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Rezension: „Gegen die Gezeiten“ von Mia Salberg

gezeiten

WĂ€hrend ihre Freund*innen sich auf die Ferien freuen, möchte Ella sie am liebsten schnell hinter sich bringen. Denn statt mit ihrer besten Freundin in ihrer Heimatstadt London Spaß zu haben, wird sie von ihrem Vater auf die kleine, abgelegene Insel Burron geschickt, mit der ErklĂ€rung, dass die Seeluft ihrem Asthma gut tun wĂŒrde. Doch nicht nur ist Burron die Heimat ihrer verstorbenen Mutter, dich sich immer weigerte, dahin zurĂŒckzukehren, auch Ella wird von den Einwohner*innen nicht gerade willkommen geheißen. Selbst ihre Tante und Onkel, bei denen sie unterkommt, geben sich geheimnisvoll und weigern sich, ĂŒber Ellas Mutter zu sprechen. Zu allem ĂŒbel sind auch noch alle Burroner unglaublich aberglĂ€ubisch, worĂŒber Ella nur den Kopf schĂŒtteln kann – oder ist an den alten Legenden doch etwas dran?

Auf dieses Buch bin ich dank dieser Rezension auf StĂŒrmische Seiten gestoßen – mir wurde ein atmosphĂ€risches Jugend- (fast noch Kinder-)buch mit einigen LogikbrĂŒchen versprochen, und genau das bekam ich auch. 🙂 HĂ€ufig steht mir der Sinn nach leichter LektĂŒre, und gerade Mystery fĂŒr Jugendliche ist dann ein Genre, zu dem ich gerne greife.

Der große Pluspunkt des Buches ist fĂŒr mich die Stimmung. Ganz im Gegensatz zu Emma habe ich mich auf der abgeschotteten Insel – es gibt kaum Handyempfang, und einen Internetanschluss hat auch nur die DorfĂ€rztin – sofort wohlgefĂŒhlt. Die stĂŒrmische See, RegengĂŒsse, Nebel – ich wollte sofort losfliegen, um Burron einen Besuch abzustatten! (Ironischerweise las ich das Buch allerdings im Flugzeug auf dem RĂŒckweg aus England. :D) Auch Ellas kleine HĂŒndin Peppa war fĂŒr mich immer ein Highlight, wenn sie auftauchte, ich kann niedlichen Haustieren eben selbst in der Literatur nur schwerlich widerstehen. FĂŒr ein paar entspannte Lesestunden die mich von meinem Verreisestress (es ging wirklich alles schief, was nur schief gehen konnte) ablenkten, war Gegen die Gezeiten also genau das Richtige.

Die Kritikpunkte, die ich habe, sind wohl meistens darauf zurĂŒckzufĂŒhren, dass ich einige Jahre Ă€lter bin als die Zielgruppe des Buches, ich möchte sie allerdings dennoch ansprechen.

Zum einen ist da das teils sehr kindisch-trotzige Verhalten der Protagonistin Ella, die angeblich vierzehn Jahre alt ist, allerdings deutlich jĂŒnger wirkt. NatĂŒrlich wird sie in Burron nicht gerade freundlich aufgenommen (außerdem war auch ich mal jung und von Hormonen geplagt, kann daher mit vielem sympathisieren, was die Darstellung Pubertierender betrifft), doch die Art, wie sie sich anderen Menschen gegenĂŒber zeigt, war oft so unhöflich und/oder gedankenlos, dass ich am liebsten erzieherisch eingegriffen hĂ€tte! 😀

Außerdem möchte ich anmerken, dass ich kein Fan davon bin, wenn ein Happy End bedeutet, dass Protagonist*innen Wunderheilungen erfahren. Und in diesem Buch wird am Ende betont, dass Ella ihr Asthma nicht mehr spĂŒrt und ihren Inhalator lange nicht gebraucht hat, nachdem sie erkannt hat, wer sie ist. (Da das so ungefĂ€hr das ĂŒbliche Ende eines Mystery-Jugendromans ist werte ich das mal nicht als Spolier.) Selbsterkenntnis und Selbstfindung geht also wohl nicht, wenn man an (chronischen) Krankheiten leidet – eine nicht besonders aufbauende Botschaft fĂŒr Leser*innen, die sich vielleicht mit ihrem Asthma und den damit einhergehenden Problemen identifizieren konnten.

