein Bruder ist zu spĂ€t, was mir Zeit gibt, ein wenig zu frieren und ĂŒber meine Großstadterfahrungen zu sinnieren. Diese beschrĂ€nken sich auf Klassenfahrten nach London, Berlin, Athen und Wien, eine weitere universitĂ€re Exkursion nach London sowie (endlich!) einen Ausflug nach London ganz nach freien StĂŒcken in diesem Jahr mit meinen Geschwistern. GroßstĂ€dte waren fĂŒr mich, trotz der architektonischen Schönheit, Orte der Angst und Überforderung. Zu viel, zu laut, zu bunt und gleichzeitig zu grau. Orte des Hyperventilierens und des „nein danke, ich bleibe heute Abend lieber im Hotel, es geht einfach nicht mehr“. Dies war nur einer der vielen GrĂŒnde, warum mir modernistische Literatur so lag – so schockierend und plötzlich wie die Urbanisierung fĂŒr die Menschen des beginnenden 20. Jahrhunderts gewirkt hat, so schockierend war fĂŒr mich wieder und wieder der Ausgang aus meinem einsamen Kopf in eine volle Welt. Jedenfalls stellte ich mir das immer so vor, und fĂŒhlte mich verbunden mit Joyce, Woolf, Döblin, Wolfenstein. Jetzt aber, therapeutisch sowie psychatrisch in festen HĂ€nden, mit neuen LebensumstĂ€nden und neuem Lebenswillen, freute ich mich darauf, die neue Stadt kennen zu lernen, zu konsumieren, und in Worte verwandelt wieder auszuspucken. C kommt an und wir laufen in das BahnhofsgebĂ€ude. Eine schier endlose doch nĂ€chtlich leere Rolltreppe fĂŒhrt nach unten zum nĂ€chsten Gleis, und mir steigt der dumpfe U-Bahn-Bahnhof-Geruch in die Nase, der mir, auch ohne, dass außer mir und meinem Bruder irgendwelche Menschen zu sehen wĂ€ren, anzeigt, dass ich mich in einer großen Stadt befinde. Ich atme den Duft nach Dunkelheit und Schnelligkeit tief ein; die Panik bleibt aus.

Der nĂ€chste Morgen beginnt nach einem Ă€ußerst kargen FrĂŒhstĂŒck und dem Versprechen einer baldigen Kaffeepause. ZunĂ€chst jedoch soll ich die HafenCity sehen, in der auch die ziemlich neue und kleine UniversitĂ€t meines Bruders steht. Wir schlendern hinaus ins nieselnde, graue Hamburg, und C erzĂ€hlt, wie niederschlagend er das Wetter empfindet. Gerade jetzt, im Winter, verlĂ€sst er oft nur sein Bett, wenn er zur Uni oder arbeiten muss, wenn es nur um Uni geht, manchmal gar nicht. Schon vor meinem Besuch haben wir uns am Telefon oft darĂŒber unterhalten, wie unsere Schwester, die dritte und jĂŒngste im Bunde, von Party zu Fachschaft zu Arbeitsgemeinschaft zu nĂ€chsten Event rennt, wĂ€hrend wir Vorlesungen schwĂ€nzen um uns mit nur mittelmĂ€ĂŸigen Netflixserien unter Bettdecken zu verkriechen. Zu erfreut davon, jetzt endlich, wo wir alle drei in verschiedenen StĂ€dten leben, ein freundschaftliches VerhĂ€ltnis zu meinen Geschwistern erlangt zu haben, scheute ich mich noch davor, die Ideen „Depressionen“, „oft genetisch bedingt“ oder „denk doch einfach an unsere Kindheit“ in den Raum zu werfen, gerade, da C seine Verstimmungen so selbstironisch abtut. Und der Alkoholkonsum, von dem wir uns telefonisch immer erzĂ€hlen, gehört ja einfach zum Studierendenleben.

