[Sonstiges Buchbezogenes]

Montagsfragen: Bücherwelten

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Welche Bücherwelten magst du am liebsten und wieso? (Antworten anderer Blogs hier!)

Während ich früher sehr gerne Fantasy-Welten bereist habe, lese ich nun größtenteils un-phantastische Bücher. Dennoch gibt es natürlich viele verschiedene Welten, die mir offen stehen.

Zum einen finde ich, Bücher, die in der Nähe des Meeres spielen, sind eine ganz eigene Welt. Ich selbst schaffe es leider nur alle paar Jahre mal in die Nähe eines Meeres, deshalb mag ich Bücher, bei denen auf jeder Seite die seeluftsalzige Atmosphäre deutlich wird. Auf diesem Blog reviewt habe ich zum Beispiel, Sommernovelle von Christiane Neudecker, das sofort zu einem meiner Lieblingsbücher wurde, und Zwischen zwei Wassern von Andreas Neeser. Aus diesem Grund mag ich auch sehr gerne die sogenannten Nord- oder Ostseekrimis, für einen kurzen (mordlastigen) Urlaub am Strand, auch bin ich ein großer Fan des viktorianischen Autors Joseph Conrad. Eine ganze Liste meiner gelesenen Schiff-und-Wasserbücher habe ich auf Goodreads angelegt. 🙂

Eine andere Welt, die mir räumlich nicht ganz so fern ist, wie das Meer, ist die der Universität(en). Ich mag sogenannte Campus-Romane, und das, obwohl ich fast täglich selbst zur Uni gehe. 😉 Obwohl ich an diesem Ort manchmal sogar meine berufliche Zukunft sehe (nicht notwendigerweise hier in M., aber an einer Uni), stehe ich natürlich keiner Institution unkritisch gegenüber, weshalb derlei Romane viel Gelegenheit bieten, sich auf- und abzuregen aber auch mal zu schmunzeln. Da ich vom Sortieren nicht lassen kann, auch hierzu mein Goodreads-Regal.

Falls ihr schöne Bücher aus diesen Welten kennt freue ich mich natürlich über Empfehlungen!

[Zeugs] Monatszusammenfassungen

Lesemonat April

April 2017

 

Irgendwann werden wir uns alles erzählen, Daniela Krien (2011)

Schon während des Lesens viel es mir schwer, zu entscheiden, wie ich das Buch finde. Es spielt zur Zeit des Mauerfalls und erzählt die Geschichte einer Sechzehnjährigen, die bei der Familie ihres Freundes auf dem Land lebt, und dort eine Beziehung mit einem deutlich älteren Mann beginnt. Stellenweiße ist es schwer zu sagen, ob die Beziehung der Protagonistin wirklich guttut, oder sie doch eher eine missbräuchliche ist – die Sprache, die gerade in Momenten der Leidenschaft eine sehr außenstehende Perspektive (trotz Ich-Erzählerin) einnimmt, macht das Einfühlen nicht leichter. Demgegenüber stehen melancholische Landschaftsbeschreibungen und Sätze von überraschender Zärtlichkeit, die ich sehr genoss.

 

Hangsaman, Shirley Jackson (1951)

Mein drittes Buch von Jackson und auch in diesem begeisterten mich ihr Stil, ihr Hang zu absurden Sprachbildern, und ihre Menschenkenntnis. Natalie, die Protagonistin, entkommt aus ihrer familiären Situation – die Mutter eine in ihrer Ehe unglückliche Alkoholikern, der Vater, ein Literaturwissenschaftler, überbordend und arrogant – aufs College. Hier fällt es ihr schwer, Anschluss zu finden, bis sie auf einen Professor und seine junge Frau trifft, und später die mysteriöse Tony. Eine Coming-of-Age-Erzählung, die viele Fragen offen lässt. Oft weiß man nicht, was real ist und was sich nur in Natalies Fantasie abspielt, doch auch das macht für mich den Reiz aus.