Ein weiter kleiner Augenroll-Moment kam auf, als Ella verspĂ€tet realisiert, dass ein Wort, das jemand murmelte, und das sie fĂŒr den Namen „Irene“ hielt, in Wirklichkeit „Sirene“ war – was zwar auf Deutsch funktioniert, allerdings nicht auf English, und das Buch ist zwar ein deutsches, spielt aber in Großbrittanien. Das ist zwar nun wirklich ErbsenzĂ€hlerei, fĂŒhrt aber auch dazu, dass die Welt im Buch ein StĂŒck weniger glaubwĂŒrdig wird.

Somit ist Gegen die Gezeiten zwar ein durchwachsenes Buch, aber im Großen und Ganzen eines, das ich genossen habe, und das ich guten Gewissens weiterempfehle, fĂŒr alle, die nach ein paar entspannten Stunden am sturmgrauen Meer suchen.

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⚓ Ich las dieses Buch als Beitrag zur kleinen „Mehr Meer“-Sommerchallenge ⚓

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[Zum Schluss] Link-Empfehlungen

Lieblingslinks der letzten Zeit

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Foto von Nick Morrisson auf Unsplash

Ja, ich weiß, im Header steht „Die besten Links der Woche“, aber ich muss einsehen, dass ich das in planbarer Zukunft vermutlich nicht nicht so hinbekommen werde – herzlich willkommen also zu Rosas Lieblingslinks, prĂ€sentiert in absolut unvorhersehbaren AbstĂ€nden!

Rezensionen und anderes Buchbezogenes

Phantastische Geschichten gibt es immer wieder von Eleonore auf Buchstudent
Hier werden Kleinverlage und Autor*innenzusammenschlĂŒsse vorgestellt, die sich auf Fantasy im weitesten Sinne spezialisiert haben. Sehr interessant, wenn man auf der Suche nach Genreliteratur abseits der großen, bekannten Verlage und Namen ist!
Lieblingsstelle: „Ganz neu dabei: Nicht nur Verlage, auch ZuschammenschlĂŒsse von Autoren und Autorinnen haben wir dieses Jahr in unser Programm aufgenommen. Denn nicht alle veröffentlichen ihre Werke bei einem Verlag – viele Phantastikschreiberlinge kommen mittlerweile aus der Selfpublisher-Szene. Und auch hier finden sich viele qualitative Werke, die es wert sind, gelesen zu werden, und die nicht unter den Tisch fallen sollen.“

Rezension: „LĂŒgenherz“ von Beatrix Gurian von Bianca auf StĂŒrmische Seiten
Diese (nicht spoilerfreie!) Rezension eines Jugendthrillers legt detailliert da, wie hier bei solch ernsten Themen wie Trauma, Vergewaltigung / VergewaltigungsvorwĂŒrfe, psychische Krankheiten und anderem ins Klo gegriffen wird. Das Buch ist aus der Reihe der Arena-Thriller, eine Reihe die ich eigentlich sehr mag, besonders nach einer anstrengenden Woche – die BĂŒcher sind meist recht kurz, relativ Ă€hnlich aufgebaut und rasch zu lesen, aber trotzdem spannend. Alles in allem erfĂŒllen sie fĂŒr mich die Funktion einer leckeren TĂŒte Chips in Buchform. 😀 Allerdings war ich schon hĂ€ufiger enttĂ€uscht, was den Umgang mit sensiblen Themen in dieser Reihe anbelangt, und bin froh, ĂŒber diesen Blogartikel dazu gestolpert zu sein.
Lieblingsstelle: „Je mehr ich von dem Buch gelesen habe, desto mehr hatte ich das GefĂŒhl, es gab eine Checkliste des Grauens. Denn neben den vollkommen seltsamen Charakteren und dem abstrusen Plot, der vor Klischees und Vorurteilen trieft, muss man natĂŒrlich auch eine Prise Queer-Bait einbringen.“

Rezension: „Vom GlĂŒck, einen Vogel am Gesang zu erkennen“ von Simon Barnes auf Elementares Lesen
Da ich sehr gerne SachbĂŒcher lese, und mich auch fĂŒr so gut wie alle Dinge irgendwie interessiere, finde ich bei eigentlich jedem Besuch auf diesem Sachbuch-Blog ein Buch das ich unbedingt haben möchte. Besonders die neuste Rezension hat es mir sehr angetan: das Buch ist eine Anleitung, diverse Vögel an ihrem Gesang zu erkennen – die Rezension stellt hierzu Beispiele aus dem Buch vor, sowie integriert wunderhĂŒbsche Illustrationen, die zeigen, dass das Buch wohl nicht nur nĂŒtzlich ist, sondern ungemein schön anzusehen.