Das GebĂ€ude der HafenCity UniversitĂ€t ist so gestaltet, dass es grob an den Anblick eines Kreuzfahrtschiffes erinnert, wie es so am Ufer der Elbe ruht. Leider ist die UniversitĂ€t am Wochenende abgeschlossen, sodass wir nicht hinein können, doch C erzĂ€hlt mir so begeistert von seinem BĂŒro als wissenschaftliche Hilfskraft, von dem aus er einen tollen Blick ĂŒber den Hafen hat, dass ich es mir bildlich vorstellen kann. Man merkt, dass er mit der Stadt und dem Studiengang genau das Richtige fĂŒr sich gefunden hat, und ich freue mich. Neidlos, nahezu. NatĂŒrlich war ich lange ein kleines bisschen eifersĂŒchtig auf meine jĂŒngeren Geschwister, zumindest manchmal. Schon Jahre vor dem Abitur hatte ich all meinen Lebenswillen auf das Ziel konzentriert, nach meinem Schulabschluss ganz weit weg zu sein. Die Familie hinter mir zu lassen und alle Orte, an denen ich je gewesen war. Und nun bin ich es, die es nicht weiter als ĂŒber die BrĂŒcke von Ludwigshafen nach Mannheim geschafft hatte, wĂ€hrend C und A wirklich woanders sind. FrĂŒher hatte mich das noch mehr geĂ€rgert, mir in all meiner Selbstverachtung wiederholt vor Augen gehalten, was fĂŒr ein Loser ich doch sei, dass ich nicht einmal entkommen konnte, weder Orten noch Erinnerungen. Doch mittlerweile habe ich gelernt, gerade im Ausharren StĂ€rke zu sehen. Statt zu fliehen bin ich geblieben, statt Erinnerungen hinter mir zu lassen konfrontiere und ĂŒberschreibe ich sie. Ich brauche nicht mehr eifersĂŒchtig auf meine Geschwister zu sein – wir alle sind noch da, und wir alle sprechen auch endlich miteinander.

C und ich erklimmen einen orangefarbenen Aussichtsturm und wĂ€hrend ich ein Foto von Hamburg von oben mache, schießt er eines von mir und versendet es per WhatsApp. Sekunden spĂ€ter schon kommt die Antwort meiner Schwester – ein Bild, das C von ihr ein paar Monate frĂŒher an genau der gleichen Stelle gemacht hat. Wenn Zeit eine Illusion ist, sind wir gerade zu dritt in diesem Turm der orange in der grauen Stadt leuchtet. Drei Menschen, die aus einer bedrĂŒckenden Kindheit erwachsen sind, in verschiedenen Richtungen ans Licht gewachsen, doch gerade teilen wir mental einen Ort.

Wir laufen durch die HafenCity und ich komme vor Staunen und Bewundern kaum dazu, Fotos zu machen, und noch weniger dazu, etwas in meinem Notizbuch festzuhalten. WĂ€re dies wirklich eine DĂ©rive, wĂ€re ich als Stadtforscherin ziemlich schlecht. Noch keine zehn Jahre ist der Stadtteil alt, und C erklĂ€rt mir, dass er besonders fĂŒr den stadtĂŒbergreifenden Versuch steht, Hamburg zu einer „Stadt fĂŒr die Menschen“ zu machen, mit vielen öffentlichen Orten und auch dem Zusammentreffen unterschiedlicher Schichten. Die Einwohner solcher GebĂ€ude wie zum Beispiel des „Cinnamon Tower“ genannten Hochhauses, so bezeichnet wegen seiner verschiedenen Rottöne, und in dem, so munkelt man, sich Helene Fischer eine dreistöckige Wohnung gegönnt hat, sollen neben und mit SozialhilfeempfĂ€ngern vor sich hin existieren. NatĂŒrlich ist das eine Illusion, ein schon im Aussprechen gescheitertes Ideal. Weder kann ich mir vorstellen, dass sich Ă€rmere Menschen im Überseequartier, das voll von „HipstercafĂ©s“ ist, wie C und ich sie einstimmig nennen, ohne in Worte fassen zu können, was wir damit eigentlich meinen, wohl fĂŒhlen wĂŒrden, noch dass sie dort gĂŒnstig einkaufen könnten, unter all den Standorten teurer Marken wie Unilever. Optisch und architektonisch, sozialistische Bestrebungen unterdrĂŒckend, bin ich begeistert.