 

If We Were Villains, M.L. Rio (2017)

Auch dieser Debütroman spielt auf einem College, genauer gesagt fokussiert er sich auf eine Gruppe Theater-Studenten auf einem Elite-Konservatorium. Die sieben, die im Zentrum des Romans stehen haben bis in ihr viertes Studienjahr durchgehalten, eine große Leistung, wo doch in jedem Jahr diejenigen Student*innen, die nicht die absolut besten sind, rausgeschmissen werden. Langsam jedoch beginnen Leistungsdruck und Konkurrenzkämpfe auch diese eingeschworene Gruppe zu zersetzen und als sich das Machtgefüge zu verschieben beginnt, geraten Dinge außer Kontrolle …

Ein kurzweiliges Lesevergnügen, vor allem für Shakespeare-Fans! Da die Theater-Studierenden sich ausschließlich mit seinem Werken befassen, finden sich entsprechend viele Zitate und Parallelen.

 

Julischatten, Antje Babendererde (2012)

Wieder ein Buch von Babendererde und mittlerweile weiß ich überhaupt nicht, warum ich das noch tue. Ja, die Naturbeschreibungen sind wunderschön und erwecken Fernweh, doch zu welchem Preis? Hier wäre der Zeitpunkt, wo ich mich über den anscheinend äußerst feinen Grad zwischen Liebe und Besitzergreifung aufrege; ersparen wir uns das … Neben dem obligatorischen Love-Triangle greift das Buch ernste Themen wie Alkoholismus und Drogenkonsum auf, und rutscht dabei manchmal ins Melodramatische. Über vierhundert Seiten hätte für mich die Geschichte von Sim, die nach einer Alkoholvergiftung dazu verdonnert wird, den Sommer bei ihrer Tante in einem Indianerreservat zu verbringen, nicht haben müssen.

 

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April, sonst so:

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Ausnahmsweise ganz elegant und vor allem stolz auf dem Abi-Ball der kleinen Schwester / mentale Vorbereitung auf das Twin-Peaks-Revival / Wartezimmer-Fashion, die Erkenntnis, dass eine neue Therapie doch ganz gut wäre / endlich: die Bachelorarbeit, gedruckt und abgegeben!!
Krimis und Thriller · Mystery · [Sonstiges Buchbezogenes]

Montagsfrage: Ein bald erscheinendes Buch, auf das ich mich freue!

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Welche Neuerscheinung, auf die du dich freust, erscheint als nächstes?
(Antworten anderer Blogs hier!)

Im Mai erscheint If We Were Villains von M.L.Rio – dieses Buch habe ich schon letztes Jahr vorbestellt, und kann es gar nicht erwarten, es in den Händen zu halten!

Auf Deutsch wird es ab September unter dem Titel Das verborgene Spiel erhältlich sein.

Die ersten Rezensionsexemplare wurden schon verschickt, doch da ich in der Regel bei Büchern, bei denen ich mir hundertprozentig sicher bin, dass ich sie lesen werde, keine Rezensionen lese, warte ich damit bis ich selbst etwas dazu sagen kann.

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von ablogwithaview.com

Es geht um eine Gruppe Schauspiel-Studierende, es passiert ein Mord oder Unfall und einer der Freunde landet im Gefängnis. Zehn Jahre nach den Ereignissen ist er nun bereit, zu erzählen, was damals wirklich geschah.

Schon seit Jahren verfolge ich die Blogs der Autorin (hier ihr Literatur/Shakespeare-Blog und hier ihr offizieller Blog als Autorin). Immer wieder hat sie kleine Updates zum Schreibprozess dieses Romans gegeben und ich wurde immer gespannter. Da ich ja auch ein großer Shakespeare-Fan bin, freue ich mich vor allem auf die ganzen Zitate und Anspielungen, die wohl im Buch vorkommen sollen. Außerdem kann man mit einem Buch, das im Rückentext mit Donna Tartts The Secret History verglichen wird, bei mir nicht viel falsch machen.