Essen aus BĂŒchern: Bohnenmus-Brötchen aus Haruki Murakamis „Kafka am Strand“ von Marion auf schiefgelesen
Mit Essen und BĂŒchern kombiniert diese Reihe an BlogeintrĂ€gen zwei meiner liebsten Dinge. Das Rezept fĂŒr diesen Monat klingt unglaublich lecker und scheint auch meinen Koch- und BackfĂ€higkeiten zu entsprechen, ich werde es also bestimmt mal nachkochen (vielleicht zur Feier des Tages wenn ich endlich, endlich mal meinen ersten Murakami lese, was ich bisher irgendwie immer noch nicht geschafft habe).

 

 

 

 

[Texte] JugendbĂŒcher · [Texte] Liebesgeschichten

Rezension: „Eine Handvoll Lila“ von Ashley Herring Blake

eine handvoll lilaGrace hat genug vom Leben, das sie mit ihrer Mutter zu fĂŒhren gezwungen ist. Immer, wenn diese einen neuen Freund hat, mĂŒssen sie umziehen, und immer steigert sich ihre Mutter in den Gedanken hinein, dass es diesmal der Mann fĂŒr immer ist, wĂ€hrend Grace zusehen muss, wie die Beziehung unweigerlich zerbricht. Diesmal hat es sie besonders schlimm erwischt: der Neue ihrer Mutter ist der Vater ihres eigenen Ex-Freundes, der ihr nach dem Schlussmachen ĂŒbel mitgespielt hat – was ihre Mutter auch wĂŒsste, wenn sie ihr nur ein Mal zuhören wĂŒrde! Außerdem hat ihre Mutter Grace‘ Klavier verkauft, gerade jetzt, wo sie sich auf eine Bewerbung an einer Musikakademie vorbereiten muss, ihrer großen Chance, dem verhassten Leben zu entfliehen. Es lĂ€uft also alles ziemlich entsetzlich als Grace Eva kennenlernt. Auch Evas Leben ist nicht leicht: ihre Mutter ist vor kurzem gestorben und seitdem vermeidet Eva alles, was sie an sie zurĂŒckdenken lĂ€sst, und hat auch ihre große Leidenschaft, das Ballettanzen, aufgegeben. Die beiden MĂ€dchen freunden sich an, und aus der Freundschaft wird Liebe. Doch schaffen die beiden, ihre Beziehung zu halten, wĂ€hrend sie beide mit solchen großen Problemen zu kĂ€mpfen haben, oder ĂŒberschatten die jeweiligen MĂŒtter (die eine tot, die andere unzuverlĂ€ssig und vernachlĂ€ssigend) alles?

Das Buch hat so vieles, das ich unglaublich gerne in BĂŒchern mag: eine Liebesgeschichte zwischen zwei MĂ€dchen – und das Wort „bisexuell“ wird sogar erwĂ€hnt! Ich glaubte es kaum! Das, was ich gerne als „shippy and watery words“ bezeichne, also Beschreibungen des Meeres. Komplexe Familienbeziehungen. Enge platonische Freundschaften. Musik spielt eine tragende Rolle. Beim Lesen von Eine Handvoll Lila hatte ich also das GefĂŒhl, das Buch sei genau fĂŒr mich geschrieben worden, beziehungsweise, dass es ein Buch ist, dass mir zu meiner Jugend sehr gut getan hĂ€tte.

Schön fand ich, dass, auch wenn die Beziehung zwischen Grace und Eva natĂŒrlich viel Raum einnimmt, dass das Coming Out nicht der zentrale Punkt war, auf den alles zusteuerte. Viele nicht-heterosexuelle Romanzen werden auf die Fokussierung auf diesen einen Moment reduziert, was ich sehr schade finde. Hier hingegen steht die Entwicklung und das Auf-und-Ab der Beziehung im Mittelpunkt, und Konflikte, die sich aus ganz anderen Richtungen ergeben.