Wohl wissend, wofĂŒr ich mich interessiere, zeigt mein Bruder mir noch das Schild, das das Überseequartier als Privatbesitz ausweißt. Es ist so hoch am Pfahl einer Straßenlaterne angebracht, dass man es nur sieht, wenn man weiß, dass es da ist, und selbst dann kann man die Liste der Hausregeln nicht lesen. „So viel zum Thema Stadt fĂŒr die Menschen“, lĂ€stere ich und mein Bruder ergĂ€nzt, halb amĂŒsiert und halb zustimmend: „Ja, ja, der Kapitalismus mal wieder!“ Auch politisch haben wir drei uns entwickelt – teils in divergente Richtungen, aber immerhin entwickelt. Eine Meinung zu entwickeln, statt sich immer aus Selbstschutz zu verschließen, das ist auch schon ein Schritt nach draußen. Eine DĂ©rive in die echte Welt, aus einem abgeschlossenen Haus hinaus.

FĂŒr einen echt touristischen Ausflug muss natĂŒrlich ein Foto vor der Elbphilharmonie sein, die mein Bruder freundschaftlich als „Elphi“ bezeichnet. Ich strahle in die Kamera, und das Bild, das C natĂŒrlich gleich per WhatsApp herumschickt, zeigt mir, dass ich auf einem Foto selten so glĂŒcklich ausgesehen habe. Es hat schon Jahre gebraucht, bis ich auf Fotografien lĂ€chelte, inzwischen sieht es sogar echt aus, weil es echt ist.

Das nĂ€chste Ziel unserer Stadtbesichtigung ist die Speicherstadt. Wieder ein Touristenfoto, mitten auf einer kleinen BrĂŒcke, hinter meiner kleinen bunten Gestalt reihen sich die BacksteingebĂ€ude monoton symmetrisch in die Unendlichkeit, und mir kommt das Wort „Fluchtpunktperspektive“ in den Sinn, ein Begriff, an den ich wohl seit dem Kunstunterricht in der Schule nicht mehr gedacht habe. Wie schon im Sommer in London merke ich, wie StĂ€dte mich fĂŒr das Schreiben inspirieren können, ich kann es kaum erwarten, Verfolgungsjagden in einer nĂ€chtlichen, steampunkig angehauchten Speicherstadt aufs Papier zu bringen. Doch wĂ€hrend mich viel zu lange beim Anblick inspirierender Orte Melancholie und Bitterkeit ĂŒberkamen, weil sie fĂŒr mich in viel zu krassem Gegensatz zur allzu bedrĂŒckenden AlltĂ€glichkeit standen, bin ich nun von einer Freude und Zuversicht erfĂŒllt, vielleicht wirklich mal ein Leben leben zu können. So ein richtiges, in dem ich einen Job habe und auf Reisen gehen kann.

Endlich, endlich, ist dann Zeit fĂŒr die versprochene Kaffeepause. Ein wenig laufen muss ich noch, da mein Bruder mich auch ja zu seiner Lieblingsfiliale seiner favorisierten Kaffeekette „Balzac Coffee“ fĂŒhren muss. Mit Kardamom Latte in meinen HĂ€nden und Zitronenkuchen vor mir auf dem Tisch wĂ€rme ich mich auf. Ein halber Tag des Umherrennens und Staunens und schon habe ich mich in Hamburg verliebt. Damals, vor acht Jahren auf der Klassenfahrt nach London, habe ich mich ĂŒber diejenigen lustig gemacht, die als Souvenir ein „I ❀ London“-Shirt erstanden. Es erschien mir fraglos als LĂŒge, sich so schnell verlieben zu können, sei es nun in einen Menschen oder in eine Stadt. Doch ich war bitter und verĂ€ngstigt, inzwischen bin ich mutig und schnell verliebt.