So hibbele ich also vorfreudig herum, bis das Buch dann endlich Anfang Mai bei mir im Briefkasten liegt. 🙂

 

[Zeugs] Monatszusammenfassungen

Lesevorsätze für 2017 & mein Lesemonat Januar

Nach dem mein Ende 2016 / Anfang 2017 auf persönlicher Ebene ziemlich … seltsam und nicht so gut war (vom weltpolitischen Standpunkt will ich gar nicht sprechen) komme ich sehr langsam ins Lesen und Bloggen zurück.

Dieses Jahr habe ich einen großen Vorsatz: Ich habe mir eine Buchkaufsperre für das komplette Jahr auferlegt! Ausgenommen sind Bücher, die ich für die Uni brauche, aber da es bei mir damit erst im September weitergeht, ist das noch etwas hin.

Ich will mich erst mal auf die Bücher konzentrieren, die bei mir teilweise schon seit Jahren herumliegen, und auf die ich mich eigentlich auch freue, die aber immer wieder in Vergessenheit geraten, weil ich dann doch wieder abgelenkt werde. Ich bin sehr leicht zu begeistern, das ist Segen und Fluch zugleich. 😀

In Büchereien werde ich weiterhin gehen, mein Vorsatz bezieht sich also nur auf das Kaufen von Büchern. Ich glaube, das ist ziemlich machbar, ich bin guter Dinge. 🙂

Damit ich mich auch wirklich mal an die Bücher mache, die ich vor längerer Zeit erstanden habe, habe ich mich dazu entschieden, dass bei den Challenges, bei denen ich dieses Jahr mitmache, auch nur Bücher zählen, die vor 2017 in meinen Besitz gelangt sind. Bücher aus der Bücherei, oder solche, die ich geschenkt bekommen habe, zählen also nicht.

Abgesehen von meinen nicht-jahresbezogenen Challenges mache ich 2017 an zweien mit:
einmal der Motto-Challenge, bei denen es darum geht, jeden Monat möglichst viele Bücher zu einer bestimmten Vorgabe zu lesen, und dann noch bei Save Your Sub 2017. Hier sollte man sich die 12 Bücher, die schon am längsten darauf warten, gelesen zu werden, rausschreiben, und im Laufe des Jahres lesen.

Leider war ich im Januar bei keiner der beiden Challenges erfolgreich, aber das Jahr hat ja eben erst begonnen. 🙂

Ein weiterer Vorsatz ist, dass ich dieses Jahr zu jedem Buch, das ich lese, direkt danach einen Kommentar schreiben will, der genau 100 Worte fasst. Diese Texte kommen dann immer in die Monatsrückblicke.

 

Lesemonat Januar

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Voll streng, Frau Freitag – Frau Freitag

Lehrerin erzählt aus dem Alltag – lustig, absurd und herzerwärmend. Während Frau Freitag sich aufregen muss, dass es im Leben ihrer Schüler*innen spannendere Dinge gibt, als sich auf die anstehende Realschulprüfung vorzubereiten oder irgendwelche Formulare abzugeben, bin ich einerseits jung genug, auf die Einstellung der Schüler*innen mit einem inneren „#same!“ zu reagieren, andererseits dann doch so alt, dass ich auf 16-Jährige mit einem „Das sind doch noch Kinder!“ hinunterblicke. Warum sollen die überhaupt jetzt schon wissen, was die machen wollen. Lasst die doch. Das Leben ist lang!

Wie auch immer: unterhaltsam & wärmstens zu empfehlen, hoffe auf einen dritten Teil!

 

Ewig Dein – Daniel Glattauer

Glattauer war mir namentlich ein Begriff, als ich das Buch im Buchtauschregal in der Uni liegen sah, griff ich nur zu gerne zu. War dann „ganz nett“, mehr aber nicht. Im Rückentext steht, es beginne „wie ein Liebesroman“, da ich den Typen, der sich dann als Stalker entpuppen sollte, jedoch von Anfang an creepy fand, fehlte mir so die schleichend steigende Spannung. Wunderte mich, dass die Protagonistin das ganze Theater so lange mitmachte … Zum Aufregen: der Freundeskreis der Hauptperson, der sich so rasch und fraglos vom Stalker vereinnahmen ließ, statt der Freundin, die sie seit Jahren kannten, Gehör zu schenken!