Da ist zum Beispiel die Parallele zwischen Grace Mutter, Maggie, deren Ehemann verstorben ist, als Grace noch sehr jung war, und Eva, die ihre Mutter vor kurzem verloren hat. Die Trauer verbindet die beiden, und Eva findet Trost im Umgang mit Maggie. Grace jedoch, die weiß, dass Maggie nie auf lĂ€ngere Zeit verlĂ€sslich und fĂŒrsorglich ist, hat Angst um ihre Freundin, die so unweigerlich enttĂ€uscht und in Gefahr gebracht werden wird, doch gleichzeitig fĂŒrchtet sie sich davor, Eva zu erzĂ€hlen, wie schlecht ihre Beziehung zu ihrer Mutter wirklich ist, aus Angst, sie könnte sie mit ihrer komplizierten Familiengeschichte sofort wieder verschrecken.

„Jetzt laufe ich auch. Ich weiß  nicht genau, wie lange. Mindestens zwei Stunden, denn die Sonne geht schon langsam unter, wĂ€hrend ich am Strand bin, und als ich zum Radweg komme, versinkt der Tag bereits in tiefem Schwarz. So lange brauche ich, um herauszufinden, warum ich so wĂŒtend bin, auf wen ich wĂŒtend bin, ob ich ĂŒberhaupt wĂŒtend bin oder einfach nur mĂŒde.“

Gerade am Beispiel von Grace, die als Ich-ErzĂ€hlerin durch die Handlung fĂŒhrt, geht es sehr viel um das Thema Verantwortung. FĂŒr wen oder was kann, oder muss sie sogar Verantwortung ĂŒbernehmen? FĂŒr was ĂŒbernimmt sie Verantwortung, obwohl sie eigentlich machtlos ist? Grace muss viel Lernen und einiges erstmal schlimmer machen, bevor sie merkt, wessen Leben sie lebt und was sie selbst in der Hand hat.

Trotz der ernsten Themen ist das Buch mit einer gewissen Leichtigkeit geschrieben und bietet genug Szenen, die einfach nur schön sind und mich beim Lesen glĂŒcklich LĂ€cheln lesen. Es ist mit Sicherheit ein Buch, das meinem jugendlichen Ich sehr geholfen hĂ€tte, und auch wenn es Eine Handvoll Lila damals nicht gab, bin ich froh, dass es die Geschichte jetzt gibt.

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Rezension: „Dana Mallory im Haus der lebenden Schatten“ von Claudia Romes

dana malloryDiese Rezension sticht vielleicht ungewohnt aus dem Großteil der Rezensionen hier heraus – schließlich bespreche ich hier ein Kinderbuch. Vielleicht kommt nun die Frage auf, warum ich denn mit 26 Jahren und ohne eigenes Kind oder Kinder in naher Verwandtschaft/Bekanntschaft ĂŒberhaupt noch KinderbĂŒcher lese. Ich zumindest habe mir diese Frage selbst gestellt, habe nachgedacht, und gewann die Erkenntnis, dass ich gerade KinderbĂŒcher aus dem Gruselbereich sehr wertschĂ€tze. Das nicht etwa, weil mir „erwachsene“ HorrorbĂŒcher eine Spur zu heftig sind, auch die lese ich regelmĂ€ĂŸig. Was ist es also, was mich an Kindergrusel reizt? HauptsĂ€chlich finde ich, dass in GruselbĂŒchern, die an ein jĂŒngeres Publikum gerichtet sind, oft mehr MĂŒhe darauf verwendet wird, eine stimmungsvoll-spukige AtmosphĂ€re zu kreieren, wĂ€hrend in Horror-Romanen fĂŒr Erwachsene oft eklige und brutale Ereignisse im Mittelpunkt stehen, die pausenlos aufeinander folgen, ohne dass viel Zeit fĂŒr das Ausarbeiten einer AtmosphĂ€re bleibt. Das finde ich persönlich recht uninteressant, weshalb ich, wenn es mir um die Stimmung geht, oft zu BĂŒchern greife, die an Kinder im Alter von 10-14 gerichtet sind. Ein weiterer Bonuspunkt ist hier, dass die Protagonisten noch nicht das Alter erreicht haben, in dem auf Biegen und Brechen ein Romanzen-Subplot in die Geschichte gezwungen wird.