Wir essen und trinken schweigend. C rollt uns fĂŒr spĂ€ter Zigaretten, und es ist mir eine kleine Ehre, zu wissen, dass ich die einzige in der Familie bin, die weiß, dass er raucht. Nach ein paar Minuten werde ich auf ein GesprĂ€ch am Nebentisch aufmerksam. Ein MĂ€dchen, vielleicht ein oder zwei Jahre jĂŒnger als unsere A, erzĂ€hlt ihrer Familie von ihren WĂŒnschen und PlĂ€nen fĂŒr die Zukunft. Dass es fast unmöglich ist, Astronautin zu werden, dass sie als Deutsche sowieso nicht bei der NASA arbeiten kann, aber dennoch eine berufliche Zukunft irgendwo im Bereich der Raumfahrt anstreben möchte. Sie erinnert mich so sehr an A, dass ich sie am liebsten ansprechen wĂŒrde und ihr alles Gute auf diesem Weg wĂŒnschen. Da bricht der Mann, der ihr gegenĂŒber sitzt, in ein schallendes Lachen aus. Er verspottet sie, ihre ZukunftsplĂ€ne, unterbricht jedes ihrer zögerlichen Gegenargumente. Argumentiert sie in eine Sackgasse der Mutlosigkeit. Er sitzt zurĂŒckgelehnt auf seinem Stuhl, in breitbeinigem Selbstbewusstsein nimmt er ihr und auch mir verbal wie physisch die Luft zum Atmen. Das selbstgefĂ€llige Lachen, das eingeschĂŒchterte Verstummen des MĂ€dchens, das alles ist viel zu real. Ich schaue zu C hinĂŒber und er hĂ€lt mir eine Zigarette hin. Fast fluchtartig verlassen wir das CafĂ©.

Eigentlich mĂŒsste ich gar nichts sagen, ich beginne trotzdem: „Der Mann da drinnen, er erinnerte mich total 
“ – „Ich weiß“, unterbricht er mich. Wenn ich mich mit meiner Schwester treffe, reden wir viel ĂŒber die Vergangenheit. Einzelne Szenen werden durchexerziert, Momente analysiert, ich teile Tipps meiner Therapeutin. Mit C rede ich selten so ausfĂŒhrlich. Stattdessen stehen wir mit unseren im inzwischen dunkel gewordenen Hamburg glĂŒhenden Zigaretten da, die wir hastig rauchen, nicht wissend, ob wir den Hass, der in uns glĂŒht, anfachen oder ĂŒberdecken wollen. Wir verstehen uns.

Danach laufen wir noch ĂŒber diverse Hamburger WeihnachtsmĂ€rkte. Ich bin auf der Suche nach einem schicken GlĂŒhwein-Glas, das ich als Souvenir mitnehmen kann. Als wir an einem kleinen Markt, den ein pinkfarbenes Schild als „Hamburg Winter Pride“ erkenntlich macht, vorbeikommen, weiß ich, dass hier mein Becher herkommen muss. Statt draußen zu bleiben, kommt auch C mit auf den Markt, auch wenn er etwas ungelenk in einer Ecke herumsteht, und sichtlich erleichtert ist, als wir weiterlaufen. Doch immerhin, einen Schritt hat er getan, selbst Hamburg hĂ€lt noch DĂ©rives fĂŒr ihn offen.

GlĂŒcklich und glĂŒhweintrinkend gehe ich mit ihm wieder zu seinem Wohnheim. In diesem Moment scheint mir die ganze Welt offen zu stehen, als inspirierender Ort, in dem man Erinnerungen ĂŒberleben, ĂŒberschreiben, und sich in die Existenz verlieben kann.

[Zum Schluss] Link-Empfehlungen

[Wochen 1&2, 2019] Meine liebsten BlogbeitrĂ€ge und Youtube-Videos

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Foto von Nick Morrison auf Unsplash

Hallo ihr Lieben – einer meiner PlĂ€ne fĂŒr 2019 ist es, nicht nur hĂ€ufiger zu bloggen, sondern mich auch aktiver mit den Blogs und Youtube-KanĂ€len (meistens zum Thema BĂŒcher), die ich so konsumiere, auseinander zu setzen. Ich möchte hĂ€ufiger Kommentieren (sofern ich denn denke, etwas zu sagen zu haben 😉 ) und außerdem am Ende jeder Woche meine liebsten Blogposts und Videos hier vorstellen.