 

Die Brücke der Vögel – Barry Hughart

Obwohl Fantasy lange mein Lieblingsgenre war, habe ich den letzten Jahren kaum Fantasybücher gelesen, weil die, auf die ich stieß, mich selten begeisterten. Dieses Buch aber hat mich wieder daran erinnert, warum ich das Genre mal so liebte. Es geht klassisch um eine Mission und Reise, doch die Welt ist so gefüllt mit interessanten Charakteren und spannenden und lustigen Momenten, dass man gar keinen abgespaceten Plottwist vermisst. Die Geschichte von Meister Li und Nummer Zehn der Ochse, die haufenweise Abenteuer erleben, um mit Hilfe einer Ginsengwurzel die Kinder aus Nummer Zehns Dorf zu retten, kann ich guten Gewissens weiter empfehlen!

 

Der Kuss des Raben – Antje Babendererde

Obwohl ich schon von den ersten beiden Büchern, die ich von Antje Babendererde las, nicht wirklich begeistert war, probierte ich es doch wieder. Was mir, wenn es denn mal auftaucht, gefällt, sind ihre Naturbeschreibungen und die Naturverbundenheit der Charaktere. Das fand sich hier leider selten, dafür viel zu viel des immer gleichen Jugendbuchquatsches: ein Liebesdreieck, in dem Protagonistin zwischen zwei Beziehungen steckt, von denen ich kaum entscheiden kann, welche schlimmer ist, beste Freundinnen, die aber nie so wichtig sind, wie der jeweils aktuelle love interest … Das alles hier gewürzt mit einer unglaublichen Menge an dramatischer Hintergrundstory für sämtliche Hauptcharaktere. Naja.

 

Wolves, Boys, and Other Things That Might Kill Me – Kristen Chandler

Ein Bücherei-Fund meiner kleinen Schwester, die aber schon nach ein paar Kapiteln aufgab, weil sie es zu bekloppt fand. Ich aber war stärker und kämpfte mich durch!

Gut fand ich die Szenen in der Natur und die Beobachtungen über Wölfe. Schlecht … nun ja, den Jugendbuchquark. Ich will doch einfach mal ausspannen, und über die große Instant-Liebe und Probleme, die mit einem Mindestmaß an Kommunikation einfach zu lösen wären, rege ich mich doch nur auf. Auch von der Idee, dass es eine Beleidigung unglaublichen Ausmaßes ist, wenn ein Junge aus Versehen für schwul gehalten wird, könnten wir uns bitte mal entfernen …

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Januar, sonst so:

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Geburtstagstreffen mit lieben Menschen / traditionelles Starbucks-Date mit der kleinen Schwester / wieder fleißig Hiwi-Sein / gegen Sozialphobie ankämpfen und mal in der Unibib arbeiten 
Schwerlich Kategorisierbar

Rezension: Aliide, Aliide

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Obskur, komplex, bedrückend – das sind drei Worte, mit denen man Aliide, Aliide von Mare Kandre beschreiben könnte. Viel über den Inhalt würde das nicht verraten, doch das tut auch das Buch selbst nicht. Es erzählt die Geschichte von Aliide, einem schwedischen Mädchen, das in Übersee aufgewachsen ist, und sich nun wieder in Schweden einfinden muss – das Land gefällt ihr jedoch nicht, vor allem die Sprache scheint ihr dem Englischen gegenüber unbehaglich und wenig aussagekräftig: „jedes Wort [war] matt und hart wie ein grauer, gewöhnlicher Stein, und mit diesen Wörtern im Mund pflanzte sich die Schwere im restlichen Körper wieder fort, der sich deswegen wieder komisch anfühlte, schwer und plump.“