So viel zu meiner Motivation an sich, KinderbĂŒcher zu lesen – nun kann ich (endlich) ĂŒber Danas Erlebnisse auf Mallory Manor berichten. Das Buch handelt von zwölf -, fast dreizehnjĂ€hrigen, Dana, die von ihrem Vater dazu beordert wird, die Ferien bei der seltsamen Tante ihres Vaters in einem noch seltsameren alten Herrenhaus zu verbringen. Ihr Vater hat ihr immer davon vorgeschwĂ€rmt, wie schön und idyllisch seine Kindheit auf Mallory Manor war, doch Dana findet das schwer zu glauben, in diesem dĂŒsteren Haus. Als sich jedoch herausstellt, dass die Frau, die sich als Danas Tante ausgibt, in Wirklichkeit eine uralte und gefĂ€hrliche Hexe ist, muss Dana rasch handeln, vor allem, da sie dazu auserkoren ist, an ihrem 13. Geburtstag in die Fußstapfen der HĂŒterinnen der Magie des Hauses zu treten.

Alles in allem war das Buch unterhaltsam, ohne mich aber vollkommen ĂŒberzeugt zu haben. Die angesprochene AtmosphĂ€re, die mir so wichtig ist, fand ich vor allem zu Beginn des Buches, als Dana Mallory Manor und seine Magie kennenlernt, und schließlich wieder am Ende, als nach dem obligatorischen Showdown wieder Ruhe einkehrte. In diesen Kapiteln ließ die Autorin in ihren Beschreibungen die Welt und Charaktere des Buches lebendig und greifbar werden und weckte mein Interesse nach Mehr. Ich wĂŒnschte mir, dass auch der Mittelteil mehr Zeit fĂŒr einen Ausbau der Welt gelassen hĂ€tte, statt sich auf die Schlag auf Schlag folgenden Ereignisse zu konzentrieren. Das fasst auch den Kern des Problems, das ich mit dem Buch habe: Es fehlt mir an einer sorgfĂ€ltigen Ausarbeitung der Welt, der Magie, und der HintergrĂŒnde. Leider sind auch die Charaktere ziemlich flach gezeichnet, oft wird das Wesen einer Person beschrieben, statt es beispielhaft zu zeigen. Zudem sind sĂ€mtliche auftretenden Figuren durchweg sehr gut oder sehr böse, Grautöne und KomplexitĂ€t gibt es leider nicht.

Hier kann man natĂŒrlich einwenden, dass es sich immer noch um ein Kinderbuch handelt, und dass fĂŒr Kinder eben einiges einfacher sein muss als fĂŒr Erwachsene. Doch ich glaube daran, dass junge Leser*innen allzu oft unterschĂ€tzt werden und dass man ihnen durchaus einiges zutrauen kann. Und wenn man mal daran denkt, welche KinderbĂŒcher die grĂ¶ĂŸten Erfolge erzielen und auch Erwachsene oft noch fesseln, dann sind das solche, die die Lesenden auch mit Zwischentönen konfrontieren, und ihnen zutrauen, selbst zu denken.

Als Beispiel kann man hier die Harry-Potter-Reihe anbringen, da die mir auch beim ErlĂ€utern eines weiteren Kritikpunkts behilflich sein kann. In dieser Reihe, wie auch im Haus der lebenden Schatten, geht es um ein Kind, das entdeckt, dass es magische FĂ€higkeiten besitzt, und nun lernen muss, damit umzugehen. Und wĂ€hrend Harry zwar auch ungelernt und unbeabsichtigt zaubern kann (wenn man an die Szene zurĂŒck denkt, in der er im Zoo die Glasscheibe eine Schlangengeheges verschwinden lĂ€sst), wird doch deutlich, dass das nicht zu erwĂŒnschten Ergebnissen fĂŒhrt, und dass auch die Magie bestimmten Regeln folgt und eben nicht ganz unverbindlich alles möglich ist. Das Magiesystem in der Geschichte ĂŒber Dana Mallory ist hingegen so vage, dass  es mich wohl auch als Kind nicht zufrieden gestellt hĂ€tte: gefĂŒhlt nichts ist unmöglich, wenn man nur fest genug auf seine Intuition oder sein Herz hört – eine Botschaft, an der ich zwar in einem Kinderbuch nicht viel auszusetzen habe, die aber nicht dazu fĂŒhrt, dass die Handlungen selbst im Rahmen eines Fantasy-Buches glaubhaft und greifbar werden.