Den Anfang macht eine Rezension zum Sachbuch The Bullet Journal Method von Ryder Carroll. Veröffentlicht wurde der Post zwar schon Mitte Dezember 2018, aber da ich ihn diese Woche erst las, kommt er auch erst in diesen RĂŒckblick. Ich lese nĂ€mlich oft auf Blogs kreuz und quer und auch mal alte BeitrĂ€ge, das wird in dieser RĂŒckblick-Reihe noch hĂ€ufiger zu bemerken sein.
Ich selbst arbeite seit drei Jahren mit Bullet Journals – das BuJo-Prinzip besteht grob gesagt, daraus, in einem Notizbuch den Kalender und alles andere, was man sonst im Auge behalten möchte, selbst zu gestalten, was ein viel individuelleres und praktischeres Planen ermöglicht, als vorgefertigte Taschenkalender. Als ErklĂ€rung kann auch dieses kurze Video vom Erfinder der Methode dienen. Nun hat jener Erfinder, Ryder Carroll, also ein Buch veröffentlicht, in dem er nochmals seine besten Tipps und Kniffe vorstellt. Ich muss sagen, auch wenn ich sonst eher ein Mensch von der Sorte „sag mir nicht, wie ich das am besten zu tun habe!“ bin, das Buch klingt wirklich interessant. 🙂

Über Twitter wurde mir dann ein Artikel, der sich kritisch mit dem Thema des Minimalismus auseinandersetzt, dem man heute ja kaum noch entkommen zu können scheint. Mit dem Titel Warum nix haben was fĂŒr reiche Leute ist macht Ana auch gleich deutlich, was fĂŒr sie das Kernproblem an der Sache ist. Was sie schreibt ergibt fĂŒr mich sehr viel Sinn und fasst auch das latente Unwohlsein in Worte, das mich oft beim Durchstreifen von Minimalismus-Blogs und -KanĂ€len packte. NatĂŒrlich möchte ich niemandem davon abraten, minimalistisch zu leben, doch es ist auch immer wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass ein solcher Lebensstil aus diversen GrĂŒnden nicht fĂŒr alle möglich ist.

Bevor ich gleich mit Videos weiter mache, noch ein Mal habe ich etwas zu lesen fĂŒr euch: Es ist was faul im deutschen Feuilleton befasst sich mit dem Problem, dass in den Kulturseiten großer Zeitungen deutlich mehr Romane von MĂ€nnern als von Frauen besprochen werden, und dass man Werke von letzteren hĂ€ufig immer noch automatisch in die Schnulzen-Ecke schiebt. Jede*r, der*die hĂ€ufiger mal so genannte „Weltliteratur“ liest, wird das ja schon bemerkt haben: Wenn ein Mann darĂŒber schreibt, sich mit Alltagsproblemen oder unglĂŒcklicher Liebe herumzuschlagen, ist es eine Metaphor fĂŒr die Menschheit an sich, wenn eine Frau das gleiche schreibt, ist es Frauenliteratur. GewĂŒrzt ist der Artikel mit Zahlen, Fakten, Studien, und da ich im Grunde meines Herzens einfach nur langweilig und kleinkariert bin, fand ich das natĂŒrlich hervorragend.

Bevor sich mein erster RĂŒckblick dem Ende zuneigt, noch zwei Youtube-Videos:

In Outsiders: How to Adapt H.P. Lovecraft for the 21st Century erzĂ€hlt der Youtuber hbomberguy, wie sich seine Wahrnehmung bezĂŒglich des Horror-Schriftstellers H.P. Lovecraft gewandelt hat, und wie sich die PrioritĂ€ten dessen, was ihm in Adaptionen seiner Werke wichtig ist, verĂ€nderten. Das Video ist wirklich eines der großartigsten, das ich in letzter Zeit sah, und gerade was den Unterschied dessen betrifft, was einem als jugendlicher-pubertĂ€ren Lesenden wichtig ist, und was vielleicht spĂ€ter im Leben, erinnert mich sehr an meine eigenen Erfahrungen. Auch thematisch passt das Video gerade gut in mein Leseleben, ich bewege mich zur Zeit nĂ€mlich langsam aber stetig durch einen dicken, dicken Band mit Lovecraft-Stories. Die Erwartungen, die ich, nach allem, was ich ĂŒber den Schriftsteller und seinen Einfluss auf heutige Horror-Literatur hörte, hatte, werden leider bisher nicht ganz erfĂŒllt. Doch dazu habe ich noch mehr zu sagen, eine Rezension wird sicher folgen.