Aliide hat wenige Freunde. Die meiste Zeit verbringt sie mit K, einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Die beiden könnten gegensätzlicher nicht sein. Während Aliide wild und mutig ist und auch mal vorlaut sein kann, ist K eher brav, sauber und ordentlich. Dennoch verstehen sie sich gut, bis es Aliide immer schlechter geht und sie sich immer weniger unter Kontrolle hat. Denn eines Tages, durch nur grob umschriebene Ereignisse, beginnen, verdrängte Erinnerungen in ihr wieder hoch zu kommen, die Allides Verhältnis zu sich selbst und ihrer Umwelt komplett auf den Kopf stellen.

Die Welt, die man immer durch ihre Augen sieht und in ihren Worten erlebt ist von da an durchtränkt von einem Gefühl von Furcht und Bedrohung. Sie entwickelt einen Ekel vor sich selbst, vor anderen, vor allem Körperlichen, der sie zu reinigenden und letztendlich nutzlosen Ritualen treibt. Am Schlimmsten ist, dass sie mit niemandem darüber reden kann. Obwohl sie oft verzweifelt um Hilfe bitten möchte, ist wieder und wieder ihre Überzeugung stärker, ihre Eltern vor den Schlechten Dingen in ihr und in der Welt beschützen zu müssen. In ihrem Drang, die heile Welt nicht zu zerstören, schweigt sie also, und leidet.

„Dass man da sitzen und sterben konnte, umgeben von seinen eigenen Familienmitgliedern, tief im Innern fürchterlich verletzt, von Schmerz und Angst fast zugrundegerichtet, ohne dass es denen überhaupt auffiel, dass man das so vollständig verbergen konnte. Dass man damit allein war. Mutterseelenallein musste man das mit sich herumtragen!“

Das Buch ist in einem unglaublich dichten Schreibstil geschrieben. Reale Ereignisse gehen in Träume über, Beobachtetes in Gefühltes. Und wie der Stil den Inhalt verbirgt, so ist der Grund für Aliides Leiden vor ihr selbst verborgen. Weil ein Kind dafür noch keine Worte hat und auch nicht brauchen sollte.

Aliide, Aliide ist ein beeindruckendes Buch. Beim Lesen zwischenzeitlich so eindrücklich, dass ich es kurz bei Seite legen musste, um durchzuatmen, möchte ich es doch noch viele Male lesen, um all die Sätze, mit denen der wort- und hilflose Schrecken eines Kindheitstraumas so gut es geht verbalisiert wird, würdigen zu können. Leichte Kost ist etwas anderes, dennoch empfehle ich es uneingeschränkt allen, die sich auch an schwere Themen wagen. Kindheit ist hier kein Paradies der Geborgenheit, sondern eine Hölle, aus der man nicht entkommen kann, weil man sie in sich trägt.

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Autorin: Mare Kandre | Übersetzerin: Isabelle Wagner
Verlag: Septime
Seiten: 400
ISBN-10: 3902711485
ISBN-13: 978-3902711489

Diese Rezension wurde zuerst als Gastrezension auf Bibliophilin.de veröffentlicht.

[Sonstiges Buchbezogenes]

Montagsfrage: Trigger, die uns ein Buch vorzeitig beenden lassen

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Habt ihr Trigger, die euch am Weiterlesen hindern?
(Antworten anderer Blogs hier!)

Es gibt natürlich Themen/Handlungsstränge, über die ich lieber nichts lesen möchte – oder nur mit genügend Vorbereitung irgendeiner Art – aber da solche meist schon im Klappentext oder in Rezensionen erwähnt werden, werde ich davon in der Regel nicht plötzlich überrascht.