Im Allgemeinen finde ich also, dass Dana Mallory im Haus der lebenden Schatten ein interessantes Konzept mit einer spannenden und fantasievollen Welt bietet, die aber noch ausgebaut werden könnte. Falls es einen zweiten Band geben wird, werde ich einen Blick hineinwerfen, da mich die Welt interessiert, und ich darauf hoffe, dass die Charaktere, wenn man sie lÀnger kennt, mehr DreidimensionalitÀt erlangen.

Ich danke dem Thienemann-Verlag dafĂŒr, mir ĂŒber Netgalley ein Rezensionsexemplar zur VerfĂŒgung zu stellen!

[Texte] [Sonstiges Buchbezogenes]

Montagsfrage: VerĂ€nderter BĂŒchergeschmack

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Heute fragt Antonia von Lauter-und-Leise danach, wie sich unser Leseverhalten innerhalb der letzten zehn Jahre verÀndert hat. Da ich mich, ehrlich gesagt, an den Lesegeschmack meines 16-jÀhrigen Ichs gar nicht so gut erinnern kann (ich glaube, das waren hauptsÀchlich Krimis und Thriller), zunÀchst mal die Aspekte, bei denen ich mit relativer Sicherheit sagen kann, dass sie sich verÀndert haben:

Zum einen habe ich vor ungefĂ€hr genau einem Jahr eine plötzliche Leidenschaft fĂŒr Horror entwickelt. Ich weiß ĂŒberhaupt nicht, woher das kam, fĂŒr das Genre habe ich mich nie wirklich interessiert – ich war auf ein paar HorrorfilmnĂ€chten bei Freundinnen, aber da war fĂŒr mich eher von Bedeutung, eine Nacht mit lieben Menschen und leckeren Snacks zu verbringen, als was genau wir da eigentlich schauen – aber im letzten Sommer habe ich in der Hitze wohl plötzlich das BedĂŒrfnis bekommen, mir kalte Schauer ĂŒber den RĂŒcken jagen zu lassen. 😀

Außerdem lese ich zur Zeit gefĂŒhlt mehr JugendbĂŒcher als zu meiner eigenen Jugend. Damals habe ich mich kaum dafĂŒr interessiert und habe wahrscheinlich auch irgendwie genervt gedacht, dass ich im Alltag ja schon genug mit Gleichaltrigen zu tun habe, und ihnen deshalb nicht auch noch in meinen BĂŒchern begegnen muss. Inzwischen finde ich JugendbĂŒcher aber sehr faszinierend, und gerade Jugend-Thriller (wie die vom Arena-Verlag) sind eigentlich mein Standard-Entspannungsgenre, wenn ich einfach mal ein paar gemĂŒtliche Stunden auf der Couch verbringen will. Hierzu muss ich sagen, dass ich JugendbĂŒcher aber sehr kritisch lese, und vor allem bei all den Klischees, die dort gang und gĂ€be sind, zwischen Wut und Augenverdrehen schwanke.

Ein weiteres Genre, dass ich jetzt erst wirklich fĂŒr mich entdecke, ist Fantasy in all ihren Formen und AusprĂ€gungen. Da hatte ich zwar frĂŒher schon eine Phase, die ist aber mehr als zehn Jahre her, so zwischen meinem neunten und zwölften Lebensjahr. In der vierten Klasse las ich zum ersten Mal die Herr-der-Ringe-Trilogie und hab die BĂŒcher in den Jahren danach noch mehrmals gelesen, so begeistert war ich. Die blieben aber lange eine Ausnahme, von keinem anderen Fantasy-Werk, Harry Potter ausgenommen, war ich derart eingenommen.

Außerdem hĂ€tte man mich frĂŒher mit SachbĂŒchern jagen können, inzwischen lese ich aber eigentlich jeden Monat mindestens eines zu den verschiedensten Themen.

Letztlich lese ich inzwischen sehr viel auf Englisch, was ich frĂŒher nie tat. Komisch, eigentlich, da meine Mutter englische Muttersprachlerin ist und daher fast nur englische BĂŒcher besitzt, ihr Regal hat mich aber nie gelockt. Begonnen, auf Englisch zu lesen, habe ich erst wĂ€hrend des Englisch-Studiums, das eine recht spontane Entscheidung war.