 

Das Video Dear Stephenie Meyer von Lindsay Ellis ist schon lĂ€nger eines meiner Lieblingsvideos, ich finde, man kann es sich gar nicht oft genug ansehen. Wie der Titel schon verrĂ€t, ist es als eine Art offener Brief an Bis(s)/Twilight-Autorin Stephenie Meyer gehalten, in dem Lindsay Ellis fĂŒr ihre Twilight-Verachtung entschuldigt. Damit möchte sie nicht sagen, dass sie nun zum Entschluss gekommen ist, dass Twilight ihre neue Lieblingsreihe ist, doch sie macht darauf aufmerksam, wie bösartig und hasserfĂŒllt die Reaktionen auf die Reihe oft waren, wĂ€hrend andere BĂŒcher oder Filme, die ebenfalls eher leichte und nicht unbedingt „pĂ€dagogisch wertvolle“ Unterhaltung bieten, diesem Hass nicht ausgesetzt waren. Auch ich erinnere mich sehr gut an die Zeiten, wo es quasi in der Schule oder auf Social Media zum guten Ton gehörte, immer wieder deutlich zu machen, dass man ja alles, was mit diesem Franchise zu tun hat, unglaublich bekloppt findet, und dass alle Fans Idioten sind. Mit Schaudern blicke ich zurĂŒck und schließe mich Lindsay Ellis‘ Aussage an: Dear Stephenie Meyer, I’m sorry.

[Texte] SachbĂŒcher

Rezension: „Trans. Frau. Sein.“ von Felicia Ewert

Auf dieses Buch habe ich schon lange vor seiner Erscheinung voller Vorfreude gewartet. Seit Jahren folge ich Felicia Ewert auf Twitter (@redhidinghood_) und bin begeistert von der ganzen AufklĂ€rungsarbeit, die sie dort leistet – unbezahlt und oft im Fadenkreuz transfeindlicher, misogyner und lesbophober Tweets. Eine so undankbare wie wichtige Aufgabe, der sie mit Bravour nachkommt. TFS1

Das Buch allerdings, muss ich sagen, hat mich leider enttÀuscht.
Inhaltlich habe ich nichts auszusetzen – in detailgenauer Arbeit analysiert die Autorin die Aspekte des Transsexuellengesetzes, legt die Verflechtungen von Ableismus und Transfeindlichkeit offen, erzĂ€hlt von alltĂ€glichen absichtlichen wie unabsichtlichen Feindseligkeiten gegen trans Personen. Bei all dem verliert sie nie die Tatsache aus den Augen, dass von allen Menschen Transfeindlichkeit ausgehen kann, da wir alle, auch Personen voll guten Willens oder Personen, die selbst trans sind, in einer Gesellschaft der strukturellen Diskriminierung aufwachsen. Diese Positionierung innerhalb eines Systems anstatt der eine „objektiven“ Beobachtungsinstanz ist etwas, das ich in vielen kritischen Texten vermisse.

Das EnttĂ€uschende war, dass das Buch wohl nur durch einen sehr, sehr oberflĂ€chlichen Lektoratsprozess durchlaufen hat. Bei diesem Thema bin ich bei kleinen/unabhĂ€ngigen Verlagen sowie Self-Publishern eigentlich sehr kulant. Ich schwenke die Flagge des Teams „Inhalt ĂŒber Form!“ und wenn ich twittere ist mir kaum etwas weniger wichtig als korrekte Rechtschreibung oder Grammatik. In diesem Buch aber wimmelte es in einem solchen Maße von Tippfehlern, seltsam platzierten Satzzeichen und unvollstĂ€ndigen SĂ€tzen, dass teilweise das VerstĂ€ndnis des Inhalts sehr erschwert wurde. Hinzu kommt eine hĂ€ufige Verwendung von Internet-Sprechweise (*zwinker*, lmao) und stĂ€ndige Verweise auf online-Diskurse.
Ich kann selbst nur sagen, das Buch verstanden zu haben, weil ich mich mit den angesprochenen Themen schon vorher ziemlich gut auskannte und auch relativ gut dabei bin was ein aktuelles Wissen darĂŒber betrifft, was in LGBT-Online-Communities gerade diskutiert wird. Als ein Einstieg fĂŒr Menschen, die sich mit der Thematik TranssexualitĂ€t noch ĂŒberhaupt nicht auseinandergesetzt haben, und vielleicht auch gar nicht so viel im Internet unterwegs sind (ich denke da so an – Ă€ltere – Freund*innen und Verwandte, denen man vielleicht mit einem Buch einen kleinen Gedankenanstoß geben möchte, bevor man sich outet) kann ich das Buch leider nicht empfehlen.