Eine Sache, vor der nicht gewarnt wird, weil es vermutlich eher selten ist, dass einem da so unangenehm zu Mute wird, ist „Babysprache“. Also, wenn so geschrieben wird, wie Kleinkinder sprechen, oder wenn ein erwachsener Mensch so zu kleinen Kindern spricht. Aus unerfindlichen Gründen kann ich das nur sehr schwer ertragen, mir wird das körperlich und geistig absolut unwohl. Abgebrochen habe ich deswegen noch kein Buch (es ist ja auch selten mehr als ein paar Sätze), aber entsprechende Abschnitte überfliege ich ab und an nur. (Es kam auch schon vor, im Fall von A Portrait of the Artist as a Young Man, das mit einer entsprechenden Passage beginnt, dass ich es im betrunkenen Zustand zu lesen begann, weil ich wusste, dass mich ansonsten der Anfang wohl ewig davon abhalten würde, es zu lesen.)

Dinge, die mich vor Wut ein Buch zuschlagen lassen, und mir den Willen, weiter zu lesen, ziemlich dämpfen, sind z.B. ignorante und voruteilsbelastete Aussagen (oder sogar Witze) über Neurodivergenzen. Neulich z.B. laß ich Isegrim von Antje Babendererde, und als die Hauptperson über das Verhalten eines anderen Charakters dachte „Was ist denn das für eine Autistennummer?“ wurde mir vor Wut ein bisschen übel und ich sagte mir so etwas wie: „Den Scheiß muss ich mir echt nicht geben!“ Habe ich dann aber doch – teils, weil ich das Buch sowieso fast beendet hatte, teils, weil ich mir dachte, ich könnte ja über jene Szene so wie vieles andere, das mich aufgeregt hatte, einen Blogeintrag schreiben. Das habe ich dann im Endeffekt nicht, aber der Wille war da …

Lyrik

Gedicht des Monats: ‚Ans Meer‘ von Oscar Loerke

Wie ich im vorhergehenden Beitrag angekündigt habe, würde ich gerne häufiger über Lyrik schreiben. Um das nicht bei einem Vorsatz bleiben zu lassen, kam mir der Gedanke, ich könnte doch jeden Monat mit einem Gedicht einleiten, das ich gerne mag. Groß herumanalysieren möchte ich da gar nicht (und hoffe, dass ich mich werde zurückhalten können), sondern euch schlicht etwas zeigen, dass ich sehr mag, und hoffen, dass ich damit jemandem eine Freude machen kann. Vielleicht entdeckt ihr ja neue Lieblingsgedichte oder Dichter*innen. 🙂

Das Novembergedicht lautet Ans Meer und wurde geschrieben von Oskar Loerke (1884 – 1941). Zum ersten Mal darauf gestoßen bin ich im Reclam Gedichtband Das Meer.

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Ans Meer

Der Nebel reißt, der albisch kroch
Aus meinem Blut zum Totenfeld:
Ein Morgen scheint im Wolkenloch
Hoch auf die Welt.

Das Leben kommt von weitem her.
Und es geschieht, was einst geschah?
Mit ihrer Wäsche fährt ans Meer
Nausikaa.

Ein Weg weist nach Byzanz und Rom,
Für mich betritt ihn der Barbar.
Im Stein verwittert schon am Dom
Sein Mund, sein Haar.

Doch wann bin ich? Der Morgen währt,
Ein Rauschen ruft, ein Meer ist nah –
Ans Meer mit ihrer Wäsche fährt
Nausikaa.

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Kein Ort der griechischen Mythologie, sondern Edinburgh. Trotzdem schön, und immerhin Meer. (Und für mich auch mit Nausikaa verbunden. Hier ein Gruß an A. und S., die das hier nicht lesen werden.)

Warum dieses Gedicht? Es fühlt sich für mich nach einem schönen Grauton an, wie es auch der November tut. Der Rhytmus ist wunderschön stetig und beruhigend. Zum wiederholten Lesen vor dem Schlafengehen; zum tagelang im Kopf stecken bleiben und zum Lächeln bringen. ‚Nausikaa‘ ist ein wunderschönes Wort – ich mag es, wenn man zwei hintereinander stehende Vokale zweisilbig auspricht. Weil die letzte Strophe nach ewig und nach nie und wunderschön und wundertraurig klingt.