Was gleich geblieben ist, ist wohl hauptsĂ€chlich wirklich meine Liebe zu Krimis und Thrillern – die sind wohl, seit ich lesen kann, mein meistgelesenes Genre, das fing damals mit den FĂŒnf Freunden an und zieht sich bis heute durch. 🙂

Was mein Verhalten abseits der Genres angeht, ist, dass ich inzwischen, wie ich glaube, aufmerksamer lese, mir mehr Gedanken ĂŒber meinen Lesestoff mache, und ihn dadurch auch lĂ€nger im Kopf behalte. FrĂŒher habe ich einfach ein Buch nach dem anderen verschlungen und den Stapel dann wieder zur Bibliothek gebracht – aus den Augen, aus dem Sinn! Inzwischen, dadurch dass ich selbst Rezensionen schreibe, sie aber auch lese, und durch Seiten wie Goodreads oder meine Leseliste mir immer verschriftliche, was ich so lese, nehme ich es irgendwie bewusster wahr. Ich wage mal zu behaupten, ich könnte ĂŒber jedes Buch, das ich in den letzten Jahren las, zumindest eine kurze Zusammenfassung verfassen und aufzĂ€hlen, was ich daran mochte und was nicht. Vor zehn Jahren hatte ich wahrscheinlich die meisten BĂŒcher, die ich laß, kurz danach schon vergessen. :’D

[Texte] Krimis und Thriller · [Texte] Zwischen Kategoriengrenzen

Rezension: „Wir mĂŒssen ĂŒber Kevin reden“ von Lionel Shriver

Das Buch ist ein Briefroman, bestehend aus Briefen von Eva Khatchadourian – Kevins Mutter – an ihren (Ex-)Mann, indem sie die Geschichte von der Entscheidung, schwanger zu werden, ĂŒber ihre Schwangerschaft, Kevins Kindheit und Jugend erzĂ€hlt. Bis zu einem Tag, an dem Kevin etwas so Schreckliches tat, dass ihr bisheriges Leben vollkommen ĂŒber den Haufen geworden wurde. Nun bleibt Eva nichts mehr, als Kevin alle paar Wochen in der Jugendstrafanstalt zu besuchen, zu versuchen, durch den Alltag zu kommen, ohne dass jemand sie daran erinnert, wer sie ist (die Mutter von Kevin), und jene Briefe zu schreiben, die den Roman bilden.

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Ich ging mit einer vollkommen falschen Vorstellung an We Need to Talk About Kevin / Wir mĂŒssen ĂŒber Kevin reden heran. Das kann daran liegen, dass ich es im Rahmen des #YearOfHorror-Buchclubs laß (fĂŒr mehr Infos, schaut euch dieses Video von chapterstackss an!), und ‚Horror‘ bedeutet fĂŒr mich, dass zumindest ein noch so kleines ĂŒbernatĂŒrliches Element vorhanden ist. Von daher erwartete ich eine Geschichte ĂŒber einen Jungen, dessen Verhalten daher rĂŒhrt, dass er besessen ist, oder etwas Ähnliches. Doch stattdessen gibt es hier keine wirkliche ErklĂ€rung, weder ĂŒbernatĂŒrlich noch psychologisch: Kevin ist grausam und sadistisch und findet einzig gefallen daran, seine Mitmenschen zu quĂ€len. Einfach so.

Wir werden mit einem Jungen konfrontiert, der schon als Baby Boshaftigkeit und KĂ€lte in sich zu tragen schien, besonders seiner Mutter gegenĂŒber. In den folgenden Jahren verschreckt er nicht nur eine Babysitterin nach der anderen, die Eltern sĂ€mtlicher Spielkameraden und auch alle Gleichaltrigen. Einzig sein Vater sieht nur, was er sehen möchte, nĂ€mlich den perfekten amerikanischen Sohn, mit dem er Baseball spielen und Museen besuchen kann. Diese Illusion des idealen Jungen, die Kevin so erfolgreich aufrechterhalten kann, wenn er es denn nur möchte, machte es nur umso schwerer zu ertragen, welche fantasievollen Grausamkeiten er den meisten anderen Menschen antut, darunter auch seiner kleinen Schwester, die ihm trotz allem vertraut und zu ihm aufsieht.

You can only punish people who have hopes to frustrate or attachments to sever; who worry what you think of them. You can really only punish people who are already a little bit good.