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Trans. Frau. Sein. Aspekte geschlechtlicher Marginalisierung von Felicia Ewert | Edition Assemblage | Oktober 2018 | 176 Seiten

[Texte] Campusromane

Rezension: „Die Intrige“ von Dorothee Nolte

photo5443140761961998809Es beginnt mit einem interdisziplinĂ€ren Hauptseminar zum Thema „Intrige“, das die grundverschiedenen Charaktere dieses Romanes zusammenfĂŒhrt. Da gibt es einen immer gut gelaunten, pragmatisch denkenden Ingenieur, eine Romanistin, die oft unter ihrem un-akademischen Kleinstadthintergrund zu leiden hat, ein einen verliebten und vergeistigten Philosophen, eine amerikanische Austausch-Studentin der Gender Studies, einen „staubtrockenen“ Doktoranden, einen karrierebesessenen Juristen und eine Ethnologin, die sich stets darum bemĂŒht „eine Ă€hnliche Gelassenheit auszustrahlen“ wie ihr geliebtes KrĂ€uter-Regal. Nachdem zu Beginn des Buches das Seminar endet und die Semesterferien beginnen, könnten sie nun alle eigentlich wieder getrennte Wege gehen, doch ganz so einfach ist das nicht, denn irgendwie sind diese ganzen verschiedenen Leben, dann alle auf verschiedenste Weise miteinander verknĂŒpft: durch angestrebte und zufĂ€llig entstehende Liebschaften, durch Forschungsprojekte, RachefeldzĂŒge und natĂŒrlich: Intrigen.

Das Zentrum der Geschichte bildet die fiktive Schriftstellerin Lydia Ottone, Autorin skandal- und intrigen-trĂ€chtiger Romane, mit einem ebenso skandaltrĂ€chtigen Leben. Britta, die sympathische, etwas unsichere Romanistin, möchte die Werke dieser Autorin fĂŒr ihre Magisterarbeit mit einem in Vergessenheit geratenen italienischen Autor vergleichen. Sigmund, der Doktorand der theoretische Texte jeglicher BeschĂ€ftigung mit dem „wirklichen Leben“ vorzieht, wurde von seinem Psychoanalytiker verordnet, die als abstrakt angelegte Doktorarbeit zu einer sinnlichen Biographie zu machen – von Lydia Ottone. Was diese beiden Nachwuchswissenschaftler*innen jedoch nicht wissen, ist, dass es einige Menschen – darunter auch den Professor ihres Intrigenseminares gibt – denen es sehr wichtig ist, dass gewisse Einzelheiten aus Ottones Leben nicht an das Auge der Öffentlichkeit geraten.

Wie es hĂ€ufig ĂŒblich ist im Genre des Campus-Romans schreckt Dorothee Nolte nicht davor zurĂŒck, sich beim Charakterisieren der Figuren mit vollen HĂ€nden im Fundus der Klischees ĂŒber die verschiedenen Fachbereiche zu bedienen. Was hĂ€ufig dazu fĂŒhrt, dass Romane durch allzu platte Charaktere, die nicht durch eine ebenfalls platte Handlung zu tragen wissen, zu langweiligen Parodien werden, fĂŒr die nichts spricht, außer das selbe mĂŒde Schmunzeln das einem meist schon der Klappentext entlockt, ist hier richtig gemacht worden: die Handelnden sind mehr als nur das GerĂŒst der Klischees, aus denen sie gebaut sind, und die HandlungsstrĂ€nge sind so verworren, ĂŒberraschend und doch immer anders als gedacht, dass man das Buch in einer Sitzung verschlingen möchte, was bei den knapp 200 Seiten auch gut gelingt.

Abgesehen von den Schlag auf Schlag folgenden immer neuen Erkenntnissen und Ereignissen ist es der stetige Humor der Geschichte, der mich das Buch mit einem konstanten Grinsen im Gesicht lesen ließ. Als Britta auf der ersten Seite lapidar beschrieben wurde mit: „Sie hatte Kartoffelsalat im Rucksack und Wehmut im Herzen“, waren große Hoffnungen auf den Stil in mir geweckt, die nicht enttĂ€uscht wurden. Abgesehen von so treffenden wie spitzzĂŒngigen Beschreibungen der Charaktere kommen natĂŒrlich die dunklen Seiten des Uni-Betriebes nicht zu kurz. Es wird als gegeben hingenommen, dass Professoren die Arbeiten ihrer Studierenden nicht selbst korrigieren, weshalb es keine Schande ist, wenn man akademische Ghostwriter beauftragt. NatĂŒrlich gibt es einen Psychotherapeuten, der sich auf die Probleme auf dem akademischen Arbeitsmarkt spezialisiert hat („Vergessen Sie nie, daß dies das Wichtigste im Leben ist. Erst der Job, dann die Psyche“, um jenen Analytiker selbst sprechen zu lassen). Obwohl all dies nicht sonderlich aufmunternd klingt, ließ mich das Buch mit einem LĂ€cheln zurĂŒck. Der Humor ließ nie nach, die rasche Geschichte hatte keine DurchhĂ€nger, und die Charaktere waren mir, trotz der oft skizzenhaften Darstellung, schnell interessant und sympathisch geworden.

Das Einzige, was ich zu bemĂ€ngeln habe, sind die gefĂŒhlt unzĂ€hligen Anspielungen auf Brittas „ĂŒberflĂŒssige Pfunde“ – klar, ein Mal kann man das erwĂ€hnen, damit auch ihre Unsicherheit diesbezĂŒglich gezeigt wird, aber in dem Maße (in den Massen), wie es hier aufkam finde ich dieses Körperbild genau so, wie die ErzĂ€hlerstimme Brittas Pfunde: ĂŒberflĂŒssig.
Aber abgesehen davon: Eine große Empfehlung meinerseits!

P.S. Falls ihr euch ganz allgemein fĂŒr das Thema Campus-Romane interessiert, schaut doch auf meinem Tumblr-Blog Hell Yeah, Campus Novels! vorbei – dort sammle ich Bilder, Zitate, Empfehlungen und Rezensionen nur zu diesem Genre. 🙂

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[Texte] [Sonstiges Buchbezogenes]

Montagsfrage: Viel und motiviert lesen

neuer montagsfrage banner

Was ist dein ultimativer Trick, um mehr und regelmĂ€ĂŸiger zu lesen?

Antworten anderer Blogs hier!

Hier bin ich mal wieder mit einer Montagsfrage, die in den Monaten meiner Abwesenheit von Buchfresserchen auf Lauter & Leise gewechselt hat, wie man am wunderschönen neuen Banner erkennen kann.

Ich wĂŒrde sagen, einen Trick habe ich da nicht – ich tue es halt einfach. 😀 Das klingt jetzt natĂŒrlich ultimativ banal, aber ich denke mir immer so, dass Lesen einfach meine „Default-Einstellung“ ist, es kommt ganz automatisch. Also, fĂŒr alles andere muss ich mich aktiv entscheiden, und lesen ist das, was ich halt mache, wenn ich mich nicht fĂŒr irgendetwas anderes entschieden habe? So irgendwie.

Etwas, war aber meine Anzahl gelesener BĂŒcher erhöht hat, war, als ich dann doch mal tief in den Geldbeutel gegriffen habe und mir einen ebook-Reader gönnte. Dadurch, dass er so handlich und leicht ist und ich ihn wirklich stĂ€ndig dabei habe (bei BĂŒchern fiel mir es immer so schwer, mich zu entscheiden, welches ich mitnehmen soll, dass ich am Ende gar keines nahm), lese ich nun viel hĂ€ufiger zwischendurch.

Außerdem wichtig: Ich bin so ein Mensch, ich muss immer so 5-10 BĂŒcher parallel lesen, damit fĂŒr jede Stimmung was dabei ist. Mich wĂŒrde es also bremsen, wenn ich mich z.B. zwingen wĂŒrde, erst dann ein neues Buch anzufangen, wenn ein anderes beendet ist. (Das habe ich schon hĂ€ufiger erfolglos versucht.)

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