Stellenweise kostete es mich große Überwindung, weiter zu lesen, und es gibt Szenen, die mir in ihrere Grauenhaftigkeit so nahe gingen, dass ich wahrscheinlich noch in einigen Jahren daran werde denken mĂŒssen – und das meine ich ganz und gar nicht negativ. We Need to Talk About Kevin hat es geschafft, eines meiner LieblingsbĂŒcher zu werden, denn es ist noch so viel mehr als eine Aneinanderreihung sadistischer Aktionen.

ZunĂ€chst ist bemerkenswert, wie emotional ich involviert war. Normalerweise bin ich nicht der emphatischste Leser, doch dieses Buch hat es geschafft, dass ich auf so vielen Ebenen mitgefĂŒhlt habe, und das, was es noch beeindruckender macht, ohne dass mir auch nur einer der handelnden Charaktere wirklich sympathisch gewesen wĂ€re. Lionel Shrivers ErzĂ€hlweise ist so psychologisch dicht und komplex, sie springt dazwischen umher, Dinge den Lesenden direkt ins Gesicht zu sagen oder sie als Andeutung zu belassen, und entwickelt damit einem Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte.

Außerdem geht es noch um so viele Themen mehr als nur darum, dass ein Teenager ein Massaker anrichtet und sich seine Mutter fragt, wie es dazu kommen konnte. Es geht um das Muttersein an sich, zwischenmenschliche Beziehungen, was Amerika ausmacht, das Leid und Luxus von Schuld und Selbstmitleid … fĂŒr fast jedes Interesse findet sich hier etwas zum Nachdenken.

Eine große Empfehlung also von mir!

[Texte] Historische Fiktion · [Texte] JugendbĂŒcher

Rezension: „Sturmflimmern“ von Moria Frank

sturmflimmern 3Die Handlung, die in den 1980ern in Nevada spielt, dreht sich hauptsÀchlich um die 15-jÀhrige Sophia und ihren engeren Freundeskreis. Unabsichtlich hat sie einen schwelenden Konflikt zwischen ihrer kleinen Clique und dem Àlteren Bruders ihres besten Freundes, sowie dessen Freunden, verstÀrkt. Und zwischen den jungen Menschen, die aus oft komplizierten ElternhÀusern stammen, und mit Konflikten nicht umzugehen wissen, entsteht so nach und nach eine Spirale der Gewalt.
Doch die Handlung an sich ist fĂŒr mich nicht der Grund, das Buch zu empfehlen – ich bin keine besonders handlungs-fixierte Leseperson, aber was mir wirklich im GedĂ€chtnis bleibt sind so Dinge wie Charaktere und AtmosphĂ€re, und damit konnte das Buch bei mir richtig punkten!

In ihrem zwischen Poesie und knallharter Wahrheit schwebenden Schreibstil bringt Moira Frank die (be)drĂŒckende, aufgeladene AtmosphĂ€re dieses heißen Sommers wirklich ganz wundervoll rĂŒber. Ich hĂ€tte noch viel lĂ€nger in ihren Beschreibungen schwelgen können!

Auch die Charaktere blieben mir lÀnger im GedÀchtnis. Sie sind vielschichtig und komplex, nicht immer leicht zu durchschauen oder gar zu mögen, aber umso interessanter. Hier werden einem nicht einfach die altbekannten Klischee-Jugendbuchcharaktere vor die Nase geknallt, sondern wirklich einzigartige und lebendige Menschen!

Auch sonst hebt sich das Buch fĂŒr mich dadurch von der Masse der JugendbĂŒcher ab (ich probiere das Genre so oft und werde so oft enttĂ€uscht :D), dass hier die Lesenden als Menschen ernst genommen werden. Man wird nicht mit den schon tausendmal gelesenen Standard-Plots abgefertigt. Stand den in JugendbĂŒchern schon obligatorischen Erste-große-Liebe-Dramen stehen hier Freundschaft und familiĂ€re Beziehungen im Vordergrund. Es ist eine Geschichte darĂŒber, wie kleine Konflikte außer Kontrolle geraten können, gerade, wenn im Hintergrund der Figuren noch einiges vor sich geht. Eine Geschichte von Jugendlichen, die von einer beengenden Kleinstadt, komplizierten und teils gewalttĂ€tigen Familien oder ungeklĂ€rter Vergangenheit so festgehalten werden, dass es irgendwann explodieren muss. Das ist nicht immer schön. Aber echt.